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RAF : Schmutzige Geschichten

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Wie tief war sie in den Mordfall Buback verstrickt? Verena Becker auf einem Fahndungsfoto von 1977 Bild: AP

Was hatte Verena Becker mit dem Mord an Siegfried Buback zu tun? Die Staatsanwaltschaft sprach sie von Mittäterschaft frei und hielt die Akte dazu geheim. Ein Bundesrichter verzweifelte über die Handhabung des Falls Becker. Der Sohn des Ermordeten sucht in seinem Buch nach Aufklärung.

          Michael Buback darf sich, wie so oft in den vergangenen drei Jahren, bestätigt fühlen. Aber das freut ihn nicht, das erschüttert den gestandenen Göttinger Professor nur noch mehr. Es ist ein grauer Frühsommerabend, als er mir in einem verlassenen Eiscafé in der Nähe eines Bahnhofs die neue Lage schildert. In den Akten hat sich etwas aufgetan, ein Spalt, der alles verschlingen könnte. Jemand hat nun ein Problem.

          Michael Buback ist Nebenkläger im vor einem Jahr eröffneten Verfahren gegen Verena Becker, die der Mittäterschaft an der Ermordung seines Vaters, des damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback, und seiner beiden Begleiter am 7. April 1977 in Karlsruhe angeklagt ist. Doch Michael Buback glaubt, dass sie nicht nur mitgeholfen, sondern selbst geschossen hat und danach einen unerklärlichen Schutz durch staatliche Stellen genoss, den er „den zweiten Tod“ seines Vaters nennt, so auch der Titel seines lesenswerten Buches.

          Im Zuge von Bubacks Ermittlungen wurde bekannt, dass Verena Becker eine Quelle des Bundesverfassungsschutzes war. Aber was hat sie denen gesagt? Die Akte war lange gesperrt. Kaum ein Zeitungsartikel der letzten Jahre, kein Buch kam ohne den Hinweis auf die dicke Geheimakte aus. Sicher, so spekulierten Historiker und Beobachter, habe sie dort detailliert und umfassend ausgesagt, schließlich wurde wenige Monate später Christian Klar verhaftet, wurden alle Depots der RAF ausgehoben. Verena Becker wurde 1989 begnadigt, das muss ja gute Gründe gehabt haben. Dann, konnte man annehmen, war der dichte Gehalt an brisanten Informationen der Grund, weshalb Innenminister und Verfassungsschutz die Akte sperren ließen. Doch so ist es ganz und gar nicht, und nun klafft in der offiziellen Version eine riesige Lücke.

          Der ermordete Generalbundesanwalt Siegfried Buback

          Wer waren die Täter?

          Da ist, einerseits, das präzise Schriftstück, mit dem Heinz Fromm, Präsident des Bundesverfassungsschutzes, am 15. Juni 2007 der Generalbundesanwältin mitteilt, nach Information seines Amtes seien drei Personen als Tatbeteiligte beim Mord an Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern anzusehen: „Siegfried (sic) Wisniewski als Schütze auf dem Soziussitz des Motorrades, Günter Sonnenberg als Fahrer des Motorrades und Christian Klar als Fahrer des Fluchtfahrzeugs Alfa Romeo“.

          Alles klar. Doch damals war die vollständige Akte noch nicht zugänglich. Innenminister Schäuble hatte sie sperren lassen, sein Nachfolger im Amt, Thomas de Maizière, hob die Sperre wieder auf, als DNA-Spuren Beckers auf Bekennerbriefen nachgewiesen werden konnten und ein neues Verfahren gegen sie eröffnet wurde. Nun konnte auch Michael Buback die ominöse Akte studieren. Er hat sie sich im Abstand von einigen Tagen zweimal durchgelesen, alle 272 Seiten. Er darf über den Inhalt nichts sagen. Er wählt, um das Ausmaß des Problems anzudeuten, folgende Formulierung: „Mich interessieren nur die Passagen, die das Karlsruher Attentat betreffen, und besonders die Passage, in der die Täter genannt werden. Alles andere hätte man von mir aus schwärzen können. Bloß: Dann wäre die gesamte Akte schwarz gewesen.“

          Wenn sich das im Prozess bewahrheitet, wird es in der Tat schwarz: Denn nur durch die Gutachten des Verfassungsschutzes kommt Stefan Wisniewski auf das Motorrad. Sonst weist nichts, kein Indiz und keine Zeugenaussage, auf Wisniewski hin. Eine Verurteilung Wisniewskis wegen Karlsruhe ist unmöglich, äußern wird er sich auch nicht. Sein Name lenkt aber von Verena Becker ab. Und die Akte musste gesperrt werden, um zu verbergen, dass gar nichts über ihn drinstand.

          Wo war Verena Becker?

          Michael Buback hatte immer vermutet, dass die Akte „gemacht“ ist, das man sie nur als Vorwand brauchte, um den Generalbundesanwalt und den Bundespräsidenten davon zu überzeugen, Verena Becker zu begnadigen. Aber das war nur eine Hypothese. Buback geht als Naturwissenschaftler streng nach Karl Popper vor: Seine Vermutungen gelten nur so lange, bis jemand sie widerlegt oder eine schlüssigere Hypothese vorbringt. Alles wäre vorbei, wenn jemand sagen würde, wo Verena Becker am Morgen des 7. April 1977 war, wenn sie nicht auf diesem Motorrad saß. Doch diese Angabe macht niemand, nicht einmal sie selbst. Knut Folkerts, einer derer, die für das Karlsruher Attentat verurteilt wurden, hat zwischenzeitlich erklärt, er sei am Tattag gar nicht in Karlsruhe gewesen.

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