07.08.2009 · Vor dreißig Jahren vergiftete sich die Schauspielerin Jean Seberg in ihrem Auto. Ihr Mann, der Schriftsteller Romain Gary, folgte ihr fünfzehn Monate später in den Tod. Nun hat der Sohn der beiden ein Buch über seine Eltern geschrieben.
Von Johanna AdorjánAm 8. September 1979 wurde die Schauspielerin Jean Seberg in ihrem Wagen tot aufgefunden, vergiftet mit Barbituraten. Sie war vierzig Jahre alt. Der Wagen parkte in der Nähe ihrer Pariser Wohnung, sie lag auf dem Rücksitz, einen Zettel in der Hand: „Vergib mir. Ich kann nicht länger leben mit meinen Nerven.“ Sie hatte vorher bereits mehrere Male versucht, sich das Leben zu nehmen. Einmal konnte sie gerade noch von einem Passanten gerettet werden, als sie sich vor die heranfahrende Métro stürzen wollte. Mehrmals war sie in Kliniken wegen schwerer Depressionen behandelt worden, sie war zuletzt oft geistig verwirrt und trank viel zu viel.
Fünfzehn Monate später, am 2. Dezember 1980, erschoss sich der Schriftsteller Romain Gary, von 1962 bis 1970 mit Jean Seberg verheiratet, in seiner Pariser Wohnung. Er hinterließ folgende Notiz: „Keine Verbindung zu Jean Seberg. Liebhaber von gebrochenen Herzen werden freundlich gebeten, anderswo zu gucken.“
Jetzt meldet sich der Sohn der beiden zu Wort. Alexandre Diego Gary hat ein Buch über seine berühmten Eltern geschrieben. Er war 17 Jahre alt, als sein Vater seiner Mutter in den Tod folgte, und für ihn standen die Selbstmorde sehr wohl in einer traurigen Beziehung. Eben erst hatte er die Mutter verloren, da verließ ihn auch der Vater: „So wie das Leben meiner Mutter die Chronik eines angekündigten Selbstmords war, so war es mir nie in den Sinn gekommen, dass er eine solche Handlung vollziehen könnte. Der Schock war umso härter. Und verheerender. Ein Ozean der Verzweiflung, der Schuld und der Scham, ihn nicht davon abgehalten haben zu können, aber wie hätte das in meiner Macht gelegen, in meinen Händen?“ So schreibt er in „S. ou l'espérance de vie“, das bisher nur in Frankreich erschienen ist, bei Gallimard, dem Verlag, in dem auch die Werke seines Vaters erschienen. Kein einfaches Buch.
Ringen um Worte
Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich, Satz für Satz, ein eigenes Leben erobert. Gary hat es in nur drei Monaten geschrieben, aber es liest sich nicht, als sei es ihm leicht von der Hand gegangen. Er ringt um Worte, kämpft mit seinen Erinnerungen, mit dem überwältigenden Gefühl des Verlassenseins, des Niemandseins. Und es ist der trotzige Versuch eines Sohnes, seine Eltern den Biographen und Medien zu entreißen, die so viel Falsches über sie in die Welt gesetzt hätten. „Jetzt ist es an mir, zu sprechen. Über dich, über sie, über mich. Über mich vor allem, in aller Bescheidenheit, der ganzen Erniedrigung meines Platzes. Meines Platzes als Nachkommen, als Nichts, als Weniger-als-nichts. Weder Diplomat. Noch Pilot. Noch Großschriftsteller. Einfach nur am Leben. Verzweifelt am Leben, in der Hoffnung zu leben, endlich, nach all den Jahren im Halbdunkel.“
Alexandre Diego Gary ist heute 47 Jahre alt und lebt in Barcelona, wo er ein Café mit angeschlossener Buchhandlung betreibt. Die schwächeren Passagen seines Buchs handeln von seiner verzweifelten Sehnsucht nach Liebe, die er oft ausgerechnet in Bordellen zu finden hoffte und mit viel Alkohol zu dämpfen versuchte. Über seine Eltern schreibt er zärtlich und liebevoll, vor allem über seine Mutter, „über diese zerbrechliche Frau, deren Schönheit mir jeden Tag, jedes Jahr, das in dem Versuch vergeht, mich von ihr zu entfernen, noch funkelnder erscheint, diese großzügige Frau - krankhaft großzügig vielleicht -, die bis zu dem Punkt, sich zu ruinieren, alles gab, einschließlich ihres Körpers, wie um allen Zugang zur Schönheit zu gewähren“.
Ein ungleiches Paar
Sie waren ein ungleiches Paar. Der in Russland geborene Jude, Vater unbekannt, dessen ehrgeizige Mutter, mit der er als Junge nach Frankreich zog, ihm schon früh eine große Zukunft ausmalte, wie er so wunderbar in seinem Buch „Frühes Versprechen“ beschrieb (letztes Jahr in einer deutschen Neuauflage bei Schirmer-Graf erschienen). Und sie, das einfache Mädchen aus Iowa, das als 19-Jährige unter 18.000 Mitbewerberinnen von Otto Preminger ausgewählt wurde, seine „Heilige Johanna“ zu spielen. Von den harschen Kritiken zutiefst verunsichert, flüchtete sie 1958 nach Frankreich, nach Nizza zunächst, weil dies die einzige Stadt war, die sie akzentfrei aussprechen konnte. Mit ihren kurzen blonden Haaren und ihrem Aussehen eines Engels wurde sie schnell zum Star der Nouvelle Vague. Ihre berühmteste Rolle spielte sie in Godards „Außer Atem“: bezaubernder ist wohl niemand je die Champs-Élysées entlangspaziert.
