06.01.2010 · Die Enthüllungen über Kindesmissbrauch in der Familie des Sinn-Féin-Chefs Gerry Adams versetzen dem todkranken keltischen Tiger den letzten Stoß, sagt der irische Schriftsteller John Banville.
Von John BanvilleIn Wexford, wo ich aufgewachsen bin, einer Stadt im Südosten Irlands, gab es in den fünfziger Jahren einen florierenden Eisenwarenladen, dessen Besitzer wir Peter O'Connell nennen wollen. Damals, in jener Zeit von Armut und Entbehrung, genoss ein erfolgreicher Kaufmann Ansehen und Einfluss, und von den Viktorianern wäre er sofort als Gentleman akzeptiert worden. Peter O'Connell hatte eine Frau, hübsch und blond, und zwei kleine Söhne, ebenfalls blond, ebenfalls hübsch. Man sah ihn bei allen gesellschaftlichen Ereignissen, bei der weihnachtlichen und österlichen Mitternachtsmesse, bei der Fronleichnamsprozession, beim Opernfestival, bei Fußballspielen, bei Abendgesellschaften und sommerlichen Regatten. Er war, mit anderen Worten, ein mustergültiges Mitglied der Gesellschaft.
Außerdem war Peter O'Connell ein Pädophiler (obgleich uns dieser Begriff damals nicht geläufig war). Sein Name erschien regelmäßig in der Lokalzeitung „The People“, die mit einer winzigen Meldung von seiner Verurteilung wegen Unzucht mit Knaben berichtete. Die Strafe bestand gewöhnlich aus einem strengen Tadel des Richters und einer kleinen Geldbuße. Am Sonntag darauf konnte man Mr. O'Connell hocherhobenen Hauptes beim Spaziergang auf der Main Street sehen, am Arm die Gattin, die beiden festtäglich herausgeputzten Knaben folgsam hinterdrein.
Im Namen der Familienehre
In der Stadt betrachtete man diese unverfroren demonstrierte Familiensolidarität keineswegs mit Empörung, sondern mit einer Mischung aus Bewunderung und mitleidiger Belustigung. Muss man ihn denn nicht bewundern?, sagten die Leute und schüttelten den Kopf. Für die namenlosen Knaben, die er missbraucht hatte, interessierte sich niemand, außer vermutlich ihre Eltern, denen die ganze Sache wohl viel unangenehmer und auch peinlicher war als Peter O'Connell, denn im katholischen Irland galt die unausgesprochene Vermutung, dass Opfer von sexuellem Missbrauch die Tat irgendwie provoziert haben mussten. Ist nicht jeder ein Sünder, selbst das arme Kind?
Heute ist mir klar, dass man in Wexford auf Peter O'Connells Taten genauso reagiert hat, wie eine Familie auf das Fehlverhalten eines Vaters oder Sohnes reagiert hätte. Die Sünde wurde natürlich bedauert, aber der Täter musste geschützt und gestützt werden, nicht um seinetwillen, sondern im Interesse von Ehre und Ruf der Familie. Gewiss, Peter O'Connell war ein Kindesschänder, aber er war eben auch ein Sohn Wexfords, dem ein Platz im sozialen Gefüge der Stadt zustand.
Keltischer Tiger im Todeskampf
Nun ja, das alles ist lange her, aber man sollte nicht denken, dass sich seitdem viel geändert hat. Stammesloyalitäten verschwinden nicht einfach, so sehr wir auch an Fortschritt und Aufklärung glauben. In Listowel in der Grafschaft Kerry, Schauplatz der international bekannten Listowel Writers' Week, warteten kürzlich an die fünfzig Personen darauf, einem verurteilten Vergewaltiger im Gerichtssaal die Hand zu schütteln oder auf die Schulter zu klopfen. Seinem Opfer, einer ortsansässigen jungen Frau, blieb es nicht erspart, diese ostentative Solidarität mit dem Täter mitanzusehen und zu hören, dass ausgerechnet der Gemeindepfarrer den guten Leumund des Angeklagten bezeugte - obwohl die Vergewaltigung von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden war.
