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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Literaturkritik im Fernsehen Elke Heidenreichs dringliches Erbe

08.07.2009 ·  Nach dem Ende von Elke Heidenreichs Literatur-Sendung „Lesen!“ beklagt der Buchhandel Umsatzrückgänge und eine Verflachung der Bestsellerlisten. Nun richten sich die Hoffnungen auf ihre Nachfolger Amelie Fried und Ijoma Mangold.

Von Daniel Stender
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Als Elke Heidenreich vor einem knappen Jahr das ZDF verließ, meldeten sich ihre größten Fans mit einem offenen Brief beim ZDF. "Es gibt im deutschen Fernsehen wenige", schrieben sie, "die sich wie Elke Heidenreich für die Lese- und Buchkultur dieses Landes eingesetzt haben." Und weiter: "Sie hat einem breiten Publikum auf einzigartige Weise die Literatur nahegebracht." Wenn jemand wusste, ob das stimmte, dann waren es die Unterzeichner dieses Schreibens - die deutschen Verleger.

Mit ihrer Sendung "Lesen!" war Elke Heidenreich zwischen 2003 und 2008 so etwas wie die Schicksalsgöttin des deutschen Buchhandels - einmal im Monat entschied sie über Aufstieg und seltener über Fall einer Neuerscheinung. "Ich habe nur 30 Minuten. Soll ich die dazu benutzen zu sagen, was man besser nicht lesen soll?", sagte sie. Natürlich nicht - Heidenreich lobte, wenn auch mit spitzer Zunge.

Heidenreichs Bestseller-Effekt

Seit Heidenreich nur noch im Internet ihre Lieblingsbücher vorstellt, für Zehntausende statt für eine Million Zuschauer, gehen die Umsätze im Buchhandel zurück, vor allem im Hardcover. Ob zwischen beidem ein Zusammenhang besteht, ist schwer zu ermitteln: Vermutlich würde selbst Heidenreichs Enthusiasmus nichts gegen die Weltwirtschaftskrise ausrichten können. Ein Blick auf die Bestsellerlisten aber zeigt, dass sich zumindest die Verhältnisse verändert haben. Seit Monaten belegt Stephenie Meyer einsam die vorderen Plätze. "Seit die Sendung fehlt, steht nicht mehr so eine breite Palette an der Spitze der Bestsellerliste", meint Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch, "literarische Titel sind dort kaum noch zu finden."

Im Einzelfall hatte der Heidenreich-Effekt enorme Wirkung: Karsten Rösel vom Luchterhand-Verlag schwärmt noch immer von jenem Weihnachtsgeschäft 2006. Bis November verkaufte sich der Roman "Letzte Reise" von Anna Enquist eher schleppend. Doch dann besprach Heidenreich: "Ein ganz großartiges Buch! Ein Buch von einer großen Kraft und Wärme, das Männer und Frauen gleichermaßen glücklich macht beim Lesen, denn es ist eine Liebesgeschichte und ein Abenteuerroman." Am Jahresende waren 48 000 Exemplare der "Letzten Reise" verkauft. Oder der Roman "Habseligkeiten" von Richard Wagner - "Richard Wagner ist ein Autor, den sie unbedingt entdecken sollten. Er erzählt unsentimental, beeindruckend, ganz uneitel", urteilte Heidenreich. Verkauft wurden 16 000 Exemplare. "Ohne diese Empfehlung hätte der Roman das sicher nicht erreicht", sagt Andrea Doberenz vom Aufbau-Verlag. "Etwas Vergleichbares gibt es nicht mehr im deutschen Fernsehen." Nicht diesen Ton, nicht diese Nähe. Die Methode Heidenreich - gute Freundin empfiehlt gutes Buch - war sehr effektiv, wenn auch unberechenbar: "Man wusste nie, welches Buch sie empfehlen wird", erinnert sich Doberenz.

Freundliche Empfehlung gegen Hochfeuilleton

Auch an Heidenreichs wöchentlichem Buchtipp im Internet kann man das Echo ihres einstigen Einflusses noch ablesen. Die letzte Empfehlung ("Liebst du mich" von Luis Leante) sei laut Martin Spieles vom Verlag S. Fischer nach der Sendung spürbar besser verkauft worden. In Zahlen ausgedrückt jedoch ist das verhältnismäßig enttäuschend: Im Internetranking von Amazon.de erreicht das Buch zurzeit gerade mal Verkaufsrang 4743. Damit liegt sie im inoffiziellen Wettbewerb aber immerhin noch vor Christine Westermann, die in der WDR-Sendung "Frau TV" und im WDR-2-Radio mit einer Heidenreich nicht unähnlichen Einverstandenheit Bücher lobt und gern gegen das "Hochfeuilleton" und dessen elitären Habitus polemisiert. Westermanns aktueller Tipp ("Anne und Paul" von Arnold Thünker) steht bei Amazon.de zwar erst auf Rang 59 487, aber zumindest im lokalen Buchhandel scheinen ihre Würdigungen nicht folgenlos zu bleiben. Seit einiger Zeit informiert der Sender die Buchläden schon vor der Sendung über die ausgewählten Titel, damit sich diese "auf den Andrang vorbereiten" können. Weniger Angst müssen die Geschäfte erfahrungsgemäß vor Denis Schecks ARD-Sendung "Druckfrisch" haben, in der er regelmäßig und buchstäblich die Spiegel-Bestsellerliste in die Tonne haut. Sein Motto: "Trage nicht zur Verblödung bei".

Dass ab kommenden Freitag "Die Vorleser" Amelie Fried und Ijoma Mangold mit Heidenreichs Sendeplatz auch deren Funktion als Motor des Buchmarkts übernehmen können, wagt kaum jemand zu hoffen. Aber vielleicht gelingt dem ZDF mit der neuen Literatursendung eine Synthese der beiden Weltanschauungen der Literaturkritik. Vereint könnten Amelie Fried als gute Freundin und Ijoma Mangold als ambitionierter Feuilletonist ein literarisches Duett bilden, das beides kann: streiten und empfehlen.

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