20.03.2011 · Irritierender Eindruck in Leipzig: In Japan droht eine Katastrophe alles zu verschlingen und die Kulturträger Deutschlands wandeln phlegmatisch durch die Hallen und denken nicht daran, die Ereignisse zu spiegeln. Es gab aber auch erfreuliche Entwicklungen.
Von Daniel HaasWie einsam sie am Ende gewesen sein muss. Ihre Untertanen: verzweifelt, krank, wehrlos. Ihre Stadt: verhüllt von der grünen Wolke, die Ninetails, der Neunschwänzige, geschickt hatte. Ein Todesdunst, der bald alle töten würde. Als Issun, der Held, den Palast erreicht, ist es schon zu spät: Himiko hat sich im Kampf mit dem Dämon geopfert.
Für die Leipziger Buchmesse ist die Königin wiederauferstanden: Andrea Seidel, eine zwanzigjährige Studentin, verkörpert die japanische Videospielfigur mit schauspielerischer Hingabe. Im selbstgeschneiderten Kimono, mit Fächer und Strahlenkappe schreitet sie durch die Hallen. Traurig betrachtet diese Regentin die Menschen, die arglos durch die Gänge schlendern. Wissen sie nicht, dass da draußen eine Katastrophe alle zu verschlingen droht?
Sie wissen es scheinbar nicht. Außer in der Eröffnungsrede von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der aus Christa Wolfs „Störfall“ las, kam Japan bei der Verlagsszene nicht zur Sprache. Natürlich, Serbien war offizieller Messeschwerpunkt; aber wie erklärt man die Indifferenz einer ganzen Branche gegenüber einer Katastrophe von globaler Konsequenz? War es vielleicht Pietät gegenüber den Opfern und Leidtragenden von Fukushima, die den Literaturbetrieb nur hinter vorgehaltener Hand über die Tragödie reden ließ? Warum gab es bei keiner Lesung, ob in der langen Autorennacht in der Moritzbastei oder bei den vielen Veranstaltungen in Clubs und Cafés, nicht wenigstens ein paar kollektive Schweigeminuten? Fußballer kriegen solche Rituale des Mitgefühls doch auch zustande. Warum gab es nur auf der Homepage der Messe, aber nicht bei den Sachbuchverlagen, von denen die meisten Atomkraftbücher im Programm haben, Spendenaufrufe? Und warum verzichtete die Vorsitzende der diesjährigen Buchpreis-Jury, Verena Auffermann, auf kein Klischee der Medienschelte, dafür aber auf Worte der Empathie für ein Volk, das buchstäblich am Abgrund stand und täglich darum bangt, Opfer eines weiteren GAUs zu werden?
Das Zeug zum literarischen Höhenflug
Solche Kulturträger, kann man mutmaßen, brauchen das Internet gar nicht. Sie beziehen ihr Weltwissen aus eigenhändig abgesegneten Schwarten - um die Weltlage sollen sich andere kümmern. Aber Moment, war das nicht Aufgabe von Literatur: Unsere Zeit und ihre Gefahren zu beschreiben? Unsere Probleme darzulegen, die Verhältnisse zu kritisieren?
Selbstverständlich kann man von der Gegenwartsliteratur (noch) keine Expertise zum atomaren Fallout erwarten; aber so eine Nabelschau, wie sie die Verlagswelt gerade praktizierte, hatte man nicht erwartet. Als der schwedische Schriftsteller und Historiker Steve Sem-Sandberg bei einem Verlagsessen deutsche Journalisten fragte, was nun zentrales Thema dieser Messe sei („Japan, oder?“), da schauten alle nur betreten in die Runde.
Blieb also noch Himiko, wie sie durch die Gänge wandelte, eine Galionsfigur der Trauer und die personifizierte Mischung aus historischer Ästhetik und Computeravantgarde. Wer ihr folgte, konnte eine Welt entdecken, die gern als Paralleluniversum abgetan wird, in der dieses Jahr aber all das zusammenkam, was man von einer literarischen, das heißt: auch politisch und kulturell engagierten Szene erwarten kann.
Die Manga- und Anime-Kids sind die Leser und Kulturexperten der Stunde. Viele sind in dem Alter, dem Wolfgang Herrndorf in seinem Roman „Tschick“ eine wunderbare Geschichte gewidmet hat. Bezeichnenderweise ging das Werk beim Leipziger Buchpreis leer aus. Die Tatsache, dass zwei Halbwüchsige, die „endgeil“ und „voll Porno“ sagen, das Zeug zum literarischen Höhenflug haben, muss Juroren vermutlich erst noch vermittelt werden.
