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Im Securitate-Archiv in Bukarest Nie wurde Poesie ernster genommen

 ·  Das balkanische Kapitel der deutschen Literaturgeschichte ist noch lange nicht abgeschlossen: Auch im Studienzentrum des Securitate-Archivs in Bukarest sind Täter und Opfer nicht leicht zu unterscheiden.

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Die Strada Matei Basarab liegt im dritten Bukarester Innenstadtbezirk. Zwischen heruntergekommenen Villen im neobyzantinischen Vorkriegsstil und halbfertigen Bürobauten der Finanzkrise steht ein unscheinbares, nagelneues Bürohaus, Sitz des „Consiliul National pentru Studierea Arhivelor Securitatii“. Hier, im Studienzentrum des Securitate-Archivs, bekommt man Einsicht in Akten, die Ceausescus Geheimdienst über Millionen Bürger erstellt hat; hier können sich Karrieren und Biographien entscheiden, stehen Täter und Opfer des Regimes verzeichnet.

Ernest Wichner, der aus Berlin den weiten Weg in die Strada Matei Basarab angetreten hat, weiß es besser: Im Archiv der Securitate kreuzen sich die Schicksale, in den Akten versanden Lebensläufe, in denen Menschen mal zu Opfern, mal zu Tätern wurden und am Ende irgendwo in der Mitte weitermachten. Und vor allem: Dieses Archiv, das erst 2005 für Forschungen freigegeben wurde, ist ein trügerischer Ort.

Wichner, heute Leiter des Berliner Literaturhauses, wurde 1952 in einem Dorf im Banat unweit von Temesvar geboren, konnte mit 23 Jahren aus Rumänien ausreisen und möchte sich selbst ein Bild machen von der Verstrickung von Menschen, mit denen er seine Jugend verlebt hat oder ein Leben lang befreundet blieb.

Dem System entwichen

Da ist vor allem Oskar Pastior, dessen Täterakte vor einigen Monaten entdeckt wurde (siehe auch Oskar Pastior und die Securitate: Die späte Entdeckung des IM „Otto Stein“) - ein Umstand, der seither das Vertrauen in seine Person und den gesamten Widerstand der rumäniendeutschen Literaten erschüttert, weil Pastior, der 2006 starb, Herta Müller, Wichner und vielen anderen zeitlebens als moralisches Vorbild und poetische Autorität gegolten hatte. Nun hält Wichner im Lesesaal des Archivs die handschriftliche Erklärung Oskar Pastiors vom 8. Juni 1961 in der Hand; mit diesem Text beginnt die Akte des Mitarbeiters „Stein, Otto“.

Pastior, damals Rundfunkjournalist, war ins Innenministerium abgeholt worden, systemkritische Gedichte von ihm lagen der Behörde vor, er muss furchtbare Angst gehabt haben, nach den Jahren des sowjetischen Arbeitslagers nun wieder ins Gefängnis zu müssen. Pastiors Akte endet bereits eine Seite später: Er war dem System 1968 über Österreich entwichen. „Hat nicht die Absicht, aus Deutschland zurückzukehren“, heißt es lakonisch. Was Pastior in den sieben Jahren zwischen der erzwungenen Anwerbung und der ersehnten Aussiedlung an die Securitate berichtet hat, findet sich nur noch, oft zufällig, in den Akten der Bespitzelten, denn seine Täterakte wurde vernichtet.

Gedichtsdeutung für das Regime

Immerhin - nach der Nachricht von Pastiors IM-Tätigkeit konnte sein Kollege Dieter Schlesak, seit 1969 im Westen, sich als Opfer des Mannes darstellen, der nach seinem Tod in Deutschland mit einer Stiftung und einem Literaturpreis geehrt wurde. Ein Skandal mit Folgen also? Wichner findet in diesen Tagen in Bukarest keine Anhaltspunkte dafür, dass Pastiors Berichte andere Kollegen ins Gefängnis gebracht oder gar jemanden zum Suizid getrieben hätten.

