22.11.2008 · Nie zuvor in der russischen Geschichte konnte sich das private Leben so frei entfalten wie heute. Diese Freiheit ist Putins größtes Geschenk an Russland und zugleich die Basis seiner Macht. Putins Programm fußt auf einem Autoritarismus mit menschlichem Antlitz. Doch wie menschlich ist es wirklich?
Von Viktor JerofejewWas hat Putin Gutes getan in den acht Jahren seiner Regierungszeit? Ohne langes Nachdenken würde ich sagen: Unter ihm erhielt Russland die einzigartige Chance, sein freies privates Leben zu leben. Dabei glaube ich nicht, dass sich Putin die Förderung des privaten Lebens bewusst zum Ziel gesetzt hat. Viel eher befreite sich das private Leben aus dem Würgegriff des russischen Staates - wie ein Huhn aus den Fängen des ihm mit einem Messer nachstellenden Bauern - und versteckte sich ängstlich gackernd irgendwo im Gebüsch.
Doch zu behaupten, die Macht habe das private Leben mit den Worten verabschiedet: „Lebt, wie ihr wollt, lasst uns nur in Ruhe regieren“, wäre nicht ganz richtig. Die Macht bemühte sich, die Freuden des privaten Lebens, die sich dem russischen Menschen eröffneten, auszunutzen - nicht nur, um ihn von der Politik abzulenken, sondern auch als Stimulus für die Entwicklung des Staates. Nachdem sich das Millionenheer putinscher Beamter der eindeutigen ideologischen Vorgaben, die seinerzeit der kommunistischen Weltanschauung eigen waren, beraubt sah, schuftete es unentwegt für den Staat, indem es an der privaten Front (zu Hause oder auf den Datschen) die Idee des Hedonismus und des Genusses entfaltete.
Von „Alles egal“ zu „Ich will auch besser leben“
Das private Leben wurde so zur wichtigen Gratifikation, zum Hauptbonus. Doch das wäre nicht passiert, wenn die Macht, und in erster Linie der Präsident, nicht auch selbst diese Neigung zu derselben, wenn auch nicht ganz bewusst gewordenen Philosophie des Genusses des Luxuslebens hätte. Und so waren die Bevölkerung, die Beamtenschaft und die Machtspitze selbst auf einmal durch die gemeinsame Idee eines privaten Aufblühens miteinander verbunden.
Vor dem Hintergrund des bescheidenen materiellen Wohlstands des größten Teils der russischen Bevölkerung von einem wirklichen Aufblühen zu sprechen, wäre zumindest etwas voreilig. Und doch wurde das prunkvolle Leben der Politik- und Wirtschaftselite sowie verschiedener sogenannter Prominenter aus dem Showbusiness wenn schon nicht zum gesamtnationalen Traum, so doch in jedem Fall zum Gegenstand heftiger Diskussionen, Verwünschungen und Nachahmungen. Die Bevölkerung hasste und hasst die Reichen. Doch sollte jetzt eine Tochter aus armen Verhältnissen einen Millionär heiraten wollen, so würde es ihre Familie vorziehen, diesen Hass zu vergessen. Auf diese Weise verschob sich der gesellschaftliche Vektor unter Putin, der Kompass des Lebens, von der allgemeinen „Alles egal“- auf die „Ich will auch besser leben“- Position.
Das private Leben wurde nie zum offen verhandelten Thema des Putin-Regimes. Gemeinplätze über das Aufblühen des Volkes waren auch den Kommunisten eigen - in dieser Hinsicht hat sich nichts geändert. Doch unter den Kommunisten war das eine leere Rhetorik. Und unter Putin verwandelte sich das private Leben in eine Figur des Stillschweigens. Es ist so, als gäbe es das private Leben als soziale Realität gar nicht. Und man wäre gut beraten, nicht daran zu rütteln, nichts anzufassen, weil es in vielerlei Hinsicht mit Hilfe des auf zweifelhafte Weise verdienten Geldes aufgebaut wurde. Gleichzeitig ist es allgegenwärtig.
Wahnwitzige Begeisterung für das Internet
Das private Leben - das sind die überfüllten Restaurants landesweit, die Staus in den Großstädten, zahlreiche, von ihren Ausmaßen her schier unglaubliche Landhäuser, auf die Bayern und Kalifornien neidisch sein können; das sind die Nachtclubs und Diskotheken, in denen sich die jungen Leute so gut amüsieren, dass das Amsterdamer Nachtleben danach ziemlich fade erscheint. Aber das sind nur die äußerlichen Merkmale. Die Philosophie des privaten Lebens sticht einem von jedem Werbeplakat, von jedem Banner, von denen die russischen Städte voll sind, ins Auge. Die Philosophie des privaten Lebens - das ist eine wahnwitzige Begeisterung für das Internet als Mittel der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Was aber am interessantesten ist: Von der Philosophie des privaten Lebens ist das ganze russische Fernsehen durchdrungen. Nachrichten und politische Programme - es gibt aber auch andere Propaganda-Sendungen - sind an den Kreml verpachtet. In der übrigen Sendezeit preist das Fernsehen die Reize des privaten Lebens an - in Liedern, in Seifenopern, in Kabarett- und anderen Unterhaltungsshows. Dasselbe gilt auch für die Printmedien. Das Gros der Magazine ist dem Lifestyle gewidmet - einer Erscheinung, die für den russischen Menschen, der vor zwanzig Jahren dieses Wort noch gar nicht kannte, immer noch neu ist. Unzählige Artikel sind Themen wie Mode, Sex, Autos, Essen, Society gewidmet - von den prächtigen hauptstädtischen Hochglanzausgaben, die von der Elite gelesen werden, bis hin zu den Provinzblättern. Zeitungen stehen den Magazinen in nichts nach. Ihr Lieblingsthema ist die Freizeit - die familiäre, touristische, erotische und was man sich sonst noch wünschen mag.
