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Kommentar: Suhrkamp-Umzug Unsterblichkeit gesucht

06.02.2009 ·  Mitten im Theaterdonner der Nachricht vom Umzug des Frankfurter Traditionshauses sollte man eine zweite Botschaft nicht überhören: Suhrkamp könnte vielleicht schon bald wieder ganz sich selbst gehören. Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz geht konsequent ihren Weg in die Zukunft.

Von Felicitas von Lovenberg
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Jetzt steht es fest: Suhrkamp geht nach Berlin. Wie geschlossen der Verlag zum Jahresende umziehen wird, ist noch nicht endgültig geklärt, doch ist anzunehmen, dass sich die bisherigen Verhältnisse - Standort Frankfurt, Repräsentanz in Berlin - umkehren werden. In Frankfurt verbleiben nach den Worten von Ulla Unseld-Berkéwicz das Verlagsarchiv, ein Schatz, der bereits Marbacher Begehrlichkeiten geweckt haben soll, und der Sitz der Stiftungen.

Das Dramatische gehört seit je zu diesem 1950 gegründeten Verlag, und das nicht erst, seitdem mit Ulla Berkéwicz eine ausgebildete Schauspielerin die großen Auftritte übernahm. Mitten im Theaterdonner der Nachricht vom Umzug des Frankfurter Traditionshauses sollte man eine zweite Botschaft nicht überhören, die die Verlagsleiterin im Gespräch fast beiläufig andeutet: Suhrkamp könnte vielleicht schon bald wieder ganz sich selbst gehören.

Eigentumswohnungen im Suhrkamp Haus?

Falls Joachim Unseld, Siegfrieds Sohn, ernsthaft erwägt, seine Anteile an die Mitgesellschafter, die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung und die Medienholding AG Winterthur, zu verkaufen, und sich überdies die Familienstiftung im Zuge eines außergerichtlichen Vergleichs mit den Schweizern ein zeitlich befristetes Übernahmerecht an deren Anteilen gesichert hat, könnten die Zeiten, in denen jeder der so unterschiedlichen Gesellschafter eigene Ziele verfolgte, bald ebenso der Vergangenheit angehören wie der vertraute Anblick des trutzburghaft dahinwelkenden Verlagssitzes in der Frankfurter Lindenstraße. Das Suhrkamp Haus, so steht zu vermuten, wird dann neuen Eigentumswohnungen im auch zu Finanzkrisenzeiten begehrten Frankfurter Westend weichen müssen, damit alle Rechnungen beglichen werden können.

Für den Umzug Suhrkamps gibt es viele Lesarten. Die offensichtlichste in Zeiten, da bei manchen amerikanischen Verlagen schon die Lichter ausgehen, ist die ökonomische: Demnach müsste den jetzt anfallenden Kosten - für die Abfindungen für Mitarbeiter, die nicht nach Berlin mitgehen, für mögliche Instandsetzungs- und andere Umzugsausgaben sowie die womöglich zu erwerbenden Verlagsanteile der anderen Gesellschafter - langfristig ein Einsparungspotential gegenüberstehen, das den Ortswechsel rechnerisch sinnvoll macht. Dafür aber wird sich der Verlag wohl zunächst von Teilen seines Tafelsilbers trennen müssen.

Neue Parkettkultur

Die Entscheidung für Berlin, wo Suhrkamp eine historische Immobilie in bester Lage in Aussicht gestellt worden sein soll, muss man aber unweigerlich auch als eine gegen Frankfurt deuten. Alle Versuche der Stadt, Suhrkamp durch das Angebot eines attraktiven Verlagsgebäudes in der Innenstadt doch noch zum Bleiben zu bewegen, sind gescheitert. Auf keinen Fall aufgegeben wird die Unseldsche Villa in der Klettenbergstraße - ein, wie Thomas Bernhard seinem Verleger, dem er sich auf Verderb und vor allem Gedeih ausgeliefert sah, einmal schrieb, „bis zum Wahnsinn beziehungsvoller Straßenname für Sie“. Nicht nur die Tradition des legendären Kritikerempfangs während der Frankfurter Buchmesse soll hier fortgeführt werden. Die Stadt Frankfurt hat angeblich auch hier großzügige Unterstützung für den Erhalt signalisiert, doch dürfte diese kaum gewährt werden, wenn Suhrkamp in Frankfurt mehr Briefkästen als Mitarbeiter unterhält.

Die eigentliche und wesentliche Sphäre dieses Umzugs aber ist die geistige, und gerade da ist Suhrkamps Bedeutung für Frankfurt längst zu einer eher symbolischen geschrumpft. In der Parkettkultur der Stadt spielt der Verlag schon seit Jahren keine besonders aktive Rolle mehr. Die Verlegerin sieht man hier, wie andere ihres Faches aus anderen Städten auch, vor allem zu Buchmesse-Zeiten, beim Deutschen Buchpreis oder beim Friedenspreis. In Berlin dürfte ihre Präsenz eine ganz andere sein.

Eine eigensinnige Verlegerin

Ulla Unseld-Berkéwicz muss sich im siebten Jahr an der Spitze des Verlags nicht mehr ständig an ihrem Mann messen lassen. Mit unermüdlichem Einsatz für die Unsterblichkeitsdiziplinen, dem vielfältigen Dialog zwischen Wissenschaft, Literatur, Theologie und Philosophie, hat sie dem Verlag eine Richtung gegeben, in die zwar viele frühere Suhrkamp-Getreue nicht mitmarschieren wollten, die aber unbestreitbar ihre ureigene Handschrift trägt. Dass mit dem Umzug Gedächtnisorte der deutschen Literaturgeschichte ein für allemal aufgegeben werden, ist ein Verlust, der weit über Frankfurt hinaus wirken wird. Andererseits kann die Aufgabe dieser eigensinnigen Verlegerin nicht nur in der Traditionspflege bestehen, zumal in Zeiten, da nur der Mut und die Entschlossenheit, sich immer wieder neu zu erfinden, überhaupt Überlebenschancen bieten.

„Im Jahr dreitausend wird man den Geist unseres Jahrhunderts ausgraben, wenn man Stück für Stück mit dem Siegel Suhrkamp Verlag ausgraben wird. Man wird staunen, was für Schätze von dieser heute als entsetzlich kopflosen geltenden Zeit übriggeblieben sind.“ So prophezeite es Thomas Bernhard seinem Verleger Siegfried Unseld 1979. Dreißig Jahre später tritt dessen Witwe an zu beweisen, dass der Hausautor sich nicht geirrt hat.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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