17.06.2010 · Neben Wein sind Krimis der erfolgreichste Export Südafrikas. In den Bestsellern von Autoren wie Deon Meyer oder Roger Smith spiegelt sich das politische Unglück des Landes. Doch das ist nicht ihr einziges Erfolgsgeheimnis.
Von Julika GriemAls der Führer der rechtsextremen „Afrikaner Weerstandsbeweging“ Anfang April ermordet wurde, geriet die politisch verordnete Euphorie vorübergehend ins Wanken. Die in südafrikanischen Tageszeitungen minutiös ausgebreiteten Umstände der Tat ließen erahnen, wie weit die Regenbogennation vom Ideal gegenwärtiger Imagekampagnen entfernt ist: Schuldig bekannten sich zwei vermutlich um ihren Lohn geprellte schwarze Arbeiter, und schon bald verdichteten sich die Solidaritätsadressen rassistischer Anhänger, der Verdacht sexueller Misshandlung, verschlampte Indizien und ungeklärte Zuständigkeiten zu einem politisch brisanten Szenario.
Der Mord an Eugène Terre 'Blanche beunruhigte nicht nur die Tourismusindustrie, sondern auch politische Reformkräfte, die sich mit Initiativen wie der 1995 eingesetzten „Truth and Reconciliation Commission“ bemüht hatten, das bedrückend gegenwärtige Erbe des Apartheidsystems zu bewältigen. Zugleich ähnelte die archaisch anmutende Hinrichtung jenen fiktiven Delikten, die auch in Deutschland gefeierte südafrikanische Autoren wie Deon Meyer und Roger Smith in ihren Kriminalromanen präsentieren. Kriminalliteratur verfügt über andere Möglichkeiten einer kollektiven Verarbeitung von Schuld und Sühne, Verbrechen und Vergeltung: Während die Arbeit der „TRC“ der durch Rassentrennung traumatisierten Gesellschaft eine kollektive Gesprächstherapie in Form öffentlicher Hearings verschaffen wollte, können Krimis dazu beitragen, die gesellschaftlichen Verflechtungen und Langzeitwirkungen von Rechtsbrüchen im Modus realistischer Fiktionen nachzuvollziehen.
Das Stilgefühl der schwarzen Intellektuellen
Dass diese Dimension von Kriminalliteratur im südafrikanischen Kontext keinesfalls unumstritten war, macht ihre symptomatische Position aus. Weil es im traditionell gebauten Krimi um die Wiederherstellung einer Ordnung geht, die nur vorübergehend außer Gefecht gesetzt war, stand die Gattung im Apartheidsystem dabei zunächst unter besonderem Ideologieverdacht: Wo eine weiße Polizeimacht für die Einhaltung der Rassentrennung sorgte, musste es schwarzen wie auch regimekritischen weißen Autoren schwerfallen, glaubwürdige Ermittler im Einsatz gegen die Ordnung der realen Lebenswelt zu erfinden. Angesichts einer systemisch gewordenen Korruption geht es nicht primär um Ermittlungserfolge, wird das Erzählprinzip einer Wiederherstellung von Ordnung immer häufiger untergraben; mittlerweile hat sich das Leiden des Ermittlers angesichts der Wucherungen des professionalisierten Verbrechens längst zur Routine moralischer Sinnstiftung entwickelt.
Die südafrikanischen Autoren, die sich an Kriminalliteratur heranwagten, haben stets ein Gespür für solche Spielräume bewiesen. In der liberalen Enklave des 1951 gegründeten Magazins „Drum“ begann der schwarze Reporter Arthur Maimane, kurze Kriminalgeschichten zu schreiben. Seine schnell geschnittenen, mit schlagfertigen Dialogen operierenden Stories sind von seinen Streifzügen durch die illegalen Kneipen im Johannesburger Viertel Sophiatown inspiriert: Die coole Selbstinszenierung von Maimanes privatem Ermittler tickt im Jazz-Rhythmus und verkörpert das Stilgefühl der schwarzen Intellektuellen, die in den fünfziger Jahren gegen die Rassentrennung aufbegehrten.
Respekt für die kriminologische Finesse des schwarzen Assistenten
Die Engländerin June Drummond veröffentlichte 1959 den Roman „The Black Unicorn“, in dem sie eine schwarze Hausangestellte an der Aufklärung des Mordes an einem weißen Patriarchen in der Manier Miss Marples beteiligte. Während Maimane somit den Import amerikanischer Stilmittel im urbanen Noir-Stil beförderte, sorgte Drummond dafür, dass auch die britische Spielart des eher an ländlichen Schauplätzen verankerten Detektivromans Eingang in die Kriminalliteratur am Kap fand.
James McClure erzählte den Alltag einer fiktiven Stadt in der Provinz Natal anhand eines beliebten Ermittler-Duos, des weißen Afrikaners Kramer und seines Assistenten Zondi, eines Zulu. Allmählich entwickeln die ungleichen Ermittler ein Verhältnis zueinander, in dem sich hinter der Maske der offiziellen Hierarchie Respekt für die kriminologische Finesse des schwarzen Assistenten entwickelt. Wessel Eberssohns Romane beleuchten die letzten fünfzehn Jahre des Apartheidstaats aus der Sicht eines jüdischen Außenseiters: Der Polizeipsychologe Yudel Gordon steht von vornherein quer zu vereinfachenden Schwarzweißschemata, und sein sezierender Blick auf die eigenen Verstrickungen innerhalb des Ausgrenzungs- und Demütigungssystems wirft ein skeptisches Licht auf die Phase der Post-Apartheid nach 1994.
