21.10.2010 · Der Dichter und seine Suchmaschine: Die amerikanische „Flarf“-Bewegung hat aus einem Scherz eine neue Form der Dichtkunst entwickelt, die Zufallstreffer zur Basis einer eigenen Schöpfung macht.
Von Christiane ReitzWenn Google alles kann, kann Google auch Kunst machen? Und wenn ja, ist diese Kunst dann schön? Oder sieht man ihr an, dass eine Suchmaschine bei der Geburt geholfen hat?
Der größte Textspeicher der Welt zieht Dichter und Programmierer, Philologen und Statistiker gleichermaßen an. Sie meißeln aus dem rohen Textfels, den Google ihnen liefert, ein Gedicht heraus oder betätigen sich poetisch mit den „Google Ad Words“, den kleinen Werbeanzeigen neben der Ergebnisliste. Manche bauen sich Programme, sammeln damit gigantisch große Mengen Text aus Googles Seiten - um die Sprache des Internets statistisch zu untersuchen. Und einige werden danach auch verklagt.
Auf der Suche nach Google-Kunst und ihren Folgen trifft man zunächst auf ein einziges Wort. Es ist ein komisches Wort - Flarf. Heißt nichts, bedeutet nichts, klingt aber irgendwie flauschig. Flarf. In Deutschland ist Flarf gar nicht weiter bekannt, in den Vereinigten Staaten schon. Da gibt es ein ganzes Flarf-Kollektiv, und es dichtet, meistens mit Hilfe von Google. Vor zehn Jahren kam der New Yorker Comiczeichner und Gelegenheitsdichter Gary Sullivan auf die Idee, das hoffentlich schlechteste Gedicht der Welt bei einem Literaturwettbewerb der Seite poetry.com einzureichen. Es hieß „Mm-hmm“.
Er gewann, Flarf war geboren. Von nun an ging es ihm darum, möglichst lustige, politisch inkorrekte, subversive, unflätige, anzügliche - irgendwie jedenfalls unpassende Gedichte zu schreiben. Die Clique seiner Dichterkollegen in New York hielt das für eine zeitgemäße Idee (es war die Bush-Ära) und schloss sich an. Wer von ihnen auf den Namen „Flarf“ kam, weiß Sullivan nicht mehr, aber er definiert es folgendermaßen: „Flarf besitzt die Eigenschaft des Flarfigen.“ Im März 2001 richten sich die Flarfisten eine Mailingliste ein und beginnen, Gedichte hin und her zu schicken, die aus Versatzstücken von Google-Suchergebnissen bestehen.
Das Gedicht als kollektives Werk
„Ich google zwei disparate Suchbegriffe, beispielsweise ,Latex' und ,Michael Jackson'“, sagt Sharon Mesmer, ebenfalls Flarf-Dichterin, studierte Philologin, Anfang vierzig, die hauptberuflich Kreatives Schreiben an der New School in New York unterrichtet. „Dann kopiere ich einige Textstücke aus der Ergebnisliste von Google in ein Word-Dokument und bearbeite sie, arrangiere um, denke mir Sätze aus. Das fertige Gedicht schicke ich an die Flarf-Mailingliste.“
Dort wird es dann von den anderen Dichtern weiterbearbeitet, wieder gegoogelt und so fort. Das Gedicht ist also nie fertig. Insofern hat der Werkbegriff der Flarf-Leute etwas Vorneuzeitliches. Sie sind wie im Mittelalter eher Redakteure und Kopisten denn Autoren, ihre Texte durchlaufen viele verschiedene Stadien. Es existieren gleichwertige Varianten, aber kein Original. Denn man stützt sich ja immer schon auf kopierte Bruchstücke aus Ergebnislisten - und deren Autoren sind sowieso unauffindbar.
Um ihre Arbeitsweise zu verdeutlichen, erklärt Sharon Mesmer, wie sie ihr Gedicht „Dang Latex Michael Jackson“ zusammensetzte. Zunächst googelte Mesmer die Begriffe „Latex“ und „Michael Jackson“. Das tat sie während Michael Jacksons Beerdigung. Googelt man die beiden Wörter heute, ein Jahr nach dem Jackson-Hype, sind die Resultate zwar andere. Klar wird aber, warum das Verfahren den Dichter im Anschluss zu einem grotesken, wenigstens absurden Gedicht nötigt.
