11.07.2009 · Wie soll das auch gutgehen: in dreißig Minuten über acht Bücher sprechen, einen Gast und zwei Filmchen zeigen? In der Premiere von „Die Vorleser“ mussten Amelie Fried und Ijoma Mangold ausbaden, was sich das ZDF unter Literatur im Fernsehen vorstellt.
Von Sandra KegelOb sie sich nun zoffen würden oder nicht, die beiden Moderatoren des neuen ZDF-Literaturmagazins, das war die Frage, auf die bis zur Premiere der Sendung „Die Vorleser“ am Freitagabend alles hinauslief. Würden Amelie Fried und Ijoma Mangold die legendäre Streitkultur des „Literarischen Quartetts“ um Marcel Reich-Ranicki neu aufleben lassen, oder doch dem euphorischen Bücherloben ihrer Vorgängerin Elke Heidenreich folgen, deren Sendung „Lesen!“ nach einem Streit mit dem Sender im vergangenen Jahr abgesetzt wurde (siehe auch: ZDF trennt sich von Elke Heidenreich).
Mit der Auswahl des Moderatorenduos schien es das ZDF zumindest auf ein bisschen Kontroverse abgesehen zu haben: Amelie Fried, die Talkshow-Moderatorin und erfolgreiche Verfasserin von Frauenliteratur mit Herz für Bücher trifft auf den Literaturkritiker Ijoma Mangold. Dass der Auftakt schließlich so recht weder das eine noch das andere, keinen Streit und keine Leidenschaft bot, sondern überraschend blass sich im raschen Aufsagen von Textbausteinen erschöpfte, ist den Moderatoren nur bedingt anzulasten. Denn zuletzt müssen sie ausbaden, was sich das ZDF unter Literatur im Fernsehen eben vorstellt.
Acht Werke in dreißig Minuten - wie soll das gehen?
Seltsam hämisch klang schon Claus Klebers Ankündigung der Sendung im „heute-journal“, ein neuerlicher Versuch, „die hohe Kultur in Flachbildschirme zu zwängen“. Dass Fernsehen und Literatur eben nicht wie „Teufel und Weihwasser“ sind, wie es im folgenden Beitrag hieß, sondern durchaus Unterhaltung samt Quote bringen können, hatte ja gerade das ZDF mit seinem Quartett und später der Solistin Heidenreich belegt. Doch das neue Format im ehemaligen Hauptzollamt Hamburg-Ericus konnte am Premierenabend weder den Vorgängern noch der Historie des Schauplatzes gerecht werden, an dem einst Waren geprüft und bewertet wurden.
Unter vergleichbaren Arbeitsbedingungen aber hätten vielleicht sogar die Zöllner zum Streik aufgerufen. Denn wie soll man Produkte, in diesem Fall auch noch Bücher, ernsthaft begutachten, wenn acht Werke in gerade einmal dreißig Minuten Zeit zu verhandeln sind? Selbst längere Ausführungen durften vier Minuten kaum überschreiten. Bei Anna Katharina Hahns hintergründiger Satire über moderne Kinderkriegerinnen, „Kürzere Tage“, musste genügen, dass Ijoma Mangold Witz, Esprit und eine ätzende Beobachtungsgabe der Autorin lobte, „ein Buch, das einem aus dem Herzen spricht“, während Amelie Fried sich in ihrer Mutterrolle „regelrecht ertappt“ fühlte. Kam zwischen den Moderatoren doch einmal Zwietracht auf, etwa bei Per Olov Enquists autobiographischem Meisterwerk „Ein anderes Leben“, weil Amelie Fried sich als Leserin hier„betrogen“ fühlte, auf 542 Seiten wurde ihr zu wenig erklärt, mahnte man die Moderatoren prompt aus dem unsichtbaren Off, endlich zum nächsten Punkt zu kommen.
Nachdenklichkeit auf beiden Seiten
Denn nicht genug, dass hier fünf Bücher etwas ausführlicher und drei ganz kurz besprochen werden - auch ein Gast muss die halbstündige Sendung beehren. Zur Premiere kam der Serienstar Walter Sittler, der schnell noch ein Werbefilmchen spendiert bekam, in dem freilich seine Auftritte in ZDF-Schmonzetten wie „Das Traumschiff“ nicht unerwähnt blieben. Qualifiziert hatte Sittler sich für die Sendung offenbar, weil sein Vater einst Literaturprofessor war. Und über Erich Kästner sprach er dann kurz, weil er dessen Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“ zum Bühnenstück arrangiert hat.
Als schließlich ein eingespielter Film den Niedergang der Kultur des Vorlesens in den Familien beklagte, seufzte Amelie Fried auf dem Bildschirm: „Das stimmt uns nachdenklich.“ Vor dem Fernsehgerät war die Stimmung kaum besser. Erst vor wenigen Tagen konnte man beim Literatur-Wettbewerb in Klagenfurt (siehe auch: Revanche für Córdoba: Jens Petersen gewinnt den Bachmann-Preis 2008), nicht zuletzt durch den Juror Ijoma Mangold, erleben, wie geistreich, anregend, gescheit und witzig Literaturkritik sein kann. Über jeden kleinen Text debattierten die Kritiker eine halbe Stunde lang. Das war große Unterhaltung. Bücher zu lesen erfordert Zeit. Beim Gespräch über Bücher ist es nicht anders. Das merkt man dann besonders schmerzlich, wenn sie, wie im Fall der „Vorleser“, unnötig verknappt wird.
Mit dem Zweiten lesen Sie besser? Nicht mehr, leider.
Oliver Breitenstein (Sargerastar)
- 11.07.2009, 12:04 Uhr
Grauslige Veranstaltung
Wilhelm Friedrich (WillyF)
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Zwei Couchen machen noch keinen Möbelladen
Ralf Wewerke (vvevve)
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Lektorat
Gregor Keuschnig (GregorKeuschnig)
- 13.07.2009, 12:29 Uhr
Qualifiziert
Heinrich Von Schwarzenberg (Vonschwarzenberg)
- 15.07.2009, 10:46 Uhr