25.10.2008 · Womöglich wählt Amerika bald einen Schwarzen zum Präsidenten - und diskutiert über die Bedeutung dessen erstaunlich wenig. Der Autor Colm Tóibín hat jetzt Barack Obama mit James Baldwin, einem der größten Schriftsteller des Landes verglichen, mit Ergebnissen, die ins Herz des schwarzen Amerika treffen.
Von Colm TóibínAls diese beiden Männer im Begriff waren, sich einen Namen zu machen, legten sie besonderen Wert auf die Feststellung, ihre Geschichte habe mit dem Tod des Vaters begonnen und sie seien ganz allein, ohne väterlichen Schatten, ohne väterliche Unterstützung, aufgebrochen.
James Baldwin beginnt seine „Notes of a Native Son“, erschienen 1951, mit dem Satz: „Am 29. Juli 1943 starb mein Vater.“ Damals war er knapp neunzehn. Barack Obamas Erinnerungen „Dreams from My Father“ (Ein amerikanischer Traum), erschienen 1995, beginnen ebenfalls mit dem Tod des Vaters: „Einige Monate nach meinem einundzwanzigsten Geburtstag erhielt ich die Nachricht von einer mir unbekannten Anruferin.“
Die Vergangenheit des Vaters ist nicht die ihre
Beide Männer stellen dann fest, wie fern ihnen der Vater war, wie einsam sie sich fühlten - und lassen doch keinen Zweifel daran, dass sie das Recht hatten, sich so selbstbewusst zu geben, weil sie, willensstark und entschlossen, nun ihre Stimme gefunden hatten und selbständig ihren Weg gingen. „Ich kannte meinen Vater kaum“, schrieb Baldwin. „Wir verstanden uns nicht, auch deswegen, weil wir, jeder auf seine Weise, starrsinnig und stolz waren. Nach seinem Tod wurde mir klar, dass wir kaum miteinander gesprochen hatten. Und später bedauerte ich, es nie versucht zu haben.“
Barack Obama schreibt über seinen Vater: „Mein Vater war ein Mythos für mich, übergroß und irreal. 1963, als ich zwei war, hatte er Hawaii verlassen, so dass ich ihn nur von den Geschichten her kannte, die meine Mutter und meine Großeltern mir erzählten.“
In beiden Fällen wollen die Autoren zeigen, dass die Vergangenheit des Vaters nicht die ihre war, sondern ein fremdes Land. „Er gehörte zur ersten Generation freier Menschen“, schreibt Baldwin. „Zusammen mit Tausenden anderer Neger kam er nach 1919 in den Norden, und ich gehörte zu jener Generation, die das Land, welches von Negern manchmal als ,Old Country' bezeichnet wird, nie gesehen hatte.“ Obamas Vater kam aus einem noch ferneren Land: „Ich erfuhr, dass er Afrikaner war, Kenianer vom Stamm der Luo, geboren in Alego am Viktoriasee.“
Grenzenlose Möglichkeiten nur im Gottesdienst
Obama erwähnt beiläufig, als junger Stadtteilarbeiter in Chicago habe er Baldwin gelesen, doch in seiner Autobiographie deutet nichts darauf hin, dass er sich Baldwins „Notes“ zum Vorbild genommen haben könnte. In beider Darstellungen ihrer Entwicklung finden sich bemerkenswerte Ähnlichkeiten und vergleichbare Schlüsselerlebnisse, nicht weil Baldwin Obama nachahmenswert erschienen wäre, sondern weil beide dieselben Hürden, ähnliche Verhältnisse und gleiche Momente der Wahrheit erlebten.
Für beide waren die Kirche und eine intensive Religiosität Schlüsselerlebnisse. Beide reisten und wurden im Ausland, in der Umgebung nichtamerikanischer Schwarzer, auf erschütternde Weise ihrer amerikanischen Identität gewahr. In einer Zeit erbitterter politischer Zerwürfnisse in Amerika erkannten sie, dass es Werte gab, die sie mit der anderen Seite verbanden. Beide setzten ihre Wortgewandheit mit fast religiöser Inbrunst ein.
Als Nordstaatler waren sie entsetzt über die Verhältnisse im Süden. Sie mussten sich dem Zorn, der Wut stellen, die in ihnen und ihresgleichen war, um sich von dem Gift zu befreien. Baldwin wurde der herausragendste amerikanische Stilist seiner Generation, Obama ist der erste schwarze Präsidentschaftskandidat der Vereinigten Staaten - und fast scheint es, als hätten beide auf ihrem Weg bittersüße Weisheit aus derselben Quelle schöpfen müssen, da keine andere zur Verfügung stand.
