03.06.2010 · Von Marcel Reich-Ranicki lernen, heißt lieben lernen: die Sprache, die Bücher, die Literatur. Eine kleine Hymne auf den großen Kritiker, den Lehrer, das Vorbild.
Von Volker WeidermannWas macht denn eigentlich dieser kleine Junge mit der großen Brille, da hinter ihm, auf dem Foto vor der großen Tür und der Wand mit den Graffiti und den anderen Kindern, die zu ihm schauen oder irgendwo anders hin?
Macht der sich lustig über ihn? Versteckt er sich vor dem Fotografen? Ist er eine komische kleine Erinnerung an den Marcel Reich-Ranicki von einst? An den Reich-Ranicki seiner Schulzeit, hier in Berlin, als noch alles hätte anders verlaufen können? Die Geschichte. Sein Leben.
Es ist einfach ein Junge mit Freude am Versteckspiel, ohne Scheu vor dem alten Herrn vor ihm, der kurz verharrt und auf den Schulhof schaut. Seinen Schulhof. Es ist eines der schönsten Bilder der jüngeren Zeit, die es von Marcel Reich-Ranicki gibt.
Frank Röth hat es gemacht, als der Kritiker vor einigen Jahren in Berlin war, an seinen Orten in Berlin, in seinem Elternhaus in der Güntzelstraße, am Gendarmenmarkt, im Brecht-Haus und in seiner Schule, dem ehemaligen Fichte-Gymnasium in der Emser Straße. Wo ihm der Direktor 1938, in der mündlichen Abiturprüfung über Gerhart Hauptmann, kurz nach Beginn seines Vortrags ins Wort fiel und meinte, „schön, schön, schön - aber wie ist nun das Verhältnis des Nationalsozialismus zu Hauptmann?“ Auf diese Frage war er nicht gefasst. In Deutsch bekam Marceli Reich nur ein „gut“.
Es passt ihm nicht recht
In dem Bild mit dem kleinen Jungen sind zwei Gegenwarten miteinander vereint. Verschmelzen zu einer gemeinsamen Gegenwart, die es eigentlich nicht hätte geben sollen. „Manchmal sieht man in den Korridoren Berliner Schulen alte Leute wie mich herumgehen“, hat Marcel Reich-Ranicki bei seinem Besuch damals gesagt: „Da können Sie sicher sein, das sind alles Juden. Ehemalige Schüler, die emigrieren mussten.“ Viele sind es nicht.
Heute, im Mai 2010, beinahe neunzig Jahre nach der Geburt von Marceli Reich in Wloclawek in Polen. „Jaaaaa - der Geburtstag, hören Sie auf, hören Sie auf! Fürchterlich!“ So klagt er jetzt schon ein ganzes Weilchen, immer wenn wir miteinander telefonieren. Es passt ihm nicht recht, ein runder Geburtstag, wieder einmal Bilanzen, Rückblicke, ja, ja, ja. Was soll das alles? Das soll vor allem natürlich uns an ein großes Glück erinnern, das große und unwahrscheinliche Glück, dass es ihn gibt, dass sie überlebt haben, damals, er und seine Frau Tosia; dass sie zurückkamen, nach Deutschland, dass sie heute hier leben, in Frankfurt, dass Marcel Reich-Ranicki schreibt und weiterschreibt für uns und Sie.
Die Unbedingtheit, die er im Leben lernte
Der Mann, über den Sebastian Haffner einmal schrieb: „Er gehört, subjektiv jedenfalls, überhaupt zu keiner bestimmten Zeit, er lebt in dem Kontinuum der großen Literatur, die keine Zeit und keinen Tod kennt. Wann gab es denn das, was Reich-Ranicki heute verkörpert, wann wurde Literatur so ernst genommen, wann war man mit den Klassikern so vertraut und setzte die Produktion des Tages so selbstverständlich in Beziehung mit der großen Tradition, wann las man in Deutschland so genau und so kritisch-leidenschaftlich? Aber das weiß doch noch jeder: Im ersten Drittel des Jahrhunderts, also in der Zeit, der großen deutsch-jüdischen kulturellen Liebesaffäre.“
Die Lücke, die gerissen wurde in diese Liebesgeschichte - sie kann nie wieder geschlossen werden. Aber hier ist dieser Mann, der eine Brücke ist, hinüber in diese Zeit. Der diese unendlich große Liebe hat zur Literatur und zur deutschen Literatur, diese Ernsthaftigkeit und unbedingte Dringlichkeit im Urteil, vor der wir später Geborenen immer staunend und bewundernd stehen werden. Wenn man seine Texte liest, seine Auftritte im Fernsehen sieht, dann gibt es eben in dem Moment der Lektüre und des Urteils nichts Wichtigeres, nichts Richtigeres als dieses Buch, über das er gerade spricht oder schreibt. Diese Unbedingtheit ist nicht einzuüben, nicht zu erlernen.