Im Großen und Ganzen sind die Printmedien, wie auch das Fernsehen, loyal gegenüber dem Kreml. Doch da, wo sie das soziale, die privaten Interessen der Leser betreffende Leben ansprechen - da versuchen die Zeitungen und Zeitschriften, es eher dem Leser recht zu machen als dem Kreml. Ja, all das lenkt die Menschen von der Politik ab, und diese Ablenkung erfolgt, insbesondere im Fernsehen, bewusst und systematisch. Doch gerade hier findet auch jene Rochade statt, die dem unsichtbaren Kern des Staatssystems angehört. „Ich gebe euch die Freiheit des privaten Lebens“, sagt der Staat „und ihr zahlt mir dafür mit eurer Loyalität oder, besser noch, mit einem bedingungslosen Rückhalt.“ Und in der Tat: Wir erhielten die heimliche Freiheit eines verborgenen privaten Lebens. Wir können unseren Kindern praktisch alles, was wir wollen, beibringen, sie zu Christen oder Buddhisten erziehen - noch frei nach unserer Wahl. Letztlich können wir, je nach Kaufkraft, nach Italien oder auch auf die Osterinseln reisen. So etwas nennt man wohl Autoritarismus mit menschlichem Antlitz.
Der glücklichste Tag in der Geschichte des russischen Adels
Doch wie menschlich ist das Gesicht von diesem Autoritarismus tatsächlich? Urteilt man nach dem bekannten Chodorkowskij-Prozess, der nach dem Vorbild der besten Exempel stalinistischer Schauprozesse geführt wurde (freilich ohne das Reuebekenntnis des Angeklagten), den Skandalmorden an Journalisten oder der Vergiftung des Ex-Agenten der Sicherheitsdienste, die buchstäblich vor den Augen der ganzen Welt geschah - dann ergibt diese Formulierung nur wenig Sinn. Führt man sich aber die ungeheuerliche politische Konstante der russischen Geschichte vor Augen, dann kann man verstehen, warum die Bevölkerung der Putin-Regierung tatsächlich mit Wohlwollen begegnet.
In der russischen Geschichte gab es für das freie private Leben so gut wie keinen Platz. Schon in den Dokumenten aus dem zehnten Jahrhundert, aus der Zeit der Kiewer Rus, finden sich Bestimmungen, die das private Leben reglementieren. Das Stutzen der Bärte - bei Frauen das Schneiden der Haare - war verboten. Es war verboten, sich mit Andersgläubigen einzulassen. Selbst gemeinsame Mahlzeiten mit ihnen waren untersagt. Später mündeten die religiösen und politischen Verbote in das berühmte Buch „Domostroi“, einem Regelwerk über das private Leben im mittelalterlichen Russland. In ihm ist alles nur Erdenkliche reglementiert. Zu guter Letzt verbot Peter I., der große Reformator und Westler des beginnenden achtzehnten Jahrhunderts, jede Form der privaten Freiheit und baute einen Polizei- und Fiskalstaat auf.
Erst Mitte desselben Jahrhunderts begann sich alles zu ändern, aber nur für den höheren Stand. Am 18. Februar 1762 erließ ein unbedeutender russischer Zar, Peter III., einen Ukas über die Adelsprivilegien. Von diesem Tag an waren die Adligen von der Dienstpflicht befreit. Sie konnten auf ihren Landgütern nach ihrem Gutdünken leben und ungehindert ins Ausland reisen. Das war der glücklichste Tag in der Geschichte des russischen Adels. Möglicherweise kann dieses Datum als der Beginn des privaten Lebens in Russland gelten. Aber auch nach dieser Reform, die gleichzeitig die Leibeigenschaft für Millionen von unfreien Bauern nur noch verstärkte, blieb das private Leben noch bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter der strengen Kontrolle der zaristischen Macht.
Umwälzung durch „Perestrojka“
Es genügt zu sagen, dass ein Beamter nicht ohne die Zustimmung seines Vorgesetzten heiraten durfte. Nach der Revolution von 1905 wurde das private Leben in Russland tatsächlich frei, und diese Freiheit dauerte zwölf Jahre lang. Nur zwölf freie Jahre in der ganzen Geschichte (den Ersten Weltkrieg freilich inbegriffen)! Dann kamen die Kommunisten, die das private Leben praktisch außer Kraft setzten, und die Menschen wurden zu echten Sklaven des Staates. In meinem Haus zum Beispiel existiert nach wie vor ein Überbleibsel des Kommunismus - zwei Gemeinschaftswohnungen („kommunalka“), in denen mehrere untereinander verfeindete Familien zusammengepfercht wohnen. Eine ewige Hölle.
