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Freitag, 10. Februar 2012
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Miriam Meckels Burnout-Buch Diagnose: Totale Erschöpfung

10.03.2010 ·  Jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin, Moderatorin im Fernsehen - das sind nur einige der Berufe von Miriam Meckel. Irgendwann bekam sie einen Burnout. Darüber hat sie das Buch „Brief an mein Leben“ geschrieben.

Von Sandra Kegel
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Sitzt man ihr gegenüber, dann glaubt man es kaum, so wach, witzig und charmant wirkt Miriam Meckel. Dabei ist es nur wenig mehr als ein Jahr her, dass die Zweiundvierzigjährige physisch und psychisch völlig zusammenbrach. Es ist ein sonniger Morgen, als die Professorin in ihrem Büro am Rand der Altstadt von St. Gallen über das schwärzeste Jahr ihres Lebens spricht. Bis dahin hatte Miriam Meckel auf der Überholspur gelebt, fünfzehn Jahre lang war sie durch die Welt gehetzt. Dann kam der Crash. Im September 2008, sie war gerade von einer mehrwöchigen Reise zurückgekehrt, moderierte sie in Berlin eine Veranstaltung über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, konnte sie nicht mehr aufstehen. „Es fühlte sich an, als hätte ich gleichzeitig eine Überdosis Schlaftabletten und Aufputschmittel genommen“, erinnert sie sich.

Sie hatte Schmerzen, Schweißausbrüche, saß nur noch da und heulte. Und dann tat sie etwas, das ihr bis heute unbegreiflich ist. Denn obwohl nichts mehr ging, sie nicht einmal mehr ihren Koffer heben konnte, setzte sie sich an den Computer, um nach ihren E-Mails zu schauen. Als sie im elektronischen Postfach fünfzig ungelesene Nachrichten entdeckte, brach sie zusammen. Ihre Lebensgefährtin, die Fernsehmoderatorin Anne Will, brachte die Freundin zum Arzt. Schnell stand die Diagnose fest: schwerer Erschöpfungszustand in Verbindung mit einer Infektion. Was niemand je vermutet hätte, am wenigsten sie selbst, war eingetreten: Miriam Meckel war am Ende.

Zu akzeptieren, dass sie ihr bisheriges Leben nicht mehr so weiterführen konnte, sagt sie heute, da sie als genesen gilt, war eine große Herausforderung für die Tochter eines Theologen, die bis dahin nur den Erfolg kannte: „Ich habe einfach nicht glauben können, dass ich nicht immer so weitermachen kann.“ Mit einunddreißig wurde die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin Deutschlands jüngste Professorin und von Wolfgang Clement als Regierungssprecherin nach Düsseldorf geholt. Sie moderierte eine Fernseh-Talkshow, schrieb wissenschaftliche Aufsätze, Artikel sowie Bücher und erhielt 2005 den Ruf an die renommierte Schweizer Universität in St. Gallen.

Über die Gefahren hatte sie bereits geschrieben

Mit ihrer Biographie ist Miriam Meckel aber nicht nur ein Paradebeispiel für beruflichen Aufstieg, sondern auch dafür, wie schwer es manchmal sein kann, Dinge umzusetzen, die man längst erfasst und verstanden hat. Denn erst vor drei Jahren veröffentlichte Miriam Meckel „Das Glück der Unerreichbarkeit“, ein Sachbuch, das von ebenjenen Gefahren pausenloser Kommunikation handelt, deren Opfer sie selbst geworden ist.

Heute kann sie darüber lachen, wenn man sie darauf anspricht. Sie redet über diesen Widerspruch genauso offen wie über andere Vorfälle in ihrem Leben, die dem Bild der Erfolgsfrau nicht entsprechen. Freimütig bekennt sie ihre Konzentrationsschwierigkeiten und denkt laut über die psychische Disposition als Ursache für ihr notorisches Zuspätkommen nach. Selbstironisch geht sie auch den eigenen Ehrgeiz an, etwa wenn sie einen grotesken Traum schildert.

