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Patchworkfamilien : Die böse Stiefmutter war einmal

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Sie sind inzwischen fast so häufig wie das klassische Modell: Patchworkfamilien. Nun ist sogar eine ins Schloss Bellevue eingezogen. Aber wo bleiben die Romane zur neuen gesellschaftlichen Realität?

          Stiefmütter hatten noch nie einen guten Ruf. Schon Euripides seufzte mit der ganzen Erfahrung des Tragödiendichters, eine Schlange sei ihm lieber. Sprichwörtlich ist jede Stiefmutter des Teufels Unterfutter, und aus den Märchen kennt sie jedes Kind nur als böse. Da hilft es nicht, dass Angela Merkel eine ist, Carla Bruni oder Camilla Mountbatten-Windsor, vormals Parker-Bowles. Das könnte indes auch damit zu tun haben, dass die Bundeskanzlerin zwar zu den beiden Söhnen ihres Mannes herzensgut sein mag, mit ihren Parteigenossen aber eher stiefmütterlich umzugehen scheint, während für die beiden anderen Damen gilt, dass eine erwiesene Begabung zur Mätresse der anschließenden Berufung zur Stiefmutter öffentlich noch nie zuträglich war.

          Aber da die Wiederheirat längst kein männliches Privileg mehr ist und die Stiefväter inzwischen so zahlreich sind wie ihr weibliches Pendant, wird das unheilvolle Präfix „Stief-“ zusehends aus dem Sprachgebrauch verbannt. Lieber spricht man modisch anglisiert von Patchwork-Familien – ein Begriff, den, ähnlich wie das Handy, im angelsächsischen Sprachraum übrigens kaum jemand versteht, wo man eher von „blended“ oder „step families“ redet. Als Patchworkfamilie gelten alle, in denen mindestens ein Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung in die neue Lebensgemeinschaft mitbringt – sei es Tag für Tag oder nur jedes zweite Wochenende. Gerhard Schröder ist ein Patchworker, Nicolas Sarkozy, Boris Becker, der norwegische Kronprinz Haakon und gefühlte drei Viertel Hollywoods sind es. Und jetzt tritt mit Christian Wulff sogar das Staatsoberhaupt den Beweis an, dass Frauen mit Vergangenheit und Männer mit Zukunft auch mit Anhang eine ideale Mischung ergeben.

          Wie häufig das Modell Patchworkfamilie geworden ist, kann jeder am eigenen Umfeld feststellen. Im Kollegenkreis sind es neun, im Freundeskreis zehn und in der Klasse der zwölfjährigen Stieftochter fünf. Und das sind eher niedrige Zahlen. Dem Statistischen Bundesamt zufolge wächst in Deutschland bereits jedes vierte Kind zeitweise in sogenannten alternativen Lebensformen auf, also bei Noch-Alleinerziehenden oder Schon-Patchworkern. Kein Wunder, dass eine Dreijährige jüngst mit dem der Realität angepassten Abzählreim „Verliebt, verlobt, verheiratet, geschiiieden – wie viele Kinder willst du kriiiegen?“ aus dem Kindergarten kam, während Schulanfänger berichten, dass beim Kennenlernen eine der ersten Fragen lautet: „Und, sind deine Eltern noch zusammen?“

          Patchworker an oberster Stelle: Christian Wulff und Ehefrau Bettina
          Patchworker an oberster Stelle: Christian Wulff und Ehefrau Bettina : Bild: APN

          Patchworker oberster Stelle

          Die Patchworkfamilie ist also keine Ausnahme mehr, sondern Normalität – was auch damit zu tun haben dürfte, dass die Scheidungskinder der siebziger und achtziger Jahre inzwischen selbst ein- bis zweimal geheiratet haben. Bald schon dürften die Patchworker ebenso häufig sein wie die klassische Familie. In amerikanischen Großstädten soll es bereits jetzt mehr Patchwork- als klassische Familien geben (und nach wie vor mehr Singles als beide zusammen). Dennoch wird jenseits der Unterhaltungsindustrie und des Boulevards auffallend wenig über sie berichtet – oder wenn, dann dient Patchwork nur als Stichwort für moderne Familienführung.

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