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RAF Schmutzige Geschichten

28.06.2010 ·  Was hatte Verena Becker mit dem Mord an Siegfried Buback zu tun? Die Staatsanwaltschaft sprach sie von Mittäterschaft frei und hielt die Akte dazu geheim. Ein Bundesrichter verzweifelte über die Handhabung des Falls Becker. Der Sohn des Ermordeten sucht in seinem Buch nach Aufklärung.

Von Nils Minkmar
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Michael Buback darf sich, wie so oft in den vergangenen drei Jahren, bestätigt fühlen. Aber das freut ihn nicht, das erschüttert den gestandenen Göttinger Professor nur noch mehr. Es ist ein grauer Frühsommerabend, als er mir in einem verlassenen Eiscafé in der Nähe eines Bahnhofs die neue Lage schildert. In den Akten hat sich etwas aufgetan, ein Spalt, der alles verschlingen könnte. Jemand hat nun ein Problem.

Michael Buback ist Nebenkläger im vor einem Jahr eröffneten Verfahren gegen Verena Becker, die der Mittäterschaft an der Ermordung seines Vaters, des damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback, und seiner beiden Begleiter am 7. April 1977 in Karlsruhe angeklagt ist. Doch Michael Buback glaubt, dass sie nicht nur mitgeholfen, sondern selbst geschossen hat und danach einen unerklärlichen Schutz durch staatliche Stellen genoss, den er „den zweiten Tod“ seines Vaters nennt, so auch der Titel seines lesenswerten Buches.

Im Zuge von Bubacks Ermittlungen wurde bekannt, dass Verena Becker eine Quelle des Bundesverfassungsschutzes war. Aber was hat sie denen gesagt? Die Akte war lange gesperrt. Kaum ein Zeitungsartikel der letzten Jahre, kein Buch kam ohne den Hinweis auf die dicke Geheimakte aus. Sicher, so spekulierten Historiker und Beobachter, habe sie dort detailliert und umfassend ausgesagt, schließlich wurde wenige Monate später Christian Klar verhaftet, wurden alle Depots der RAF ausgehoben. Verena Becker wurde 1989 begnadigt, das muss ja gute Gründe gehabt haben. Dann, konnte man annehmen, war der dichte Gehalt an brisanten Informationen der Grund, weshalb Innenminister und Verfassungsschutz die Akte sperren ließen. Doch so ist es ganz und gar nicht, und nun klafft in der offiziellen Version eine riesige Lücke.

Wer waren die Täter?

Da ist, einerseits, das präzise Schriftstück, mit dem Heinz Fromm, Präsident des Bundesverfassungsschutzes, am 15. Juni 2007 der Generalbundesanwältin mitteilt, nach Information seines Amtes seien drei Personen als Tatbeteiligte beim Mord an Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern anzusehen: „Siegfried (sic) Wisniewski als Schütze auf dem Soziussitz des Motorrades, Günter Sonnenberg als Fahrer des Motorrades und Christian Klar als Fahrer des Fluchtfahrzeugs Alfa Romeo“.

Alles klar. Doch damals war die vollständige Akte noch nicht zugänglich. Innenminister Schäuble hatte sie sperren lassen, sein Nachfolger im Amt, Thomas de Maizière, hob die Sperre wieder auf, als DNA-Spuren Beckers auf Bekennerbriefen nachgewiesen werden konnten und ein neues Verfahren gegen sie eröffnet wurde. Nun konnte auch Michael Buback die ominöse Akte studieren. Er hat sie sich im Abstand von einigen Tagen zweimal durchgelesen, alle 272 Seiten. Er darf über den Inhalt nichts sagen. Er wählt, um das Ausmaß des Problems anzudeuten, folgende Formulierung: „Mich interessieren nur die Passagen, die das Karlsruher Attentat betreffen, und besonders die Passage, in der die Täter genannt werden. Alles andere hätte man von mir aus schwärzen können. Bloß: Dann wäre die gesamte Akte schwarz gewesen.“

Wenn sich das im Prozess bewahrheitet, wird es in der Tat schwarz: Denn nur durch die Gutachten des Verfassungsschutzes kommt Stefan Wisniewski auf das Motorrad. Sonst weist nichts, kein Indiz und keine Zeugenaussage, auf Wisniewski hin. Eine Verurteilung Wisniewskis wegen Karlsruhe ist unmöglich, äußern wird er sich auch nicht. Sein Name lenkt aber von Verena Becker ab. Und die Akte musste gesperrt werden, um zu verbergen, dass gar nichts über ihn drinstand.

Wo war Verena Becker?

Michael Buback hatte immer vermutet, dass die Akte „gemacht“ ist, das man sie nur als Vorwand brauchte, um den Generalbundesanwalt und den Bundespräsidenten davon zu überzeugen, Verena Becker zu begnadigen. Aber das war nur eine Hypothese. Buback geht als Naturwissenschaftler streng nach Karl Popper vor: Seine Vermutungen gelten nur so lange, bis jemand sie widerlegt oder eine schlüssigere Hypothese vorbringt. Alles wäre vorbei, wenn jemand sagen würde, wo Verena Becker am Morgen des 7. April 1977 war, wenn sie nicht auf diesem Motorrad saß. Doch diese Angabe macht niemand, nicht einmal sie selbst. Knut Folkerts, einer derer, die für das Karlsruher Attentat verurteilt wurden, hat zwischenzeitlich erklärt, er sei am Tattag gar nicht in Karlsruhe gewesen.

