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Dienstag, 14. Februar 2012
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Kempowskis Geheimdienstverwicklung Irgendetwas bleibt immer hängen

09.05.2009 ·  Walter Kempowski war kein Spion. Er hat zu keiner Zeit im Auftrag des amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) spioniert, er stand nicht auf dessen Gehaltsliste. Das, und nichts anderes, steht in den Akten - meint der Kempowski-Forscher Dirk Hempel und widerspricht damit Alen Keele.

Von Dirk Hempel
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Der amerikanische Germanist Alan Keele hat in dieser Zeitung behauptet, Walter Kempowski sei ein Spion gewesen (siehe Alan Keele: Walter Kempowski war doch ein Spion). Inzwischen wird schon die Frage diskutiert, ob dessen Werk neu bewertet werden müsse. Der so in Gang gekommene Mechanismus erinnert an die Plagiatsaffäre aus dem Jahr 1990, als der „Stern“ Kempowski als „Abschreiber“ denunzierte. Auch wenn damals die großen Zeitungen des Landes den absurden Vorwurf entkräfteten: Hängen blieb doch etwas, ganz vergessen ist die Sache immer noch nicht.

Deshalb hier in aller Deutlichkeit: Walter Kempowski war kein Spion. Er hat zu keiner Zeit im Auftrag des amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) spioniert, er stand nicht auf der Gehaltsliste dieses militärischen Nachrichtendienstes. Das, und nichts anderes, steht in den Akten, die nun als Sensation präsentiert werden. Man muss sie nur genau lesen und ihren Inhalt richtig wiedergeben.

„Alles frei erfunden!“

Der Begriff „Akten“ suggeriert Materialfülle, mehrere Ordner, einen Vorgang von einiger Tragweite. Doch es handelt sich nur um ein schmales Memorandum, das zwei Schreibmaschinenseiten umfasst und in dürren Worten die Treffen des damals achtzehnjährigen Walter Kempowski mit dem Regionalbüro des CIC in Wiesbaden beschreibt. Außerdem gibt es einige Seiten mit Informationen über andere Personen aus Kempowskis Rostocker und Wiesbadener Bekanntenkreis.

Bei aller gebotenen quellenkritischen Skepsis im Umgang mit Geheimdienstakten: Es geht daraus nur hervor, dass Kempowski in einem Zeitraum von zwei Monaten, im Dezember 1947 und Januar 1948, das Büro des Geheimdienstes aufsuchte, offensichtlich häufiger, „als er in den Romanen behauptet“, wie Keele sich wundert. Muss man ihn wirklich an den Unterschied zwischen Autor, Erzählerinstanz und literarischer Figur erinnern? Der Walter des Romans „Uns geht's ja noch gold“ ist nicht identisch mit dem Autor Walter Kempowski. „Alles frei erfunden!“, heißt es dort eingangs, der Untertitel lautet: „Roman einer Familie“. Keine Autobiographie, sondern Fiktion, wenn auch auf der Grundlage von Fakten, eine für Kempowskis Werk so charakteristische Mischung, in der reale Ereignisse und Personen mit literarischer Freiheit gestaltet werden.

Hier wäre die Geschichte zu korrigieren

Mehrmalige Besuche im Büro des amerikanischen Geheimdiensts erfüllen für Keele also schon den „Tatbestand der Spionage“. Aber jemand, der mit dem Geheimdienst spricht, ist noch lange kein Spion. Einige Persönlichkeiten unseres Landes haben sich erfolgreich dagegen gewehrt, als Spitzel bezeichnet zu werden, nur weil sie, aus unterschiedlichen Motiven, mit der Stasi gesprochen haben.

Der amerikanische Geheimdienst hat Walter Kempowski nicht eingestellt und ihn auch nicht mit Spionageaufträgen ausgesandt. Die Mitteilungen, die Kempowski bei den Gesprächen machte, bezeichnete der CIC als wertlos. Und als Kempowski Ende Februar 1948, kurz vor seiner Reise nach Rostock, anbot, in seiner Heimatstadt allgemeine Informationen einzuholen, wurde ihm ausdrücklich bedeutet, dass das nicht im Auftrag des CIC geschehe, sondern seine eigene Initiative sei. So steht es in den Akten. Kempowski aber wurde kurz nach der Ankunft in Rostock von einem Bekannten an die Russen verraten, allerdings und anders, als Keele nahelegt, nicht von seinem Schulfreund Hans Siegfried, und verhaftet.

