Olivgrün! Darauf muss man erst einmal kommen. Tatsächlich ist dieser Fluss, wie alle Flüsse, grau. Manchmal, das hängt von der Tageszeit ab und dem Stand der Sonne, wirkt die Salzach auch graublau oder braungrau oder eher braungrüngrau mit einem Stich ins Bläuliche, je nachdem. Trotzdem heißt es im ersten Absatz der Geschichte von dem Ex-Minister Jakob und der Dirigentin Maria, die in Salzburg zur Festspielzeit beginnt, dieser Fluss sei „olivgrün“ und der Himmel über Salzburg wie „blassblaue Himmelsseide“, dazu die Burg „weiß“, die Gassen „eng“, die Steine „grau“, und „vom Mozarteum her wehen Klavierklänge über den Mirabellplatz“.
Ein glanzvoll verdichteter Auftakt: So viele kitschpostkartenfalsch kolorierte Formulierungen fließen einem beim Schreiben ja nicht automatisch in die Tasten. Das muss gewollt sein, da steckt harte Arbeit drin. Ja, gleich mit den ersten zwanzig Worten seines neuen Romans „Die Dirigentin“ wirft sich Wolfgang Herles stilistisch entschieden dem Groschenheft in die Arme. Herles, der im September mit dem neuen ZDF-Literaturmagazin „Das blaue Sofa“ startet, hat nach den beiden Politthrillern „Eine blendende Gesellschaft“ und „Fusion“ diesmal die unglückliche Liebesgeschichte eines Weicheis aufgeschrieben und dafür die Form eines maskulinen Lore-Romans gewählt. Das ist wagemutig, aber auch: gelungen.
Stein weint Tränen des Glücks
Alles kommt vor in der „Dirigentin“, was ein durchschnittliches Männerherz antörnen kann: goldfarbene Negligés, gute Weine, teure Bilder, große Busen, Tigerlächeln, ein flotter Dreier, schnelle Autos, Kingsize-Betten, Unterwerfungsrituale und Machtgelüste, die Businessclass, die Wasabinüsse nachts an der Bar im Hotel „Adlon“ und die Gala zum Nationalfeiertag mit den Reichen und Wichtigen dieser Republik, in Berlin am Pariser Platz, in Anwesenheit der Bundeskanzlerin, am 3. Oktober.
Drei Monate zuvor, in Salzburg, zur Festspielzeit, verliebt sich der soeben von der Kanzlerin aus dem Dienst entlassene Staatsminister Jakob Stein in die aufstrebende junge Dirigentin Maria Bensson. Sie dirigiert im Haus für Mozart den „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Claus Guth. Stein weint Tränen des Glücks. „Er, der sonst immer genau wissen muss, was mit ihm und in ihm geschieht, will jetzt nur noch bewegt werden.“ Begegnet der „Bewegerin“ nach der Vorstellung im Lokal „Triangel“ in der Philharmonikergasse, in Begleitung des „zottelbärtigen Intendanten Flimm“. Folgt ihr auf ihren Konzertreisen nach Paris, Wien, Mailand, Zürich und Berlin, verehrt sie erst heimlich von weitem, wird dann zu ihrem treuen Aktentaschenträger. Stalkt sie, belästigt sie, wirft sich ihr zu Füßen. Und sie, eigentlich Lesbe und bei einer feschen Bankerin in festen Händen, gibt ihm ab und zu den kleinen Finger und geht mit ihm essen oder spazieren, da man ja als Musikerin nie weiß, wozu es eines Tages nützlich sein kann, einen Ex-Minister zu kennen. Eine hoffnungsvolle Beziehung also. Jeder der beiden hat etwas davon.
Angebaggert von der Sängerin der Fricka
Maria Bensson ist, ebenso wie Jakob Stein, eine erfundene Figur. Es gibt weit und breit keine Dirigentin, auf welche ihre Beschreibung auch nur annähernd passt. Und dass der totalverliebte Masochist, Angeber und Schlappschwanz Stein, der offenbar ohne Abhängigkeit von einer starken Frau nicht leben kann, ein Selbstporträt des Autors sein soll, ist ebenso ausgeschlossen. Doch alle Statisten und Nebenfiguren des Romans gibt es auch in der Wirklichkeit. Sie tauchen teils unter eignem Namen auf, wie fast alle Musiker und Musiktheaterleute, von Jürgen Flimm über Jorma Panula, Mariss Jansons, Christian Thielemann und Riccardo Muti bis hin zu den schönen Sängerinnen Elina Garanca, Dorothea Röschmann, Waltraud Meier, Anna Netrebko und Anna Prohaska. Allerdings werden einige Musiker auch pseudonymisiert, darunter der Chef der Staatsoper Unter den Linden, der Generalmusikdirektor auf Lebenszeit Jonas van Bloomweghe - alias Daniel Barenboim.
