22.07.2010 · Sie sind inzwischen fast so häufig wie das klassische Modell: Patchworkfamilien. Nun ist sogar eine ins Schloss Bellevue eingezogen. Aber wo bleiben die Romane zur neuen gesellschaftlichen Realität?
Von Felicitas von LovenbergStiefmütter hatten noch nie einen guten Ruf. Schon Euripides seufzte mit der ganzen Erfahrung des Tragödiendichters, eine Schlange sei ihm lieber. Sprichwörtlich ist jede Stiefmutter des Teufels Unterfutter, und aus den Märchen kennt sie jedes Kind nur als böse. Da hilft es nicht, dass Angela Merkel eine ist, Carla Bruni oder Camilla Mountbatten-Windsor, vormals Parker-Bowles. Das könnte indes auch damit zu tun haben, dass die Bundeskanzlerin zwar zu den beiden Söhnen ihres Mannes herzensgut sein mag, mit ihren Parteigenossen aber eher stiefmütterlich umzugehen scheint, während für die beiden anderen Damen gilt, dass eine erwiesene Begabung zur Mätresse der anschließenden Berufung zur Stiefmutter öffentlich noch nie zuträglich war.
Aber da die Wiederheirat längst kein männliches Privileg mehr ist und die Stiefväter inzwischen so zahlreich sind wie ihr weibliches Pendant, wird das unheilvolle Präfix „Stief-“ zusehends aus dem Sprachgebrauch verbannt. Lieber spricht man modisch anglisiert von Patchwork-Familien – ein Begriff, den, ähnlich wie das Handy, im angelsächsischen Sprachraum übrigens kaum jemand versteht, wo man eher von „blended“ oder „step families“ redet. Als Patchworkfamilie gelten alle, in denen mindestens ein Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung in die neue Lebensgemeinschaft mitbringt – sei es Tag für Tag oder nur jedes zweite Wochenende. Gerhard Schröder ist ein Patchworker, Nicolas Sarkozy, Boris Becker, der norwegische Kronprinz Haakon und gefühlte drei Viertel Hollywoods sind es. Und jetzt tritt mit Christian Wulff sogar das Staatsoberhaupt den Beweis an, dass Frauen mit Vergangenheit und Männer mit Zukunft auch mit Anhang eine ideale Mischung ergeben.
Wie häufig das Modell Patchworkfamilie geworden ist, kann jeder am eigenen Umfeld feststellen. Im Kollegenkreis sind es neun, im Freundeskreis zehn und in der Klasse der zwölfjährigen Stieftochter fünf. Und das sind eher niedrige Zahlen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge wächst in Deutschland bereits jedes vierte Kind zeitweise in sogenannten alternativen Lebensformen auf, also bei Noch-Alleinerziehenden oder Schon-Patchworkern. Kein Wunder, dass eine Dreijährige jüngst mit dem der Realität angepassten Abzählreim „Verliebt, verlobt, verheiratet, geschiiieden – wie viele Kinder willst du kriiiegen?“ aus dem Kindergarten kam, während Schulanfänger berichten, dass beim Kennenlernen eine der ersten Fragen lautet: „Und, sind deine Eltern noch zusammen?“
Patchworker oberster Stelle
Die Patchworkfamilie ist also keine Ausnahme mehr, sondern Normalität – was auch damit zu tun haben dürfte, dass die Scheidungskinder der siebziger und achtziger Jahre inzwischen selbst ein- bis zweimal geheiratet haben. Bald schon dürften die Patchworker ebenso häufig sein wie die klassische Familie. In amerikanischen Großstädten soll es bereits jetzt mehr Patchwork- als klassische Familien geben (und nach wie vor mehr Singles als beide zusammen). Dennoch wird jenseits der Unterhaltungsindustrie und des Boulevards auffallend wenig über sie berichtet – oder wenn, dann dient Patchwork nur als Stichwort für moderne Familienführung.
