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Klagenfurter Lesetag (II) Scotch-Club dringend gesucht

25.06.2010 ·  Der „Scotch Club“, eine Proleten-Disko in der Klagenfurter Innenstadt, ist längst Vergangenheit. Überhaupt ist manches Vergangenheit beim Wettlesen um den Bachmann-Preis. Was hat die Gegenwart literarisch und, naja, mythentechnisch zu bieten?

Von Richard Kämmerlings
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Der Nachwuchs hat es nicht leicht in Klagenfurt. Das gilt nicht nur für die Autoren. Die junge Lektorin, zum ersten Mal hier, ist überrascht, wie klein doch der Literaturbetrieb auf einmal erscheint, beispielsweise am Nachmittag am Wörthersee, wenn Agenten, Kritiker, Schriftsteller und Verleger einander ihre mehr oder weniger sexy Bademode vorführen. Klein ist der Betrieb und eben nicht mehr so ganz jung, was man vor allem daran merke, dass beim Smalltalk eines der beliebtesten Themen die eigenen Kinder seien (in der Literatur sind es die eigenen Eltern).

Hinzu kommt die Last der großen Vergangenheit. Nervig sind für die Klagenfurt-Debütantin die ortsspezifischen Mythen und Legenden, die sich die Veteranen schmunzelnd oder schenkelklopfend zurufen, meist nur noch in Form von Stichworten: „Rasierklinge!“ (Rainald Goetz), „Fischrechnung!“ (der serbische Kellner im Seerestaurant) oder „Schnapsprofessor!“ (Verkostung mit Kopfwehgarantie). Klagenfurt ist voll solcher Erinnerungsorte, und spätestens beim ebenfalls rituellen Bürgermeisterempfang am Donnerstag Abend stellte sich die Frage, wie der diesjährige Wettbewerb mit seinen dreiunddreißig Vorgängern mithalten kann - literarisch und, naja, mythentechnisch eben.

Ein schwerer Fall von aus dem Ruder gelaufener Gruppendynamik

Die Jury muss sich am ersten Tag Ähnliches gefragt haben und, nach vier mehrheitlich kritsch aufgenommenen Beiträgen, plötzlich von der Ahnung eines insgesamt schwachen Jahrgangs gestreift worden sein. Anders ist es kaum zu erklären, dass der abschließende Text von Dorothee Elmiger einhellig über den grünen Klee gelobt wurde.

„Einladung an die Waghalsigen“ hieß die zähe, verrätselte und anstrengend ausgedachte Textsteppe, an der die Juroren beflissen ihre Interpretationskünste vorführen konnten: „Postapokalypse!“, „Ökokatastrophe!“, „Parabelcharakter!“, „Generationenporträt!“ waren die Stichworte, ein schwerer Fall von aus dem Ruder gelaufener Gruppendynamik, der kaum jemand unter den Zuhörern folgen konnte. Am nächsten Morgen wurde dann dem Text von Thomas Ballhausen genau das vorgeworfen, was man an Elminger so gelobt hatte. Das geheimnisvolle Kreisen um eine leere Mitte war nun plötzlich „Nebelwerferei“ (Paul Jandl).

War das „makellos“? Vielleicht gar „zu makellos“?

Man kann die großen Klagenfurt-Momente nicht herbeizwingen. Beim mutmaßlich wegen kommunaler Haushaltsengpässe knappen Bürgermeister-Büffett und wirklich waghalsigen Aperol-Mischungen wurde eine weitere Losung in die Runde geworfen: „Scotch Club“ hieß einst, in der mythischen Klagenfurt-Vergangenheit eine Proleten-Disko im Stadtzentrum, in der man den Literaturbetriebsausflug zu furchtbarer Dance-Musik ausklingen lassen konnte. Doch der Laden ist längst geschlossen. Würde sich in diesem Jahr etwas finden, das ganz neue große Ding, von dem man noch in Jahren genießerisch raunen würde? Google hatte das „Tenne-Dancing“ in Krumpendorf anzubieten. Der Verleger eines bekannten Klassiker-Verlags nahm die Sache in die Hand und gab den Cicerone. Experten für Neuausgaben sind in Klagenfurt gut zu gebrauchen.

Mit dem Unerhörten, Noch-Nie-Gelesenen darf man aber zum Glück immer noch rechnen. Heute las Aleks Scholz seinen Text „Google Earth“, in dem die Vogelperspektive auf ein rätselhaftes Geschehen ganz neu definiert wurde. Ein Satellitenblick auf eine scheinbare Idylle, in der sich vielleicht ein Verbrechen verbirgt. Ob das „makellos“, vielleicht gar „zu makellos“ war, fragte sich die langsam in Wettkampfform kommende Jury. Oder nur eine sehr zeitgemäße Form von Manierismus? Jedenfalls war es ein Anfang.

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