15.03.2009 · Das Leipziger Bücherfest in seinem zwölften Jahr ist zum Stimmungsbarometer für eine nervöse Branche in stürmischen Zeiten geworden. Deutlich zu spüren war: Am E-Book kommt jetzt keiner mehr vorbei. Und seine Existenz verunsichert die Branche weit mehr als die Finanzkrise.
Von Sandra KegelAngestrahlt von der Leipziger Morgensonne, sieht das Zentralstadion aus der Ferne aus wie ein Raumschiff im Schildkrötenpanzer. Die Zukunft des zur WM 2006 errichteten Stadions ist indes düster, denn soeben hat der Fußballclub Sachsen Leipzig Insolvenz angemeldet. Die Leipziger in der Straßenbahn runzeln die Stirn, als sie am Sportforum vorbeiruckeln. Die Stimmung in der Stadt ist diffus. Auch der hiesige Kaufhof ist jetzt pleite, steht in der Zeitung. Natürlich, alle reden von der Krise. Sie umspült die Menschen wie Wasser, dessen Pegel unaufhaltsam steigt. Und doch scheint es, als reagiere man darauf im Osten anders als im Westen der Republik. Während im Westen kalte Panik herrscht, empfinden manche Ostdeutsche plötzlich fast so etwas wie Oberwasser, weil sie „krisenerprobter“ seien, sagen sie. Sie würden ja kaum etwas anderes kennen. „Im Scheitern könnt ihr von uns lernen“, meint ein Leipziger und lächelt maliziös.
Der junge Mann ist wie Tausende andere auf dem Weg zur Buchmesse in den gläsernen Hallen draußen vor der Stadt, wo Peter Sodann später erklären wird, wie er den Kapitalismus abschaffen will, und der Schlagersänger Christian Anders sein ganz persönliches Wirtschaftsmodell empfiehlt. Das Leipziger Bücherfest in seinem zwölften Jahr, das mit zahlreichen Neuerscheinungen von Julia Schoch bis Sten Nadolny und Susanne Schädlich vor allem um 1989 kreist, ist auch zum Stimmungsbarometer für eine nervöse Branche in stürmischen Zeiten geworden. Sechs Jahre lang freute sich die Messe über Zuwächse, jetzt ist sie die erste, die unter negativen Vorzeichen stattfindet: Dass die Wirtschaftskrise vor den Büchern nicht haltmacht, hat spätestens die Absage der Book Expo in Kanada gezeigt. Wohl deshalb geistert eine Zahl durch die Messehallen, die fast mantrahaft beschworen wird: 1,7 Prozent. So hoch ist das Plus, das der Buchmarkt in den ersten beiden Monaten 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erzielt hat. Daran hält man jetzt fest, daran richtet man sich hier auf – und rätselt zugleich darüber.
Das E-Book wird die Branche gehörig durchschütteln
Dass das Geschäft mit den Büchern ungeschoren davonkommt, glauben freilich die wenigsten Vertreter der zweitausend Verlage, die hier in kleinen Kojen dem endlosen Besucherstrom ihre Bücher präsentieren. Über das Ausmaß aber gehen die Prognosen auseinander: Während die einen meinen, der Buchmarkt sei nur deshalb nicht betroffen, weil auch die Krise die Haushalte noch nicht erreicht habe, hoffen andere, dass gerade das Buch sich als krisenresistent erweisen könnte, sozusagen als Medium der Stunde, weil es in Zeiten des Verzichts das kleine Glück garantiere. Wer keine teuren Reisen mehr bucht und kein Auto mehr kauft und sich stattdessen in die Trutzburg der eigenen vier Wände zurückzieht, der kann und will sich womöglich jetzt erst recht ein Buch leisten – samt einer Tüte Gummibärchen, die überraschenderweise dieser Tage ja einen antizyklischen Aufschwung erleben.
Anders als in Amerika, wo die Verlage längst von heftigen Turbulenzen geschüttelt werden, liegt die relative Ruhe hier auch an der konservativen Struktur des Buchmarkts, der, überwiegend in der Hand von klein- und mittelständischen Betrieben, weitgehend verschont blieb von gewagten Zockereien durch Finanzinvestoren. Doch ob konservativ oder nicht: Vor einer Entwicklung, die in Leipzig jetzt ihren endgültigen Durchbruch erlebte, wird sich niemand mehr wegducken können: Das elektronische Buch, das schon in den letzten Jahren immer wieder mal auftauchte und dann ebenso schnell wieder verschwand, hat sich in Leipzig erstmals für den breiten Markt materialisiert. Am E-Book, das ist nach Leipzig klar, führt kein Weg mehr vorbei. Bald werden alle Bücher, ob wissenschaftliche Werke, Sachbücher, Anthologien oder Romane, online verfügbar sein. Und diese verspätete digitale Revolution wird die Branche gehörig durchschütteln. Wie sie am Ende aussehen wird, darüber rätselt man hier. Auch Karl-Heinz Ott, einer der Nominierten des Buchpreises, der sich für sein Händel-Buch „Tumult und Grazie“ zuletzt tief in die Barockzeit vergrub, steht nachts auf der Nikolaistraße und streitet über Für und Wider.
