30.11.2008 · Ein unmögliches und aufregendes Buch: Terry Eagleton dekliniert die Frage nach dem Sinn des Lebens durch. Er kommt dabei so weit, wie man mit Witz und Philologie kommen kann. Außerdem in unserem Sachbuchspezial: Empfehlungen für Raucher, männliche Stimmen, Lennon-Fans und zum Glücklichsein.
Von Christian GeyerKann man die Frage nach dem Sinn des Lebens sinnvoll überhaupt stellen? Ist das nicht eine völlig unmögliche Frage? Und kann man gar auf die Idee kommen, dieser unmöglichen Frage ein ganzes Buch zu widmen? Man kann. Terry Eagleton kann. Der streitbare Linksintellektuelle, Professor für Englische Literatur an der Universität Manchester und Fellow der British Academy, hat ein schmales, keckes Buch mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“ verfasst. Nicht ohne es mit folgender Widmung zu versehen: „Für Oliver, der die ganze Idee extrem peinlich fand.“
Nun, das Buch ist natürlich nicht peinlich geraten. Es ist großartig. Es hat das Zeug zum Bestseller. Philologisch geleitet, möchte es das Terrain des Denkens klären. Eigentlich ist Eagletons Buch über den Sinn des Lebens ein Buch über die Kunst, richtig zu fragen. Es ist nämlich nicht wurscht, wie man fragt. Eagleton beharrt darauf, dass es richtiges und falsches Fragen gibt. Mit falschem Fragen macht man sich verrückt, mit richtigem Fragen macht man sich unverwundbar. Falsches Fragen führt in den Wahn, schüchtert ein, lähmt und verwirrt. Richtiges Fragen schafft Boden unter den Füßen, gibt Halt im Wust von Einbildung, Verstiegenheit und Suggestion. Eagleton dekliniert die Frage nach dem Sinn des Lebens so durch, dass man sie am Ende des Buches zwar nicht beantwortet bekommt (wen wundert's?), wohl aber gelernt hat, sie richtig zu stellen. Wenn das nicht die Lektüre eines Buches lohnt, was dann?
Verstiegenheit ist Eagletons Sache nicht
Begriffsklärung steht für den Philologen am Anfang. Sie verkleinert das große Wort vom Lebenssinn, zersplittert es in seine Bedeutungen und Nebenbedeutungen. Was genau meint man eigentlich, wenn man nach dem Sinn fragt? Die Ausdrücke „Sinn“ und „Bedeutung“ haben eine ganze Reihe von Verwendungsweisen, ebenso wie das mit beiden Begriffen verbundene Wort „meinen“. Um unsere Gedanken zu sortieren, zählt Eagleton einige dieser Verwendungsweisen auf:
Hatte er Böses im Sinn?
Diese Wolken bedeuten Regen.
Als sie von einem verflohten altersschwachen Esel sprach, meinte sie den da drüben auf der Koppel?
Was hat diese skandalöse Affäre zu bedeuten?
Ich meine dich, nicht sie.
Badeseife mit Lavendelduft bedeutet ihm sehr viel.
Die Ukrainer meinen es ernst.
James ist ein bedeutender Mann.
Lavinia meint es gut, Julius eher nicht.
Als der Verstorbene den Kellner um Gift bat, meinte er damit vielleicht Fisch?
Ihre Begegnung war schicksalhaft, sie hatte einen tieferen Sinn.
Seine Wutausbrüche haben nichts zu bedeuten.
Es hat keinen Sinn, Cordelia zu sagen, sie solle den Korkenzieher rechtzeitig zurückbringen.
Dabei lässt Eagleton es erst einmal bewenden. Erst nach dieser philologischen Kur setzen seine philosophischen Überlegungen ein. Zunächst musste der scheinbar alles überwölbende Lebenssinn auf seine begrenzte Stelle im semantischen Feld von Sinn und Bedeutung zurückgeschnitten werden. So hat der Autor die Gewähr, dass wir nicht zu hoch ansetzen, nicht in eine Höhe streben, die durch falschen Gebrauch der Begriffe erschwindelt ist. Verstiegenheit ist Eagletons Sache nicht.
Warum heißt die Antwort 42?
In seinem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ beschreibt Douglas Adams einen Computer namens „Deep Thought“, der die letztgültige Antwort auf die Frage nach dem Universum errechnen soll, dafür siebeneinhalb Millionen Jahre braucht und schließlich als Antwort „42“ ausgibt. Daraufhin muss ein noch größerer Computer gebaut werden, der herausfinden soll, was denn eigentlich die Frage war. Das erinnert, schreibt Terry Eagleton, an die amerikanische Dichterin Gertrude Stein, die auf ihrem Sterbebett immer wieder gefragt haben soll: „Was ist die Antwort?“, bevor sie schließlich murmelte: „Aber was ist die Frage?“.