So gereichte es dem frischgewählten katholischen Bundespräsidenten Christian Wulff nachgerade zum Ausweis von Weltläufigkeit, dass er eine Tochter aus erster Ehe hat, dass seine zweite Frau Bettina einen unehelich geborenen Sohn mit in die Ehe brachte und die beiden ein gemeinsames Kind haben, dessen Vorname Linus die meisten eher an die Cartoonfigur aus den „Peanuts“ erinnert denn an den zweiten Papst. Solange ihre Ikone Karl-Theodor zu Guttenberg sich nicht scheiden lässt, können die neuen, gediegen-flexiblen Konservativen mit einem Patchworker als Staatsoberhaupt gut leben.
Nähte und Narben
Ganz wie der Quilt, von dem das Flickwerk-Modell seinen Namen hat, sind diese Familien auf Erweiterung angelegt; hier kommt zusammen, was nicht zusammengehört, und indem man aus unterschiedlichen Nöten eine gemeinsame Tugend macht, ergibt das Ganze ein neues, buntes, fröhlich wirkendes Muster, das Geborgenheit ausstrahlt. Nur dass in Patchwork auch Arbeit steckt. Und dass jede Naht, die das Flickengewebe zusammenhält, hier zugleich eine Narbe ist.
Kinder in Patchworkfamilien, das sind die mit den doppelten Müttern, den Ersatzvätern und den vielen Großeltern, die einander noch nie begegnet sind. Die mindestens zweimal Weihnachten und Geburtstag feiern und in den Ferien erst mit Mama und deren zweitem Mann nach Südfrankreich und dann mit (dem nach der Scheidung oft verarmten) Papa und seiner Freundin an die Ostsee fahren. Manche bekommen auf diese Weise zunächst Geschwister, mit denen sie gar nicht verwandt sind, und später vielleicht noch Halbgeschwister, die sie an einen Ur-Zustand von Familie erinnern, den sie verloren haben. Wichtig ist, dass alle Beteiligten zu allen Entwicklungen möglichst gute Miene machen – vielleicht daher die auffällige Verbreitung unter Politikern und Schauspielern.
Fragile Verhältnisse
Als es in den achtziger Jahren losging, nannte man das Phänomen gutbürgerlich deutsch „Ich heirate eine Familie“ und machte eine rührende Vorabendserie mit Thekla Carola Wied daraus; inzwischen heißt das Modell nach amerikanischem Filmvorbild eher „Deine, meine, unsere“, sieht lustig aus und auf chaotische Weise kuschelig. Aber dass es immer mehr Patchworkfamilien gibt, heißt keineswegs, dass sie auch immer besser funktionieren. Im Gegenteil: Je mehr Beispiele die Statistik füttern, desto heikler scheint die Aussicht auf stabile Verhältnisse. Die Hälfte aller Patchworkfamilien geht wieder in die Brüche – und bringt so immer neue hervor.
Das dürfte nicht nur mit den besonderen Belastungen und Herausforderungen zu tun haben, denen Familienmitglieder in solchen Konstellationen ausgesetzt sind, sondern auch mit der Erfahrung des Scheiterns, die ihnen zugrunde liegt: Die schlimmste Scheidung ist immer die erste. Das tut der idealistischen Annahme, dass beim nächsten Mal alles anders sein könnte, aber offenbar keinen Abbruch. Die Ehe ist jedenfalls durch die sich mehrenden Patchworker nicht, wie oft behauptet wird, in Gefahr. Kinder sind eben eine konservative Kraft: Von den rund zwölf Millionen Familien mit Kindern in Deutschland sind knapp achtzig Prozent (wieder-)verheiratet. Nur bei zwei Prozent aller Patchworkehen war ein Elternteil zuvor verwitwet.