Im ersten Suchergebnis steht: „Latex michael jackson halloween costumes“. Im zweiten: „Michael Ninn Latex avi adult movies: 3 months ago ... This Is It Michael Jackson“ und im dritten gar „Michael Jackson Latex Character Mask, prices starting at £2, Compare and Save“. Wie die Suchergebnisse im Juli 2009 ausfielen, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Aber Sharon Mesmer machte aus ihnen zum Beispiel die vorgestellte Gedichtstrophe (siehe Kasten).
Flarf - zu 63,7 % ein ironischer Spaß
Wenn Sharon Mesmer ihre Zeilen vorträgt, gewinnt das Ganze drastisch an Komik. In unregelmäßigen Abständen feiern die Flarfisten im Bowery Poetry Club in Manhattan ein Flarf-Fest. Vor vier Jahren lieferte Mesmer zu den Klängen von Led Zeppelins „Kashmir“ in Karohosen laut deklamierend eine umjubelte Performance ab. Ihr Gedicht von damals heißt „Annoying Diabetic Bitch“, was man mit „Nervige zuckerkranke Schlampe“ übersetzen kann. Wahrscheinlich hatte sie dafür „bitch“ und „diabetic“ gegoogelt, genau weiß sie es aber nicht mehr.
Ist Flarf mehr Genie oder bloße Kopie? K. Silem Mohammad sollte zur Beantwortung dieser Frage etwas beitragen können. Er gehört ebenfalls zum Flarf-Kollektiv und ist der Inbegriff des gelehrten Dichters. Mohammad unterrichtet Literatur an der Southern Oregon University, das merkt man. Seine Flarf-Texte sind voller Anspielungen auf Gedichte von Milton, Keats oder Wallace Stevens. Ist Flarf denn akademisch? „Alles ist potentiell akademisch.“ Ist Flarf politisch? „Insofern als seine Mitwirkenden Steuern zahlen und wählen, ja.“ Ist das ganze Flarf-Dichten und -Googeln ein großer ironischer Spaß? „Zu 63,7 Prozent ja.“
Diese mitunter böse Ironie kam nach dem 11. September richtig in Mode. Nach einer mehrwöchigen Ruhepause dichtete man aus Google-Ergebnissen zu George Bush und seiner War-on-terror-Rhetorik böse Spottgedichte. Mittlerweile ist aus den Google-Gedichten der Mailingliste eine Anthologie geworden, die im Herbst dieses Jahres auf den Markt kommt. Die einzelnen Dichter selbst haben längst ganze Bücher mit ihren Gedichtvarianten veröffentlicht. Manche betonen, dass Flarf auch ohne Google-Bruchstücke machbar sei, es gehe ja darum, möglichst skurrile, etwas abartige Texte zu schaffen. Letztes Jahr im Sommer widmete das amerikanische „Poetry Magazine“ dem Kollektiv ein „all flarf issue“. Über Flarf wird sogar promoviert.
Urheberrechtsfrage ist umstritten
„Es gibt keine adäquate Definition für den Beruf des Dichters, und ich sehe keinen Grund, eine zu erfinden“, sagt Silem Mohammad. An seinen gedruckten Gedichten hält er das Urheberrecht, sie sind sein geistiges Eigentum, egal, wie viel Google in ihnen steckt. „Würde ich versuchen, meine Suchbegriffe von vor ein paar Jahren heute nochmals zu googeln, stieße ich manchmal auf meine eigenen Gedichte.“ So geht zu Google zurück, was von Google kam.
