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Literatur Dichter hassen besser

24.01.2009 ·  Das waren noch Zeiten, als sich die Dichter gegenseitig die Bonmots um die Ohren hauten. Heute sind die Sitten viel zivilisierter, die Opfer empfindlicher geworden. Ein Symptom für den Niedergang der Literatur? Eine Buchveröffentlichung über den Dichterhass macht nachdenklich.

Von Jürg Altwegg
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Er „verpisst nur klares Wasser“, höhnte Flaubert über den Kollegen Lamartine. Als „bretonische Kuh der Literatur“ wurde George Sand von Jules Renard beschimpft. Balzac versprach, seine Feinde „auszumerzen“. In einem Brief erkundigte er sich bei seinem erfolgreicheren Kollegen Eugène Sue: „Wie steht es um Ihre?“ Die Antwort kam postwendend: „Ach, meine Feinde? Sie sind perfekt und zahlreich.“ Sie säumen jede literarische Karriere – die erst durch Hass und Anfeindungen wirklich Profil bekommt. In einem anekdotenreichen Buch haben zwei ganz junge Literaturwissenschaftler, Anne Boquel und Etienne Kern, die Affären und Rivalitäten, die Intrigen und Beschimpfungen nun zusammengestellt.

Ihre köstliche kleine Geschichte des literarischen Hasses beschränkt sich auf das 19. Jahrhundert. Die Auflagen der Bücher wie der Zeitungen, für die viele Schriftsteller Fortsetzungsromane schreiben, steigen. Die Literatur beginnt zu florieren, es geht um Geld, Preise und Ehrungen. Den Einzug in Akademien und Jurys. Um Einfluss, Macht und Frauen. Die Literaturkritik wird zur Massenveranstaltung für das bürgerliche Publikum. Balzac beschuldigt Victor Hugo, die Journalisten zu instrumentalisieren, um ihn zu zerstören. Flaubert hat unseren Gebrauch des Imperfekts kopiert, klagen die Brüder Goncourt. Und Zola soll ihnen die Themen geklaut haben. Victor Hugo hasst Stendhal, der „gar nicht französisch schreibt“.

Von Rivalen fasziniert

Der große Romantiker ist im Umgang mit seinen Gegnern nicht zimperlich. Seinen Jahrhundertgegner Sainte-Beuve macht er zu „sainte bave“: Heiliger Geifer! Dabei waren sie einst Komplizen und wurden Freunde. Jahrelang ging Sainte-Beuve täglich bei den Hugos ein und aus. Dessen attraktive Frau Adèle würdigte er dabei keines Blickes. Er war von Victor Hugo fasziniert – und dieser für jede Bewunderung überaus empfänglich. Der Großdichter wurde als Poet und Dramatiker immer erfolgreicher. Die Karriere von Sainte-Beuve aber stockte.

Im Umgang mit Frauen war der ebenso hässliche wie schüchterne Kritiker ziemlich ungeschickt. Musset nahm ihn mit ins Bordell. Bei der von ihrem Gatten, einem notorischen Schürzenjäger, vernachlässigten Adèle Hugo fand Sainte-Beuve Gehör für seine Verbitterung. Sie wiederum beichtete ihm nach dem Tod der Mutter ihren Kummer, für den sich der Ehemann nicht im geringsten interessierte. Sainte-Beuves literarische Versuche zeugen von seinen aufkommenden Gefühlen für „la belle Adèle“. Eine „schmachtende und leidende Verliebtheit“ bescheinigen ihm die beiden Literaturwissenschaftler. Und stellen unbarmherzig fest: Auch noch als Adèles Liebhaber, der er schließlich wurde, blieb Sainte-Beuve mehr vom Rivalen als von dessen Gattin fasziniert.

Geld und Neid

„Mimetisch“ nennen die Autoren Sainte-Beuves Begehren: Er wollte Adèle nur, weil Hugo sie auch wollte. Und auch nur so lange. Auf dem Theater lernte Hugo seine neue Geliebte Juliette Drouet kennen. Sie spielte in der Uraufführung seines Stücks „Lucrèce Borgia“. In der „Revue des deux mondes“ ließ Sainte-Beuve das Stück von einem prominenten Kollegen verreißen. Noch hielt sich Hugo zurück, Sainte-Beuve war einflussreich geworden und mit fast allen Chefredakteuren befreundet. Erst als er im eigenen Namen Hugo zu attackieren begann, spitzte sich die Lage zu. Doch zunächst waren Hugo die Hände gebunden, denn man hatte ihn wieder einmal bei einem Ehebruch ertappt.

Sainte-Beuve schrieb einen Roman mit dem Titel „Volupté“ (Wollust), und Victor Hugo antwortete mit einer Ode auf die Tugend und Schönheit seiner Gattin, die er permanent betrog. Der Rivale ließ ein „Livre d’Amour“ folgen. Victor Hugo forderte ihn zum Duell heraus, von dem ihn nur der Verleger abhalten konnte: Der Skandal würde beiden nur schaden.

Adèle hatte längst gemerkt, dass sich Sainte-Beuve nicht mehr für sie interessierte, sondern nur noch als Trophäe benutzte. Sie war über die Heftigkeit, mit der Sainte-Beuve ihren Mann in den Zeitungen kritisierte, empört. 1837 machte sie der Liaison ein Ende – was den Kritiker nicht hinderte, noch über Jahre hinaus in seiner Literatur seine Liebe zu beschwören. Victor Hugo und Sainte-Beuve blieben die besten Feinde des Jahrhunderts und pflegten unaufhörlich ihren gegenseitigen Hass. Noch fünf Jahre nach dem Tod des Rivalen widmete ihm der alte Hugo 1874 ein Gedicht, in dem er ihn beleidigt und beschimpft.

