14.03.2009 · Auf der Leipziger Buchmesse gibt es Medienprofis und solche Autoren, die durch banalste Messeplaudereien überfordert werden. Die behaupten dann ächzend in ein Mikrofon hinein, dass es nichts Neues unter den Kunstlichtsonnen der Messehallen gibt. Das ist natürlich falsch, weiß Hubert Spiegel.
Von Hubert SpiegelWenn gegen achtzehn Uhr der Gong in den Leipziger Messehallen erklingt und eine leicht metallische Frauenstimme die Besucher höflich bittet, sich zum Ausgang zu begeben, gefriert das Messetreiben an den Ständen zu einem Stilleben: Männer umringen schweigend Stehtische mit bereits geleerten Flaschen, Frauen sinken scharenweise auf jede sich bietende Sitzgelegenheit, um die Schuhe von den Füßen zu streifen.
Während die einen, die an den Ständen, sich für eine Minute kontemplativen Verschnaufens der Illusion hingeben, dieser Messetag sei nun zu Ende, strömen die anderen, die auf den Gängen, zum Ausgang: ein mit Taschen und Tüten bewehrter Flüchtlingsstrom, unmöglich die Zahl seiner Köpfe zu schätzen.
„Zehn Millionen“, heißt es da plötzlich aus einem Lautsprecher, dann „zwanzig Millionen“, und schließlich ist sogar von fünfzig Millionen Menschen die Rede. Wie sich das anfühle, fragt eine zweite Stimme, unter so vielen Menschen, eingekeilt, Körper an Körper, und das bei der Hitze? Das scheint nun doch maßlos übertrieben. Aber dann, beim Näherkommen, klärt sich das Missverständnis im Nu: Es geht gar nicht um Leipzig, sondern um Indien, wo Ilija Trojanow an der alle zwölf Jahre stattfindenden Kumbh Mela teilgenommen hat, einer rituellen Waschung, bei der bis zu fünfzig Millionen Pilger in den Ganges steigen.
Natürlich gibt es etwas Neues
Jetzt wird verkündet, dass der Schriftsteller mit dem ehrenwerten Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet wird, und offenbar gehört zum Procedere ein im Ausgangsbereich der Messe geführtes Interview mit dem neuen Preisträger, der dabei den freien Blick auf die Rücken der Davonströmenden genießen darf. Trojanow, der Weitgereiste, ist durch derlei nicht zu erschüttern.
Andere Dichter freilich drohen bereits zusammenzubrechen, wenn sie mit dem banalsten aller banalen Messekonversationsthemen konfrontiert werden. Nein, heißt es dann ächzend: es gebe nichts Neues unter der Sonne und das gelte besonders für die Kunstlichtsonnen der Messehallen. Das aber ist vollkommen falsch, denn natürlich gibt es etwas Neues.
Zum Wegschmeißen zu schade
Fernab des Getöses hat Peter Esterhazy, der große ungarische Erzähler, ganz beiläufig eine Innovation eingeführt, die in den nächsten Jahren unzählige Nachahmer finden dürfte. Während die Branche immer nur schmerzumflort oder leicht panisch auf das schwere Schicksal der Musikindustrie blickt, lässt sich Esterhazy von der Filmbranche inspirieren: Sein jüngstes Buch mit dem schönen Titel „Kein Wunder“ enthält ein vorletztes Kapitel auf, das gar nicht mehr richtig zum Roman gehört, sondern leichthändig allerlei ausgeschiedenes Material versammelt: Aphorismen, Dialogsplitter, ganze Absätze, kurzum, alles Mögliche, was so recht ins Buch nicht passen wollte, dem großherzigen Autor, der an allen seinen Einfällen und Formulierungen hängt, zum Wegschmeißen aber zu schade war.
Ein Geniestreich: Esterhazy hat den Weg zur gedruckten Bonus-DVD beschritten. Von diesem Schlitzohr könnte die verzagte Branche lernen, wie der digitalen Herausforderung zu begegnen ist. Sie muss dem E-book nur etwas hinzufügen, was es von der gedruckten Fassung unterscheidet: ein gestrichenes Kapitel, das kurze Porträt einer Romanfigur, die dem Autor während der Arbeit unter der Feder wegstarb mitsamt einem Kurzinterview, das erklärt, warum das zarte Wesen nicht lebensfähig war und dergleichen mehr. Kein Zweifel, das Esterhazy-Prinzip wird sich durchsetzen. Aus dem schönen E-Book, dem Esterhazy-Book, ist es schon heute nicht mehr wegzudenken.