Für den deutschen Wortsammler und -handwerker Dirk Schroeder endete das bisweilen mit einem Brief vom Rechtsanwalt. Schroeder ist Statistiker, lebt in Berlin und schreibt Gedichte. Oder auch nicht. „Ich will spielen und nicht schaffen“, sagt er. Geistiges Eigentum will er nicht haben, „damit jeder alles von mir verwenden kann und nichts geschützt ist“. Das schreibt er auch expressis verbis drüber. Kein geistiges Eigentum. Das Urheberrecht räumt ein Zitatrecht aber nur Werken ein, die ihrerseits jemandes geschütztes geistiges Eigentum sind. Wenn Schroeder also einen Markennamen oder ein Zitat aus einem Roman verwendet, einen Zeitungsartikel zitiert, die Quelle vielleicht sogar verlinkt, dann kann es sein, dass diese Quelle ihm das verbietet. Und er wird verklagt.
Diese Regel gilt übrigens auch bei Twitter, wie Schroeder erklärt: „Die 140 Zeichen bei Twitter reichen in der Regel nicht für die erforderliche Schöpfungshöhe zum eigenständigen Werk. Also kein Zitatrecht. Bringt dort jemand ein fremdes Haiku im Umfang von vierzig Zeichen und kommentiert es mit hundert, ist es eine Raubkopie.“
Ein Nichtwerk Schroeders beschäftigt sich mit der Fußball WM 2006, gesucht hatte er nach „Fußballgedicht“ und „Schlachtenmaler“:
„Jede Woche Turnstunde der großen Elf / und es sind Mädel im Spiel aus Stahl / die halten den Ruhm, den Ball im Arm / jagen die Jungs in Schlachten hinein / und Deutschlands Mannschaft stürmt / zum Sport das Wort: Tor, Tora Bora.“ Auch dies ist, wie die Flarf-Poetry, Google-Lyrik. Insoweit beide auf mehr oder weniger gezielt lustigen Google-Suchanfragen basieren, bleibt ihr Mechanismus an der Benutzeroberfläche der Suchmaschine kleben. Aber er sieht nicht dahinter.
Künstler gegen den semantischen Kapitalismus
Genau das hat ein französischer Künstler versucht. Christophe Bruno ist 45, lebt in Paris und hat sich vor einigen Jahren schon mal der Google-Manipulation schuldig gemacht. 2002 kaufte er bei „Google Ad Words“ ein paar Begriffe, beispielsweise „Mary“. Wer auch immer „Mary“ googelte, fand Brunos Werbeanzeige neben den Suchergebnissen. Sie lautete: „Mary! I love you. Come back. John.“ Das hatte mit der heiligen Jungfrau nicht viel zu tun und auch nicht mit Brunos Website (www.unbehagen.com). Google merkte das, Google warnte Bruno vor, diese Anzeigen abzuschalten, was er nicht tat, dann zensierte Google selbst. Bezeichnenderweise lautete eine seiner letzten Anzeigen „Die Wörter sind nicht mehr frei“. Gekauft hatte Bruno dafür das Wort „Symptom“. „Ich war zufrieden, als jemand auf diese Anzeige klickte und so zu meiner Homepage gelangte, der vorher nach ,Hämorrhoiden-Symptom' gegoogelt hatte“, sagt Bruno.
Dass man bei Google Wörter zu Werbezwecken kaufen kann, ist für Christophe Bruno „semantischer Kapitalismus“. Semantik ist sein Stichwort. Mit ihr beschäftigt sich auch sein jüngstes Projekt, die Dadamap. Sie verzeichnet die Verwandtschaftsbeziehungen von 800 000 gegoogelten Wortpaaren. Dabei ist die Dadamap selbst in einem Grenzbereich anzusiedeln, irgendwo zwischen fröhlicher Wissenschaft und Kunst, dort wo es wahnsinnig wird. Die kombinatorischen Wortspiele des französischen Dadaisten Raymond Roussel hätten ihn zu seinem Kunstwerk inspiriert, sagt Christophe Bruno.
