18.03.2010 · Ein Manifest aus Zitaten: David Shields bringt mit „Reality Hunger“ auch in Amerika die Debatte über Plagiat und literarische Aneignung in Gang. Ein neuer Streit um den Wirklichkeitsbegriff der Literatur zeichnet sich ab.
Von Jordan Mejias, New YorkDavid Shields wollte gern tun, was Helene Hegemann getan hat. Denn ein Buch, aus allen nur möglichen Quellen zusammengebastelt, ist sein literarisches Ideal. Bevor er aber den Namen der deutschen Jungschriftstellerin zum ersten Mal gehört hatte, war er schon mit „Reality Hunger“ fertig. Das jedoch ist kein Roman, sondern ein Manifest. Unterteilt weniger in Thesen als in 618 Einträge, die einem seltsamen Alphabet von A wie overture bis Z wie coda folgen, fordert Shields darin, beim Schreiben endlich wieder die Wirklichkeit zu Wort kommen zu lassen. So lesen wir etwa als Eintrag 563: „Da stand er und büßte in großer Verlegenheit den Irrtum, dass man ein Blättchen pflücken dürfe, ein einziges, vom Lorbeerbaum der Kunst, ohne mit seinem Leben dafür zu zahlen.“
Alles auf Englisch zwar, aber immer noch sehr schön. Und nicht nur schön kommt uns Shields auch mit Eintrag 577, der zu übersetzen wäre: „Ich habe nie von einem Verbrechen gehört, das ich nicht hätte begehen können.“ Wer jetzt, durch den Fall Hegemann aufgeweckt und -geschreckt, vor allem fremde Federn zu erkennen glaubt, mit denen sich auch dieser amerikanische Schriftsteller schmückt, liegt gewiss richtig. Nur hat der Verlag Alfred A. Knopf, der im prozesssüchtigen Amerika zu Hause ist, juristisch vorgebaut. Auch wenn im Text jeglicher Quellenhinweis fehlt, gibt ein Anhang Auskunft.
Eintrag 563, erfahren wir dort, beziehe sich auf Thomas Manns „Tonio Kruger“, ja, Kruger soll dieser Kröger heißen, Eintrag 577 auf Goethe. Das Letztere ist noch ein bisschen falscher, weil das der Goethe gesagt hat, den Mann in „Lotte in Weimar“ heraufbeschwört. Der echte Goethe hat, wäre seinen posthumen Maximen und Reflexionen zu trauen, statt von Verbrechen lediglich von Fehlern gesprochen. Aber wer wird schon so penibel sein wollen. Shields hat den Anhang ohnehin bloß auf Druck seines Verlags veröffentlicht, er hätte lieber gar nichts verraten und sich die Freiheit genommen, Zitate ungekennzeichnet einzubauen, eine Freiheit, die, wie er im Vorwort zum Anhang seufzt, Autoren von Montaigne bis Burroughs noch genießen durften. „Ihre Ungewissheit darüber, von wem die Worte, die Sie gerade gelesen haben, stammen“, erklärt er dem Leser, „ist kein Defekt, sondern ein Charakteristikum.“
Kostenlose Wirklichkeit
Und darum rät er allen, die das Manifest so lesen wollen, wie er es vorgesehen hatte, eine scharfe Schere oder eine Rasierklinge zu nehmen und die verräterischen Seiten 210 bis 218 aus dem Buch zu trennen. Seine Rechtfertigung unserer potentiellen Tat: „Wem gehören die Wörter? Wem gehören die Musik und der Rest unserer Kultur? Uns gehört das - uns allen -, aber nicht alle von uns wissen das schon. Für die Wirklichkeit gibt es keinen Urheberschutz.“ Womit wir mitten im Schlamassel wären, im Schlamassel der Urheberrechtsfragen und des Buches.
Shields tut so, als entfalte sich einfach die Wirklichkeit auf Buchseiten, und doch zugleich auch, als sei die gestaltete Wirklichkeit eine Art kostenfreier Selbstbedienungsladen. Für sein Buch will er freilich 24,95 Dollar haben, und sein Name steht außerdem darauf. Auch von einem Verächter des Urheberrechts wäre etwas mehr Logik zu erwarten. Wieder führt ein Schriftsteller vor, dass die von ihm angezettelte Debatte über vermeintlich avantgardistische Aneignungstechniken nur so lange über den ökonomischen Gegebenheiten unserer Zeit zu schweben vermag, bis die eigenen Finanzen und der eigene Ruf ins Spiel geraten. Shields will bezahlt werden, egal, bei wem er Anleihen gemacht hat, ob risikolos bei Cicero und Plutarch oder unter beträchtlicher Gefahr bei Michael Moore, dem Doku-Provokateur.