Ohne Angst, aber auch ohne Euphorie
Vor allem die jungen Leser, die zu Tausenden in Kostümen schriller Comicfiguren durch die Messehallen strömen, scharen sich um die Stände mit den elektronischen Lesegeräten. Die junge, mobile Gesellschaft sei ihre Zielgruppe, sagen die Hersteller. Wer oft unterwegs sei, im Zug, in der S-Bahn oder im Urlaub, brauche künftig keine schweren Taschen voller Bücher mehr mitzuschleppen, sondern nur den kleinen Reader, der Speicherplatz hat für Hunderte E-Books. Über welche Wege das Online-Buch zuletzt zum Leser kommt, ist die eine Frage, die das digitale Buch aufwirft. Die andere ist, ob man sich vor Raubkopien wird schützen können, was die meisten in Leipzig bezweifeln. Denn mit dem legalen Online-Markt expandiert zugleich der illegale.
Selbst bei Sony, wo man ohne Unterlass auf den im Reader eingebauten Kopierschutz verweist, sagt man in diesem Zusammenhang: „Auch das Weiße Haus hat einst geglaubt, über sichere Internetbarrieren zu verfügen.“ Was ins Netz kommt, so viel ist klar, wird gehackt werden. Und derzeit werden stündlich neue Bücher als Raubkopien digital aufbereitet. Die neuen Titel der Bestsellerlisten stehen drei Tage später schon illegal zum Download bereit. „Ohne Angst, aber auch ohne Euphorie“, sagt Jörg Bong vom Frankfurter S. Fischer Verlag, wolle sein Haus sich der Herausforderung E-Book stellen. Natürlich werde man bei der Entwicklung dabei sein, und zwar „mit dem ganzen Spektrum“. Noch aber sind es überwiegend Versuchsballons, die vor allem die Belletristikverlage in den digitalen Himmel steigen lassen. Hoffmann und Campe etwa hat „Schweigeminute“, den Bestseller von Siegfried Lenz, für den Online-Betrieb aufbereitet. Die Wissenschaftsverlage gehen schon länger digitale Wege.
Was von der Buchstadt übrigblieb
Das Fürchten lehrt die Verleger auf der Messe ein junger Mann mit Pferdeschwanz. Der Vertreter des Chaos Computer Clubs verbreitet Ansichten, die die Branche herausfordern, etwa wenn er angriffslustig in Frage stellt, dass man fürs Schreiben überhaupt entlohnt werden müsse, das könne ebenso gut der Selbstverwirklichung dienen. Die klassischen Vertriebswege von Büchern, davon ist er überzeugt, werden bald nicht mehr existieren. Die Verlage müssten sich der Tatsache stellen, dass es das Netz gibt. „Wer nicht möchte, dass er digitalisiert wird“, so der Mann vom Club, „existiert bald nicht mehr.“
Einen traurigen Eindruck davon vermittelt auf der Messe das Traditionshaus Brockhaus, das den Kampf gegen die Online-Enzyklopädie bereits verloren hat. Die gediegene, holzgetäfelte Koje des Verlags, der jüngst von Bertelsmann erworben wurde, will den Anschein von Stabilität und Seriosität vermitteln. Verloren steht der ältere Herr im Anzug an seinem verwaisten Stand. So wie die Masse an ihm vorbeiströmt, ist auch die Zeit über den Verlag hinweggeschritten.
Der Name Brockhaus ruft in Leipzig ohnedies schmerzliche Erinnerung wach. Im Dezember wurde der hiesige Standort des Hauses mit seiner sechzigköpfigen Redaktion dichtgemacht. Nach der Schließung von Reclam Leipzig im Jahr 2006 bedeutet dies das Aus des größten noch in Leipzig verbliebenen Verlags aus der Vorwendezeit. Und nun schließt, wie in Leipzig zu hören ist, wohl auch der Frankfurter Insel Verlag seine Leipziger Niederlassung. Das während der Messe vom Eigentümer Suhrkamp in den Verlagsräumen der Liviastraße veranstaltete Fest für Autoren, Verleger und Journalisten könnte das letzte gewesen sein. „Was von der Buchstadt übrigblieb“ lautet der Titel einer wissenschaftlichen Arbeit, die auf der Leipziger Buchmesse mit einem Preis bedacht wurde. Leipzig bangt nicht nur um einen traditionsreichen Fußballverein. Die alte Buchstadt kann, wie es scheint, ganz offensichtlich auch den Braindrain aus Sachsen nicht verhindern.