Landkarte der Internetsprache
Für die Dadamap interessierten ihn englische Wortpaare, die auf irgendeine Art und Weise miteinander verwandt waren. Sie konnten gleich klingen, so wie „cat“ und „rat“, oder gleich aussehen, aber verschiedene Bedeutungen haben, so wie „wood“ und „wood“, das Holz und der Wald. Bruno zog noch diverse andere Verwandtschaftsbeziehungen in seine Analyse mit ein und googelte 800 000 solcher Paare. Natürlich nicht manuell. Mathematiker schrieben ihm komplizierte Programme, die die gigantisch große Menge an Text aus den Suchmaschinen fischen sollten. „Dabei mussten wir sehr langsam arbeiten, sonst hätte Google das automatisierte Einsammeln erkannt und uns gesperrt“, sagt er.
Das Ergebnis seiner Arbeit ist eine topographische Landkarte der Internetsprache, erstellt nach den komplizierten Regeln der Graphentheorie. Was sagt sie denn aus über die Sprache im Netz? „Ich hoffe nichts“, antwortet Bruno etwas verrätselt. Das mag an den seltsamen Namen liegen, die der Künstler den Regionen gegeben hat, dennoch stapelt er tief. Das von Bruno „Mainstream“ getaufte Gebiet ist ziemlich groß, und es versammelt solche Wortpaare, die oft im gleichen Kontext verwendet werden - deren Auftauchen beim Lesen schon vorherzusagen ist. Wenn „Kind“ kommt, kann „Kegel“ nicht weit sein; wo „Powerpoint“ steht, wird bald „Präsentation“ folgen. Eine langweilige, absolut einfallslose Region ist dieser Mainstream. Spannender wird es im grünen „Wasteland“. Hier sind Wortpaare versammelt, die man noch selten zusammen gesehen hat, frische Kombinationen, oder altbekannte Wörter, die neue Bedeutungen erlangen, weil die Sprache sich wandelt.
„Wenn Google alles zurückverfolgen kann und alles weiß, wieso sollte ich nicht versuchen, mit dieser Dadamap in die Zukunft zu schauen? Vielleicht finde ich ja einen neuen Sprachtrend in der Wasteland-Region.“ Das Ganze könne man als künstlerischen Scherz oder als seriösen Wissenschaftskram begreifen, sagt der Dadaist. Beides geht.
Google ist immer Werkzeug, Spiel, Muse - bei Flarf oder beim neuen Dada. Ob man die Google-inspirierte Kunst schön oder nützlich findet, das liegt im Auge des Betrachters, was sicherlich eine Formulierung ist, die sich laut Brunos Kartenmaterial im Mainstream herumtreibt.
Wenn Google eine Muse ist, dann allerdings eine, die ziemlich viel redet, und nicht immer gehaltvoll. Die schiere Masse an vorhandenem Text macht es einfach, mal eben ein Gedicht zusammenzustoppeln. Da kommt es auf den Künstler an, der auswählen, anordnen und währenddessen auch noch denken muss, also sein Hirn zwischen Google und das Werk schaltet. Da das Hirn aber die wichtigste Komponente ist, wird man auch der Google-Kunst zuerst den Grips des Autors ansehen. Anschließend hat sich der Gedanke an Googles Beitrag womöglich erledigt.
Sharon Mesmer
Dang Latex Michael Jackson (Auszug)
What in the latex-rainbow-Monistat hell
is that big-haired pensioner doing
wriggling around to „Don't Stop Till Get Enough“
in a skin-tight latex leotard?
I thought this was supposed to be a funeral?
Shamon, that is some crazy shit:
MJ, Peter Pan, and the Tiny Toons
having a slumber party, during which Michael,
crowning and knighting himself with a magic sword, declares,
„I am the Primeval Self in you and I“
Verdammter Latex Michael Jackson
Warum zur Latex-Regenbogen Hölle voller Anti-Hefepilz
zappelt der Rentner mit dem auftoupierten Haar
herum zu "Don't stop till you get enough"
in seinem hautengen Latex-Turnanzug?
Ich dachte, das sei eine Beerdigung?
Shamon, das ist schon starker Scheiß:
MJ, Peter Pan und die Tiny Toons machen 'ne Pyjama-Party,
während sich Michael selbst krönt und zum Ritter schlägt
mit seinem Zauberschwert und verkündet
"Ich bin das Ur-Ich in dir und mir"
Aus dem Englischen von Christiane Rietz