Sachbuch wider Willen
Zwei Drittel seines Buches dürften aus Zitaten bestehen, mit einer Lieferantenliste von enzyklopädischem Format. Eine solche Tüfteltechnik muss geradezu die aphoristische Anlage nach sich ziehen. „Reality Hunger“ ist denn auch ein Buch weniger zum Durchlesen als zum Durchblättern. Mag sein, dass es bereits damit das Kennzeichen des bahnbrechenden Werkes trägt, in dessen neuer Entstehungsform sich die neue Rezeptionsart spiegelt. Wäre es ein Roman, könnte der Autor darauf bestehen, ausschließlich nach dem künstlerischen Endergebnis, losgelöst von lästigen Fragen über Inspirationswege und Imitationsneigungen, beurteilt zu werden.
„Reality Hunger“ aber ist ein Sachbuch, das indes kein Sachbuch sein will. Shields nennt es durchaus hochtrabend eine Ars poetica, die über die Literatur hinaus die gesamte multimediale Zeitkunst im Zeichen der Appropriation, des Mashup, des Sampling miteinbezieht. Er entwirft also eine Kunsttheorie, ohne dass die Kunst so richtig weiß, was sie will.
Vom Rapper bis zum Stand-up-Komiker, vom Performancekünstler bis zum Wortverwerter am Computer sieht Shields die kreative Klasse im Wirbel des Paradigmenwechsels. Er selbst hat es aufgegeben, Romane zu schreiben, und peilt eine Zwitterform an, in der Fakt und Fiktion, Reportage und Erfindung, Erzählung und Essay kollidieren. So ungefähr alles ist erlaubt, nur keine durchgehende Handlung, nur keine Erzählung mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Vor der Langeweile, die der traditionelle Roman bei ihm auslöst, retten ihn allein Wahrheitsfragmente, die sich zwar nicht zum einheitlichen Ganzen zusammenfügen, aber für ihn aufregende Erfahrungen bereithalten.
Müder Avantgardismus
Shields ist klug genug, nicht an die Neuerfindung des Rads zu glauben. Er verneigt sich brav vor Sterne und Emerson, vor Proust, Joyce, Beckett und manch anderen kanonisierten Revoluzzern des geschriebenen Wortes. Aber auch wenn er seine Argumente auf den digitalkulturellen Diskurs zuschneidet, bringt er eigentlich doch nur die nächste Version einer alten, immer wieder aufflackernden Debatte ins Rollen. Abermals muss sich die Literatur fragen lassen, ob sie heutzutage noch in der Lage ist, Geschichten zu erzählen, oder ob sie nicht eher versuchen sollte, Stücke aus der Welt zu brechen und sie zu verwerten. Um der Wirklichkeit, der Realität willen.
So erwächst aus dem Kern des Buchs nichts anderes als eine Neuauflage des Streits um Realität und Realismus. Auch Shields aber bringt es nicht fertig, Realität verbindlich zu definieren. Für ihn ist es schlicht nicht möglich, das wirkliche Leben in Jonathan Franzens „The Corrections“, einem Roman mit einer erfundenen Handlung und erfundenen Personen, zu finden und zu spüren. Unempfänglich für den Reiz einer linearen Erzählung, schaudert es ihn vor dem, was er einen Standardroman nennt. Er will die Welt, wie sie ihm erscheint, auch im Buch vorfinden, nämlich in Stücken, in Fetzen, in Splittern. Als Collage aus Fundstücken soll der Antiroman überleben, als Assemblage, als Remix.
Das ist für Shields die Wirklichkeit, die Wahrheit. Für andere ist es eine Geschmacksache. Die aber wird auch dadurch nicht wirklicher und wahrer, dass sich über 618 Einträge hinweg die Argumente ihres Verteidigers im Kreis drehen. „Reality Hunger“ ist als Manifest nicht das Desaster, als das es die Zeitschrift „New Yorker“ beschreibt. Aber in seinem ermüdenden Zitierwahn eröffnet es uns auch nicht die neuen Horizonte, denen es so begeistert entgegenstrebt.