09.04.2010 · Unsere literarische Kultur droht zu verschwinden. Die Auseinandersetzung mit dem Werk zwischen zwei Buchdeckeln wird ersetzt durch eine Literaturteilhabe, die von Event und Dauergeplauder geprägt ist. Doch warum sollten Schriftsteller jetzt bloggen statt dichten?
Von Thomas HettcheLiteratur besteht nicht aus Büchern, weder aus papiernen noch aus digitalen. Literatur besteht aus Romanen, Sonetten, Erzählungen, Novellen, Oden, kurz: aus Werken, abgeschlossenen, nach bestimmten ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten organisierten Gebilden, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, nur aus sich selbst heraus verstanden werden und auch auf nichts anderes reduziert werden können. Um ihre jeweilige Gestalt, diese unverwechselbare Physiognomie, die aus einer besonderen Sprache und aus dem entsteht, wovon diese Sprache spricht, ist es jedem wirklichen Schriftsteller zu tun. Diese besondere Physiognomie unterscheidet Literatur von all den Tagebüchern und Filmvorlagen, die man ansonsten zwischen zwei Buchdeckel pappt und Roman nennt.
Mir scheint, für diese Besonderheit sind vor allem zwei Dinge verantwortlich, von denen seltsamerweise zuletzt behauptet wurde, sie seien ganz im Gegenteil kennzeichnend für neue literarische Formen jenseits des Papiers: Nichtlinearität und Intertextualität. Da ist es doch seltsam, dass gerade Péter Esterházy, dessen Zitierlust immer wieder ins Feld geführt wurde, um das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann zu entschuldigen, in seinen Büchern zeigt, was es heißt, die Form des Romans ernst zu nehmen. Wie jede künstlerische Form ist der Roman ein Schnitt in die Welt, der ein Innen und ein Außen erzeugt, eine Grenze, die insofern etwas Dialektisches hat, als sie gleichermaßen errichtet wie überschritten werden muss. Innerhalb dieser Grenze tritt gerade bei Esterházy, und gerade bei einem Roman wie „Harmonia Caelestis“, alles, was erzählt wird, miteinander in Beziehung. Péter Esterházy ist ein Meister darin, die Linearität der Erzählung aufzulösen und das Erzählte durch wiederkehrende Motive und Assonanzen, Wiederholungen und Verweise in einen Schwebezustand zu bringen, Gleichzeitigkeiten zu erzeugen, Überlagerungen - weil, ja weil die Welt solche Erfahrungen nicht erst kennt, seit es das Internet gibt.
Twitter verkürzt die Halbwertzeit
Und indem Esterházy fremde Texte zitiert und übernimmt, tut er ein Zweites: Er überschreitet die Grenze seines Werks und öffnet die eigene Geschichte für andere Geschichten und für die Geschichten anderer. Aber auch das ist keine Errungenschaft des Zeitalters von copy & paste, es gehört vielmehr zur Geschichte der Schrift selbst, die ja eine des unendlichen Abschreibens und Kommentierens ist. Doch nutzt Esterházy dieses Mittel in einer Komplexität und Bewusstheit, neben der sich Fräulein Hegemanns Praxis - und übrigens auch die Theorie eines David Shields und seines „Reality Hunger“ (Die Welt gibt es nur in Splittern: Dave Shields macht Literatur zum Versatzstückkatalog) - reichlich, nein furchtbar naiv ausnimmt.