Ihre Vorurteile gegenüber „Psychokram“ waren groß

Zuletzt aber war der Prozess der Selbsterkenntnis doch vor allem schmerzhaft. Nur allmählich begriff sie, was ihr Problem war: dass sie, wenn die Anforderungen stiegen, stets versuchte, die wachsende Belastung quantitativ zu bewältigen - durch mehr Mobilität und mehr Informationen. Sie hat noch mehr gearbeitet, ist noch mehr gereist, war noch weniger zu Hause und hat noch weniger geschlafen. Irgendwann trat die Reaktion ein, sie wurde langsamer, weniger leistungsfähig, unkonzentrierter und emotional instabil. Warum das geschah, verstand sie nicht. Erst ihr Körper zog mit dem Zusammenbruch die Notbremse und brachte sie notgedrungen zum Stillstand.

Man kann sich Miriam Meckel nicht vorstellen, wie sie in Jogginghosen und mit einer Decke unter dem Arm durch die Gänge einer Allgäuer Klinik wandelt. Doch genau das hat sie Anfang vorigen Jahres fünf Wochen lang getan, obwohl ihre Vorurteile gegenüber „Psychokram“ groß waren. Heute ist sie den Ärzten und Psychologen dankbar, die ihren Heilungsprozess, der ein ganzes Jahr dauerte, förderten und mit denen sie nach wie vor in Kontakt steht. In der Klinik entstanden auch erste Teile ihres Buches, ausgerechnet während eines „Inaktivitätswochenendes“, an dem die Patienten zum absoluten Nichtstun verdammt sind.

Mit dem Schreiben Heilkräfte mobilisiert

Mit dem Vorwurf, als Perfektionistin auch aus einer Krankheit noch einen Gewinn erzielen zu wollen, am besten gleich mit einem Bestseller, scheint Miriam Meckel gerechnet zu haben. Die Frage jedenfalls, warum sie die verordnete Passivität so offensichtlich unterlaufen hat, kontert sie rasch mit Zitaten von Ärzten, wonach Menschen auch in der Krise nicht alles von ihrer Persönlichkeit genommen werden soll. Sie habe gelernt, dass Burnout-Patienten nur in ihrem eigenen, wenn auch veränderten Leben gesund werden können. „Das Schreiben gehört eben zu mir“, erklärt Miriam Meckel, weil es ihr helfe, Vorgänge in ihrem Leben zu ordnen, zu begreifen und zu verarbeiten, ganz im Sinne der englischen writing cure. Dass sich mit dem Schreiben Heilkräfte mobilisieren lassen, daran erinnert auch der inoffizielle Name der berühmten St. Gallener Stiftsbibliothek unweit ihres Instituts: „Seelenapotheke“. Indem Miriam Meckel über ihren Zustand schrieb, verschaffte sie sich Klarheit darüber. Die Idee für ein Buch sei dann erst sehr viel später entstanden.

Das Wort „Burnout“ war der Autorin dabei eigentlich zuwider, „weil es in ein Schema passt, wonach die Erfolgreichen, die Teil der Gesellschaft sind, einen Burnout haben, während die weniger Erfolgreichen, die Dropouts, Depressionen bekommen“. Indem sie das Medienbild dieses Zustands dekonstruierte, bekam sie einen Zugang dazu. Dabei fand sie auch heraus, dass die Bezeichnung zwar noch recht jung ist - 1974 wurde sie vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger geprägt -, die Symptome hingegen altbekannt sind. Schon Thomas Buddenbrook hatte offensichtlich einen Burnout. Nicht anders als Thomas Manns Antiheld hat auch Miriam Meckel nie in der jeweiligen Situation, sondern erst viel später begriffen, wie oft sie sich auch in Momenten der Schwäche überschätzt hat. Sie presste dann das Letztmögliche aus sich heraus, um ihren eigenen Anforderungen und denen der anderen zu genügen.