Der Wunsch, sich einem Gott anzuvertrauen
In „Notes of a Native Son“ schreibt James Baldwin über den Zorn: „Kein Neger, der nicht diesen Zorn im Blut hätte - man hat nur die Wahl, bewusst damit zu leben oder sich ihm auszuliefern. Dieses Fieber ist mehrmals in mir ausgebrochen, und es wird immer wieder passieren, bis an mein Lebensende.“
In seiner Rede über das Rassenverhältnis im März 2008 beschäftigte sich Obama - gemäßigter, nachsichtiger, aber nicht weniger eindringlich - mit den gleichen Problemen, die Baldwin mehr als fünfzig Jahre zuvor beschäftigt hatten: „Diese Niederlage wurde an die folgenden Generationen weitervererbt - an jene jungen Männer und immer öfter auch jungen Frauen, die wir an den Ecken herumlungern sehen oder die in unseren Gefängnissen einsitzen, ohne Hoffnung oder Zukunftsaussichten. Sogar bei den Schwarzen, die es geschafft haben, bestimmt die Rasse, der Rassismus, weiterhin ganz entscheidend ihre Einstellung.“
In seinem ersten Roman „Go Tell It on the Mountain“ (1953) schreibt Baldwin eindringlich über die Kraft von Gebet und Predigt für eine ansonsten ohnmächtige Gemeinschaft, die den Gottesdienst, im Kontrast zu der harten Außenwelt, als eine Zeit grenzenloser Möglichkeiten empfand.
In „Dreams from My Father“ erzählt Barack Obama, wie er in Chicago den Zugang zur Religion fand, wie er von der Geschichte der Kirche der Schwarzen hörte, „der Religion der Sklaven. Er sprach von den Afrikanern, die, an feindliche Gestade geworfen, um ein Feuer saßen, neue Mythen mit alten Rhythmen verknüpften und in ihren Lieder ihre radikalsten Ideen ausdrückten - Überleben, Freiheit, Hoffnung.“ Obama beschreibt hier eine Predigt von Reverend Jeremiah Wright, Pastor der Chicagoer Trinity United Church of Christ: „Die Leute begannen nun, laut zu sprechen, sie erhoben sich von ihren Plätzen, klatschten und riefen, es war wie ein kräftiger Wind, der die Stimme des Reverend hinauf bis in die Dachsparren trug. Um mich herum hörte ich all die Klänge der letzten drei Jahre ... Den Wunsch, loszulassen, wegzulaufen, sich einem Gott anzuvertrauen, der einem irgendwie die Verzweiflung nehmen würde.“
Im Grunde entdeckten sie sich selbst
Obamas Kirche ähnelt derjenigen, die Baldwin in „Go Tell It on the Mountain“ beschreibt, in der „alle Menschen kraftvoll schienen“, die „von der Macht Gottes erfüllt waren“, und die der Gemeinde eine Erhabenheit und Einigkeit und ein Gefühl von Transzendenz vermittelte, das man sonst nirgendwo fand. „Das war meine Erfahrung in Trinity“, erklärte Obama im März 2008. „Wie viele andere überwiegend schwarze Kirchen im ganzen Land verkörpert Trinity die schwarze Gemeinschaft in ihrer ganzen Vielfalt - den Arzt und die Sozialhilfeempfängerin, die Musterschülerin und das ehemalige Mitglied einer Jugendbande. Hier findet sich alles, was die Erfahrung der Schwarzen in Amerika ausmacht: die Güte und die Härte, die scharfe Intelligenz und das schockierende Unwissen, die Kämpfe und Erfolge, die Liebe und, ja, auch die Verbitterung und die Vorurteile.“
Wären sie weniger ehrgeizige und weniger komplexe Figuren, hätten Baldwin und Obama mühelos Pastoren, Prediger, Vorsteher schwarzer Kirchengemeinden werden können. Aber beide hatten die Ahnung von etwas anderem, das sie formen würde, und dass es am Ende lohnender wäre, das ganze Amerika zu führen (oder doch so viele Menschen, wie ihnen folgen mochten), statt nur die Schwarzen im Land. Beide entdeckten, wie sehr sie Amerikaner waren, im Ausland - Baldwin in Frankreich, der Heimat einiger seiner literarischen Vorbilder, Obama in Kenia, dem Land seines Vaters. Beide beobachteten diese Länder, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die anderen Wertvorstellungen, doch im Grunde, und das ist das Entscheidende, entdeckten sie sich selbst.