Es ist die Unbedingtheit, die er im Leben lernte. Die ihm seine Mutter schon mitgegeben hat, als sie ihn jedes Jahr, wenn er ihr am 28. August zum Geburtstag gratulierte, fragte: „Und, wer hat heute noch Geburtstag?“ Wir wissen leider nicht, ob der Sohn tatsächlich jedes Mal brav „Goethe“ antwortete, wie es die Mutter erwartete, oder ob er sich auch einmal einen anderen Jubilar ausdachte. Aber der Respekt, die Ernsthaftigkeit, die Verbindung der Klassiker zum eigenen Leben, das fing dort, im Polen seiner Kindheit, schon an und wuchs natürlich mit den Jahren, in denen die Literatur ihn und seine Frau durchs Leben trug und ihnen mehr als einmal das Leben gerettet hat. Nicht erst bei den GAwins, später, denen er die Klassiker erzählte und wiedererzählte. Auch die „Lyrische Hausapotheke“, die Tosia ihm zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag im Warschauer Getto selbst illustrierte, schrieb und mit Fäden zusammenband, war ein Überlebensgeschenk.
So kann ein neues Feuilleton beginnen
Und was für ein Geschenk bedeutet es, mit ihm heute zusammenarbeiten zu können. Ich weiß noch, am Tag, als wir das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum ersten Mal zusammen machten, wir hier, die Redakteure, mit der Kolumne „Meine Bilder“ von ihm, und am Samstagabend erschöpft und stolz und glücklich in einem dunklen Büro saßen, rief der Herausgeber Frank Schirrmacher als Erstes ihn an, stellte den Lautsprecher an, und wir saßen alle ums Telefon und hörten ihm zu. Ein schöner Moment. So kann ein neues Feuilleton beginnen.
Einige Tage vorher war er selbst heraufgekommen, unsere Redaktion lag damals in einem etwas verborgenen Teil des verwinkelten Gebäudes, im fünften Stock, der war nicht mit dem Aufzug zu erreichen. Er kam herauf, gut zu Fuß und sofort zu Verhandlungen über die Plazierung seiner Kolumne bereit. „Also, ich sage Ihnen: Nie hinter der Seite drei. Darauf bestehe ich!“ Die Verhandlung zog sich eine ganze Weile hin, er kampfeslustig, in grauem Anzug, grauen Strümpfen, schließlich zu einer Einigung bereit. „Gut: die Seite fünf. Aber keine Seite weiter hinten.“ Die Verhandlungen waren beendet. Es war meine erste Begegnung mit ihm. Ich hatte ja praktisch bei ihm studiert.
Ein unwahrscheinlicher Moment
Seine Bücher hatten mich durchs Studium getragen, die Bände „Nachprüfung“ und „Thomas Mann und die Seinen“ kannte ich in Teilen auswendig. Sein Vortrag über Friedrich Schlegel in der Aula der Heidelberger Universität vor mehr als tausend Studenten, die um ihn herum saßen, standen, drängelten und staunten: Das war der beste und lebendigste Vortrag, den ich während meines Studiums hörte. Schon zu Abiturzeiten hatte ich mich mit Freunden, die ich sonst abends zum Trinken, Lesen, Diskutieren traf, zum „Literarischen-Quartett“-Schauen verabredet. Zum Geburtstag schenkten wir uns die von ihm gefeierten Bücher: Harold Brodkey, „Nahezu klassische Stories“, oder Javier Marías.
