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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Literaturfestival Mein Berlin, dein Berlin

23.09.2010 ·  Alexander Osang gibt Heimatliteratur zum besten, Dea Loher erholt sich von ihrer Arbeit als Dramatikerin, und der serbische Dichter Bora Ćosić gesteht, er habe sich die Liebe zu Berlin zugezogen wie einen Virus: Deutsche Befindlichkeiten auf dem Literaturfestival.

Von Andreas Kilb
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Für Alexander Osang war es ein Heimspiel. Im Kino „Babylon“ am Rosa-Luxemburg-Platz las er vor vierhundert Leuten aus seinem Buch „Königstorkinder“, und falls unter den Zuhörern ein Mitglied der West-Berliner Intelligenzija war, gab es sich an diesem Abend nicht zu erkennen. Die Stimmung war ostdeutsch. Die Prosa auch. Osangs dritter Roman spielt im Bötzowviertel, einer Jugendstilidylle am Prenzlauer Berg, wo auch der Autor lebt. Sein Held, ein freischaffender Künstler, der sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchschlägt, verliebt sich in eine aus München zugezogene Produzentengattin, die in einem der blütenweißen Townhouses wohnt, welche die Gentrifizierung dem Viertel beschert hat. Sie sucht Anschluss, er braucht einen Wegweiser zum Erfolg. Das kann nicht gutgehen, aber es taugt für ein Stück Berliner Heimatliteratur, das aus den Mauerritzen einer zersprengten DDR-Biographie sprießt.

Osangs Geschichte ist das reine Karikaturenkabinett, es gibt den Wessi-Regisseur, der seine Kippen in der Balkonpflanze ausdrückt, den Wessi-Journalisten, der beim Abendessen mit seinen Interviewpartnern angibt, und den melancholischen Amerikaner mit Ostfrau, aber das Liebespaar bleibt von diesen Zuschreibungen unberührt, es findet sein Shangri-La auf dem Arbeitszimmersofa. Für das Publikum im „Babylon“ war dieses Herzschmerz-Pastiche in Orwo-Farben die erwartete Offenbarung, es lachte immer an den richtigen Stellen. Man braucht jetzt nicht mehr Gregor Gysi zu wählen, um sich als Ostmensch zu outen, es genügt ein Besuch im Buchladen um die Ecke.

An der Spree und nicht am Rhein

Ein Literaturfestival, das in Berlin stattfindet, muss sich natürlich international ausrichten, aber sein Erdungspunkt bleibt doch das Brandenburger Tor. Wenn Durs Grünbein, Moritz Rinke oder Harald Martenstein hier lesen, können sie anschließend mit dem Taxi nach Hause fahren, und obwohl hinter dem Namen Eva Menasses im Programmheft nach wie vor „Österreich“ steht, lebt auch diese Schriftstellerin längst an der Spree. So wie Dea Loher, die im Collegium Hungaricum aus ihrem Erzählungsband „Hundskopf“ vorlas, den sie, wie sie sagte, zur Erholung von ihrer Arbeit als Dramatikerin verfasst hat. Ein paar Ecken weiter, am Deutschen Theater, läuft gerade Lohers neues Stück „Diebe“. So gesehen, ist das ganze Festival eine Pause im Betrieb.

Es scheint deshalb einerseits folgerichtig, dass das Berliner Literaturfestival nun schon seit zehn Jahren aus Projektmitteln des Hauptstadtkulturfonds finanziert wird. Andererseits ist dieses Subventionsmodell natürlich eine Absurdität. Das Literaturfestival ist kein Projekt mehr, es ist eine nationale Institution, und als solche gehört es in den Etat des Kulturstaatsministers. Der aus der Neumann-Behörde bei derlei Ansinnen routinemäßig erschallende Hinweis auf die Lit.Cologne, die dank einer Phalanx von Sponsoren auf Zuschüsse des Staates verzichten kann, hat seine Schuldigkeit in der Diskussion inzwischen getan. Berlin war schon arm, als Köln noch von Erzbischöfen regiert wurde, und es hat auch als Hauptstadt kein Fett angesetzt. Aber vielleicht liegt auch hier die Wahrheit im Standort des Betrachters. Die Haushälter des BKM, die zum größeren Teil noch in Bonn sitzen, nehmen eben gern das Taxi zur Lit.Cologne. Vielleicht sollten sie öfter in den Flieger nach Berlin steigen. Die Autoren jedenfalls ziehen wohl kaum zurück an den Rhein.

Die Dramaturgie des Karussells

Vielleicht muss man so alt und weise sein wie Bora Ćosić, um sich ganz ungeniert zu seinem Berlin-Gefühl zu bekennen. Der serbische Dichter, eigentlich geladen, um im Rahmen des Festivalschwerpunkts „Fokus Osteuropa“ über die Ungewissheiten des Exils Auskunft zu geben, gestand seinen Zuhörern im Haus der Kulturen der Welt, er habe sich die Liebe zu dieser Stadt zugezogen wie einen Virus. Dann las er aus seinem neuen Lyrikband „Die Toten. Das Berlin meiner Gedichte“. Ein Gedicht darin besingt die „gehortete Kälte“ der Gemälde Caspar David Friedrichs in der Alten Nationalgalerie. Ein anderes beschwört die Geister Nabokovs und des Petersburger Dichters Andrej Bely am Wittenbergplatz. Es ist Heimatlyrik eines Heimatflüchtigen, also genau die Art von europäisch beseelter Dichtung, der man im Bötzowviertel misstraut. Dabei überwindet sie nicht nur die notorischen west-östlichen Gräben, sie versöhnt auch die Welt mit Berlin.

Und die Zeitdiagnose, der große Kommentar zur Lage? Von einem Literaturfestival darf man sie nicht erwarten, hier regiert die Dramaturgie des Karussells. An einem Tag tragen Gerd Koenen und Rolf Hosfeld gemeinsam den Kommunismus zu Grabe, am anderen liest die Journalistin Natalja Kljutscharowa aus ihrem Reiseroman aus dem heutigen Russland. Im Übrigen gilt für diesen wie jeden anderen Lesungsreigen, was der „SZ“-Feuilletonist Thomas Steinfeld bei der Vorstellung seines „Sprachverführers“ auf die Frage der Moderatorin Sibylle Lewitscharoff antwortete, ob gegen die Verhunzung der deutschen Sprache denn kein Kraut gewachsen sei: „Es sitzt in Ihrer Gestalt hier neben mir.“ Warten wir also auf besseres literarisches Wetter.

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