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Meinungsfreiheit in der arabischen Welt Der Geist des Sultans

10.08.2010 ·  Wie sehr Autoren, Journalisten und Künstler in der arabischen Welt bedroht sind, zeigt Ägyptens vehementer Kampf gegen die Bloggerszene. Die eigene Meinung zu äußern ist dort immer noch ein Wagnis.

Von Abbas Khider
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Der offizielle Zensor des Osmanischen Reiches verbot zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Anflug eifrigen Pflichtbewusstseins das Chemiebuch der Staatsschule, weil er dort eine heimtückische Beleidigung seiner Hoheit Sultan Abdül-Hamid II durch die chemische Summenformel für Wasser entdeckt hatte. Seiner scharfsinnigen Interpretation zufolge stand das „H“ nicht für Wasserstoff, sprich Hydrogenium, sondern repräsentierte eindeutig den Familiennamen des Herrschers. Die Anzahl der beiden Wasserstoffatome musste daraufhin der Tatsache entsprechen, dass es sich bei dem Verhämten um Abdül-Hamid den Zweiten handelte. Und das Symbol für den Sauerstoff war in seinen Augen nicht etwa ein „O“ für Oxygenium, sondern eine Null. Also war das ganze Ausmaß der Verunglimpfung erkannt: Die Gleichung H20 bedeutete Abdül-Hamid II ist eine Null, ein Nichts, ein Niemand! Die Chemie hatte sich als Verschwörung gegen die Monarchie offenbart!

Unabhängig davon, ob diese Anekdote ein wahres Geschehen beschreibt oder nur als Witz überliefert wurde, illustriert sie ein auch heute noch allgegenwärtiges Problem der arabischen Welt: Der Geist Hamids II scheint noch immer umherzuspuken und das Schicksal zahlreicher Autoren, Journalisten und Künstler und ihrer Werke ständiger Gefahr auszusetzen.

Unter ständiger Todesgefahr

Ein Land wie der Irak, das früher unter Totalitarismus litt und seit 2003 im demokratischen Chaos versinkt, gilt heute als eines der gefährlichsten Länder für Freidenker jeder Art. Obwohl die irakische Verfassung formell die Meinungsfreiheit wahrt, verhalten sich viele irakische Politiker noch immer wie die Erben des oben genannten Zensors. Einer von ihnen ist der kurdisch-irakische Führer Massoud Barzani, der offenbar den Artikel eines jungen Journalisten etwas zu persönlich nahm: „Ich liebe Massoud Barzanis Tochter“ betitelt, sinnierte der leichtsinnige Text des kurdischen Journalisten Serdest Osman im vergangenen Mai, welche Vorteile es wohl brächte, mit der Tochter des wohlhabenden Politikers verheiratet zu sein. Einige Tage nach Veröffentlichung der provokanten Träumerei passte die Staatspolizei den Verfasser an der Universität ab und nahm ihn in Gewahrsam. Kurz darauf tauchte seine Leiche auf mysteriösem Wege in einem Krankenhaus wieder auf.

Wer hatte Osman ermordet? Zahlreiche Journalisten, Menschenrechtler und Kommilitonen versuchten unter Aufgebot aller Möglichkeiten der Versammlungsfreiheit und des Rechtes auf freie Meinungsäußerung die Regierung zu zwingen, den Mörder zu suchen. Die Proteste blieben jedoch wirkungslos. Weder die Polizei noch das Innenministerium können bis heute natürlich einen Verdächtigen vorweisen.

Der irakische Journalist Ahmad Abd Hussain, der seit 2003 zahlreiche kritische und mutige Artikel über diverse fragwürdige Politiker verfasst hat und sich deswegen unter ständiger Todesgefahr verstecken muss, veröffentlichte zum Fall Osman seinerseits einen Artikel, in dem er voller Sarkasmus seine eigene Liebe zu Barzanis Tochter beteuert und darüber hinaus von Affären mit so ziemlich jedem weiblichen Nachkommen der führenden irakischen Politiker und sogar von religiösen Führern wie dem Großayatollah Sistani berichtet.

Ein neuer Erzfeind für den Sheriff von Kairo

Ein derartiger Artikel wäre im Irak der letzten Jahrzehnte unvorstellbar gewesen. Heute aber gibt es zumindest die Möglichkeit einer Veröffentlichung - wenn auch unter latenter Lebensgefahr. Nachdem das Augenmerk der Öffentlichkeit auf einen solch dreisten Fall der Ermordung eines Journalisten gelenkt wurde, wird es wohl zumindest für einen kurzen Zeitraum möglich sein, die Grenzen der Zensur einzureißen und in vorläufiger Sicherheit die irakischen Führer kritisieren oder sogar beleidigen und lächerlich machen zu können. Der irakischen Regierung jedoch ist bereits dieser Vorstoß zu viel. Sie verabschiedete vor einigen Tagen die Gründung eines Gerichtshofs, der zur „Wahrung des öffentlichen Wohls“ ausschließlich „Presseprobleme“ verhandeln soll. Die irakische Verfassung verbietet jedoch Sondergerichte. Auch hat bis jetzt noch niemand genaue Informationen darüber, was man sich unter einer solchen Institution vorstellen soll. Wird sie ein Amt der Zensur werden? Oder vielleicht doch wundersamerweise ein Brückenkopf der Meinungsfreiheit?

