26.06.2010 · Peter Warwerzineks Wettbewerbstext über seine Kindheit im Heim war mit größter Spannung erwartet worden. Der Autor begeisterte das Publikum - und widersprach, für Klagenfurter Verhältnisse ungewöhnlich genug, der skeptischen Jury.
Von Richard Kämmerlings„Andere Kinder schreien, dass der Doktor den Kittel auszieht. Bei mir löst der weiße Kittel keinerlei Angst aus: Du bist wohl Kittel gewohnt?“ In Klagenfurt spielen die Kritiker die Rolle der Halbgötter in Weiß. Sie tragen zwar keine Kittel, sondern allenfalls geckige Kimonos, wie im Strandbad Hubert Winkels, dennoch können sie sich den schönsten Allmachtsphantasien hingeben. Der Autor liest, dann hat er stumm und ergeben den Urteilen der Kritiker zu lauschen beziehungsweise dem, was ihnen gerade so als Zufallsassoziation durch den runden, weiten „Echoraum“ (Hildegard Keller) aus ihrem Hals braust. Die Schriftsteller müssen sich als „Stephen King für Arme“ oder schlicht als „Dilettanten“ bezeichnen lassen - und dürfen nicht einmal wie beim Arzt „Aua“ sagen.
Peter Warwerzinek, der als Waisenkind im Heim keine Angst hatte und Kittel gewohnt war, hatte keine große Lust, sich den Mund verbieten zu lassen. Seine Kindheitserinnerung „Ich finde dich / Rabenliebe“ war wohl der mit der größten Spannung erwartete Beitrag. Und er löste diese Erwartungen auf grandiose Weise ein. Vom ersten Satz an zog Wawerzinek das Publikum in die intensive Beschwörung einer harten, kalten Kinderwelt hinein, in der realistische Beschreibungen des Heimalltags in der DDR hart auf romantische Gedichte und Liedzeilen trafen. Sein rhapsodischer Tonfall erinnerte vielleicht nicht ganz zufällig an Uwe Tellkamps Auftritt vor sechs Jahren. Wawerzinek, Jahrgang 1954, war bereits 1991 in Klagenfurt und seine erneute Teilnahme markiert nicht weniger als die Rückkehr eines fast vergessenen Autors auf die große Bühne der Literatur.
Das Existentielle des Schreibens
„Ziehst vor, zu schweigen? Ist manchmal besser, schweigsam zu sein. Der Fisch dort im Aquarium, hör nur, redet auch nicht viel.“ Das lässt Wawerzinek die Heimleiterin zu dem „zurückgebliebenen“ und stummen Kind sagen. Als sich die Jury mehrheitlich sehr zur Irritation des hingerissenen Saalpublikums mit Begeisterungsstürmen zurückhielt und statt dessen eher ambivalent oder ablehnend urteilte („krude, aber intensiv“, fand Hubert Winkels, „kitschig“ war Karin Fleischanderl zumute), da wurde es erst der Mentorin Meike Fessman zu bunt: „Bevor sie diesen wunderbaren Text mit ihren kleinlichen Einwänden demontieren, muss ich einschreiten“.
Und dann dem Autor selbst, der es diesmal vorzog, nicht zu schweigen. „Ja, äh, wenn ich auch mal was sagen darf…Sie können davon ausgehen, dass es nicht einfach war…“ Und in seiner dann folgender Selbsterklärung wurde das Existentielle des Schreibens deutlich, die Notwendigkeit des Ausdrucks und das Ringen mit traumatischen Stoff - Dimensionen der Literatur, die man bei diesem Wettbewerb bislang schmerzlich vermisste. Er habe, so sagte er, Jahrzehnte gebraucht, um sich „überhaupt an das Thema ranzuwagen“, und verteidigte die Romantiker gegen den reflexhaften Kitschverdacht. Irgendwann müsse man einen Entschluss fassen und sagen: „So machen wir das kalte Buffet mal, und es ist doch egal, ob Tante Liesel wieder kommt und sagt, Knoblauch mag sie nicht.“
Preistechnisch wäre es vielleicht besser gewesen, auch in diesem Fall schweigsam zu sein. Die Herren und Damen Doktoren reagierten etwas verschnupft auf diese Einmischung des Patienten, der es wagt, zu sagen, wo er Schmerzen hat. Man bewertet keine Haltungen und keine Autorenbiographien, sondern Texte, schon klar. Und Wawerzineks Text war nicht perfekt. Aber er war Literatur, und nicht, wie so vieles andere in diesem Jahr, ihre täuschend echte Imitation.