16.06.2010 · James Joyces „Ulysses“ wird nach 75 Jahren abermals zensiert, diesmal von Apple. Der iTunes-Anbieter stieß sich an den Nacktszenen einer Comic-Bearbeitung. Am Ende ist der Konzern aber doch eingeknickt: Wie Comics und Magazine aufs iPad kommen.
Von David GernGestern, am 16. Juni, war wieder Bloomsday. Benannt nach Leopold Bloom, Hauptfigur des „Ulysses“, dem Jahrhundertroman von James Joyce. Dessen Bewunderer suchen an diesem Tag all jene Stellen Dublins auf, die Bloom und die anderen Figuren am 16. Juni des Jahres 1904 passieren. Sie nehmen ein Bad am Forty Foot, kaufen Zitronenseife bei Sweny's am Lincoln Place und genehmigen sich ein Glas Burgunder und ein Gorgonzolabrot bei Davy Byrne's. Beliebtester Programmpunkt sind die „Pub-Crawls“, die exzessiven Kneipentouren, an deren Ende die Teilnehmer nur noch kriechen.
An einem Bloomsday war es auch, als Robert Berry auf die Idee kam, einen „Ulysses“-Comic zu schreiben. Was mit zwanzig in Bierlaune entstandenen Kritzeleien begann, wuchs zu einem großen Projekt. Josh Levitas kam als zweiter Zeichner dazu. Der Comic sollte nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung des Romans verstanden werden. „Ich habe fünf Mal versucht, das Buch zu lesen, bevor ich es endlich geschafft habe. Ich hätte Hilfe gut gebrauchen können“, sagt Robert Berry. Schnell wurde deutlich, dass sich das Vorhaben am besten im Internet umsetzen ließ. „Ulysses Seen“, wie das Stück nun heißt, ist mit zahlreichen Anmerkungen und Erläuterungen ausgestattet. Foren ermöglichen den Austausch mit anderen Lesern. Fährt man mit der Maus über fremdsprachige Passagen, bekommt man sofort eine Übersetzung (ulyssesseen.com).
Robert Berry hatte sein Werk vor allem für Apples iPad geplant. Dort sollte man es kostenlos herunterladen können. Doch die Geschichte wiederholte sich: Schon beim Erscheinen von „Ulysses“ vor mehr als 75 Jahren hatte es in den Vereinigten Staaten Rufe nach Zensur wegen der angeblichen Obszönität des Romans gegeben. Apple schien an die Tradition anknüpfen zu wollen. Man verhinderte, dass der Comic geladen werden konnte, und forderte Berry auf, die Abbildung der entblößten Brüste einer Milchfrau zu entfernen. Zudem stieß sich Apple an einer Szene, in der Buck Mulligan, eine Hauptfigur des Romans, nackt ins Meer springt. Mit ähnlichen Forderungen sahen sich die Macher eines Oscar Wilde-Comics konfrontiert. Sie sollten das Bild eines küssenden schwulen Pärchens entfernen.
„Wir machen das aber nur im Unterhaltungsbereich“
Apples „No-Nipple-Policy“ soll Pornographie bannen. Was löblich klingt, ist der Weg zur Zensur. Was in den Vereinigten Staaten als pornographisch gilt, muss bei uns nicht so eingeschätzt werden. „Stern.de“ bekam das zu spüren, als Apple das „stern“-App für zwei Wochen sperrte - wegen einer erotischen Fotostrecke, die in Deutschland die Freigabe „ab zwölf Jahren“ bekam. Wolfgang Fürstner, der Geschäftsführer des Zeitschriftenverlegerverbands, hat im März in einem offenen Brief an Steve Jobs auf unterschiedliche Verständnishorizonte verwiesen.
„Wir leben in einer multikulturellen Welt. Das bedeutet, dass Inhalte, die in einem Land völlig akzeptabel sind, in einem anderen als ungeeignet erscheinen können“, schrieb Fürstner. Eine Antwort hat er bis heute nicht. Bei stern.de zog man die Konsequenz und verzichtet auf bestimmte Inhalte. „Wir machen das aber nur im Unterhaltungsbereich. Wenn es um Nachrichten geht, würden wir uns nicht zensieren lassen“, sagt Christian Hasselbring, Geschäftsführer von stern.de.
„Ein Penis auf meinem iPad!“
Wolfgang Fürstner sieht ein weiteres Problem: „Momentan entsteht der Eindruck, Apple bevorzuge bestimmte Verlage.“ So scheint Springer gute Kontakte nach Cupertino zu haben. Während ein harmloses Video des „Playboy“, in dem ein Model durch eine Wohnung führt - wohlgemerkt bekleidet - zensiert wurde, muss die „Bild“ die Brüste ihrer „Seite-eins-Mädchen“ nicht bedecken. In Amerika darf der „Marvel“-Verlag den „Kick-Ass“-Comic vertreiben, in dem ein Pärchen beim Sex zu sehen ist. „Solche Zusammenhänge sind natürlich schwer zu beweisen“, sagt Hasselbring, „das Hauptproblem ist, dass es für die Verlage überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wie die Bestimmungen bei Apple genau aussehen.“ Sagt er und berichtet von einem neuen Fall: Zur Fußball-WM wollte stern.de eine Anwendung anbieten. Apple lehnte ab, mit der Begründung „Fußballweltmeisterschaft“ sei ein von der Fifa geschützter Begriff. Juristisch ist die Begründung nicht haltbar. Um das Programm pünktlich anbieten zu können, knickte stern.de ein und verzichtete auf die Formulierung.
Doch zeigt sich Hasselbring optimistisch. „Die werden weicher.“ Um erfolgreich zu sein, müsse sich Apple „den kulturellen Gepflogenheiten“ unterwerfen. Vernon von Klitzing vom „Playboy“ fordert „eine regionale Freigabeinstanz“, die „nationalen Richtlinien Rechnung trägt“. Im Fall des „Ulysses“- und des Oscar-Wilde-Comics hat Apple auf Medienproteste reagiert: Beide Werke sind jetzt ungeschnitten im App-Store verfügbar. Robert Berry jubelt auf Twitter: „Ich sehe einen Penis auf meinem iPad!“