Ein „Defizit an Intelligenz“

Auch politischere Feindschaften säumen Victor Hugos Triumphzug durch das Jahrhundert. Die Nachwelt hat seinen europäischen Idealismus und sein Exil in Erinnerung behalten. Mit jedem Regime hatte er sich arrangiert: „Restauration, Julimonarchie, Republik, Kaiserreich, Re-Republik!“, so höhnte Barbey d’Aurevilly: „Im Vergleich zu Hugo war Pythagoras, der die Reinkarnation predigte, ein unbeweglicher Krüppel ohne Beine.“ Mit jeder Schattierung der „politischen Windrose“ habe sich Hugo eingelassen, schrieb Auguste Barbier über den Wendehals, der sogar in einem Gedicht Geschichtsfälschung betrieb und seine Bekenntnis zur Republik vordatierte.

Neunzehnmal mühte sich Emile Zola, einer der meistgehassten Dichter aller Zeiten, vergeblich um seine Aufnahme in die Académie Française. Gegen deren arrogante und konservative „Unsterblichkeit“ gründeten die Gebrüder Goncourt ihre Akademie, die noch immer den begehrtesten Literaturpreis vergibt. Ihr berühmtes Tagebuch hat für manchen Skandal gesorgt. Edmond de Goncourt saß mit am Tisch, als Ernest Renan im Restaurant „Brébant“ die Niederlage von Sedan mit der „Überlegenheit der deutschen Rasse“ begründete. Zu Hause notierte Edmond de Goncourt den Vorfall. Er wurde zwanzig Jahre später publik, als der vierte Band des Tagebuchs erschien. Renan galt nun in einem völlig veränderten, nationalistisch geprägten Klima plötzlich als defätistischer Dichter, der den Sieg der Deutschen begrüßt hatte. Monatelang bekriegten sich die beiden Greise. Renan, der dem Gegner ein „Defizit an Intelligenz“ vorwarf, starb ein paar Monate später.

Sex und Eitelkeit

Fünf Motive nennen die Autoren als Auslöser der Dichterfehden: Sex, Eitelkeit, Politik, Geld und Neid. Sie sind bezüglich ihrer Quantität wie Qualität eine französische Besonderheit. Sie wird mit der langen politischen Geschichte und dem monarchistischen Erbe begründet. Deutschland, Italien und selbst die Vereinigten Staaten sind im Vergleich zu Frankreich junge Nationen. Und in keiner anderen Kultur leben die Dichter auf so engem Raum zusammen wie die französischen Schriftsteller in Paris. Freund- und Feindschaften sind die logische Folge.

Über die Dreyfus-Affäre – als „altes Scheiß-Schwein“ wurde Zola beschimpft – und die ideologischen Schlachten zwischen den Faschisten und den Kommunisten könnten die Autoren ihren roten Faden der Literaturgeschichte problemlos ins 20. Jahrhundert weiterspinnen. Auch als Antisemiten gehörten die Dichter zu den wortgewaltigsten. Während der Zeit von Vichy, der Kollaboration und den „Säuberungen“ gab es Tote – manchmal durchaus vor dem Hintergrund persönlicher Abrechnungen. „Nach Dada kommt Caca“, höhnte der Nobelpreisträger André Gide über Jean-Paul Sartre, der auch von Céline mit den ordinärsten Perlen aus dem Vokabular der Skatologie eingedeckt wurde. Catherine Millet, die mit der Ausbreitung ihres Sexlebens mehr Furore machte als mit ihren literarischen Texten, bezeichnete Anna Gavalda, Amélie Nothomb und Françoise Sagan als „Unterliteratur“. Christine Angots unmögliche stilistische Verrenkungen wurden als „Masturbationsfellatio“ beschrieben. Marie Darrieussecq musste sich sagen lassen, dass man auch in einem Buch mit dem Titel „Schweinerei“ nicht unbedingt wie eine Sau schreiben sollte.

Auch Sarkozy hört nur noch auf eine Sängerin

Leicht selbstgefällig haben sich im vergangenen Herbst Bernard-Henri Lévy und Michel Houellebecq als „Volksfeinde“ gegenseitig ausgeweint. Lévy blendet die härteste und intellektuelle Kritik (durch Raymond Aron, Pierre Vidal-Naquet und andere Denker) aus und bringt sich geschickt mit den peinlicheren Angriffen auf seine Person in Position. Weniger schlau agiert Houellebecq, der plump auf die Kritiker zurückschlägt. Doch als Gradmesser zeigt ihr Buch: Unter Männern sind die Sitten sehr viel zivilisierter, die Opfer aber auch entsprechend empfindlicher geworden.

Man ist versucht, in dieser Beobachtung ein Symptom für den Niedergang der Literatur und für ihren Bedeutungsverlust auszumachen. In der Massenpresse haben Film- und Fernsehstars gemeinsam mit den Sportlern die Dichter verdrängt. Auch aus dem Fernsehen sind sie zwanzig Jahre nach „Apostrophes“ weitgehend verschwunden. Zwar hat der neue Staatspräsident im Wahlkampf Yasmina Reza erlaubt, ihn zu begleiten. Aber seit seiner Krönung hört er nicht mehr auf die Intellektuellen, sondern nur noch auf eine Sängerin.

Anne Boquel / Etienne Kern: „Une histoire des haines d'écrivains, de Chateaubriand à Proust“. Editions Flammarion, 328 Seiten, 19 Euro

Quelle: F.A.Z.
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