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Jonathan Safran Foer im Interview Ich liebe Würste auch. Aber ich esse sie nicht

17.01.2010 ·  Verzicht auf Fleisch kann die Erde retten: Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer über Massentierhaltung, Fischfang als Krieg und die Verlockungen der Weißwurst auf dem Viktualienmarkt.

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Verzicht auf Fleisch kann die Erde retten: Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer über Massentierhaltung, Fischfang als Krieg und die Verlockungen der Weißwurst auf dem Viktualienmarkt.

Ihr neues Buch, „Eating Animals“ (bisher nur in Amerika erschienen) ist ein Sachbuch. Es handelt von den Folgen, die das Essen von Fleisch für die Erde hat. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Das Thema hat mich schon lange interessiert. Und als mein Sohn auf die Welt kam, wollte ich mehr darüber herausfinden, um entscheiden zu können, wie wir ihn ernähren sollen. Außerdem fand ich faszinierend, dass niemand darüber spricht, obwohl es so ein zentraler Punkt in unserem Leben ist. Dieses Vakuum hat mich angezogen.

Natalie Portman bekannte, durch die Lektüre zur Veganerin geworden zu sein. Bekommen Sie viele solche Reaktionen?

Nicht ein Tag vergeht, an dem ich nicht einen Brief oder eine E-Mail bekomme. Meistens ist der Inhalt in etwa: Fuck you, ich mochte Fleisch immer sehr gerne, aber jetzt möchte ich es nicht mehr essen.

Meine Essgewohnheiten haben Sie auch verdorben: Ich ertappe mich dabei, plötzlich Gemüseeintopf zu bestellen statt der Hühnersuppe, die mir eigentlich viel besser schmeckt.

Aber es muss ja nichts Absolutes sein. Ich glaube, wenn wir die Diskussion von einer Frage der Identität loslösen könnten - entweder Vegetarier oder nicht - und sie zu einer Frage von Entscheidungen machen, wäre viel gewonnen. Okay, hier ist eine Speisekarte, darauf stehen viele verschiedene Sachen, die ich bestellen könnte, weil ich Lust drauf habe - aber ich kann auch etwas anderes bestellen, weil mir vielleicht gewisse Dinge wichtig sind.

Einmal Nudeln anstelle eines Steaks: Das würde Ihnen reichen als Reaktion?

Wie bisher über dieses Thema gesprochen wurde, hat nichts gebracht. Bislang wurde es uns immer als Schwarzweißszenario präsentiert: Fleisch essen ist ungut, warum hörst du nicht ganz auf damit? Das hat nicht funktioniert. Nun, vielleicht ist es ungut, Fleisch zu essen, aber es gibt viele ungute Sachen, zu denen ich nicht nein sage, obwohl ich es besser weiß. Das ist menschlich. Ich habe das Buch geschrieben, um ein Umdenken anzuregen. Und ich bin da ganz realistisch. Ich muss nur mich selbst als Beispiel nehmen: Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, bis ich aufgehört habe, Fleisch zu essen. Ich erwarte von niemandem, dass er von heute auf morgen radikal seine Ernährungsgewohnheiten umstellt.

Einer neuen Studie zufolge ist Viehzucht für 51 Prozent der klimaerwärmenden Gase verantwortlich. Bislang war man von 18 Prozent ausgegangen. Warum hat man über diesen Aspekt so wenig aus Kopenhagen gehört?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube aber, langsam wird darüber gesprochen. Der Klimaexperte Lord Stern sagte kürzlich, der einzige Weg, den Planeten zu retten, sei eine globale Bewegung hin zum Vegetariertum. Und auch Al Gore fängt an, darüber zu reden. Umweltschützer wussten es natürlich schon immer, das ist wie der Elefant im Wohnzimmer. Das Problem ist, dass es den meisten Menschen nicht behagt, wenn ihre Ernährungsgewohnheiten kritisiert werden, und man will nicht riskieren, all diejenigen, die gewillt sind, für die Umwelt einiges in ihrem Leben zu ändern, damit zu verprellen, dass man ihnen auch noch ihr Fleisch ausreden will.

Sie sprechen von einem Krieg zwischen Mensch und Tier.

Massentierhaltung ist eine 140-Milliarden-Dollar-Industrie; nahezu ein Drittel der Erdfläche wird für Viehzucht genutzt, der Regenwald wird abgeholzt, um Tierfutter anzubauen. Es geht hier einfach um sehr viel. Und vor allem, was den Fischfang angeht, kann man es nicht anders als Krieg nennen. Wir nutzen Kriegstechnologien, um Fische zu jagen. Kriegsschiffe, Radar, Satelliten - der ganze Meeresboden wird leer geräumt. Wenn das kein Krieg ist, weiß ich nicht, was Krieg sein soll.