Was für ein unwahrscheinlicher Moment war es da, als er, der für so viele ihr Lehrer, ja ihr Professor für Deutsche Literatur gewesen war, vor einigen Jahren die Ehrendoktorwürde jener Universität verliehen bekam, die ihn einst, heute vor zweiundsechzig Jahren, aufgrund seiner Herkunft, abgelehnt hatte. „Abgel. 7.4.38 von der Reichszentrale im Ministerium“ steht handschriftlich auf dem Antrag der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Uni. Und mit Bleistift, unauffällig darüber auch kurz die Begründung: „jüd.“.
Das Lob kommt sofort
Es hat lange gedauert, auch daran kann man heute erinnern, bis sich überhaupt eine deutsche Universität bereitfand, diesen Mann, der hier nicht studieren durfte und dabei so unendlich viel mehr über deutsche Literatur wusste als die Herren Professoren, die die besten Bücher ihrer Bibliotheken fünf Jahre zuvor für undeutsch erklärt und in die Flammen geworfen hatten, ihn zu ehren. Die schwedische Universität in Uppsala war es, die im Jahr 1972 diesen Mann für die Verdienste um die westdeutsche Literatur mit der Ehrendoktorwürde auszeichnete. Eine schwedische Universität. Und es war eine Frau, die zur Terroristin wurde, die die erste Person in der Bundesrepublik war, die sich aufrichtig und ernsthaft wünschte, über die Ereignisse im Warschauer Getto informiert zu werden. Es hat gedauert, viele lange Jahre gedauert, bis sich ein Lebensweg so rundete, wie er sich heute wie selbstverständlich zeigt.
Nichts daran ist selbstverständlich. Fast alles daran ist wie ein Wunder.
Jeden Freitagmittag kommt seine Antwort der Woche aus dem Faxgerät. Immer pünktlich. Eigentlich nie nach drei Uhr. Er erwartet dann meinen Anruf. In der Regel sofort, um ein Lob zu hören oder Korrekturwünsche, Anmerkungen, jedenfalls eine Meinung dazu, die ihn nicht langweilt. Denn Langeweile - die ist das Schlimmste. „Was gibt es Neues?“ ist das hoffnungsfrohe Mantra seines Telefonierens. Das war es wohl immer schon. Siegfried Unseld hat einmal gesagt, das liege an seinem dringenden Wunsch, von der Vergangenheit abzusehen. Kann sein, dass das stimmt. Kann aber auch sein, dass dieser Mann einfach neugierig ist und neugierig bleibt. Vielleicht auch ein Grund, warum ihm Geburtstage, runde zumal, eher ein Greuel sind. Was soll neu sein, was soll Neues geschehen, an einem weiteren Geburtstag? Lieber: Weiter im Leben. Lieber neue Fragen. Fragen von den Lesern, die Woche für Woche, seit vielen Jahren schon, ihre Briefe an ihn schicken (siehe auch: Fragen Sie Reich-Ranicki). Ihre Fragen. Ihr Hoffen auf ein Wort von ihm.
Thomas Gottschalk hat recht
Am kommenden Sonntag wird Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Paulskirche mit der Börne-Medaille ausgezeichnet. Als er das letzte Mal hier geehrt wurde (es war 2002; da erhielt er den Goethepreis der Stadt), demonstrierten Studenten vor dem Haus, wahrscheinlich gegen Roland Koch und dessen Sparpläne an den Universitäten. Sie pfiffen, riefen und pfiffen wieder. Bis zu dem Moment, als ein Mann mit seiner Frau aus einem Taxi stieg und durch die Menge ging, als stünde sie für ihn dort. Die Studenten wurden still, dann klatschten sie zaghaft, dann lauter. Und Marcel Reich-Ranicki winkte ihnen freundlich zu. Er ging weiter, drehte sich vor dem Eintreten kurz um, winkte noch einmal und ging hinein.
Thomas Gottschalk, der einer der Laudatoren am kommenden Sonntag sein wird, hat einmal gesagt: „Er ist ein Geschenk des Himmels.“ Ja, das ist wahr.
Thomas Gottschalk hat vielleicht Glück,...
D. Gucker (dippegucker)
- 03.06.2010, 09:58 Uhr
Ja ich verehre MRR
Stephan Mörs (jemand-anders)
- 03.06.2010, 12:35 Uhr
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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