05.09.2009 · Kindlers Literaturlexikon ist eine Legende. Jetzt erscheint es in der dritten Auflage. Aber kann dieser Fels des Weltbuchwissens gegen das Internet noch bestehen? Bericht von einem verzweifelten Kampf.
Von Volker WeidermannEs ist ein Überwältigungswerk: Der neue Kindler, das legendäre Lexikon der Weltliteratur, erscheint in diesen Tagen in seiner dritten, völlig neu bearbeiteten Auflage. Er hat die Farbe eines Felsens und wiegt 32,5 Kilogramm. 1500 Mitarbeiter haben insgesamt 21.564 Artikel geschrieben. 13.000 Werke aus 231 Sprachen, von Abchasisch bis Zulu, werden behandelt. Das Lexikon umfasst 18 Bände mit insgesamt 14.760 Seiten. In einem Büro in Göttingen, beim Generalherausgeber Heinz Ludwig Arnold, liefen in den letzten fünf Jahren die Fäden zusammen, wurde geplant, entworfen, eingesandt, korrigiert und immer wieder korrigiert. Jetzt ist es fertig, und man steht davor und staunt. Staunt vor allem darüber, dass es so etwas noch gibt, dass der zum Holtzbrinck-Konzern gehörende Metzler-Verlag ein solches Unternehmen mit all seinen finanziellen Risiken noch einmal gewagt hat.
Der Kindler ist eine Legende, jeder Literatur-Interessierte kennt ihn, hat darin gelesen. Es ist ein Buch der Bücher, ein beinahe unendliches Literaturuniversum, manche Artikel waren so gut, dass man das besprochene Buch gar nicht mehr lesen musste oder enttäuscht war, wenn man es doch las. Der Verleger Helmut Kindler hatte zwischen 1965 und 1974 die erste Auflage, damals in sieben Bänden, herausgebracht, 1988 folgte die von Walter Jens herausgegebene, völlig überarbeitete zweite Auflage – „der neue Kindler“. Und jetzt also: der ganz neue und höchstwahrscheinlich auch: der letzte Kindler.
Die Zeit für privat finanzierte, eigenständige Universallexika geht zu Ende. Brockhaus hat im letzten Jahr schon erklärt, dass die 21. Auflage des deutschen Lexikons wohl die letzte bleiben wird. Die Gratis-Quelle Internet und dort vor allem das unendlich schnelle, bewegliche und immer zuverlässigere Lexikon Wikipedia sind langfristig einfach übermächtige Gegner. Die Zeiten gehen vorbei, in denen man in dem massiven Wissensblock Kindler ein vollkommen zuverlässiges Exklusivwissen vermuten konnte. Schon der Preis ist in Zeiten des großen Umsonst ein Hammer: Der Subskriptionspreis für die gedruckte Ausgabe beträgt bis zum Ende des Jahres 1950 Euro, danach 2400 Euro.
Wer wird das bezahlen?
Und dabei gibt es gar keinen Zweifel daran, dass ein solcher Preis für ein derartiges Unternehmen absolut angemessen ist, um auch nur in die Nähe einer Kostendeckung zu kommen. Es gibt das Lexikon auch in einer Online-Version, und dass diese allerdings genauso viel kostet wie die gedruckte Ausgabe, erscheint dann doch ein wenig weltfremd. 2400 Euro für ein Passwort? Wer wird das bezahlen? Und keineswegs ist es so, dass man als Käufer der gedruckten Ausgabe die Online-Nutzung gleich mit erwirbt. Eine Kombination aus beidem kostet ab 1. 1. 2010 3360 Euro. Und nur wer einen Online-Zugang gekauft hat, ist später berechtigt, einmal im Jahr ein Update für jeweils 99 Euro zu erwerben. Es wird schwierig für den Kindler, so viel ist sicher.