Wenn man gerne etwas Gutes tun möchte, aber nicht vollkommen auf Fleisch verzichten, was sollte man dann am ehesten weglassen?

Das kommt drauf an, was Ihnen wichtig ist. Wenn Ihnen das Wohlergehen der Tiere wichtig ist, dann sollten Sie wohl am ehesten Eier weglassen. Wenn Ihnen die Umwelt wichtig ist, sollten Sie kein Rindfleisch essen. Wenn Ihnen die Zukunft des Planeten wichtig ist, sollten Sie auf Fisch verzichten.

Sie regen an, dass bei jeder Portion Sushi, die man isst, auf einem Beipackzettel stehen sollte, wie viele andere Seetiere dafür umsonst gestorben sind.

Für ein Pfund Shrimps werden bis zu dreizehn Kilogramm anderer Meerestiere getötet und zurück ins Meer geschmissen. Beifang wird das genannt. Die Leute würden viel weniger Fisch essen, wenn das jedes Mal dabeistünde.

Amerikaner essen heute 150 Mal mehr Huhn als noch vor achtzig Jahren. Auch der Eierkonsum ist gestiegen. Um die Nachfrage zu stillen, gibt es heute zwei Arten von Hühnern, die genetisch verändert wurden, um entweder schnell fett zu werden oder besonders viele Eier zu produzieren. Alle männlichen Nachkommen von Legehennen werden getötet, weil man sie nicht braucht. Wussten Sie solche Sachen schon, bevor Sie angefangen haben, für das Buch zu recherchieren?

Wie die meisten Menschen hatte ich eine Ahnung, dass da irgendetwas vor sich geht, was ich nicht mögen würde. Aber ich wusste nichts über die Folgen für die Umwelt, nichts über die Genetik, ich wusste auch nicht, dass die Truthähne, die wir essen, sich nicht mal mehr sexuell fortpflanzen können. Das ist alles sehr bizarr, es klingt wie ein Science-Fiction-Roman, nur dass sich wohl kein Autor etwas so Schlimmes ausdenken könnte. Was heute passiert, ist im Grunde jenseits unserer Vorstellungskraft.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, plädieren Sie dafür, nicht mehr länger allgemein von Fleisch zu sprechen, sondern wieder das Tier als solches wahrzunehmen: Dieses Kotelett auf meinem Teller, das war einmal ein Kalb, das hier oder da aufgezogen wurde und so und so getötet wurde. Richtig?

Ja. Meine Ansichten sind übrigens nicht besonders ungewöhnlich. Es sind Ansichten, denen niemand widersprechen würde, wenn er mehr wüsste. Niemand würde in einen Betrieb mit Massentierhaltung gehen und sagen, ja, hierfür möchte ich Geld zahlen, ich heiße es gut, dass Tiere mit Medikamenten vollgepumpt werden, um so unnatürlich schnell zu wachsen, dass sie ihr eigenes Körpergewicht nicht mehr tragen können, ich bin einverstanden, dass sie in ihrem Leben nie das Sonnenlicht sehen, so eng zusammengepfercht sind, dass sie sich nicht mal umdrehen können, dass sie genetisch verändert sind und mit unnatürlicher Nahrung gemästet werden!

Sie sagen, was unsere Ernährung angeht, werden wir ständig belogen. Inwiefern?

Man sagt uns, dass wir Fleisch essen müssen, um genug Eiweiß aufzunehmen. Was nicht stimmt. Dass Kuhmilch wichtig für eine gesunde Ernährung ist, was nicht stimmt. Dass eine Ernährung ohne Fleisch mangelhaft ist, was nicht stimmt. Wir wissen heute definitiv, dass eine vegetarische Ernährung gesund ist. Wir wissen, dass Vegetarier länger leben. Bei Frauen, die amerikanische Milch trinken, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie Zwillinge bekommen, um ein Dreifaches - das korrespondiert mit dem Vorkommen von Zwillingen bei Milchkühen, denen Antibiotika verabreicht werden. Und all diese Erkenntnisse sind noch ziemlich neu.

Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?

Am schockierendsten war es, herauszufinden, dass diese Form der Tierzucht heute die Regel ist. Es wird dazu keine Alternative geben, wenn die Menschen nicht schnell ihre Ernährungsweise ändern. Mehr als 99 Prozent aller Tiere, die in Amerika gegessen werden, stammen aus Massentierhaltung.

In Deutschland sind die Zahlen nicht viel besser. Nur etwa zwei Prozent des verzehrten Fleischs kommt, laut Tierschutzbund, aus Betrieben mit ökologischer Tierhaltung.

