17.02.2009 · Für jede Familie ein Regal mit einheimischer Literatur: Das ist der ehrgeizige Wunsch der Sahitya Akademi, Indiens Literaturakademie. Sie vermittelt zwischen zwei Dutzend indischen Sprachen, denn es fehlt eine professionelle Übersetzungskultur auf dem Subkontinent.
Von Martin Kämpchen, KalkuttaIm Zentrum von Neu-Delhi, dort, wo Museen und Institute eine kleine Kulturmeile bilden, steht auch der mehrstöckige Rabindra Bhavan in der Feroze Shah Road. In ihren verstopften Büros hat die indische Literaturakademie, die Sahitya Akademi, ihren Hauptsitz. Das Haus trägt den Namen von Rabindranath Tagore, dem indischen Nationaldichter und bisher einzigen Literaturnobelpreisträger aus Indien.
Im Jahr 1913 erhielt er den Nobelpreis aufgrund eines schmalen Buches lyrischer Prosa, das zwar den bengalischen Namen „Gitanjali“ trug, das Tagore jedoch in englischer Sprache geschrieben hatte. Vorher hatte ihn nur das Bengalisch sprechende Volk gelesen; mit seiner eigenen Übertragung wurde Tagore der Welt bekannt. Hier zeigt sich die Schwierigkeit, die zur wichtigsten Herausforderung der Sahitya Akademi geworden ist: die in vielen Regionalsprachen aufgesplitterten Literaturen untereinander und nach außen zu vermitteln. Um diese Literaturen zunächst einander bekannt zu machen, hat die Sahitya Akademi als erste im Land ein umfangreiches Übersetzungsprogramm gegründet.
Identitätsgefühl durch Sprache
Die Sahitya Akademi erkennt vierundzwanzig Sprachen als förderungswürdig an. Dazu zählen nicht nur die großen regionalen Sprachen wie Hindi, Bengalisch, Marathi, Gujarati, Panjabi, Tamil, Malayalam und Kannada, sondern auch kleine Sprachen wie Konkani, das in Goa gesprochen wird, und Stammessprachen wie Santhali. Indien als Nation war von den Engländern entsprechend der Sprachgrenzen in Bundesländer unterteilt worden. Ein so bunt gemischter Vielvölkerstaat wie Indien, der vor seiner Unabhängigkeit niemals Gelegenheit hatte, sich wirklich als eine Nation zu fühlen, kann nur zusammengehalten werden, wenn jedem einzelnen Volksteil gebührende Beachtung geschenkt wird; wenn die Identität jedes Volksteils gewahrt und sich jedes Volk als Teil des Ganzen der indischen Nation fühlen darf. Identitätsgefühl bildet sich in Indien im Wesentlichen durch die linguistische Zugehörigkeit und die kulturelle Betätigung durch Sprache. Sie zu stärken ist die wesentliche und schwierige Aufgabe der Sahitya Akademi.
Die Akademie unterhält Regionalbüros in Kalkutta, Bangalore, Madras und Bombay. Ich besuche den Direktor in Kalkutta, Ramkumar Mukhopadhyay, dessen Tätigkeitsbereich nicht nur Bengalen, sondern auch die sieben Provinzen des Nordostens umfasst. Umtost vom Straßenverkehr, sitzt er in seinem kleinen Büro im vierten Stock, bietet gezuckerten Tee an, beantwortet Anrufe von drei Telefonapparaten und gibt seinem Assistenten, der immer wieder hereinschaut, Instruktionen. Zwischendurch unterhält er sich angeregt, ohne den Faden zu verlieren. Er gibt Beispiele seines Übersetzungsprogramms: Romane, Theaterstücke, Erzählungen und Lyrik aus dem Hindi, aus Oriya, Assamesisch, aus dem Urdu hat er ins Bengalische übersetzen lassen. Er betont, dass die Übersetzungen von den indigenen Sprachen ins Englische, womit die Sahitya Akademi ihr Programm begonnen hatte, nicht mehr so dringlich sind wie früher. Denn in den letzten zehn Jahren haben mehrere große englischsprachige Verlage, darunter Oxford University Press und Penguin Books, die Übersetzung regionaler Literatur ins Englische auf ihre Fahne geschrieben. Offenbar mit Erfolg, denn die Backlist eines jeden Verlags wächst und wächst.
Nicht nur handfeste Ergebnisse
Die Sahitya Akademi in Kalkutta konzentriert sich darum auf die Übersetzung innerhalb der indischen Sprachen. So sind Märchensammlungen aus dreizehn Sprachen in Bengalisch erschienen. Mukhopadhyay will auch die vorkoloniale Literatur erfassen und übersetzen. Und eine Serie von Wörterbüchern ist in Arbeit, so dass bald Bengalisch in jeder indischen Sprache verständlich wird. Mukhopadhyay beschränkt sich keineswegs auf die vierundzwanzig offiziellen Sprachen. Sein Büro unterhält ein Zentrum für orale Literatur in Shillong am Fuß des Himalaja. Dort werden nichtschriftliche Literaturen erfasst und in anderen Sprachen zugänglich gemacht. Man spürt, dass ihm die Provinzen des Nordostens am Herzen liegen, weil sie weitab von den Machtzentren des Landes liegen und sich kulturell isoliert fühlen.