Bloomweghe tritt an keiner Stelle des Romans persönlich auf. Er wird immer nur zitiert, als mächtiger Strippenzieher im Hintergrund, der es darauf anlegt, seine ehemalige Assistentin Bensson in eine kulturpolitische Position hineinzumanövrieren, von der aus sie zwingend zu seiner Nachfolgerin ernannt werden muss. Dies ist die sogenannte „Operation Walküre“, ein Herzstück des Plots. Im ersten Schritt soll Maria Bensson an der Lindenoper den neuen „Ring des Nibelungen“ dirigieren. Ihr treuer Stein darf zugucken, sitzt in den „Rheingold“-Proben und taucht ein in die Opernwelt, entwirft selbst Regie-Ideen („Wilhelm II als Wotan“), wird seinerseits angebaggert von der Sängerin der Fricka, und so schürzt sich allmählich der Knoten, bis ein vertauschter Taktstock zu einem Unfall und fast in die Katastrophe führt.
Nichts als der übliche Klatsch
Auch die Gegenspielerin Barenboims auf der Politikerseite bleibt lange Zeit ein Phantom, obschon sie auf dem Cover des Romans abgebildet ist. Man sieht sie von hinten, einen roten Teppich hinuntersteigend: Kanzlerin Christina Böckler alias Angela Merkel.
Sollte es sich also um einen Schlüsselroman handeln? Falls ja, dann bleibt bis zum bitteren, offenen Ende unklar, wozu hier eigentlich der Schlüssel geliefert werden soll. Es gibt keine Enthüllungen, nicht einmal in maskierter Form. Was Herles so en détail aus der Welt der Politik und aus der Welt der Musik zu berichten weiß, zeugt zwar von einer feinen Kenntnis der Gepflogenheiten und jüngsten Geschehnisse, er serviert seine Bosheiten mit Eleganz und Scharfsinn. Doch es gibt nichts, das hinausginge über den üblichen Gossip.
Besonders schön sind die gruseligen kleinen Wahrheiten über den Alltag im Gefühlskraftwerk Oper, die normalerweise nicht in den Zeitungen stehen: „Wien, La Sonnambula. Er saß leider zwischen zwei Männern von mindestens zehn, zwölf Jahren und ebenso vielen Kilo mehr in den Sitz gedrückt als er, die von beiden Seiten seine Armlehnen beanspruchten. Stein mochte sie nicht riechen, atmete flach. Aus ihren geschlossenen Mündern konnte das Gemuffel nicht kommen, also aus den Poren, den Kleidern, den Haaren. Schlecht gereinigte alte Männer, faulendes Fleisch in Kammgarnanzügen.“
Das bewährte Elias-Canetti-Zitat
Noch schlechter weg kommt nur die Kanzlerin. Sie ist eine Karikatur, zusammengesetzt aus all den negativen Imagekampagnen, die Merkel schon überstanden hat: konturlos, unentschlossen, vorsichtig, kalt, eine „Maschine, die crushed ice ausspuckt“, mit Augen „wie ein Nachtsichtgerät“. Allerdings lernt der Leser diesen Drachen nur kennen durch die Brille des beleidigten Ex-Mitarbeiters Stein, und er weiß längst, dass von dessen Urteil nicht viel zu halten ist.
Erst im letzten Drittel der Geschichte taucht Kanzlerin Böckler alias Merkel persönlich auf. Leutselig und musikaffin wendet sie sich bei besagtem Galadinner der Dirigentin Maria Bensson zu: zwei verwandte Seelen mit ähnlichen Problemen. Endlich wird das Dirigieren und das Regieren, wie es schon das bewährte Elias-Canetti-Zitat, das Herles dem Roman vorangestellt hatte, in eine zweideutige Engführung gebracht. Es kommt nämlich zu einer intimen Begegnung im Gästezimmer, bei der die beiden Damen Händchen halten, ja kitschigerweise sogar ihre Hände vergleichen. Die Kanzlerin hat kleine Patschhändchen: „Da haben wir also die visionäre und die pragmatische Hand. Die eine ein Instrument der Vernunft, die andere eines der Seele“, sagt sie salbungsvoll. Die Dirigentin versucht, ernst zu bleiben. Vermutlich kommt ihr das ziemlich olivgrün vor.
Ein Opfer weiblicher Macht
Schlüssellochgucker Stein jedoch wittert sofort die feindliche Lesben-Union. Von da an gibt er den Löffel ab. Stein gibt sich auf, er hat nichts mehr zu sagen, er wird im wahrsten Sinne des Wortes bewusstlos: ein Opfer weiblicher Macht. Und wer weiß, vielleicht stirbt Stein sogar am Ende einen schönen Operntod, zu den letzten triumphalen „Rheingold“-Klängen, beim Einzug der Götter in Walhall: „Was in seinen Ohren dröhnt, könnte Beifall sein.“
Vielleicht also doch am Ende ein Schlüsselroman? Ein belletristischer Beitrag zur Debatte um das wegbröckelnde Männlichkeitsbild? Man kann aber natürlich diesen brillant geschriebenen Roman mit all seinen fiesen kleinen ironischen Frechheiten auch einfach nur in einem Rutsch verschlingen, ganz ohne politische Begründung.