Als sie Romain Gary kennenlernte, hatten sich die Prophezeiungen seiner Mutter bereits aufs glücklichste erfüllt. Er war 45 Jahre alt und ein gefeierter Schriftsteller. 1956 hatte er für „Les racines du ciels“ den Prix Goncourt bekommen, den höchsten französischen Literaturpreis, den er als einziger Mensch Jahre später noch ein zweites Mal gewinnen sollte, was die Statuten eigentlich verbieten - er hatte sein Werk jedoch unter einem seiner zahlreichen Pseudonyme eingereicht. Als es schließlich herauskam, sorgte das in Frankreich für einen ungeheuren Skandal. Als er sich in die 21-jährige Jean Seberg verliebte, war er gerade französischer Botschafter in Los Angeles - und mit einer englischen Adligen verheiratet. Ein Mann, dem die Frauen scharenweise verfielen, ein Abenteurer, Intellektueller und Lebemann, mitsamt Fluglizenz und geheimnisvoller Vergangenheit, die er sich immer wieder aufs Neue noch schillernder und unglaublicher erfand.
Scheidung, Sohn, Heirat
Dass auch Seberg bereits verheiratet war, mit einem französischen Rechtsanwalt, hielt die beiden nicht davon ab, wenige Monate nach ihrer ersten Begegnung zusammen in Paris zu leben. Sie reichten jeweils die Scheidung ein, bekamen einen Sohn, Diego Alexandre, und heirateten, in dieser Reihenfolge. Diego wuchs in einer großen Wohnung in der Rue Faubourg-Saint-Germain auf, mit hohen Decken und schwarzem Schieferboden. Seinen Vater beschreibt er als abwesend, selbst wenn er da war - „abgetaucht in seine eigenen Gedanken, hoffnungslos woanders“. Die Mutter drehte viel. Schließlich nannte Diego seine spanische Gouvernante „Mama“ und seine Mutter „Jean“.
Diegos schönste Kindheitserinnerungen stammen aus der Zeit der Dreharbeiten zu „Paint Your Wagon“, die 1969 in Oregon stattfanden und in dem seine Mutter die weibliche Hauptrolle spielte. Er war sieben Jahre alt und erinnert sich daran, ständig als Cowboy verkleidet herumgelaufen zu sein. Jeden Morgen holte ein roter Hubschrauber ihn und seine Mutter ab und flog sie zum Drehort. Die Erinnerung an diese Zeit ist für ihn bis heute „unendlich kostbar, auch wenn es dort war, wo mein Vater eine Pressekonferenz abhielt, in der er bekanntgab, dass er und meine Mutter sich scheiden lassen würden, weil sie eine Affäre mit Clint Eastwood hatte, dem anderen Star des Films“.
Das lange Sterben
Es war nicht ihre einzige Affäre. 1970 wurde sie von einem Liebhaber schwanger. Sie war damals politisch engagiert, unterstützte unter anderem die radikale Black-Panther-Partei, weshalb sie dem FBI und dem CIA als Staatsfeind galt. Das FBI, das sie damals beschattete und ihre Telefone abhörte, lancierte in einer ungeheuerlichen Verleumdungskampagne, sie sei mit einem Kind schwarzer Hautfarbe schwanger, was nicht der Wahrheit entsprach. Seberg unternahm, hochschwanger, einen ersten Selbstmordversuch. In der Folge verlor sie das Baby, ein Mädchen, das im siebten Schwangerschaftsmonat durch Kaiserschnitt geholt wurde und starb. Für Alexandre Diego Gary beginnt mit diesem Tag das lange Sterben seiner Mutter, die sich die Schuld am Tod seiner Schwester gab. Sie ließ sie in einem gläsernen Sarg begraben, um aller Welt zu zeigen, dass sie eine weiße Hautfarbe hatte; Romain Gary - „dieser Gentleman“ - gab dem totgeborenen Kind seinen Namen. Auch nach der Scheidung hörte Gary nie auf, seine Exfrau zu unterstützen, aber ihr war wohl nicht mehr zu helfen, immer tiefer versank sie in Depressionen, stürzte sich in unglückliche Liebschaften und Alkoholsucht.
Die Erinnerungen des Sohnes an nächtliche Besuche seiner betrunkenen Mutter gehören zu den ergreifendsten Szenen im Buch. Einmal stand sie um fünf Uhr morgens neben seinem Bett und wollte sich Turnschuhe von ihm leihen. Dabei hatte sie doch nur Größe 35, schreibt er, heute so verzweifelt und hilflos wie damals. Dass sie sich umbringen würde, war nur eine Frage der Zeit. Dass auch sein Vater es tat, hat der Sohn nie verkraftet, und wie auch, wer könnte das schon. Das Grausamste sei, schreibt er, dass sein Vater offenbar nur darauf gewartet habe, dass seine Mutter sich umbringe, um selber zu gehen: „Er wollte den jungen Mann nicht mit einer Mutter alleinlassen, die so schwere gesundheitliche Probleme hatte.“
Dieser Tage kommt in Spanien das erste Kind von Alexandre Diego Gary auf die Welt, eine Tochter, das erste Enkelkind von Jean Seberg und Romain Gary. Das Leben geht weiter.
Johanna Adorján Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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