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Plagiate-Plattform Vroniplag : Ein Mann geht seinen Weg

  • -Aktualisiert am

„Wir wollen deine Pressearbeit nicht mehr”: Martin Heidingsfelder ist bei Vroniplag nicht mehr angesagt Bild: dpa

Martin Heidingsfelder gründete „Vroniplag“, und er suchte die Öffentlichkeit. Anfangs sollte es nur um die Plagiate gehen. Doch am Ende steht er im Mittelpunkt - und die Community gegen ihn.

          Seinem großen Ziel, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben, ist Martin Heidingsfelder in den vergangenen Wochen ein ganzes Stück näher gekommen. Kürzlich noch war er Goalgetter, ein Pseudonym ohne Gesicht, der Mann, der Ende März das Wiki „Vroniplag“ angelegt hat, einer von vielen in dem, was die Medien Schwarm nennen. Heute ist er Martin Heidingsfelder, von dem es Agenturbilder gibt und ein Golfplatzfoto im „Spiegel“, der Mann, der „Vroniplag“ gegründet hat. Ein paar Monate nur hat diese Wandlung gedauert. An ihrem Ende stehen ein 46 Jahre alter Mann, den die Nachwelt googeln kann, eine Menge Journalisten, die den idealen Protagonisten gefunden haben – und die Community, die dem Ganzen fassungslos zusieht.

          Um zu verstehen, was geschehen ist, muss man einen Blick zurückwerfen ins Frühjahr. Am 1. März tritt Karl-Theodor zu Guttenberg von seinen politischen Ämtern zurück, nachdem zahllose Aktivisten im Wiki „Guttenplag“ wochenlang seine Dissertation auseinandergenommen und auf fast jeder Seite Plagiate gefunden haben. Ein Wiki ist eine Plattform im Internet, auf der kollaborativ gearbeitet wird: Jeder kann mitmachen, Personen treten hinter Sachverhalte zurück, es geht um das Ergebnis. Im Fall Guttenberg war das Ergebnis eindeutig, die Aktivisten hatten es dokumentiert. Das reichte den meisten von ihnen. Doch Heidingsfelder nicht: Er wollte „Druck machen“, „politische Forderungen stellen“, wie er es ausdrückte.

          Als es um Personen ging, wurden viele skeptisch

          Damals, im Frühjahr, beteiligte er sich aber auch noch an der Dokumentation der Plagiate. Und als er auf den Fall Veronica Saß stieß, witterte er den nächsten Skandal. Doch die anderen zögerten, manchen erschien es angesichts der Katastrophe in Japan auch unangemessen, gerade jetzt mit so etwas an die Presse zu gehen. „Nichts passierte. Das hat mich geärgert, dass es so lange gedauert hat“, sagte Heidingsfelder wenige Wochen später. Da hatte er schon „Vroniplag“ angelegt, ein schmuckloses Wiki, bei dem aber ein eigenes Formular für Presseanfragen nicht fehlte. Viele „Guttenplag“-Nutzer folgten ihm dann doch, denn an der Sache waren sie interessiert: daran, den Fall Saß zu bearbeiten und später auch die Dissertation von Silvana Koch-Mehrin. Dass Martin Heidingsfelder sich um die Pressearbeit kümmerte, nahmen sie zur Kenntnis und störten sich zunächst nicht daran. Die Ergebnisse sollten ja bekannt werden. Erst, als es um Personen ging, wurden viele skeptisch.

          Der Wunsch der Medien nach Gesichtern kommt ihnen in ihrem Fall altmodisch vor, so, als ginge es um ein Unternehmen mit einem repräsentierenden Chef und nicht eben um eine Gruppe, die verschwinden will hinter den Ergebnissen ihrer Arbeit: Dokumentationen, die für jedermann nachprüfbar seien, wie sie betonen. Nicht Meinungen, die Gesichtern und Namen zugeordnet werden müssten. Doch Heidingsfelder war bereit, sich mit Journalisten zu treffen. Er war derjenige, der die Mails beantwortete, die über das Formular für Presseanfragen kamen, er antwortete schnell und freundlich und war zu Treffen gern bereit (F.A.Z. vom 14. Mai).

          Pressearbeit ohne das Wissen der Community

          Als wir mit ihm verabredet waren, am 30. April um 14 Uhr in Erlangen, rief er um 13.34 Uhr auf den Handy an: ob man schon da sei, er einen vom Bahnhof abholen solle. Wenige Minuten nach dem Gespräch im Café, für das er sich vier Stunden Zeit nahm, dankte er per SMS für die Einladung zum Kaffee. Und einige Tage später, als er einmal auf dem Handy nicht erreichbar war, schickte er wieder eine SMS: „War auf der anderen Leitung“, es folgte seine Festnetznummer. Martin Heidingsfelder kümmerte sich gut um die Journalisten, auch wenn sie sich für ihn, nicht nur für „Vroniplag“ interessierten. Ihm gefällt die Macht der Medien. „Als es noch kein Internet gab, habe ich den ganzen Montag vor dem ,Spiegel‘ verbracht“, sagte er beim Treffen im April; die investigativen politischen Geschichten begeisterten ihn. Nun konnte er selbst Protagonist sein, Anerkennung finden. Andere Nutzer willigten daraufhin ein, auch mit der Presse zu reden, damit nicht nur Heidingsfelder das Wiki repräsentierte.

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