„Gutes Storytelling ist unverzichtbar“
Die Kids sind nicht all right - zwischen den Buchdeckeln von „Tschick“ nicht, wo sie sich mit suchtkranken Müttern und verlogenen Vätern herumschlagen, und auch nicht in Halle 2, wo sie, verkleidet als Videospielfiguren und Seriencharaktere, die japanische Populärkultur in einer Weise verkörpern, die atemberaubend ist: schlau und differenziert.
Da sind zum Beispiel Cindy und Janine, siebzehn und achtzehn Jahre alt. Sie treten als Elektro-Pokémons auf, ihre Namen lauten Plusle und Minun. Mit leuchtend blauen Perücken und Latexroben sehen sie aus wie eine bekiffte Krankenschwester-Phantasie von Bully Herbig. Ob ihnen klar ist, dass ihr Rollenspiel mit elektrischer Spannung zurzeit einen düsteren Akzent erhalten hat? „Klar“, sagt Janine. „Wir verehren Japan doch so sehr. Wir sind alle erschüttert.“ Was sie an der Anime-Kultur begeistert, das ist nicht nur der Eskapismus des medial gesteuerten Selbstverlusts. „Es ist doch einfach toll, wie in dieser Kultur das Moderne auf das Traditionelle trifft“, sagt Cindy und reicht zum Abschied wohlerzogen die quietschende Gummihand.
Modernes im Verein mit Tradition: Das Prinzip ist bekannt. Es gilt gemeinhin als Voraussetzung für künstlerisch hochwertige Verfahren. Gute Literatur ist meistens progressiv und sich gleichzeitig ihrer historischen Bedingtheit bewusst. Das macht auch „Tschick“ zu einem exzellenten Text: die Variation einer Form - das Buch ist ein Entwicklungsroman - und deren Bereicherung mit neuen Ideen. So müssten also die Bücher sein, mit denen Publikumsverlage jenseits der marktgängigen All-age-Bestseller, den Fantasy- und Vampir-Romanzen, ein heranwachsendes Publikum an sich binden. Janne Teller, die Autorin des umstrittenen, bei Jugendlichen aber extrem beliebten Buchs „Nichts“, sagte bei einer Veranstaltung: „Ein junger Leser wird sich nicht mit einem schicken Namen und Stilkapriolen begnügen. Gutes Storytelling ist unverzichtbar.“
Die vielbeschworenen Kulturnomaden
Deshalb werden die Manga-Kids eher nicht zu Clemens J. Setz greifen, aber auch nicht zu den auf jung getrimmten Provokationsromanen, die die Großverlage diesen Sommer in die Regale spülen. Heyne bringt unter dem Label Hardcore die Lebensbeschreibung eines versoffen-tragischen Teenagers heraus. Bei Piper erscheint der Roman „Acht Wochen verrückt“ über die Psychatrie-Abenteuer einer Fünfzehnjährigen. Bei Eichborn versucht man es mit „Jamuna“; schon der Plot liest sich wie die Karikatur des zielgruppengenauen Erregungsmarketings: Sechzehnjährige Migrantin arbeitet für Escort-Service. Wer soll das lesen? Vermutlich die selben alten Zausel, die schon mit Charlotte Roche und Helene Hegemann ihre pornographischen Verklemmtheiten als kulturkritisches Interesse verbrämten.
Das junge Publikum hält sich derweil an gut geschriebene Krimis, an Fantasy-Romane, aber auch an bewährte Texte des weltliterarischen Kanons. Cindy, das Elektro-Pokémon, liest neben Vampirromanen Goethes „Werther“ und seit neuestem mit Begeisterung auch Edgar Allen Poe. Andrea, die Anime-Göttin, schwört auf Oscar Wilde. Virginia und Petra, zwei Fans der enorm erfolgreichen Beyblade-Videospiele (sie Kampfkreisel: Der große Dreh), halten es mit Terry Pratchett ebenso wie mit Charlotte Brontë. Wenn sie schreiend und fuchtelnd ihre Kampfkreisel aufeinanderhetzen, ist schwer vorstellbar, dass auch Cathy und Heathcliff zu ihrer Welt gehören.
Diese Jugendlichen sind es aber tatsächlich: die vielbeschworenen Kulturnomaden der flexiblen Welt. Viktorianische Literatur oder Nickelodeon-Video, Kampfkreiselspaß und politisches Bewusstsein - sie stellen keinen Widerspruch dar, sondern das Ineinandergreifen von Modernität und Geschichte.
„Das Blättern, Knistern, der Staub der Bücher wird der kommenden Generation nichts mehr sagen“, hatte die Juryvorsitzende Verena Auffermann geklagt. Dabei geht es doch gerade darum, den Staub solcher Vorurteile wegzupusten. Wie rufen die Beyblade-Kids während des Fights: „Go! Go! Go!“
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