Verena Becker ist intensiv mit den Anschuldigungen Michael Bubacks beschäftigt. Sie schreibt über den Fall, bespricht sich mit anderen RAF-Veteranen darüber und befragt chinesische Orakel. Doch die schlichte Information, wo sie denn war, wenn sie nicht auf dem Motorrad war, die, mit der alles enden würde, die führt sie nicht ins Feld. Sie schreibt nicht, dass sie die Tat nicht begangen hat. Sie nennt das Karlsruher Attentat - und man kann ihr da nur zustimmen - „eine schmutzige Geschichte“.

Komisch: Baader, Meinhof, Klar und Mohnhaupt, das sind allbekannte Namen, Haushaltsnamen, wie es im Englischen heißt. Doch Verena Becker, Siegfried Haag und Günter Sonnenberg sind nur Insidern bekannt, leben seit Jahrzehnten eine bürgerliche, kunstsinnige Existenz in Freiheit. Ob sie ihr Wissen um den Schmutz in der Geschichte je mit uns teilen werden?

Neue Erkenntnisse verdüstern den Fall

Einstweilen ist Michael Buback eine Anlaufstelle für alle geworden, die bei der Klärung dieses Staatsskandals helfen wollen. Mit der Post, dem Telefon und per E-Mail kommen unaufhörlich Zeugenaussagen, Gutachten und Echos aus der Vergangenheit. Nichts davon widerlegt ihn. Man kann fast von einer Graswurzelbewegung sprechen, die sich hier um Aufklärung bemüht. Es sind mittlerweile 21 Personen, unbescholtene Bürger, die spontan, freiwillig und unabhängig voneinander ausgesagt haben, eine Frau auf dem Soziussitz des Tatmotorrads erkannt zu haben. Dennoch schreibt die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage gegen Verena Becker, das Attentat sei „von drei männlichen Personen“ begangen worden. Belegen kann sie das nicht. All diese anderslautenden Aussagen nicht berücksichtigen zu wollen ist ein Affront der Bundesanwaltschaft gegen bürgerliche Tugenden, zu denen die ja nicht ungefährliche Bereitschaft, als Zeuge in solch einem Kapitalverbrechen zur Verfügung zu stehen, elementar gehört.

Gegen Michael Bubacks These sprach immer, dass ein Schutz für Verena Becker doch schon mal anderen Juristen aufgefallen wäre, von denen es viele tapfere und engagierte gab und gibt. Und dass, wo die Fakten so eindeutig auf sie weisen, schon mal ein anderer vor ihm so schlau gewesen sein muss, sie für die Täterin zu halten. Doch auch hier erhellen neue Erkenntnisse den Fall. Eigentlich verdüstern sie ihn. Am 10. Mai 1977, also einen Monat nach dem Karlsruher Attentat und nach der zufälligen Festnahme Beckers in Singen, hielt Horst Kuhn, Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof, fest, dass Becker als Mitglied einer terroristischen Vereinigung den dreifachen Mord von Karlsruhe mit begangen habe. Weiter schrieb er in seinem Haftbeschluss gegen Becker: „Bei der Festnahme der Beschuldigten Verena Becker wurde die Tatwaffe sowie ein Werkzeug sichergestellt, das zu dem Tatfahrzeug Suzuki gehört. Neben der Mitgliedschaft in der Bande, die den Mord am 7.4.1977 in Karlsruhe ausgeführt hat, und ihrem Auftreten mit dem der Tat verdächtigen Günter Sonnenberg zeigen die Funde des zum Tatfahrzeug gehörenden Werkzeugs und der Tatwaffe, dass die Beschuldigte Verena Becker in die Ausführung des Attentats als Mittäterin einbezogen war.“

Nicht mit rechten Dingen

Klare Worte, die zu den Tatsachen passen. Doch der Autor dieser Worte ist an ihnen verzweifelt. Horst Kuhn lebte als einer der am meisten gefährdeten Richter der Republik unter schärfster Bewachung. Mehrere Anschläge auf ihn wurden in letzter Minute vereitelt. Doch nicht das allein hat ihn belastet. Ein Vertrauter Kuhns, der Seelsorger Johannes Czwalina, erinnert sich, dass Kuhn, ein aufrechter Sozialdemokrat, über die Handhabung seiner Erkenntnisse im Fall Verena Becker „blass vor Wut werden konnte“. Er habe sich ohnmächtig gefühlt und meinte, dass die ganze Sache nicht mit rechten Dinge zugehe. Zu dem kam immer die drängende Angst vor einem Attentat.

Der Sohn Horst Kuhns, ein ebenso angesehener wie diskreter Mann, bestätigt die Einschätzung des Therapeuten: „Obwohl ich damals als Jugendlicher nicht alle Details kannte, bekam ich den Eindruck, dass mein Vater mehrmals sehr verärgert darüber war, dass manches mehr politisch denn juristisch geregelt wurde. Ich habe erlebt, wie er sehr wütend war, als da irgendwelche Deals im Zusammenhang gesuchte Personen - Anwälte - Politik über eigentlich verantwortliche Köpfe hinweg gemacht wurden.“

„Irgendwelche Deals“, das ist die Entsprechung zur „schmutzigen Geschichte“ auf der anderen Seite. Was war damals eigentlich los? Horst Kuhn wurde krank, gab das Richteramt auf. 1989 nahm er sich das Leben. Es war das Jahr, in dem Verena Becker begnadigt wurde.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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