Aber wie ist er denn jetzt? Was ist das Neue, das Wertvolle, das Große? Rezensenten wird vom Verlag der erste Band zur Verfügung gestellt und ein temporäres Passwort für die komplette Online-Version. Zunächst aber das Buch, der erste Band, dunkelgrauer Granit, die letzte Auflage war in hellem Grau gebunden. Das Schriftbild ist heller, klarer, luftiger, viel besser zu lesen als in der alten, etwas knibbeligen Version. Und dann, gleich beim ersten Autor: eine Revolution im Kindler-Universum. Zwar beginnt auch dieser Band mit dem portugiesischen Avantgardisten Ruben A. (d.i. Ruben Alfredo Andresen Leitão), aber nach dem Namen folgen nicht, wie bisher, kurz die Lebensdaten und dann das erste Werk, sondern ein kurzer biographischer Text, ein sogenanntes „Biogramm“.
Schon in der zweiten Auflage war man ja davon abgerückt, das Lexikon komplett alphabetisch nach den Titeln der Werke zu sortieren, und hatte stattdessen die Autorennamen als Ordnungseinheit gewählt und unter diesen Namen dann das Werk. Es ist ein unendlich alter Streit, wie autonom ein Werk zu betrachten ist, wie wichtig das Leben des Autors genommen wird. Dass jetzt in die Heiligen Hallen der Werk-Betrachtung ein wenig Leben einzieht, ist bemerkenswert. Die Biogramme sind extrem knapp, lesen sich aber gerade dadurch oft wie rasante Mini-Romane. Lesen Sie mal: „Artschil II. 1647–1713 – Georgischer König, Politiker, Schriftsteller; angesichts türkischer und persischer Eindringlinge 1699 mit einer Einladung Peter I. Emigration nach Russland, dort Gründer einer georgischen Kolonie und Druckerei; Begründer einer neuen Richtung altgeorgischer Literatur, forderte die Objektivität historischer Darstellungen und rief zur Erforschung der Gegenwart auf.“ Klingt wie ein frühgeorgischer Popautor. Ihm folgt sogleich Arunakirinatar, 1370–1450: „Der Legende nach ein Spieler, Trinker, Frauenverführer, der körperlich ruiniert, verachtet und desillusioniert vom höchsten Turm des Tempels von Arunacalesvara in Tiruvannamalai sprang, aber vom Gott Kantar gerettet wurde, der ihn aufforderte, Siva zu preisen.“ Es endet mit dem Kindler-Urteil: „Bedeutendster sivaitischer Hymnendichter des Mittel-Tamils.“ Ist das nicht herrlich? Und ein wunderbares Intro für die folgende Information über sein Hauptwerk „Tiruppukal“.
Lesen, lesen und lesen
Man kann lesen, lesen und lesen in diesem Buch, über Welten, über Bücher, von denen man nun wirklich bislang nichts ahnen konnte, die nicht nur ausführlich beschrieben werden, sondern oft auch (allerdings längst nicht mehr in allen Fällen) ein heilig-ernstes Urteil an den Artikel anhängen. Wie zum Beispiel am Ende des Berichts über Anaximenes von Milets Buch „Über die Natur“: „Dass er dagegen die Erde wieder als einen flachen, auf einem Luftpolster ruhenden Teller ansah und sich von der geozentrischen Kugelgestalt des Alls abkehrte, will – obgleich es vom Wesen jener rein spekulativen Denkweise her ganz natürlich erscheinen muss – ohne die verloren gegangene Begründung nur schwer einleuchten.“ Dass dem Kindler-Autor, in diesem Fall heißt er Egidius Schmalzriedt, die Tatsache einer flachen Erde auf einem Luftpolsterteller mit Begründung dagegen offenbar sehr wohl eingeleuchtet hätte, überrascht zwar ein wenig, spricht aber auch irgendwie für die Offenheit der Kindler-Bewerter für neue Ideen und originelle Gedanken.