Der perfekte zweite Anlauf
Wer sich mit einer Frau oder einem Mann samt Anhang zusammentut, weiß zwar theoretisch, was das bedeutet, aber praktisch eben nicht: Das belegen die Postings in den zahlreichen Internetkummerkästen für Stieffamilien. Ein besonderes Mitteilungsbedürfnis scheinen jene zu haben, deren Partner Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringen. Viel wird im Netz geschrieben über die Last, immer in der Minderzahl zu sein, und die bittere Erfahrung, dass die Wahlverwandtschaft einer neuen Beziehung letztlich immer schwächer ist als die Bindung zum eigenen Kind. Darum wird in Patchworkfamilien, wenn gemeinsame Kinder ausbleiben, besonders häufig adoptiert.
Dass die Patchworker immer zahlreicher, aber dabei nicht dauerhaft glücklicher werden, dürfte vor allem daran liegen, dass ihnen noch keiner so recht vorgemacht hat, wie das gehen könnte. Gerade für diese Familienform fehlt es bislang an Vorbildern und Mustern jenseits von Klischees. Dabei benötigt sie diese Gruppe besonders: Weil die Trennung der Eltern auf Kinder später bekanntlich ansteckend wirkt, wollen die Patchworker wenigstens im zweiten Anlauf vorbildlich sein.
Im Kino werden die Kinder als Kuppler eingesetzt, um den tragischen Verlust eines Elternteils mit romantischem Happy End zu kompensieren; an diesem Erfolgsrezept hat sich seit Klassikern wie „Witwer mit fünf Töchtern“ und „Hausboot“ über die Serie „Brady Bunch“ und „Mrs. Doubtfire“ bis zu „Tage wie dieser“ oder „Nanny McPhee – Eine zauberhafte Nanny“ wenig geändert – außer, dass die Eltern, anstatt zu sterben, sich inzwischen gelegentlich tatsächlich scheiden lassen dürfen. Dank Film, Funk und Fernsehen stehen die Patchworker aber immerhin im Ruf, Menschen mit viel Humor zu sein. Ein Film wie „Stepmom“ (auf Deutsch „Seite an Seite“, 1998), der sich dem Konkurrenzverhältnis zwischen leiblicher Mutter und Stiefmutter zwar mit Melodramatik, aber auch Ernsthaftigkeit nähert, ist in Hollywood die Ausnahme geblieben.
Das böse Stiefkind
Verwunderlicher ist, dass auch die Literatur dem Thema bisher ausweicht – ausgerechnet die Literatur, die der Familie von jeher ihre stärksten Geschichten verdankt und die von Ödipus bis Phädra gerade den tragischen Folgen der Wiederheirat ihre ältesten und kraftvollsten Stücke abgerungen hat, versagt den Patchworkern Identifikationsfiguren oder wenigstens den tröstlichen Blick in den Spiegel der Fiktion – sieht man einmal ab vom verzückten Ausmalen der Stiefmutter als Venusfalle wie bei Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa. Die wenigen Romane, die sich mit dem Thema Patchworkfamilie beschäftigen, stammen in der Regel aus Großbritannien oder Amerika, gehören zur Unterhaltungsliteratur und sind von Frauen geschrieben, die bereits Großmütter sind oder die Probleme jedenfalls aus ähnlich weiser Distanz betrachten können – wie zum Beispiel Joanna Trollope in „Anderer Leute Kinder“ (1999).
Schriller in der Schilderung, aber auch schärfer in der Beobachtung ist Fay Weldons kürzlich erschienenes „Tagebuch einer Stiefmutter“ – was auch immer es bedeuten mag, dass Kundinnen, die dieses Buch bei Amazon kauften, dort ansonsten auf blutdürstigste Kriminalromane aus waren. Abgesehen davon, dass Weldon geradezu genüsslich die Erkenntnis bestätigt, dass Großeltern und Enkelkinder sich vor allem deshalb so gut verstehen, weil sie dieselbe Feindin haben – die Mutter –, liefert die britische Feministin in ihrem Roman noch eine andere gnadenlos treffende Analyse: „Der Archetyp hat sich geändert. Böse Stiefkinder sind heute weiter verbreitet, als es böse Stiefmütter je waren. Nicht mehr Hänsel und Gretel irren Hand in Hand durch den Wald, vielmehr wimmeln die Wälder von einsamen, weinenden zweiten Frauen. Hänsel und Gretel bleiben zu Hause im Warmen.“
Anders ausgedrückt: Die böse Stiefmutter war einmal. Aber großer Jubel darüber wäre verfrüht. In ihrem langen Schatten haben die Gegenspieler jahrelang unbemerkt ihre Revanche geprobt: die verzogenen, durchtriebenen und durch eigenen Kummer gestählten Stiefkinder. Was von Fay Weldon hemmungslos durchdekliniert wird, nämlich die Unterlegenheit der zweiten Frau gegenüber den Kindern ihres Partners und das Erziehungsvakuum der zwischen Mutter und Vater pendelnden Kinder, ist keineswegs bloße Utopie.