Amüsant an der Geschichte von der Nummer „42“ findet der Autor nicht nur die falsche Tiefgründigkeit, die der Computer „Deep Thought“ vorspiegelt. Amüsant sei schon die absurde Vorstellung, „42“ könnte die Antwort auf die Frage sein. Genauso gut könne „Zwei Packungen Knusperchips und ein hartgekochtes Ei“ als Antwort auf die Frage gelten: „Wann wird die Sonne ausgebrannt sein?“ Terry Eagleton nimmt die Sache zum Anlass, uns die grundlegende Lektion für richtiges und falsches Fragen zu erteilen: „Wir haben es hier mit dem zu tun, was die Philosophen einen Kategorienfehler nennen, wie zum Beispiel die Frage, wie viele Gefühle nötig sind, um einen Lastwagen zu stoppen. Das ist einer der Gründe, weshalb wir die ,42' lustig finden. Ein anderer liegt in der Tatsache, dass wir eine klare Antwort auf die Frage bekommen, die viele Menschen intensiv beschäftigt, wir aber mit dieser Frage absolut nichts anfangen können. ,42' passt nun einmal zu gar nichts. Es klingt wie eine präzise, eindeutige Lösung für ein Problem, aber in Wirklichkeit könnte man genauso gut ,Brokkoli' sagen.“ Ein weiterer komischer Aspekt liegt für Eagleton darin, dass die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ hier beantwortet wird, als wäre es dieselbe Art von Frage wie „Was ist die Bedeutung des Wortes ,night'?“ Wie zwischen dem deutschen „Nacht“ und dem englischen „night“ eine Äquivalenzbeziehung besteht, so erweckt Adams' komische Phantasie den Eindruck, das Leben lasse sich in ein anderes Bedeutungssystem (in diesem Fall numerischer statt sprachlicher Art) übersetzen, so dass man eine Zahl erhält, die den Sinn des Lebens bezeichnet.
Im Tod finden wir zueinander
Eagleton spottet über Reduktionismen, wo immer er ihrer habhaft werden kann. „Hinter dem Witz (von Adams' Erzählung) wird der Gedanke sichtbar, das Leben gleiche einem mathematischen Problem, für das es eine Lösung geben muss, wie es sie für mathematische Probleme eben gibt. Die Komik ergibt sich aus der Verbindung zweier unterschiedlicher Bedeutungen des Ausdrucks ,Problem': einerseits im Sinne eines Kreuzworträtsels oder eines mathematischen Rätsels, andererseits eines problematischen Phänomens wie der menschlichen Existenz. Es ist, als ließe sich das Leben nach Art eines Heureka-Erlebnisses entschlüsseln, bei dem ein einzelnes Wort - Macht, Bier, Liebe, Sex, Schokolade - einen erregenden Augenblick lang vor unserem geistigen Auge aufscheint.“
Wunderbar effektiv, das Eagletonsche Verfahren ex negativo. Indem er zeigt, wie es nicht laufen kann, wird deutlich, wie es läuft. Wie oft geben wir uns mit Antworten zufrieden, die die Frage, um welche es ursprünglich ging, weit hinter sich lassen. Was war noch mal die Frage? Wir sind beeindruckt von der Präzision und Eindeutigkeit einer Auskunft. Aber wir vergessen zu fragen, was sie überhaupt bedeutet, was in unserem Zusammenhang aus ihr folgt. Eine Art Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge tritt ein, nicht in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen würden wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, „dass die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird“ (Georg Simmel). Wer etwa sagt, der Sinn des Lebens bestehe im Geldverdienen, drückt alle qualitativen Unterschiede der Dinge durch Unterschiede des Wieviel aus. Das Versagen der Kritik, der Ruin des Unterscheidungsvermögens - nichts anderes ist Ursache und Folge falschen Fragens.