Wenn der Kindler in der Welt der Gegenwart noch eine Chance haben will, dann liegt sie in seiner Autorität, in der Abgrenzung gegenüber dem Alles-Internet, der Eingrenzung, der Behauptung eines Kanons von Werken, die dazugehören und die draußen bleiben. Heinz Ludwig Arnold formuliert diesen neuen Anspruch des Kindler im Vorwort: „Doch war die Auswahl von Werken für den Kindler bisher nie unter definierten Kanonaspekten entschieden worden. Deshalb sollten nun bei der Neufassung des Kindler erstmals bewusst Kriterien der Kanonisierung bedacht und angewendet werden.“ Für die einzelnen Bereiche waren insgesamt 75 sogenannte Fachberater verantwortlich. Man könnte sie auch Torwächter nennen. Sie kontrollieren, wer reinkommt und wer nicht.
Offen für Neues und Erstaunliches
Das führt in manchen Fällen zu sonderbaren Kompetenzverknotungen, wenn der Fachberater für skandinavische Literaturen, Heinrich Detering, zum Beispiel über die Werke Hans Christian Andersens sieben von acht Texten gleich selber schreibt und dabei auch den Beitrag über das von ihm selbst übersetzte Drama „Der Mulatte“. Gleichzeitig war er aber so sportlich, beim „Bilderbuch ohne Bilder“ nicht seine eigene Übersetzung, sondern die des Kollegen Ulrich Sonnenberg anzugeben. Dafür endet der Artikel mit dem Literaturverweis auf sein eigenes Werk „Die Blümchen des Bösen“. Ansonsten wirkt die skandinavische Abteilung auf den ersten Blick aber hervorragend betreut. Und offen für Neues und Erstaunliches: Zum Beispiel wurde die Sängerin Björk mit ihren Liedtexten aufgenommen.
Auch an anderer Stelle wird der Kanon erweitert. Comics kommen vor, Psychologie und im Umfang erheblich erweitert: naturwissenschaftliche Werke, glänzend betreut vom Wissenschaftshistoriker Michael Hagner. Der allerdings, als ihn ein Journalist der „Neuen Zürcher Zeitung“ besuchte und ihn am Ende des Gesprächs fragte, wieso denn Darwins „Die Abstammung des Menschen“ nicht vorkomme, bekannte, das sei wohl vergessen worden. Das Wörtchen „vergessen“ steht natürlich etwas einsam und hilflos vor dem gedruckten grauen Kindler-Koloss. Es wird eine Weile dauern, bis ein gedruckter Erweiterungsband erscheinen wird.
Für Online-Nutzer wird es schneller gehen, wie gesagt: einmal im Jahr für jeweils 99 Euro. Die Online-Version ist praktisch, mit Suchfunktion und Links innerhalb des Lexikons. Aber gerade diese Links machen die Rückständigkeit natürlich auch deutlich. Es ist eben ein abgeschlossener Lexikon-Kosmos. Keine Links zu Bildern, zu Primärtexten, zu Karten, zu den ganzen Möglichkeiten, die das Forschen im Netz bietet. Die Kindler-Welt, die früher mal beinahe unendlich schien, wirkt gerade in der Online-Version für den geübten Internet-Nutzer beschränkt. Und natürlich muss Arnold im Vorwort Wikipedia „oft unkritisch, ungefiltert, selten wirklich professionell geprüft und deshalb im Grunde doch unzuverlässig“ nennen. Es stimmt aber eben in der Regel nicht. Und Fehler finden sich auch im Kindler.