Nöte eines Teilzeitvaters
Wie verlockend die Vorstellung ist, die Opferrolle des Stiefkinds abzustreifen, sie gar in ein Machtinstrument zu verwandeln, zeigt der bemerkenswerte Erfolg des im letzten Jahr erschienenen Jugendbuchs „Der Schneewittchen-Club“ von Lily Archer. Dort entdecken drei eigentlich verfeindete Girlies, dass sie alle von ihren fiesen Stiefmüttern ins Internat verbannt wurden – und sinnen gemeinsam auf Rache. Die Szenarien beider Autorinnen kann man auch im Internet finden: Dort tauschen sich längst nicht nur überforderte Zweitfrauen über die Unsicherheiten im mitunter schwierigen Umgang mit ihren „Beutekindern“ aus, sondern es gibt auch zahlreiche Jugendforen, wo sich unglückliche Kinder unter verräterischen Decknamen wie „Kleines Monster“ oder „Oberzicke“ in der Gegnerschaft zu ihren jeweiligen Stiefmüttern verbünden.
So einseitig die weibliche Sicht oft daherkommt – die männliche Perspektive ist bisher praktisch gar nicht vertreten. Mit Thomas Hettches „Die Liebe der Väter“ erscheint in Kürze endlich der erste literarisch gewichtige Roman über die Nöte eines Teilzeitvaters, der seine Tochter nur selten sieht. Verpackt in die Schilderung einer Winterferienwoche auf Sylt, ist der Roman eine Reflexion über die Schwierigkeit, ein Verhältnis größter Nähe über zeitliche und räumliche Distanz hinweg zu bewahren, und über die Reue und die Schuldgefühle, die darin immer mitschwingen. „Erst unser Versagen gegenüber unseren Kindern richtet sie fürs Erwachsenwerden her“, denkt der Erzähler einmal, als er seine Tochter ins Bett bringt.
In den Schwierigkeiten dieses Vater-Tochter-Verhältnisses spiegelt Hettche auch die jener Beziehung, die es überhaupt hervorgebracht hat. Das Eingeständnis, dass die innige Liebe zum Kind und die Abneigung gegen den früheren Partner in Patchworkfamilien häufig nah beieinanderliegen, gehört zur Aufrichtigkeit dieses bemerkenswerten Romans. Wenn die Literatur den Anschluss an die Lebenswirklichkeit nicht verpassen will, wird es Zeit, dass auch andere Schriftsteller Hettches Beispiel folgen.
Ohne Knete keine intime Fete
Herold Binsack (Devin08)
- 22.07.2010, 13:34 Uhr
Wo bleibt die Wahrnehmung...
Marco Vogt (VogtNuernberg)
- 22.07.2010, 13:46 Uhr
"Patchwork" war schon immer ganz normal.
Alex Zunker (zunker)
- 22.07.2010, 14:45 Uhr
Ein Gymnasiast mit verheirateten Eltern
Andreas Wolf (Lobo1962)
- 22.07.2010, 14:51 Uhr
@Marco Vogt?
Alex Zunker (zunker)
- 22.07.2010, 15:00 Uhr
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
Jüngste Beiträge