Aus den Akten geht nicht hervor, ob Kempowski schon bei seinem ersten Kontakt mit dem CIC im Dezember 1947 Frachtpapiere übergab. Keele meint: nein. Wenn das zutrifft, müssten wir für seine „Enthüllung“ eigentlich dankbar sein, denn das wäre ja eine, wenn auch die einzige echte Neuigkeit. Kempowski hätte also buchstäblich gar nichts getan, dem Geheimdienst wirklich nichts geliefert. Hier wäre dann die Geschichte zu korrigieren. Und als Ergebnis bliebe nicht mehr Spionage, sondern im Gegenteil: noch weniger. Doch warum bringt die Romanfigur Walter im blauen Koffer Frachtbriefe nach Wiesbaden und übergibt sie den Amerikanern? Walter Kempowski hat diese literarische Version der Geschichte nie korrigiert, sondern sie in Gesprächen immer wieder bestätigt. Warum aber hätte er alle Schuld an der Zerstörung der bürgerlichen Familie auf sich nehmen sollen? Um weitere mögliche Beteiligte zu schützen, seinen Bruder Robert, Hans Siegfried?

Schuldig verfolgt?

Oder wollte er seinen Romanhelden etwas heroischer erscheinen lassen und so einen Grund für die darauf folgende Haft im Zuchthaus Bautzen liefern? Wollte er sich selbst diesen Grund für seine Haft nachträglich in der Literatur erschreiben, wie er auch an anderen Stellen der „Deutschen Chronik“ eingriff, um das Leben der Figuren ein wenig erträglicher zu machen, dem Vater Kempowski eine Freundin in Schweden andichtete und der Mutter den späten Gefährten Cornelli? Dann wäre ihm die literarische Fiktion mit den Jahren zur Realität geworden, um nicht völlig unschuldig verurteilt worden zu sein. Eine abschließende Antwort wird wohl erst die vollständige Auswertung des umfangreichen Nachlasses bringen.

Und nicht Kempowski hat den Kontakt zum Geheimdienst von sich aus gesucht, es beginnt vielmehr mit einer Routinebefragung des illegal in die amerikanische Zone eingereisten Achtzehnjährigen. Die wiederholten Besuche aber fanden nicht statt, wie Keele unterstellt, damit Kempowski sich „einen Job im Schlaraffenland des amerikanischen Supermarkts erspionieren“ konnte, sondern, weil Kempowski sich dazu verpflichtet fühlte, den Amerikanern über die Zustände in der sowjetischen Besatzungszone zu berichten. Überhaupt ist noch einmal daran zu erinnern, dass Kempowski im November 1947 aus Rostock floh, weil ihm von Seiten des sowjetischen Geheimdienstes Verfolgung drohte. Er war Mitglied der Liberal-demokratischen Partei (LDP), die in der sowjetisch besetzten Zone für unabhängige Rechtsprechung und parlamentarische Demokratie kämpfte, engagierte sich in Versammlungen und bei Wahlkämpfen. Andere Angehörige dieser Rostocker LDP wurden später in einem Moskauer Gefängnis von den Russen erschossen.

Worauf also läuft die Behauptung der Spionage hinaus? Das Wort „angeblich“ („angebliche Spionage“) müssten wir jetzt „unbedingt“ streichen, sagt Keele; „das Bild vom unschuldig Verfolgten, das Kempowski zumindest auch selbst in die Welt gesetzt“ habe, sei falsch. Also schuldig verfolgt? Mit Recht zu fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager verurteilt? Das hieße nichts anderes, als die brutale Willkürjustiz eines totalitären Besatzerregimes nachträglich zu legitimieren.

Dirk Hempel lehrt an der Universität Hamburg Germanistik. Von ihm erschien „Walter Kempowski. Eine bürgerliche Biographie“ (2004).

Quelle: F.A.Z.
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