28.08.2009 · Pandas Lieblinge: Chun Sue ist eine junge alte Matadorin in der chinesischen Popliteratur - und glaubt nicht mehr an die Welt der Männer.
Von Oliver Jungen
Konsumrebellen machten in den wachstumsbesoffenen Neunzigern Chinas Altvorderen das Leben schwer. Dabei wusste die abgemeldete Klasse längst, dass der Prada-Avantgarde die Zukunft gehörte. Konsum, das war mehr als Endverbraucherstolz: eine mit Lippenstift unterzeichnete Autonomieerklärung, völlig unberührt von der Frage, ob der Fetischcharakter der Ware nicht ein dunkles Geheimnis birgt. Frech ging man ein Bündnis mit dem Imaginären des Kapitalismus ein, gegen das die feinste Lumpenideologie keine Chance mehr hatte.
Der Markenkult war verbunden mit anderen Eruptionen des Individualismus: Welche Haarfarbe man wählte, welche Musik man hörte, mit wem man schlief und mit wie vielen, das ließ sich nicht mehr zentral steuern in einer Wettbewerbsgesellschaft. Den bis dahin zensurstrangulierten Literaturbetrieb enterten junge Frauen mit hautenger Partyprosa. Die geklont klingenden Titel, babylonische Verheißungen, unterliefen die Kontrolle: "Shanghai Baby" von Zhou Wei Hui, "Peking Girls" von Annie Wang, um nur zwei Klassiker zu nennen.
Mian Mian, noch so eine nachtaktive Großstadtkatze, kann gar nicht mehr aufhören, ihre stürmende und drängende Generation zu feiern: Zwölf Jahre nach der lasziven Kurzgeschichtensammlung "La la la" und neun Jahre nach ihrem ersten Roman "Candy" ist soeben ihre jüngste Schlafzimmerphantasie erschienen: "Panda Sex". Darin geht es freilich vorgeblich um eine Problematisierung der jungen chinesischen Sexualität, denn diagnostiziert wird ein erschreckender Knick im Bambus.
Doch was passiert, wenn junge Frauen am Enthusiasmus zweifeln? Es kommen noch jüngere Frauen und lassen ihn wiederaufleben. Vor einem Jahrzehnt etwa übernahm die in den Achtzigern geborene Autorengeneration den Underground. Zu Chinas Popqueen 2.0 avancierte die verwöhnte Edelpunkgöre Chun Sue. Mit siebzehn hat die Schulabbrecherin 2002 den halbautobiographischen Schulabbrecherinnenroman "Beijing Doll" verfasst, in dem das Titelpüppchen durch Bars und Betten der Hauptstadt turnt. Allzu wild geht es dabei für westliche Geschmäcker nicht einmal zu. Doch war die chinesische Literatur Sätze wie diesen immer noch nicht gewohnt: "Denn alles Bisherige waren nur ,Fick'-Verhältnisse gewesen, die über ein bestimmtes Maß an Nähe nie hinausgingen." Ohne Nähe und doch distanzlos - diese Überdosis Intimität führte dazu, dass sich der Roman innerhalb weniger Wochen hunderttausendmal verkaufte und von der Zensurbehörde noch im Erscheinungsjahr auf den Index gesetzt wurde. Seither freuen sich die Raubdrucker über blendende Absätze.
Inzwischen aber ist die Kosmetikrevolte endgültig vorbei, der chinesische Markt so diversifiziert wie alle anderen. Was ist aus der letzten Konsumliteratin geworden? Wir treffen sie in einem der atmosphärischen Pekinger Privatbuchläden mit angeschlossener Bar, welche nach und nach die staatlichen Neonlichtbaracken ablösen. Heute ist der quietschbunte Aufmüpfigenlook einem braven Äußeren gewichen, doch der Frühling ist geblieben: von Blumen übersät das Kleid, dazu zwei große gelbe Blütenohrringe. Elegant, sexy und schwer toposverdächtig hält Chun Sue die Zigarette, mehr Colette als Kathy Acker, steht manchmal mitten im Satz auf und schlendert lässig zur Bar. Da sitzt man dann blöde mit dem Übersetzer, der nur antwortet: "Oh, my opinion is not important." Immer aber kommt sie zurück, bevor man aufgeben würde.
Wie bitte? Autobiographisch solle ihr Buch gewesen sein, fragt Chun Sue zurück. Gespielte Überraschung. Na ja, so behauptet es der Klappentext in sechzehn Sprachen. Das Grinsen wird noch breiter. Verdammt, also gut, Frage zurückgezogen. "Ein Roman", sagt sie jetzt im Proseminar-Tonfall, "ist ein Roman, kein Tagebuch." Ist ja gut. Vielleicht hätte man nur gerne, dass Szenen wie diese authentisch wären: ",Wieso hast du dich gerade nicht hingesetzt, als ich dich darum gebeten habe? Du solltest mich vor der Polizei schützen!' Ich sah ihn schweigend an. Ein ausgewachsener Mann lässt sich von einem Schulmädchen beschützen, von so einem Mangel an Ehrgefühl hörte ich zum ersten Mal. Es war wohl an der Zeit, ihn zu verlassen. Sollte er sich doch eine ausländische Tussi suchen." Die Verwestlichung braucht östliche Ehre, die Luschen werden exportiert. Kompromissbereit schickt Chun Sue noch hinterher: "Meine Erfahrungen sind es aber schon."