Furchtbar deshalb, weil das alles alles andere als neu ist und weil jene, die Hegemann oder Shields gegen das in Stellung bringen, was sie „konventionell“ nennen, das natürlich wissen. Ging es also in dieser Debatte möglicherweise gar nicht um literarische Verfahren und die Qualität eines Romans? Welchen Grund aber könnte diese Ignoranz der Kritik haben? Hat sie vielleicht etwas damit zu tun, dass Fräulein Hegemann, was ihre Floskeln aus der postmodernen Rhetorik ja nur unzulänglich bemäntelten, Literatur eigentlich gar nicht interessiert, umso mehr aber so eine Art Textproduktion als Lebensteilhabe? Denn dieses Interesse teilten ganz offensichtlich viele, die ihr Buch gefeiert haben, nämlich nicht als Literatur, sondern als eine andere Form literarischer Öffentlichkeit. Die Emphase aber, mit der dieser Unschärfebereich zwischen Fiktion und Realität, zwischen Vorbild und Abbild, den man noch vor zwanzig Jahren als Kennzeichen unliterarischer Kolportage bewertet hätte, nun goutiert wurde, hat mit der veränderten Wahrnehmung von Literatur durch das Internet zu tun. Einer Erwartung, die vom Werk sich abwendet. „In der Literatur“, jubelt etwa, wie viele andere, Thierry Chervel im Perlentaucher, „ermöglicht das Netz plötzlich eine ganz neue Kommunikation zwischen Autoren und Lesern. Viel zu wenige Autoren, die vor lauter Angst den ,Heidelberger Appell' unterzeichnet haben, denken darüber nach. Wer von ihnen schreibt ein Blog?“
Eben: keiner. Ist es nicht seltsam, mit welcher Beharrlichkeit das ignoriert wird? Seit ich 1999 mit „NULL“ eine der ersten literarischen Anthologien im Netz publizierte, deren Texte sich die Redakteure der Feuilletons seinerzeit meist von ihren Sekretärinnen ausdrucken ließen, weil sie nicht online waren, sind zehn Jahre vergangen. Inzwischen hat die „Zeit“ einen Preis für Netzliteratur ausgelobt und aus Mangel an möglichen Preisträgern wieder eingestellt, hat die Germanistik das Thema entdeckt und Dissertationen und Habilitationen en gros verfasst, Tagungen und Lehrstühle aus- und eingerichtet, saßen unzählige „Netzautoren“ mit ihren „Hypertextprojekten“ auf Podien und in Talkshows. Aber keine Erzählung, kein Roman, kein Twitter-Vers ist entstanden, dessen literarische Halbwertszeit länger gewesen wäre als das Staunen über die medialen Möglichkeiten.
Am Erfolg partizipieren
Warum möchte man eigentlich Schriftstellern partout neue Medienformate aufschwatzen? Man schreibt doch Romane, Gedichte, Theaterstücke, Essays nicht aus Mangel an Phantasie, welche anderen Formen es geben könnte, sondern ganz im Gegenteil deshalb, weil man sich sicher ist, genau so ausdrücken zu können, was eben nur so ausgedrückt werden kann, etwas nämlich, das das Lärmen der Kanäle zum Verstummen bringt. Literatur hat mit der Schönheit zu tun, die Sprache nur dann entfaltet, wenn man sorgfältig oder leidenschaftlich oder wütend oder begeistert, auf jeden Fall aber gänzlich sich ihr anheimgibt, als Autor wie als Leser. Dem aber ist die Zerstreuung der Aufmerksamkeit auf viele Kanäle nicht dienlich.
Aber das ist, wie gesagt, alles andere als neu. Das gilt für die Literatur seit allem Anbeginn, seit Sapphos Versen. Die Frage ist, woher der Furor rührt, mit dem ständig verlangt und immer stärker auch erwartet wird, Schriftsteller müssten mit ihren Lesern in einen Kontakt treten, der eben nicht über das Werk stattfindet. Da diese Erwartung gar nicht bei den Lesern selbst besteht, sondern seltsamerweise vor allem diejenigen sie hegen, die das Lesen zu ihrem Beruf gemacht haben, glaube ich inzwischen, dass denen das Werk selbst ein Ärgernis geworden ist. Ich glaube, dass das unendliche Mediengespräch des Netzes, in dem so viele sich verfangen haben und gefangen sind und das doch zugleich so immateriell und ungreifbar bleibt, eine tiefe Unsicherheit gegenüber allem produziert, was sich dieser unendlichen Plauderei entzieht. Und dass alles, was sich dem entzieht, als ganz fremd und irritierend empfunden wird, weil man im Innersten weiß: Erst wenn es dieses Fremde nicht mehr geben wird, das nicht computierbar ist und nicht übersetzbar und von keinem Forum und keinem Leserkommentar erreicht werden kann, erst dann wird der Zweifel in einem selbst verstummen, ob das, was man tut, wirklich so wunderbar ist, wie man zu behaupten nicht müde werden darf.