Ein weiteres aktuelles Beispiel für den Zustand der freien Meinungsäußerung in der arabischen Welt ist Ägyptens Kampf gegen seine aktive Bloggerszene. Sie ist gewissermaßen das mediale Pendant zu Robin Hood, das in geistige Hoheitsgebiete wie Politik und Religion eindringt, dort verborgene Informationsschätze stiehlt und sie den benachteiligten, in Unwissenheit gehaltenen Untertanen zugänglich macht. Der Sheriff von Kairo hat einen neuen Erzfeind.

Sie holten ihn aus dem Internet Café

Ein Anführer der Diebesbande heißt Kareem Amer, der 2007 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde - drei Jahre wegen Beleidigung des Islams und ein zusätzliches Jahr für die Beleidigung des ägyptischen Präsidenten Mubarak. Dieser Fall entfachte eine erste breite Diskussion über die Rolle der Blogger in der arabischen Medienlandschaft.

Im Juli 2010 erlebten die Ägypter einen neuen Skandal. Ein Blogger wurde nicht ins Gefängnis, sondern in den Himmel geschickt. Ägyptische Aktivisten beschuldigen zwei Polizisten, den jungen Khaled Said in Alexandria auf offener Straße totgeprügelt zu haben. Der offiziellen Schilderung zufolge sei er an einem Beutel mit Drogen erstickt, den er voller Panik geschluckt habe, um ihn vor den Polizisten zu verstecken, die ihn filzen wollten. Augenzeugen hingegen berichteten, dass zwei Polizisten in Zivil das Internet Café betraten, in dem sich Said zu diesem Zeitpunkt aufhielt, und nach seinem Ausweis verlangten. Als er sich weigerte, schlugen sie ihn vor den Augen der Cafébesucher, bis er sich kaum noch rührte, und schleppten ihn mit sich. Angeblich war er gerade damit beschäftigt, ein Video hochzuladen, das einen Handel zwischen Polizisten und einigen Drogendealern zeigt. Das letzte Foto, das der Öffentlichkeit zugänglich wurde, zeigt Saids von Schlägen entstelltes Gesicht.

Dieses Mal gibt es Augenzeugen

Nach Protestdemonstrationen in Ägypten und im Ausland kündigte die Regierung an, das Verhalten der beiden Polizisten zu untersuchen. Sali Sami, eine Mitarbeiterin der ägyptischen Sektion von Amnesty International, hält dies für einen überraschenden ersten Schritt. Viele Demonstranten aber wollen mehr und verlangen den sofortigen Rücktritt der Regierung. „Es geht hier nicht um zwei Polizisten, sondern um das System als Ganzes“, wetterte ein ägyptischer Exil-Journalist, der seinen Namen nicht veröffentlichen möchte. „Das System ist unfähig, demokratisch zu handeln. Die brutalen Foltermethoden der Sicherheitsbehörden sind bekannt“, behauptet Sali Sami. „Dieser Fall ist nicht der einzige. Doch dieses Mal gibt es Augenzeugen.“

Dass der Fall Said eine neue Seite in der ägyptischen Geschichte der Meinungsfreiheit im Kampf gegen die Staatsgewalt eröffnen wird, bezweifeln die meisten Ägypter. Aber immerhin hätten es die Ägypter geschafft, auf die Repressalien mit einem eindeutigen „Nein!“ zu antworten, so besagter Journalist.

Krieg und Liebe

Ich fürchte, die heutigen Zensoren werden sich noch stärker am Vorbild ihres osmanischen Vorfahren orientieren und irgendwann auf die Idee kommen, „Irak“ und „Ägypten“ als Staatsbezeichnungen zu verbieten: „Irak“ ähnelt dem arabischen Wort für Schnaps, „Arak“ - und Alkohol ist schließlich eine Sünde und streng verboten im Islam. „Ägypten“ hingegen wird im gesprochenen Arabischen „Masr“ genannt und erinnert an den Begriff „Mass“, was auf Deutsch „lecken“ bedeutet - religiös und gesellschaftlich unangemessen.

Was, wenn man diesen offensichtlichen, für die Staatssicherheit bedrohlichen Zusammenhang erkennt? Aber noch immer gibt es arabische Künstler, die verrückt genug sind, sich der Zensur zu widersetzen und auch all jene Worte in den Mund zu nehmen, welche die Zensoren am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis löschen würden. In einem Falle jedoch würde ich die Sprachspiele der Zensoren befürworten: „Hrb“ heißt auf Arabisch „Krieg“ und ließe sich mit nur einem veränderten Buchstaben in „Hub“ umwandeln - das Wort für „Liebe“.

Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, saß wegen seiner politischen Aktivitäten zwei Jahre lang im Gefängnis. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak. Zurzeit lebt Abbas Khider in Berlin. 2008 erschien sein Roman „Der falsche Inder“.

Quelle: F.A.Z.
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