Vier Romane hat sie verfasst, eine Gedichtedition herausgegeben, zweimal als Magazinredakteurin gearbeitet, aber wieder gekündigt, weil die Bezahlung zu schlecht war. Mit einer gedruckten Kolumne und ihrem Blog "Rasantes Leben", in dem sie den chinesischen Alltag von Lifestyle bis Politik kommentiert, erreicht sie eine riesige Leserschaft. Zurzeit arbeitet sie an einem neuen Roman, einer Road Story, über die sie aber noch nichts erzählen will. Fünfundzwanzig Jahre ist sie jetzt alt. In China wurde der staatliche Autorenlohn für "professionelle Mitglieder" des Schriftstellerverbands vor einigen Jahren weitgehend abgeschafft. Chun Sue kann trotzdem von ihren Texten leben: "Seit meinem ersten Buch, seit sieben Jahren also, habe ich nicht einen Yuan ausgegeben, den ich nicht mit dem Schreiben verdient habe."
Das ist beachtlich, weil nicht nur das erste, sondern auch gleich das zweite Buch in China verboten wurde und der Autorin kein Geld einbrachte. Ach, die Zensur, sagt sie, das sei ihr ziemlich egal. Zwar sei sie so ständig versucht, extra Verbotenes zu sagen, aber sie halte sich dann doch an die Regeln. Sensible Wörter deutet sie lediglich an, statt "Regierung" schreibt sie "XX". Funktioniere ja auch. Und mit der Sexualität sei es so: "Verboten ist nur Sex, der keine tragende Rolle für die Handlung spielt." Davon gibt es in ihren frühen Romanen allerdings eine Menge. Prompt wurde im letzten Jahr auch der Verkauf von "Beijing Doll" wieder gestoppt, nachdem der Verlag einen neuen Publikationsversuch unternommen hatte: "Zehntausend Exemplare waren immerhin schon weg."
Die Zensurfrage aber langweilt Chun Sue fast noch mehr als die Autobiographiefrage: "In keinem Land der Welt kann man schreiben, was immer man will." In den meisten Ländern gibt es dafür aber wenigstens Begründungen. "Stimmt", sagt die Autorin, "es besteht keine direkte Kommunikation zwischen der Zensurbehörde und den Autoren. Aber irgendwie lassen die Zensoren dir die Gründe für das Verkaufsverbot doch zukommen." Ob man denn nicht auch profitieren könne von einem Verbot? "Im Westen gilt das bestimmt, aber nicht in China: Die Verlage werden sich zweimal überlegen, dein nächstes Buch zu verlegen." Die Poplady schaut aus dem Fenster, zur Bar, an die Decke. Attitüde, klar. Aber auch klar ist: Wenn die nächste Frage wieder öde ist, haut sie ab.
Ich habe Glück, über ihren Film will sie reden. "Panda Candy" heißt der (als sei er ein Mian-Mian-Kommentar), wurde vor zwei Jahren gedreht, und ein Musiker-Freund führte Regie: Peng Lei von der Pekinger New-Wave-Band "New Pants". Er handelt von zwei Mädchen - das eine, von Chun Sue gespielt, heterosexuell, das andere homosexuell -, die enttäuschende Liebschaften durchleben und am Ende zueinanderfinden. Ein feministisches Statement? Ist China vielleicht auf dem Weg von der männlichen zur weiblichen Herrschaft? "Ist eigentlich nur ein komischer Film." Aber das Thema ist Chun Sue dann doch wichtiger als Coolness: Da werde sich viel tun in den nächsten Jahren. Bei weiblicher Selbstbestimmung halte sich die Zensur schon heute merklich zurück. Die Frauen sind auf dem Vormarsch.
Warum wurde eigentlich bislang nur "Beijing Doll" (deutsch: "China Girl", 2006) übersetzt? Chun Sue erwartet, dass sich das nun ändert. Nicht zuletzt deshalb ist sie im vergangenen Jahr in den überalterten Schriftstellerverband eingetreten. Dieser ist gemeinsam mit der General Administration of Press and Publications (GAPP) auch für die Autorenauswahl für die Frankfurter Buchmesse zuständig. Ein chinesischer Widerspruch, sich von der Zensurbehörde GAPP die Bücher verbieten zu lassen und trotzdem in den Schriftstellerverband einzutreten? "Hier gehört doch alles zur Regierung", rechtfertigt sich Chun Sue leicht genervt, "aber dieses Gremium kommt mir trotzdem sehr positiv vor. Außerdem sind viele meiner Freunde drin."
Gelohnt hat sich der Eintritt jedenfalls, denn prompt gehörte sie zu den Auserwählten, die in Frankfurt die heutige chinesische Literatur repräsentieren sollen. Verdientere, kritische Autoren wie Yan Lianke - selbst Mitglied im Schriftstellerverband - müssen dagegen zu Hause bleiben. Sein verbotenes Buch "Dem Volke dienen" halte sie für einen der großen Würfe in der chinesischen Gegenwartsliteratur, sagt auch Chun Sue. Daher mache sie sich um Yan keine Sorgen: "Der hat eine Menge mehr Chancen als ich."
Wie sie sich dann hinsetzt, zeigt eindeutig: Fragestunde vorbei. Ob man sich später im Punk-Club "D-22" sieht, möchte ich beiläufig noch wissen. Das ist nicht nur die erste Rock-Adresse Pekings, sondern liegt auch noch einfach auf der anderen Straßenseite. Zum ersten Mal blitzt in Chun Sues Frühlingsaugen so etwas wie Respekt für diesen Interviewer auf. "Klar", sagt sie, "ich komme nach."