Es gibt erkennbar einen Subtext in den Feuilletondebatten über Literatur, der vom Verlust von Lebensmodellen erzählt und von Angst - der wohl auch die zunehmende, geradezu groteske Begeisterung der Literaturkritik für den ökonomischen Erfolg von Büchern geschuldet ist: als könnte man so daran partizipieren. Etwas geht zu Ende. 1816 erschien Friedrich Christoph Perthes Schrift „Der deutsche Buchhandel als Bedingung des Daseyns einer deutschen Literatur“. Perthes hatte 1796 in Hamburg die erste Sortimentsbuchhandlung in Deutschland eröffnet, gehörte zu den Gründern des Börsenvereins, und er hatte wohl recht mit dieser These, dass Literatur in Wechselwirkung mit der Kultur ihrer Verbreitung entsteht. Vor zweihundert Jahren fand dieses kulturelle System mit Universitäten, Feuilletons, Verlagen, Buchhandlungen, Lesezirkeln zu der Form, wie wir es kennen. Eine Formation der Lesenden, die sich selbst Regeln unterwarfen, und zwar nicht primär aus ökonomischen Überlegungen, sondern weil diese Regeln als sinnvoll erachtet wurden, um Literatur und Wissenschaft zu ermöglichen. Die Unterscheidung zwischen Text und Kommentar gehört dazu, diejenige zwischen Autor und Werk, die Anerkennung und Honorierung der Urheberschaft, die Unverletzlichkeit des vom Autor bestimmten Textes. Regeln, die jetzt dabei sind zu verschwinden.
Das Absterben der literarischen Institutionen
Wenn man als Schriftsteller eingeladen wird und durch dieses Land fährt, erlebt man zwar den ganzen Reichtum der literarischen Institutionen noch, die damals entstanden, aber immer stärker spürt man auch, wie sehr diese Institutionen dabei sind, von innen heraus zu verschwinden. Da gibt es Lesungen in literaturwissenschaftlichen Seminaren, in denen man den Studenten keine Bücher mehr zumutet, sondern zum Semesterbeginn zehnseitige Ausschnitte kopiert, anhand deren nicht etwa Romane verstanden, sondern lediglich Frage- und Diskussionstechniken eingeübt werden sollen. Da mutieren immer mehr Traditionsbuchhandlungen, die einst Lesungen veranstalteten, zu Papeterien. Da trifft man in Rundfunksendern auf Redakteure, die das Buch, über das sie mit einem sprechen wollen, zuvor nicht mehr gelesen haben dürfen - damit sie die Hörer „besser abholen“. Es ist, als reiste man von einer Geisterstadt zur nächsten. Und überall trifft man auf Menschen, die in ihrer Begeisterung für die Literatur alt geworden sind und die wissen, dass das, was sie tun, mit ihnen enden wird.
Dieser Eindruck passt sehr wohl zum Boom der Festivals und Literatur-Events, zu den Besucherrekorden der Messen in Leipzig und Frankfurt, zur Konjunktur der Schreibschulen und Textwerkstätten. Bei alldem geht es um eine Teilhabe an Literatur, deren Zugang nicht mehr primär der Text ist. Wir erleben eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses der Leser zu Autor und Werk, und es scheint, als ginge das Absterben der literarischen Institutionen mit der Restitution eines neoromantischen Verständnisses von Künstler und Kunstwerk einher. Doch während Friedrich Schlegel von einem Zeitalter träumte, in dem „es nichts seltnes mehr wäre, wenn mehrere sich gegenseitig ergänzende Naturen gemeinschaftliche Werke bildeten“, arbeitet das aktuelle Revival des romantischen Fragments in Gestalt von Blog und Tweet ebenso dem Vergessen und dem Verschwinden der Werke zu wie die neoromantische Vorstellung von Autorenschaft, bei der - und dafür ist die Diskussion um Helene Hegemann symptomatisch - das Werk nurmehr Akzidenz eines Ichs ist, das sich mit seiner Hilfe erfindet und an so etwas wie temporäre Gemeinden im Netz entäußert, die an die Stelle einer literarischen Öffentlichkeit treten.