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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Securitate-IM „Walter“ Ein Herzschlag aus Angst

14.12.2009 ·  Als Werner Söllner sich dem rumänischen Geheimdienst Securitate als Spitzel verschrieb, gab es den Dichter Söllner noch nicht. Nach mehr als dreißig Jahren erzählt er jetzt, wie beides in einem Leben möglich war.

Von Hubert Spiegel
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„Meine Erinnerungen - hat einer Verwendung dafür?“ Die Frage findet sich in Werner Söllners Gedicht „Winter der Gefühle“. Dann folgt eine Aufzählung: „Hier sind / zwei Stunden Freude, und da ein Herzschlag aus Angst, und das / ist ein Gespräch mit den Zuständigen, und dies eine Lüge, und / in diesen Schrank habe ich all meine Untaten gepackt, ein / Koffer voller Freundschaft, hier ist ein Bild von meiner Hoffnung.“ Dann ist noch von der Ruhe die Rede, die ebenso hin sei wie die Unschuld.

So steht es in Söllners Band „Eine Entwöhnung“, der 1980 in Bukarest erschien. Zwei Jahre später blieb der Lyriker nach einer Auslandsreise in der Bundesrepublik, wo 1988 sein Gedichtband „Kopfland. Passagen“ publiziert wurde. Söllners erstes Buch im Westen enthielt alte und neue Verse, darunter auch „Winter der Gefühle“, das nun erstmals in seiner ursprünglichen Form erscheinen konnte. Es war nur ein einziges Wort, das die Zensur in Rumänien beanstandet hatte: Statt von einem „Gespräch mit der Staatssicherheit“ durfte nur von einem „Gespräch mit den Zuständigen“ die Rede sein - als hätte in Rumänien nicht jeder gewusst, welche Zuständigkeit hier gemeint sein musste.

„Winter der Gefühle“ entstand in den siebziger Jahren, und heute kann man es, wie so manche andere Zeile Söllners, nicht lesen, ohne an die Erklärung zu denken, mit der er sich in der vorigen Woche als früherer Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes offenbart hat (siehe auch: Wie sich der Lyriker Söllner als Securitate-Spitzel offenbarte). Aber damals, unter der Diktatur Ceauşescus, war ein Gespräch mit den „Zuständigen“ nichts Ungewöhnliches. Jeder Betrieb, jede Redaktion und jede Universitätsfakultät hatte einen für sie zuständigen „Hausgeist“, wie die Offiziere der Securitate genannt wurden. Was heute wie eine überdeutliche Botschaft erscheint, wie ein jedem Leser auf den ersten Blick verständlicher Kassiber, konnte damals ganz anders gedeutet werden. Nein, sagt Söllner und schüttelt langsam, sehr langsam den Kopf, er habe seine Verstrickung mit der Securitate nicht in seinen Gedichten verhandelt, jedenfalls nicht bewusst: „Ich würde gerne sagen können, dass ich versucht habe, diese Last literarisch aufzuarbeiten, aber das habe ich nicht getan. Was ich gemacht habe, das ist der Versuch, zumindest in einigen Gedichten der späten siebziger Jahre, Signale zu setzen, Signalwörter zu verwenden.“ Er blickt noch einmal in seinen alten Gedichtband, auf dessen Umschlag vier schwarze Geierkrallen nach einem Kind greifen, und schüttelt wieder den Kopf: „Nein, das ist natürlich kein codiertes öffentliches Geständnis im Freundes- und Leserkreis gewesen.“

Der eigenen Erinnerungen misstrauen - und ihren Lücken

Mehr als dreißig Jahre lang hat Werner Söllner nicht über jene drei bis vier Jahre in den Siebzigern gesprochen, in denen ihn die Securitate zur Zusammenarbeit zwang und in Verhören über Freunde und Kollegen ausfragte. Mehr als dreißig Jahre lang habe er aus „Schuld und Scham“ geschwiegen, nicht weil er verschweigen wollte, was damals geschehen ist, sondern weil ihm Kraft und Mut fehlten, seine Verstrickung offen zu bekennen: „Ich habe es einfach nicht geschafft.“ Erst als ihm im Herbst 2008 die Freunde Johann Lipet und Richard Wagner eröffneten, dass sie in ihren Opferakten Aussagen des IM „Walter“ gefunden hätten und sicher seien, dass es sich bei diesem Informanten nur um ihn handeln könne, fand Söllner die Kraft, sich zu offenbaren. Er ist den Freunden dankbar. Ob er den Schritt an die Öffentlichkeit ohne den Druck und das gute Zureden während langer Gespräche jemals gewagt hätte, vermag er nicht zu sagen: „Ich weiß es nicht.“