Häufig rücken die Erfolgsromane Traumziele in den Vordergrund
Gerade Ebersohns Romane zeigen, dass Kriminalliteratur nicht ohne weiteres als Vehikel taugt, um gesellschaftspolitische Läuterung zu erzielen. Die gute Sache ist auch im neuen Südafrika viel zu umkämpft, um Krimis in ihren Dienst zu stellen; außerdem kann in einer Gesellschaft mit elf offiziellen Landessprachen, einer Analphabetismusrate von etwa fünfzehn Prozent und einer längst noch nicht in lokalen Kontexten verankerten Verlags- und Publikationslandschaft nicht vorausgesetzt werden, dass Krimis, die westliche Leser faszinieren, auch ein breites südafrikanisches Publikum erreichen.
Will man die jüngsten Erfolge südafrikanischer Kriminalliteratur auf einem globalisierten Buchmarkt erklären, sind daher Gründe eher in einer touristischen Variante von Katharsis zu finden. Häufig rücken die Erfolgsromane jene Traumziele in den Vordergrund, deren verbrecherische Heimsuchung aus der Ferne mitermittelnde „armchair detectives“ genüsslich erschauern lässt.
Armutshölle und Goldküste
Der Erfolg von Roger Smith bietet dafür ein gutes Beispiel. Seine Schockeffekte verlassen sich auf eine holzschnittartige Mobilisierung von Furcht und Mitleid: Smiths Antihelden sind durch Vergewaltigungen im Gefängnis Pollsmoor gezeichnet; sein Kapstadt präsentiert sich als symbolisch geordnete Topographie, in der der Armutshölle der Cape Flats die gleißenden Fassaden der Goldküste von Sea Point gegenüberstehen; sein Afrika erscheint immer noch als Hort der Finsternis, an dem archaische Gewalt unter der Oberfläche politisch korrekter Floskeln brodelt.
Obwohl sich in neuesten südafrikanischen Kriminalromanen auch eine räumliche Differenzierung abzeichnet, die transnationale Phänomene wie Flüchtlingsströme und Organhandel und neue Schauplätze wie Durban stärker in den Blick rückt, verlassen sich doch viele Autoren neben Johannesburg auf Kapstadt, das hoch bewachte Reiseziel auch deutscher Rotweinliebhaber und Immobilienjäger. Dies gilt zum Beispiel für Maggie Orford, die in ihrem Erstling „Blutsbräute“ (deutsch 2008) eine Profilerin aussendet, um Auswüchse sexueller Gewalt im neuen Südafrika ins Licht zu rücken.
Auch hier ist es wieder die Promenade von Sea Point, die als spektakuläre Bühne für die Zurschaustellung sorgfältig arrangierter Mädchenleichen genutzt wird. Außerdem demonstriert Orford, wie sich Genrespielregeln geschlechterspezifisch variieren lassen. Anders als Angela Makholwa, die in ihrem Debüt „Red Ink“ lediglich ein Verbrechen nutzt, um eine Johannesburger Variante der „Sex and the City“-Formel zu etablieren, mischt Orford Elemente von chicklit und police procedurals. Sie ersetzt Verfolgungsjagden in Elendsvierteln durch das exzessive Joggen ihrer Heldin und baut auf die Psychologisierung der Akteure. Letztere vollzieht sich durch eine Darstellungsweise, die sich dezidiert farbenblind gibt: Vermutlich bilden die Profilerin und ihr Kollege ein gemischtes Paar, aber ethnische Identifikationssignale werden den Lesern systematisch vorenthalten.
Deon Meyers Figuren sind Opfer des Klassifizierungsdrangs der Apartheid
Man mag diese Farbenblindheit als Programm einer Epoche der Post-Apartheid deuten, in der das Kriterium ethnischer Zugehörigkeit demokratischeren Identifikationsprinzipien gewichen ist. Dass gerade die Polizeiarbeit im gegenwärtigen Südafrika weit von einer solchen Utopie entfernt ist, demonstrieren die Romane Deon Meyers. Sein neuester Kapstadt-Krimi „Dreizehn Stunden“ setzt zwar auch auf Figurenbewegungen, die die Krimihandlung für touristisch versierte Leser als spannungsgeladene Stadtführung nachvollziehbar macht. Anders als Orford entwirft Meyer aber ein Geflecht von Akteuren, deren Beziehungen durch jene Quotierungen und politischen Allianzen überschattet werden, in denen sich der auf Hautfarben fixierte Klassifizierungsdrang des Apartheidsystems fortpflanzt.
Im episch angelegten Universum der seriell verbundenen Romane Meyers wird die politische Unübersichtlichkeit des neuen Südafrikas daher auch erzählerisch und sprachlich erfahrbar: Seine gezielt eingesetzten Sprachfetzen in Afrikaans und verschiedenen Landessprachen hindern Leser daran, das harmonisierende Versprechen eines multikulturellen Regenbogens mit der konfliktreichen Realität zu verwechseln; seine wiederkehrenden Figuren historisieren die Gegenwart auf eine Weise, die sich nicht darin erschöpft, hinter neuen Masken alte Klischees zu plazieren.