Es war eine amerikanische Erfindung, aber jetzt ist es ein globales Problem. Und Menschen, die kein Fleisch essen, sind von den Folgen genauso betroffen. Sie sagen, dass in Kopenhagen niemand über dieses Thema gesprochen hat. Genauso absent ist es von unserer Debatte über das Gesundheitssystem. Wir sprechen in Amerika gerade darüber, wie man Leute, die nicht versichert sind, finanziell absichern kann - dabei würden sich die größten Gesundheitsprobleme lösen, wenn wir von Massentierhaltung wegkämen. Es gibt direkte, gut dokumentierte Verbindungen zwischen Fleischkonsum und Diabetes, Herzkrankheiten, Krebs, Hirnschlag. Wir fragen immer: Ist es richtig oder falsch, Tiere zu essen? Dabei ist das in Wahrheit eine vollkommen unwichtige Frage. Die eigentliche Frage ist: Ist es richtig, es so zu tun, wie wir es tun.

Michiko Kakutani, die Kritikerin der „New York Times“, nannte Sie in ihrer Rezension „sentimental“ und fragte sich, warum Sie sich so um das Wohlergehen von Schweinen und Hühnern sorgen, wo so viele Kinder durch Malaria sterben und es einen Genozid im Kongo gibt.

Ich glaube nicht, dass wir wählen müssen. Uns können mehrere Dinge wichtig sein. Das Ziel im Leben ist doch nicht, das Spektrum der Dinge, die uns wichtig sind, zu reduzieren, im Gegenteil. Sich um etwas Gedanken zu machen, ist wie ein Muskel: Je mehr man ihn benutzt, desto stärker wird er. Ich kann es nicht beweisen, aber ich vermute, dass Menschen, die sich Gedanken darüber machen, was sie essen, sich auch Gedanken über andere Sachen machen. Und natürlich kann man auch sagen: Warum Buchrezensionen schreiben, wenn es im Kongo einen Genozid gibt? Wenn es nicht wichtig sein soll, sich zu fragen, woher unser Essen kommt, sind Buchkritiken ernsthaft unwichtig.

Sie haben 2007 ein paar Monate in Berlin verbracht. Was denken Sie über die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen?

Nun, sie lieben ihr Fleisch. Vor allem Würste. Ich verstehe das. Ich liebe Würste auch, ich esse sie nur nicht. Das heißt, in München habe ich einmal eine Ausnahme gemacht. Meine Frau, die auch Vegetarierin ist, ging auf den Viktualienmarkt, und als sie zurückkam, sagte sie, sie müsse mir etwas erzählen, sie habe doch eben tatsächlich eine Weißwurst gegessen. Sie habe nicht widerstehen können, so gut hätten die ausgesehen. Ich habe dann auch eine gegessen, und sie war wirklich unglaublich gut. Ich bin nicht die Sorte Vegetarier, die so tut, als vermisste man nichts. Das tut man. Aber - na und? Ich würde jedenfalls niemandem zum Vorwurf machen, Würste zu essen, ich finde nur, man muss das nicht dauernd tun.

Viele Leute kaufen einfach die billigste Wurst, das ist manchmal keine moralische Frage, sondern eine des Geldes.

Es ist in der Tat ziemlich teuer, gutes Fleisch zu kaufen, aber wenn Ernährung tatsächlich eine Frage des Budgets ist, gibt es keine bessere Alternative als vegetarisches Essen. Das Problem ist, dass man kochen können muss. Und das ist ein wirkliches Problem. Die meisten haben vergessen, wie man kocht.

Aber Sie essen Eier und trinken Milch, oder leben Sie inzwischen vegan?

Ich bin so dazwischen. Ich versuche nur Produkte zu kaufen, von denen ich weiß, woher sie kommen. Bei uns nebenan ist ein Bioladen, bei dem ich mir sicher sein kann, dass ich nichts Schlechtes kaufe.

Haben Sie je versucht, mit einem Franzosen über Foie gras zu diskutieren?

Nein, und was sollte das auch bringen? Ich finde, dass es sowieso so gut wie nie nutzt, zu versuchen, jemanden zu überzeugen. Wenn mich jemand fragt, sage ich gerne, was ich denke. Ich sage es so höflich und bescheiden, wie ich kann, gebe zu, dass auch ich nicht immer konsequent bin, aber es nützt nichts, jemanden überreden zu wollen. Da spare ich mir lieber die Energie, anstatt nur jedermanns Zeit zu verschwenden.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft angeht?

Ja, das bin ich. 18 Prozent der amerikanischen Studenten sind Vegetarier. An den Unis gibt es also mehr Vegetarier als Katholiken. Mehr Vegetarier als jedes Hauptfach Studenten hat. Es wird zu einem Umdenken kommen, weil die heutigen Verhältnisse radikal unhaltbar sind. Die Hoffnung ist, dass dieses Umdenken einsetzt, bevor zu viel verloren ist.

Interview Johanna Adorján

Quelle: F.A.S.
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