Baldwin wurde in Frankreich unwillkürlich zum Amerikaner
Baldwin geht im November 1948, vierundzwanzigjährig, nach Paris. „Ich verließ Amerika“, schreibt er 1959, „weil ich glaubte, die Schärfe des Rassenproblems nicht überleben zu können. Ich wollte verhindern, bloß ein Neger oder auch nur ein bloßer Neger-Schriftsteller zu werden.“
In seiner Einführung zu „Nobody Knows My Name“ (1961) schreibt er über seine Zeit in Frankreich: „Die Frage, wer ich war, war letztlich eine persönliche Frage geworden.“ In einem seiner Essays spricht er über die Konferenz afrikanischer Schriftsteller und Künstler in Paris 1956 und die große Kluft, die er zwischen sich und den afrikanischen Schriftstellern spürte: „Was die Amerikaner von den Negern ringsum unterschied, den Männern aus Nigeria, Senegal, Barbados, Martinique ... war die banale und plötzlich überwältigende Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft geboren waren, die - für Afrikaner völlig unvorstellbar und für Europäer nicht mehr real - offen und frei war in einer Weise, die nichts mit Recht oder Unrecht zu tun hat.“
Seine Erfahrungen in Frankreich resümiert Baldwin so: „Kaum hatte ich französischen Boden betreten, verwandelte ich mich unwillkürlich in einen Amerikaner.“
Barack Obama glaubte auf seiner ersten Kenia-Reise, siebenundzwanzigjährig und noch bevor er in Harvard sein Studium aufnahm, in den Straßen von Nairobi die Anwesenheit des Vaters zu spüren: „Ich sehe ihn in den Schülern, die an uns vorbeilaufen, mit schlanken schwarzen Beinen, die sich wie Kolbenstangen zwischen blauen Shorts und übergroßen Schuhen bewegen. Ich höre ihn in dem Lachen der beiden Studenten, die in einem schummerigen Lokal sitzen und Tee trinken und Samosas essen. Ich rieche ihn im Zigarettenrauch des telefonierenden Geschäftsmannes, der eine Hand über das Ohr hält und in den Hörer brüllt, im Schweiß des staubbedeckten Tagelöhners, der mit entblößtem Oberkörper Kies auf eine Schubkarre schaufelt. Der alte Herr ist da, denke ich, auch wenn er nichts zu mir sagt. Er ist hier, er will, dass ich verstehe.“
Und dann der Augenblick, in dem Obama am Grab des Vaters steht: „Als meine Tränen schließlich versiegt waren, erfasste mich eine große Ruhe. Ich spürte, dass sich der Kreis endlich schloss. Ich wusste nun, dass mein Leben in Amerika - das schwarze Leben, das weiße Leben, die Einsamkeit in meiner Kindheit, meine Enttäuschungen und Hoffnungen in Chicago - mit diesem Stück Erde auf der anderen Seite der Welt verbunden war, verbunden durch mehr als einen zufälligen Namen oder meine Hautfarbe. Mein Schmerz war der Schmerz meines Vaters. Meine Fragen waren die Fragen meiner Brüder. Ihr Kampf, mein Geburtsrecht.“
Fragen, die Politiker nicht zu stellen wagen
Diese Passage verdeutlicht den großen Unterschied zwischen Baldwin und Obama. Während Baldwin auf Differenzen hinweist, betont Obama das Verbindende: Er will Kreise schließen, auch dort, wo das nicht unbedingt notwendig ist, und selbst, wenn daraus eine Harmonie entsteht, der man nicht ganz trauen mag. Während Baldwin danach strebte, den Frieden zu stören, unangenehme Wahrheiten zu sagen, entwickelte Obama sich zum Politiker.