Weichgekocht durch Stress und Burnout

Ahnt man bei einem so kräftezehrenden Leben die Katastrophe nicht voraus? Miriam Meckel gesteht, dass sich vieles angedeutet hat. Vor allem durch den Tod der Mutter im Herbst 2006 erlebte sie Momente, in denen sie sich eingestand: „Ich kann nicht mehr!“ Aber dann verdrängte sie es und fand Ausreden vor sich selbst: „Wer einmal im Hamsterrad ist, der kommt kaum wieder da raus.“ Sie hielt aber auch deshalb immer weiter durch, weil das Phänomen Krankheit in unserer Gesellschaft „nicht erwünscht ist“. In dieser Haltung jedenfalls wurde sie erzogen und würde dies ihren Eltern auch heute niemals vorwerfen, denn beide sind Jahrgang 1929 und Kriegskinder: „In der Generation meiner Eltern hat man nicht viel über die Dinge geredet, die einem zugesetzt haben. Da hat man sich zusammengerissen, weil es andere existentielle Lebensprobleme gab.“ Genau wie Miriam Meckel. Heute erst erkennt sie die Folgen, „die vielen Drogen und Medikamente, die gerade in den Führungsetagen unserer Gesellschaft konsumiert werden“. Den Grund dafür sieht sie im Schweigegebot: „Über manche Sachen sprechen wir einfach nicht.“ Dass jemand erfolgreich ist und trotzdem depressiv wie etwa der Torwart Robert Enke, das darf, glaubt Meckel, in dieser Gesellschaft nicht sein.

Mit ihrem Buch trifft die Autorin zweifellos einen Nerv. Denn während in den Industrieländern die Zahl der Arbeitsunfälle seit Jahren kontinuierlich zurückgeht, nehmen seelische Krankheiten permanent zu. Weil die Individualisierung und Flexibilisierung des modernen Lebens zu einer wachsenden Verantwortung des Einzelnen führe, der unentwegt Entscheidungen treffen müsse und damit überfordert sei, glaubt Meckel. Auch waren Arbeitswelt und Familienleben früher klar getrennt. Heute hingegen hat jeder einen Laptop oder Blackberry zu Hause: „Das ermöglicht Freiheiten, dafür fehlen klar definierte Erholungszeiten.“ Die Gefahren lauerten überall in dieser „Welt der Variablisten“: „Ständig müssen wir uns auf Neues einstellen, sei es durch das Internet, die Globalisierung oder durch Bedrohungen wie die Finanzkrise. Wir sind wie die Frösche, die sich die ganze Zeit einreden, wie warm und angenehm es in ihrem Teich doch sei, ohne zu merken, dass aus dem Teich längst ein überhitzter Topf mit Froschsuppe geworden ist - wir werden weichgekocht durch Stress und Burnout“, sagt Meckel.

Jetzt erholt sie sich - mit einem Forschungssemester in Harvard

Die momentane Flut an Büchern zum Thema Krankheit, in denen Autoren ihre Leiden und Krisen so offen beschreiben wie jetzt Miriam Meckel, hält die Autorin für eine „Form der Gegenbewegung“. In einer Welt wachsender Selbstinszenierung, etwa in den sozialen Netzwerken durch Websites wie Facebook, stehen Geschichten, die vom eigenen Versagen handeln, für Authentizität. In einer zunehmend funktionalisierten, globalisierten und durch Information überforderten Gesellschaft steige das Bedürfnis nach Momenten der Wahrheit, so Meckel. Der Zustand des Ausgebranntseins ist daher für sie symptomatisch für die Gesellschaft.

Ein blau-weißes Stück Stoff, das sie seit einem halben Jahr und auch an diesem Tag in ihrer linken Hosentasche trägt, erinnert Miriam Meckel an ein Versprechen. Der Fetzen ist ein Stück von Anne Wills Küchenhandtuch, den sie der Freundin schenkte, als die Krise akut war. Er steht für die hochexplosive Verbindung von Zeit und Raum und soll Meckel daran erinnern, dass sie ihr Leben luftiger und durchlässiger gestalten will. Sie will nichts mehr irgendwo reinquetschen, sondern „so viel Raum, wie es Stoff gibt, oder nicht mehr Stoff, als es Raum gibt“. Deshalb hat sie ihr Buch geschrieben. Sie selbst nennt es eine Art Lebensversicherung: das öffentliche Versprechen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Zeugen wird es also bald zuhauf geben, die sie an ihr Versprechen erinnern - ob sie das nun will oder nicht. Das wird spätestens passieren, wenn Miriam Meckel aus Harvard zurückkommt, wo sie sich jetzt mit einem Forschungssemester erholen will.

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