Entschieden hält Eagleton an der Möglichkeit von Allgemeinaussagen fest als einer Bedingung der Möglichkeit von Sinn. „Natürlich hat niemand die britische Gesellschaft jemals als ganze gesehen, wie ja auch niemand die Pfadfinderbewegung zu Gesicht bekommen hat. Doch aus den Teilen, die wir kennen, können wir durchaus sinnvolle Schlüsse auf die Teile ziehen, die wir nicht kennen. Es geht hier nicht darum, alles zu sehen, sondern darum, dass wir genug sehen, um Typisches von Untypischem zu unterscheiden.“ Die postmodernen Theoretiker, die von der Differenz hingerissen sind und sie mit trostloser Gleichförmigkeit überall entdecken, sollten unsere Gattungsgemeinsamkeiten nicht übersehen, meint Eagleton. „Nichts sollte die Spezies Mensch so sehr einen wie die Möglichkeit ihrer Auslöschung. Zumindest im Tod finden wir zueinander.“
Intelligenz, die kein Vorurteil duldet
Gleichwohl kommt der Diskurs des Fragmentarischen bei Eagleton zu seinem Recht. Niemand spreche vorlaut über das Ganze! Der als Marxist sozialisierte Autor beweist ein großes Gespür für die Natur des Religiösen, wenn er vor dem Missverständnis warnt, der Sinn des Lebens liege klar vor Augen, wenn es einen Gott gibt. Im Gegenteil, schreibt Eagleton. Nach Ansicht mancher religiöser Menschen mache die Gegenwart Gottes die Welt sogar noch mysteriöser. Man dürfe eben auch Gott nicht die falschen Fragen stellen. Wenn er der Welt einen Sinn gegeben habe, dann einen ziemlich unverständlichen. „Gott ist nicht die Lösung für ein Problem. Durch ihn werden die Dinge eher rätselhafter als klarer.“
Bemerkungen wie diese verraten einen Tiefgang, der nichts zu tun hat mit der falschen Tiefgründigkeit von „Deep Thought“. Eagleton schafft Platz für den Mythos, aber achtet darauf, dass der Mythos nicht wuchert. Wer vom Glauben abfällt, weil er vom Leben enttäuscht ist, begeht einen Kategorienfehler. Er fällt gleichsam umsonst vom Glauben ab. Versteht man Eagleton recht, so kann man wegen aller möglichen Dinge vom Glauben abfallen (zum Beispiel, weil man eines Tages aufwacht und ihn vergessen hat), aber um Gottes willen nicht deshalb, weil die Dinge nicht rund laufen. Gott ist kein Sinnstifter. Und dass er es nicht ist, ist nicht das Problem Gottes, sondern das Problem des Menschen. Der Mensch kann den Sinn nicht fassen, den Gott der Welt möglicherweise gab, bleibt sich darüber zumindest immer unsicher.
Fundamentalisten beanspruchen die Perspektive Gottes. Ihre Sünde ist der Stolz. Eagleton ist demütig und deshalb heiter und ironisch. Das sind die drei Erzählhaltungen, mit denen ein Buch über den Sinn des Lebens funktioniert, auf jeder Seite lesbar bleibt. Es fallen einem deshalb überhaupt nur zwei lebende Autoren ein, die ein genießbares Buch über den Sinn des Lebens verfassen könnten: Max Goldt und eben Terry Eagleton. Dass es bei der Frage nach dem Sinn des Lebens etwas zu lachen geben könnte, halten nicht ganz urteilsfeste Menschen für eher unwahrscheinlich, die glauben, ein Text über den Lebenssinn habe es mit Verquältheiten zu tun. Goldt und Eagleton überzeugen vom Gegenteil. „Klug und klar durch die Welt gehen, aufmerksam und ohne Groll, begleitet von hellem Witz und einer Intelligenz, die kein Vorurteil duldet und keine Phrase“ - was Daniel Kehlmann unlängst über Max Goldt sagte, ließe sich genauso über Terry Eagleton sagen. Auch er behandelt die Frage nach den Lebenssinn - trotz oder wegen aller philosophischen Durchdringung - im Kern als eine humoristische.