Trotz großer Bemühungen, sein Leben in Amerika mit dem seines kenianischen Vaters zu versöhnen, erscheint Obama in den Kenia-Kapiteln seiner Autobiographie ratlos und verunsichert. Später, in „The Audacity of Hope“, kommt er der Wahrheit etwas näher. Seine Frau erklärte auf einem Rückflug von Kenia nach Chicago, sie freue sich auf die Heimkehr. „,Mir war nicht klar, wie sehr ich Amerikanerin bin', sagte sie. Ihr war nicht klar, wie frei sie ist und wie sehr sie diese Freiheit schätzt.“
Obama, in der Absicht, andere zu inspirieren (vielleicht eine notwendige Facette seines Berufs), spricht ohne Verbitterung und setzt auf Versöhnung. Baldwin hingegen war es wichtig, schwierige Wahrheiten auszusprechen, den Weißen zu sagen, was sie am allerwenigsten hören wollten, und so wird sein Tonfall zuweilen fast schrill. Doch Baldwin war zutiefst gutmütig und würde heute diese Passage aus einem seiner eigenen Essays von 1965 vielleicht mit größtem Vergnügen widerlesen:
Fragen an die Zukunft Amerikas
„Ich erinnere mich, wie der ehemalige Justizminister Robert Kennedy sagte, es sei vorstellbar, dass wir in Amerika in vierzig Jahren einen schwarzen Präsidenten haben. Für Weiße klang das ziemlich fortschrittlich. Sie waren nicht in Harlem, als diese Erklärung dort ankam. Sie hörten nicht das Gelächter und die Bitterkeit und den Spott, mit denen diese Worte aufgenommen wurden. Wir sind seit vierhundert Jahren hier, und nun sagt er uns, dass wir, vielleicht in vierzig Jahren, wenn wir brav sind, einen Präsidenten stellen dürfen.“
Obama, der sich dreiundvierzig Jahre später um die Präsidentschaft bewerben wird, schließt „Dreams from My Father“ mit diesem Satz: „Ich war der glücklichste Mensch der Welt.“ Und später, nach seiner Wahl in den amerikanischen Senat, schreibt er: „Doch es wäre sinnlos gewesen, mein geradezu unheimliches Glück zu leugnen. Ich war ein Außenseiter, ein verrückter Zufall; für Kenner der politischen Szene bewies meine Wahl nichts.“
Obama sah seine gemischtrassige Herkunft und seine vielschichtige Familiengeschichte als Ausdruck Amerikas; in seinem Erfolg fand er zu Hoffnung und neuen Werten. Baldwin schöpfte aus seiner Kindheit eine Reihe unvergänglicher literarischer Meisterwerke, und in seinem Bemühen, seinen komplexen, spielerischen Charakter und seinen besonderen Platz in der Geschichte zu verstehen, schrieb er einige der besten Essays des zwanzigsten Jahrhunderts.
Wer diese Essays und Obamas Reden - vor allem jene, in denen er inspirieren will und weniger von konkreten politischen Themen spricht - liest, dem fällt auf, was die beiden verbindet: Hier sind zwei Männer, die, allen Schwierigkeiten zum Trotz, die Welt nach ihrer Vorstellung erneuern wollen und sich nicht scheuen, beim Gedanken an die Zukunft Amerikas Fragen zu stellen, die den meisten Politikern fremd sind - wie James Baldwin es so wunderbar formulierte: „What will happen to all that beauty?“
James Baldwin und Colm Tóibín
James Baldwin, geboren 1924 in Harlem, New York, war neben Richard Wright und Ralph Ellison der einflussreichste schwarze Schriftsteller zur Zeit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Berühmt wurde er durch seinen frühen Roman „Gehe hin und verkünde es vom Berge“ (1953), es folgten weitere Romane, Essays und Theaterstücke. Baldwin fühlte sich in seinem Land immer als Außenseiter und verbrachte einen Großteil seiner späteren Jahre in Frankreich. „Ich bin der letzte Zeuge“, hatte er 1970 gesagt, nachdem Malcolm X und Martin Luther King ermordet worden waren, „ich konnte nicht in Amerika bleiben.“ Er starb 1987 in Saint-Paul de Vence. Die vollständigste Sammlung seiner Schriften gab die schwarze Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison bei der Library of America heraus.
Der irische Schriftsteller Colm Tóibín hat sich schon früher intensiv mit Baldwins Werk beschäftigt, darunter in dem Essayband „Love in a Dark Time“ (2002). Von ihm erschien auf Deutsch zuletzt der große Henry-James-Roman „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“.
Hinkender Vergleich - ueberzogene Erwartungen
helmut schwarzer (helmutbooks)
- 24.10.2008, 22:25 Uhr
@schwarzer
Stephan Jansen (StephanJan)
- 25.10.2008, 11:23 Uhr
Dem Autor bleibt doch gar nichts andres übrig,
Karsten Schramm (KarstenSchramm)
- 25.10.2008, 13:24 Uhr
Amerika, wie tief kannst du noch sinken?
Heinz Mayer (Bundespraesident)
- 25.10.2008, 15:03 Uhr
Obama, ein weißer im schwarzen gewandt? BLÖDSINN!
shaiyan omamo (ShaiyanOmamo)
- 25.10.2008, 19:43 Uhr