Gewissheiten sind ihm abhanden gekommen. Was so lange verdrängt wurde, kehrt nicht auf Befehl lückenlos ins Gedächtnis zurück. Söllner misstraut seinen Erinnerungen ebenso wie den Lücken in ihnen. Bislang ist in den Akten der Freunde nur ein einziger handschriftlicher Bericht von ihm aufgetaucht, alles andere stammt von der Hand der Securitate-Offiziere, die in ihren Protokollen zusammengefasst und womöglich auch interpretiert haben, was Söllner in den Befragungen aussagte. Der Möglichkeit, dass seine Aussagen von der Securitate verfälscht oder verschärft wurden, will er keine Bedeutung beimessen: „Selbst wenn es so wäre, würde das nichts daran ändern, dass ich mich überhaupt mit ihnen eingelassen habe. Das ist der entscheidende Punkt.“

„Es war wie in einem schlechten, billigen Film

Die Befragungen fanden stets in einem Raum der Securitate statt. Ein Offizier, der Ranghöhere, saß hinter seinem Schreibtisch, auf dem eine starke Lampe stand, die Söllner blendete. Hinter ihm stand der zweite Offizier. Wenn der erste schrie und drohte, griff der zweite beschwichtigend ein: „Es war wie in einem schlechten, billigen Film.“ Söllner weiß, dass andere in vergleichbarer Situation die Kulissen durchschauten und die Kraft aufbrachten, das Gespräch zu verweigern. Er brauchte mehr als zwei Jahre dazu. Natürlich gab die Securitate nicht auf. Als er später seine erste Arbeitsstelle bei einem Verlag in Bukarest antrat, erfolgte ein letzter Anwerbeversuch. Aber diesmal tat Söllner, was er schon als junger Student in Klausenburg hätte tun sollen: „Dekonspiration, darüber reden. Ich informierte sofort den Verlagsleiter, den Parteisekretär und den Schiftstellerverband, dem ich damals angehörte.“

Als dieser letzte Anwerbeversuch scheiterte, hatte der ehemalige IM „Walter“ längst auch eine Verfolgtenakte bei der Securitate. Ihr erster Eintrag stammt vom 7. September 1977, am folgenden Tag wurde der „Plan de Masuri“, der Maßnahmenkatalog für den operativen Vorgang „Scriitorul“, Schriftsteller, festgelegt. Die Akte ist gut dreihundert Seiten stark, aber Söllner möchte über ihren Inhalt nicht sprechen: „Darum geht es jetzt nicht. Was ich als Opfer erlebt habe, ist das, was alle Menschen, die in einer Diktatur leben mussten, erfahren haben.“

Angst vor dem Eindruck, er wolle verharmlosen

Fast fünf Stunden dauern unsere Gespräche, und Söllner bleibt in ihnen keine Antwort schuldig: Er berichtet ausführlich, wie er 1973 eine bislang nicht wiederaufgefundene Darstellung des Standpunkts der jungen rumäniendeutschen Lyrik für die Securitate verfasst hat, und gibt mehr mit Gesten als mit Worten zu verstehen, welche Schmerzen es ihm bereitet haben muss, manche Gedichte Mircea Dinescus zu übersetzen, etwa „love story“, das anhebt mit den Zeilen: „ein ehemaliger freund / mit einer bemerkenswerten begabung zur denunziation“. In „Geburt einer Definition“ schließt Dinescu mit drei Zeilen, die seinem Übersetzer durch Mark und Bein gegangen sein müssen: „so wage ich als leben zu bezeichnen: / jene fruchtbare mühe der objekte / etwas anderes zu werden als sie sind“.

Söllner spricht langsam, er verstummt immer wieder für eine kleine Ewigkeit, weil er nach Worten sucht, nach Erinnerungsfetzen, nach Formulierungen, die nicht vermuten lassen können, er wolle ausweichen. Von allen Ängsten, die erkennbar werden, ist dies die größte: dass nun, da es endlich heraus ist, seitdem er in München wie in „schwarze Watte“ gepackt vor den Freunden und Kollegen stand, dass nun, da in der größten äußeren Bedrängnis endlich so etwas wie eine kleinere innere Befreiung spürbar wird, der Eindruck entstehen könnte, er wolle heute verharmlosen oder beschönigen, was damals geschah.

„Selbstverhör“ heißt das erste Gedicht seines Bandes „Eine Entwöhnung“. Es endet mit den Versen: „Ich geh ja schon. Ich bin ja schon gegangen. Ich bin ja schon zum Angriff übergegangen.“ Es ist zu hoffen, dass Söllners Geständnis zu einem Teil jenes Angriffs wird, den Herta Müller, Richard Wagner, Horst Samson, Franz Hodjak und ihre Kollegen nicht erst seit der Münchner Tagung gegen jene Securitate-Spitzel führen, die heute unbehelligt in Deutschland leben, obwohl sie, anders als Söllner, nicht aus Zwang, sondern aus Niedertracht und um ihres Vorteils willen gehandelt haben.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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