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Präsidial-Lektüren Die Spitzentitel der Kandidaten

30.06.2010 ·  Heute wird in Berlin der neue Bundespräsident gewählt. Nach dem Motto „Sage mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist“ haben wir einen letzten Lackmustest durchgeführt und herausgefunden, welches die Lieblingsromane der Kandidaten sind. Was die Antworten über Christian Wulff und Joachim Gauck verraten.

Von Hubert Spiegel
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Ob Christian Wulff weiß, was Frauen über Männer denken, die im reifen Alter den „Kleinen Prinzen“ lesen? Hat er keine Berater, die unablässig in den Tiefen des Internetraums danach forschen, wie alles, was der Kandidat sagt, gesagt hat oder zu sagen beabsichtigt, in den unterschiedlichsten Milieus ankommt? Seine niedersächsische Wissenschaftsministerin hätte ihn zum Beispiel warnen müssen, dass auf der Seite des studentischen sozialen Netzwerks „unicum.de“ Antoine de Saint-Exupérys Weltbestseller „Der kleine Prinz“ einen zweifelhaften Ruhm genießt: Mit Männern, die beim Chat-Geplänkel vor dem ersten Date auf die Frage nach ihrem Lieblingsbuch den „Kleinen Prinzen“ nennen, sollte man sich besser überhaupt nicht treffen, ist hier zu lesen. Die Gefahr ist zu groß, an einen ganz gewissen Typus zu geraten: außen soft, innen knallhart, ein Weichei aus Berechnung.

Dass Politiker bei weitem nicht so austauschbar sind, wie gern behauptet wird, beweist ein einfacher Test. Man frage nicht nach dem, was Politiker sagen, sondern nach dem, was sie lesen. Schon sind die Grenzen der Austauschbarkeit erreicht. Wenn Schopenhauer recht hatte, als er sagte, Lesen bedeute, mit einem fremden Kopfe zu denken, dann können wir den beiden Männern, die heute zur Wahl des Bundespräsidenten antreten, in die Köpfe blicken. Wenn wir die Lieblingsbücher der Kandidaten kennen, dann wissen wir, mit welchen fremden Köpfen sie am liebsten denken. Wobei im Fall von Christian Wulff die Frage falsch gestellt sein könnte. Denn wer wie der niedersächsische Ministerpräsident den „Kleinen Prinzen“ als sein Lieblingsbuch benennt, will nicht bekennen, mit welchem Kopf er fühlt, sondern er will zeigen, mit welchem fremden Herzen er fühlen lässt.

Das Sinnbild rastloser Selbstaufopferung im Staatsdienst

Es ist ein sehr kleines, sehr reines und sehr populäres Herz, vielleicht das erfolgreichste Herz der Literaturgeschichte überhaupt. Es gehört einem außerirdischen Zuwanderer, den jede deutsche Familie auf der Stelle adoptieren würde. Es ist das Herz, das gar nicht so wild auf eigene Gefühle ist, sondern ganz darin aufgeht, mitzufühlen. Und zwar mit jedem, ausnahmslos, unabhängig von Geschlecht, Alter, Einkommen und Nationalität. „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry ist das Buch für den Allesfühler und Jedenumarmer, das Buch, bei dem einem schon nach den ersten Seiten gemütlich-puschelige Wollsocken an den Füßen wachsen. Wenn Christian Wulff ins Schloß Bellevue einziehen sollte, könnte er den Amtseid auf sein Lieblingsbuch ablegen: Es ist die Bibel aller Weichstapler.

Wäre Horst Köhler zurückgetreten, wenn er die Geschichte vom Laternenanzünder zu seiner Lieblingslektüre zählen würde? Der kleine Prinz trifft ihn auf der fünften Station seiner Reise. Aufgrund einer unsinnigen Anweisung muss der Mann die Laterne im Minutentakt löschen und wieder anzünden und hat daher niemals seine Ruhe: das Sinnbild rastloser Selbstaufopferung im Staatsdienst. Aber Köhlers Lieblingsbuch ist Bohumil Hrabals Roman „Ich habe den englischen König bedient“. Hrabal lässt darin einen namenlosen Ich-Erzähler auf sein Leben und seine Erfolge zurückblicken: vom Pagen zum Hotelbesitzer und zum Millionär. Ob Köhler sich vor seinem Amtsantritt das Bellevue ähnlich prächtig vorgestellt hat, wie das Hotel „Goldenes Prag“ im Roman? „Du bist hier Pikkolo, merk dir das. Du hast nichts gesehen, nichts gehört. Sprich's nach“. So wird Hrabals Erzähler im Grand-Hotel begrüßt und vom Chef kräftig am Ohr gezogen: „Und merk dir aber auch, dass du alles sehen und alles hören musst. Sprich's mir nach!“

Ein Roman für Überzeugungstäter mit Durchhaltevermögen

Vielleicht hat Köhler ja seine von der Bundeskanzlerin formulierte Arbeitsplatzbeschreibung darin wiedererkannt, und auch die Mischung aus Schläue, Gerissenheit und Opportunismus, mit der Hrabals Held seinen Aufstieg bewerkstelligt, dürfte ihm aus dem politischen Milieu nicht fremd gewesen sein. Nur mit dem Ende des Romans scheint er sich nie angefreundet zu haben. Während Hrabal seinen Helden als lebensklugen Eremiten enden lässt, der als Straßenwärter einer so gut wie nie befahrenen Bergstrecke behaglich und zufrieden sein Dasein fristet, hat Horst Köhler jetzt angekündigt, er werde keineswegs von der politischen Bildfläche verschwinden.

Als Hrabals Roman entstand, Anfang der siebziger Jahre, trat Joachim Gauck gerade eine neue Stelle als Pastor in Rostock an. Als der Roman elf Jahre später endlich erschien, allerdings nur im Prager Untergrund, übernahm Gauck die Leitung der Kirchentagsarbeit in Mecklenburg. In der DDR hätte Gauck Hrabals Buch nicht lesen können und nicht lesen dürfen, er hätte sich mit der Lektüre eines tschechischen Autors, der im sozialistischen Bruderstaat verboten war, sogar strafbar gemacht.

Gaucks Lieblingsbuch erzählt von einem Mann, der erkennen muss, dass auch auf der richtigen Seite falsch gehandelt wird, sich in seinen Idealen aber nicht beirren lässt, der heroisch in einen aussichtslosen Kampf geht, weil er das Richtige tun will, auch wenn er weiß, dass am Ende nicht viel dabei herauskommen wird.

Als der Theologiestudent Joachim Gauck Ernest Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“ zum ersten Mal aufschlug, blickte er in ein Buch, dass genauso alt war wie er selbst und das ein Thema behandelte, mit dem er wie alle Angehörigen seiner Generation in der DDR aufgewachsen sein muss: den heldenhaften Kampf des Antifaschismus. Gaucks Lieblingsbuch kam aus Amerika, das war die falsche Seite, aber es hatte die richtige Gesinnung. Ein Roman für Überzeugungstäter mit Durchhaltevermögen, die auch in der aussichtslosesten Lage fröhlich ihrer Bestimmung folgen. Wenn es sein muss, auch bis zum dritten Wahlgang. Also das perfekte Zweitbuch für Wulff?

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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