Im Angesicht von Schopenhauer
Man denke nur daran, wie er sich über die Argumentationsfigur der „sozialen Konstruktion“ lustig macht. Einerseits gelte: Sinn steckt nicht auf dieselbe Art in den Dingen wie der Blinddarm im Körper. Andererseits sei die Vorstellung, einen Blinddarm zu haben, etwas anderes als eine lediglich auf den menschlichen Körper bezogene „soziale Konstruktion“. Konstruktionen dieser Art, so Eagleton, wären sozusagen „ein einseitiges Gespräch mit der Welt, in dem wir ihr - ein bisschen wie die Amerikaner im Irak - sagen, wie sie ist. Tatsächlich ist Sinn das Ergebnis einer Transaktion zwischen uns und der Wirklichkeit. Texte und Leser hängen wechselseitig voneinander ab.“
Obwohl sich Eagleton in den philosophischen Kämpfen also auf die Seite des Realismus schlägt (so viel Unterbau muss sein), hat er viel übrig für das, was er die homöopathische Natur des Menschen nennt. Dem rettenden Vergessen, der befreienden Lüge und der heilsamen Fiktion gewinnt er viel ab. Sein Plädoyer für Schopenhauer fällt überraschend eindeutig aus. Wer nicht durch die Schule Schopenhauers ging, der soll gar nicht erst versuchen, den Menschen etwas vom Sinn zu erzählen, der soll vom Lebenssinn schweigen. Denn er hat den entscheidenden Test für seine Visionen gemieden. „Wenn es immer noch lohnt, Schopenhauer zu lesen, so nicht nur, weil er sich offener und brutaler als die allermeisten Philosophen mit der Möglichkeit auseinandersetzt, dass die menschliche Existenz auf die elendste und farcenhafteste Weise sinnlos ist, sondern auch, weil vieles von dem, was er sagt, ganz sicher zutrifft. Im Großen und Ganzen handelt die Geschichte der Menschheit in der Tat eher von Mangel, Elend und Ausbeutung als von Zivilisation und Aufklärung. Wer behauptet, es müsse einen Sinn des Lebens geben und dazu noch einen erhebenden, der muss sich Schopenhauers freudloser Herausforderung stellen. Sein Werk zwingt dazu, den Nachweis für eine Vision zu erbringen, die mehr sein kann als nur ein schmerzstillender Trost.“ Was du an Lebenssinn behauptest, das behaupte im Angesicht von Schopenhauer! Was seinem zersetzenden Blicke trotzen kann, das hat Bestand, das sollst du loben!
Die Topoi von Selbstbestimmung und Wahlfreiheit mitsamt dem aufgespreizten Individualismus-Gerede werden von Eagleton abgestraft. Wo man hinschaut, sagt er, warten doch Einschränkungen auf das Individuum. Ohne Einschränkungen käme das Individuum überhaupt nicht zu sich. Es braucht die Begrenzung, um jemand zu sein. „Es kann nicht zum Sinn meines Lebens gehören, dass ich dreimal am Tag ohne Hilfsmittel zehn Meter in die Luft springe. Mit einem Lebensentwurf, der keine Rücksicht nähme auf die Realitäten der Verwandtschaft, der sozialen Gemeinschaft, der Sexualität, des Todes, des Spielens, Trauerns und Lachens, der Krankkeit, der Arbeit, der Kommunikation und so weiter, kämen wir nicht weit.“ Einen, der sich von alledem unabhängig macht, nennt man einen Idioten. Der Idiot ist in einem Maße eigen, die ihn zerstört und die anderen, die mit ihm zu tun haben. Lebenssinn ist ohne ein Über-sich-Hinausgehen nicht zu haben. Mangel an Transzendenz, an Gegenseitigkeit ist glatte Idiotie.
Das Dasein macht ratlos
In der Liebe sieht Terry Eagleton das ökonomische Prinzip der Lebensführung. Liebe ist bei ihm kein moralisches Postulat, sondern ein Erfordernis der Wirtschaftlichkeit. „Was wir Liebe genannt haben, ist die Art und Weise, in der wir unser individuelles Streben nach Erfüllung mit der Tatsache versöhnen, dass wir soziale Wesen sind. Denn Liebe heißt, für einen anderen den Raum zu schaffen, in dem er sich entfalten kann, während er dasselbe für uns tut. Die Erfüllung des einen wird zur Grundlage der Erfüllung des anderen. Wenn wir unser Wesen in dieser Weise entfalten, sind wir so gut, wie wir nur sein können.“
Im Übrigen hält es der Wittgenstein-Exeget Eagleton mit dem Passus im Tractatus, wo es heißt: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und ebendies ist die Antwort. Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.“ Richtig gestellt ist die Frage nach dem Sinn des Lebens dann, wenn sie überflüssig wird. Eagletons Buch macht uns das mit der gebotenen Beiläufigkeit auf hundertfünfzig Seiten klar.
Der Autor kommt so weit, wie man mit Witz und Philologie nur kommen kann. Aber sein Buch zeigt zugleich, dass ohne metaphysische Setzung kein Lebenssinn zu gewinnen ist. Dass man ist und nicht etwa nicht ist - das macht ratlos, auch wenn man seine Gedanken noch so gut sortiert hat.
Der Sinn dieses Buches erscheint mir noch undurchsichtiger ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 30.11.2008, 16:33 Uhr
...,wens nicht rund läuft
Rolf Klopsch (schibolet)
- 01.12.2008, 10:26 Uhr