Sein erstes Baby
Im Beitrag zum Werk Feridun Zaimoglus, von dem ausschließlich der Erstling „Kanak Sprak“ behandelt wird, was, ehrlich gesagt, angesichts der hohen Qualität seines späteren Prosa-Werks beinahe rassistisch wirkt – sobald der Türke deutsch schreibt, interessiert er uns nicht mehr –, heißt es am Ende, er habe sich von seinem Erstlingswerk distanziert. Davon war bisher jedoch noch nichts zu hören. Der Autor jedenfalls erklärt dazu auf Nachfrage: „Das ist völliger Blödsinn. Ich bin dankbar für mein erstes Buch. Das sage ich auch auf jeder Lesung. Das war mein erstes Baby. Damit kam ich ja überhaupt erst rein.“
Und wenn es im Abschnitt zu Max Frischs Tagebüchern heißt, das zweite liege in zwei Fassungen vor, so ist das zwar nicht ganz falsch, denn in der Tat hat Frisch den Band für die „Gesammelten Werke“ erweitert, hat ansonsten aber nichts verändert. Echte zwei Fassungen gibt es vom ersten Tagebuch, das zunächst unter dem Titel „Tagebuch mit Marion“ erschien und später, wesentlich erweitert, umgeschrieben und grundsätzlich verändert, bei Suhrkamp. Dazu findet sich kein Hinweis im Text. Das kann immer mal vorkommen, lässt aber die Hybris gegenüber Wikipedia noch etwas gewagter erscheinen.
Die Kindler-Macht liegt in der Begrenzung. Die meisten Fachbereiche sind offen und modern, es gibt einen Eintrag über den französischen Werberomancier Frédéric Beigbeder, die sechsundzwanzigjährige Polin Dorota Masłowska ist mit ihrem Roman „Schneeweiß und Russenrot“ dabei, über den es heißt, ihn „schrieb die Autorin 2002 innerhalb von vier Wochen nieder“. Es gibt nur einen Bereich im neuen Kindler, in dem neuere Entwicklungen nicht berücksichtigt werden, das ist der deutschsprachige. Als Fachberater zeichnet hier der Siegener Professor Herrmann Korte verantwortlich, man darf aber mit einigem Recht davon ausgehen, dass der Generalherausgeber Arnold, der sich sein Leben lang mit der Kanonisierung der deutschen Gegenwartsliteratur beschäftigt hat, unter anderem in seinem „Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, auf die Auswahl starken Einfluss ausübte.
Hier findet sich kein Christian Kracht, kein Helmut Krausser, kein Thomas Meinecke, kein Maxim Biller, kein Dietmar Dath, kein Peter Stamm, kein Clemens Meyer, kein Michael Lentz. Nur dreizehn in Deutschland nach 1960 geborene Autoren finden Erwähnung. Darunter die weitgehend unbekannte Katrin Seebacher, die 1997 starb und in deren Biogramm vermerkt wird: „hervorragendes Rigorosum“. Das ist Göttinger Esoterik und kein Kanon. Für die Aufnahme in den Kindler sei „die Summe der kulturellen Resonanz“ entscheidend, und da fragt man sich dann doch, wo die Entscheider in den letzten zwanzig Jahren ihre Ohren hatten. Über das Werk von Christian Kracht und Helmut Krausser erscheinen in diesen Tagen umfangreiche wissenschaftliche Sammelbände, die Germanistik hat den Kindler überholt, die Leser, die Kritiker schon längst. Dabei heißt es im Vorwort so schön: „Ohne das Publikum, ohne Leser und Zuschauer, bleibt kein Kanonwerk auf Dauer lebendig. Daher verbindet der Kindler die institutionelle und lebensweltliche Kanonresonanz.“
Wie schade, dass man sich ausgerechnet im Bereich der deutschen Literatur freiwillig und sehenden Auges von dieser lebensweltlichen Resonanz abkoppelt und den Kindler-Block nutzt, um längst verlorene Kanon-Kämpfe zu kämpfen. Es wäre doch die Aufgabe gewesen, gerade dieses gewaltige, unendlich teure und wertvolle Unternehmen, das es in dieser Form wahrscheinlich nie mehr geben wird, so lebendig, wach und unverbohrt wie möglich zu gestalten. Diese Chance wurde verpasst. Was für ein Jammer!
Volker Weidermann Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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