Die ersten Anzeichen von privatem Leben kamen in der UdSSR nach dem Tod Stalins auf. Das waren die berühmten „stilagi“, junge Leute, die sich modisch, mit Stil, kleiden wollten. Der Staat bekämpfte sie, die russische Literatur verspottete sie. Doch der Massenbau von winzigen „Einzelwohnungen“ in den jämmerlichen fünfstöckigen Plattenbauten unter Chruschtschow, die Verbreitung von Schrebergärten und letztlich der Bau eines Automobilwerks nach italienischer Lizenz unter Breschnew - die berüchtigten Ladas, die auch heute noch auf den russischen Straßen umherfahren - all das könnte man als außerplanmäßige Invasion des privaten Lebens in den Sowjetalltag bezeichnen. Erst im Zuge der „Perestrojka“ vollzog sich eine wirkliche politische Umwälzung: Das kollektivistische „Wir“ (als Ziel der Geschichte) wurde durch das individualistische „Ich“ ersetzt.
Viele ehemalige sowjetische Menschen verloren dadurch buchstäblich den Sinn des Lebens, weil sie die Veränderungen nicht verstanden. In den neunziger Jahren fanden grundlegende wirtschaftliche Reformen statt. Doch das durch sie erwartungsgemäß verursachte vorübergehende Chaos im Lande, Protestwellen, verzögerte Gehaltzahlungen, die Rubelkrise von 1998, all das war für die Entwicklung des privaten Lebens und die Entstehung einer Mittelschicht kaum förderlich.
Das Gespenst einer orthodoxen Zivilisation
Putin, der auf Geheiß Jelzins an die Macht kam, konnte die Wirtschaft stabilisieren und, indem er viele demokratische Freiheiten europäischer Art opferte, den Staat festigen (dabei ließ er freilich die Frage nach der strategischen Entwicklung des Landes offen). Damals entstanden denn auch zum zweiten Mal in der russischen Geschichte die Voraussetzungen für das private Leben. Doch in den letzten zwei oder drei Jahren der Putin-Regierung begab sich der Staat erneut auf die Suche nach einer Ideologie, die Russland durch ein gemeinsames ideelles Ziel zusammenhalten könnte. Die Freiheit des privaten Lebens erwies sich als eine Art Verschnaufpause - etwas Ähnliches, nebenbei gesagt, konnten wir in den zwanziger Jahren während der NEP, der „Neuen Wirtschaftspolitik“, beobachten, als einzelne Kapitalismuselemente zurückkehrten.
Der heutige Staat hat wieder begonnen, seine Jugend zu erziehen - jetzt im Geiste des Patriotismus, durch Gründung kremltreuer, nationalistisch anmutender Organisationen. Außerdem näherte er sich der orthodoxen Kirche an und denkt nun darüber nach, den Kindern die Grundlagen der orthodoxen Kultur in den ersten Schuljahren beizubringen. Das Gespenst einer orthodoxen Zivilisation schwebt über dem Land. Es ist klar, dass das keine Freiheit des privaten Lebens mehr ist - aber das ist eine andere Geschichte.
Ob eine ähnliche Offensive gegen die Freiheiten des privaten Lebens auch unter Medwedjew voranschreiten wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Fest steht aber, dass die Bevölkerung, die in unterschiedlichem Maße in den Genuss der privatistischen Freuden des Lebens gekommen ist, sich nur unter Qualen von ihrer privaten Freiheit, derer sie sich übrigens noch nicht ganz bewusst ist, wird trennen können. Patriotismus und Orthodoxie werden der Aufgabe zur Gründung einer staatlichen Ideologie wohl kaum gerecht werden: Ihr Charme wird nicht für ganz Russland reichen. Wenn dieses ideologische Vakuum jedoch noch weiter anhält, wird das private Leben in Russland in den nächsten Jahren so stark werden (wenn man von den krisenbedingten Abweichungen in der Entwicklung des Landes einmal absieht), dass man es mit keinen propagandistischen Bomben wird zerstören können. Das private Leben ist für Russland die Rettung. Mit seiner Hilfe, durch eine sukzessive Entwicklung familiärer Werte, kann Russland zur Aufklärung und Modernisierung vorstoßen und sich der Gemeinschaft der demokratischen Länder anschließen.
komisch,
Naim Naim (abduho)
- 22.11.2008, 13:18 Uhr
Historiographisch fragwürdig
Hans Meier (HansMeier555)
- 22.11.2008, 13:26 Uhr
Hat Konsum "Systemcharakter"?
Hans Meier (HansMeier555)
- 22.11.2008, 14:05 Uhr
Und die Leichen
Heinz Mayer (Bundespraesident)
- 22.11.2008, 15:53 Uhr