In den vergangenen anderthalb Jahren, in denen der keltische Tiger im Todeskampf lag, musste unser nationales Selbstwertgefühl einige heftige Schläge hinnehmen. Die Liste unserer Pleiten, Peinlichkeiten und Dummheiten ist lang - ich beschränke mich hier auf das Debakel der Volksabstimmungen zum Lissabon-Vertrag (zuerst ein festes, prinzipientreues Nein, und dann, nachdem unser zehnjähriges Wirtschaftswunder schließlich geplatzt war und wir begreifen mussten, wie sehr wir Europa brauchten, ging uns plötzlich ein Licht auf, und wir sagten ja) und zwei Untersuchungsberichte aus der jüngsten Zeit. Der eine über jahrzehntelangen Kindesmissbrauch in irischen Besserungsanstalten, Klöstern und Schulen, ein wahres Schreckensdokument; der andere, vorgelegt von Richterin Yvonne Murphy, über den Missbrauch von dreihundertzwanzig Kindern durch sechsundvierzig Priester in der Erzdiözese Dublin und über die Zielstrebigkeit, mit der kirchliche Instanzen den Skandal vertuscht und pädophile Priester vor polizeilichen Ermittlungen bewahrt hatten. Bislang mussten vier katholische Bischöfe gehen, auch wenn sie darauf beharren, nichts Unrechtes getan zu haben. Allerdings scheinen sie vergessen zu haben, dass ihre Kirche neben der Begehungssünde auch die Unterlassungssünde kennt.
Schweigende Instanzen
Nach all dem könnte man meinen, dass der jüngst bekanntgewordene Kindesmissbrauch in der Familie des Sinn-Féin-Chefs Gerry Adams nicht mehr als eine hässliche Fußnote ist. Weit gefehlt - auf die Nachricht, dass Gerrys Bruder Liam seine kleine Tochter acht Jahre lang missbraucht hat und sein vor drei Jahren gestorbener Vater Gerry sen. ebenfalls ein Kinderschänder war, reagierte das Land, dem man eine gewisse Abgestumpftheit gegenüber solchen Schreckensmeldungen inzwischen vermutlich nachgesehen hätte, mit beispielloser Bestürzung und Erschütterung.
Den ersten Hinweis auf diese Geschichte gab es in einem Dokumentarfilm, in dem Gerry Adams' Nichte Áine Tyrrell, heute in den Dreißigern, ihrem Vater Liam Adams vorwarf, sie sexuell missbraucht zu haben. Seit mehr als zwanzig Jahren wusste Gerry Adams von diesen Beschuldigungen - und schwieg die ganze Zeit, während sein Bruder, eine prominente Sinn-Féin-Figur, als Sozialarbeiter in einem Jugendprojekt in Dundalk in der Republik Irland tätig war. Kommentatoren wiesen sogleich darauf hin, dass die Bischöfe, die nach dem Murphy-Bericht zurücktraten, zu diesem Schritt gezwungen worden seien, weil auch sie zu Dingen geschwiegen hatten, von denen sie wussten und zu denen sie sich hätten äußern müssen.
Das schwärzeste Verbrechen
Der nächste Akt in diesem unappetitlichen Drama war Gerry Adams' Erklärung, dass sein Vater die eigenen Kinder missbraucht habe - er selbst kann sich nicht erinnern, ob er ebenfalls zu den Opfern gehörte - und er davon genauso lange wisse wie von den Verfehlungen seines Bruders. Als der Vater, ein weithin angesehener Republikaner und IRA-Veteran, vor drei Jahren starb, wurde er mit militärischen Ehren bestattet; dass sein Sarg mit der irischen Flagge bedeckt war, bedauert sein Sohn Gerry heute - die Trikolore sei dadurch „beschmutzt“ worden.
Warum hat Gerry Adams so lange geschwiegen? Und wie schuldig hat er sich durch sein Schweigen gemacht? Es ist leicht, solche Fragen zu stellen, aber wer sie beantworten will, bewegt sich bald auf äußerst heiklem Terrain. Kindesmissbrauch ist heutzutage das schwärzeste Verbrechen, nicht nur in Irland. Selbst Terroristen, die unsere Kinder morden und unsere höchsten Gebäude zum Einsturz bringen, können zumindest mit Anhörung rechnen. Doch für Kinderschänder gibt es keine Gnade und keine Nachsicht. Insofern war die Haltung des katholischen Irland zum IRA-Terrorismus mindestens so ambivalent wie unsere Haltung zu Kindesmissbrauch. Die meisten von uns haben die IRA während ihres langen und letztlich erfolglosen Feldzugs natürlich nicht unterstützt. Aber haben wir uns ihrer Gewalt entschieden genug widersetzt? Haben wir uns durch Unterlassung schuldig gemacht?
Die IRA hat im Laufe ihres dreißigjährigen Stammeskriegs gegen die nordirischen Protestanten barbarische Akte von unaussprechlicher Grausamkeit begangen. Mitglieder der Familie Adams, Gerry sen. und seine Söhne Gerry und Liam, haben sich an diesem Krieg beteiligt. Die Enthüllungen ihres privaten Horrors, die zu machen sie nun gezwungen waren, könnten das Land zu einer weitreichenden Gewissensprüfung bringen. Den Opfern von IRA-Gewalt und priesterlichem Missbrauch hilft das wenig, aber vielleicht ist es nicht zu spät für uns alle in der irischen Großfamilie, unser schuldhaftes Schweigen einzugestehen.