Er erzählt von einem Workshop im November mit bengalischen und Lepcha-Übersetzern. Die Lepchas sind ein Bergstamm im Gebiet von Darjeeling und Sikkim. Kaum jemand in Kalkutta hatte bisher von dem Literaturgut des Stammes gehört. Eine Handvoll Lepcha-Literaten reiste an und erzählte der Versammlung Legenden, rezitierte Gedichte und vermittelte über Bengalisch und Englisch das Kulturgut des Stammes. Vorwiegend sind es Naturgedichte, einfach gestaltete Verse, die eine tiefe Liebe zur Bergwelt auszeichnet.
Nicht nur handfeste Ergebnisse wie Bücher, Wörterbücher, Literaturlexika und eine Zeitschrift sind wichtig. Vielleicht noch wesentlicher ist, so Mukhopadhyay, dass Kulturschaffende unterschiedlicher, oft weit entfernter Sprachregionen miteinander ins Gespräch kommen und dadurch sprachliche Barrieren, aber auch kulturelle und emotionale Vorbehalte abbauen. Die Sahitya Akademi vertraut mit ihrem riesigen bürokratischen Apparat auf das informelle Gespräch, auf die Liebe zur Literatur als Bindemittel zwischen Menschen, auf die Dynamik von Beziehungen und Freundschaften.
Die bröckelnden Ränder der Nation
Dies ist nicht nur eine schöngeistige Entscheidung, sondern es entspringt auch politischem Kalkül. Die Lepcha-Bevölkerung wohnt nämlich im politisch umkämpften Gebiet von „Gorkhaland“, das sich von der Provinz West-Bengalen gewaltsam trennen will. „Gorkhaland“ fühlt sich von der Regierung in Kalkutta missverstanden und alleingelassen. Können interkulturelle Kontakte auf Dauer eine solche Bindekraft entwickeln, dass die bröckelnden Ränder der Nation stabiler werden? Die Sahitya Akademi gewinnt ihre Existenzberechtigung aus der Überzeugung, dass es möglich ist.
Die Sahitya Akademi war eine der ersten autonomen Institutionen, die die indische Regierung nach der Unabhängigkeit gründete. Das war im Jahr 1954. Ihr erster Präsident war kein Geringerer als der indische Premierminister Jawaharlal Nehru. Ihm folgte der Präsident Indiens, der Philosoph S. Radhakrishnan. Seit dem letzten Jahr schließt sich der illustren Reihe der bengalische Schriftsteller Sunil Gangopadhyay an. Der fünfundsiebzigjährige ist die tragende Säule der bengalischen Kultur, ein Großschriftsteller und Vielschreiber, dessen Schriften - Romane, Geschichten, Lyrik - eine Bücherwand füllen.
Auf der Veranda seines Refugiums in Tagores Universitätsstädtchen Santiniketan, drei Zugstunden nördlich von Kalkutta, sitze ich ihm gegenüber, trinke wieder süßen Tee und unterhalte mich über seinen Roman „Der Widerläufer“, der auch auf Deutsch erschienen ist. Gangopadhyay beklagt, dass gebildete Inder lieber die Literatur der westlichen Länder lesen, anstatt die Literatur in indischen Sprachen. Darum werden die Bücher der Sahitya Akademi nicht so zahlreich verkauft, wie zu wünschen wäre. Das Ziel, dass jede Familie ein Bücherregal mit ihrer Literatur einrichtet, ist noch lang nicht erreicht.
Altbackene Mentalität der indischen Bürokratie
Aber die Sahitya Akademi war doch der Pionier in der Übersetzungsarbeit! - „Gewiss“, sagt Sunil Gangopadhyay. Doch gerade darum habe es lange Zeit keine ausgebildeten Übersetzer gegeben; jene, die neben ihrem Tagesjob auch übersetzt hätten, seien schlecht bezahlt worden. Bis heute gebe es keine professionelle Übersetzungskultur in Indien.
Auch Mini Krishnan, die von Madras das Übersetzungsprogramm des indischen Zweigs von Oxford University Press leitet, kritisiert, dass die Akademie nicht genug Geld ausgebe, um die besten Herausgeber, die besten Buchhersteller anzuwerben. Da krankt die Akademie noch an der altbackenen Mentalität der indischen Bürokratie, die früher alte Briefumschläge zurechtschnitt, um sie wieder neu zu verschicken. Darum ist auch das Marketing der Bücher nicht dynamisch, sagt Krishnan, nicht erfinderisch genug. „Jede Stadt sollte einen Buchladen haben, in dem eine Ecke für Bücher der Sahitya Akademi reserviert ist“, sagt sie. „Denn wir sind alle mit den preiswerten Bändchen der Sahitya Akademi aufgewachsen. Sie vermittelten uns das Bewusstsein, dass die Literatur in unserer Muttersprache einen Wert besitzt.“