Die Securitate arbeitete anders. Sie setzte geduldig, Steinchen für Steinchen, ihr gigantisches Mosaik zusammen. Säuberlich ist in den Akten der Sammeltrieb der Behörde verewigt: Gesprächsnotizen wurden im Sekretariat abgetippt, später setzte der Offizier Namen handschriftlich ein, damit sogar den Schreibkräften die Arbeit verborgen blieb. So auch am 1. September 1964, wo ein Informant über Gespräche mit einer deutschen Journalistendelegation berichtet, Kontaktpersonen meldet. Ernest Wichner ist überzeugt, dass dieser Informant „Ehrlich“ niemand anderes sein kann als Schlesak selbst, der solche Aktenverstrickung von seinem toskanischen Wohnsitz stets als Fälschungen abtut. Wer ist hier Spitzel, wer wurde bespitzelt?

Literatur als einziges Ventil

Schlesak selbst wurde - wie Pastior und eigentlich alle anderen deutschen Autoren und Anfang der sechziger Jahre die „Aktionsgruppe Banat“ - systematisch und bis in intimste Liebeleien genüsslich überwacht. Die junge rumänische Germanistin Corina Bernic, die an einem Buch über die „Aktionsgruppe“ schreibt, interessiert hier weniger die Frage von Schuld und persönlicher Abrechnung; sie findet in den Papieren vielmehr ein spannendes Stück Literaturgeschichte. Ähnlich wie bei der Stasi hat die Spitzelei ein eigenes Genre hervorgebracht, an dem sich etwa auch ein Werner Söllner beteiligt hat (siehe auch Bespitzelung bis in den letzten Vers: der Schriftsteller Richard Wagner zum Fall Werner Söllner): die Interpretation kryptischer, womöglich systemkritischer Gedichte für die überforderten Securitate-Offiziere.

Wann - und das erklärt das Kokettieren vieler Autoren mit Spitzeldiensten, Parteimitgliedschaft, Doppelagententum - wurde Literatur je so ernst genommen? Allein die deutsche Minderheit im Banat um Herta Müller, Richard Wagner, William Totok brachte Dutzende Autoren hervor. Die aufgeheizte Atmosphäre um modernistische Lyrik auf hektographierten Zetteln oder in winzigen Organen erinnert ein wenig an die deutschen Sprachinseln in Prag rund um den Ersten Weltkrieg oder im Czernowitz der Habsburger Zeit: Unter Druck und in Isolation funktioniert die Literatur als einzig mögliches Ventil - und lebt im zufriedenen Literaturbetrieb der Bundesrepublik mit uralten Kränkungen und Erregungen bis heute weiter. Die Securitate als die schlimmere Stasi? Bis zu Herta Müllers Nobelpreis, dem weltliterarischen Adelstitel fürs Banat, hat diese Frage eher die Beteiligten interessiert.

Launische Aktenlage

Corina Bernic weiß, dass die rumänischen Autoren sich längst nicht so oft im Securitate-Archiv blicken lassen wie ihre deutschsprachigen Kollegen. Sie, die auch nach 1989 weiter in einer Welt des moralischen Zwielichts leben, betrachten die Aufregung um Pastior, Schlesak, Söllner oder Frieder Schuller als „deutsche Obsession“. In Rumänien hat man mit der Vergangenheit resignierter abgeschlossen als im Westen. Kann man dem Archiv trauen, aus dem die Securitate säuberlich über Jahre Hinweise auf Kapitalverbrechen tilgte? Im Bezirk Hermannstadt hat man gleich alle Akten vernichtet, von den Dossiers der beiden Präsidenten nach 1989, Iliescu und Basescu, fehlt wie bei siebzigtausend anderen „wichtigen Rumänen“ jede Spur.

Im Lesesaal des Archivs gibt es - für über zwanzig Millionen Rumänen - zwanzig Schreibtischplätze. Jede Einsicht in höchstens drei Akten muss bei einer politisch besetzten Behörde beantragt und genehmigt werden, dann karrt ein Kleintransporter die Dossiers aus dem zehn Kilometer entfernten Zentralarchiv in Popesti-Leordeni herbei, wenn man sie in den über zwanzig dortigen Regalkilometern denn finden konnte oder wollte. Wenn gemütliche Mitarbeiter nach Stunden des Wartens und Plauderns ein paar Mappen hereintragen, versteht man besser, warum Rumänien - mit Eugen Ionesco, M. Blecher und Gellu Naum - als eines der Mutterländer des Surrealismus gilt.

Puzzeln im Archiv

Im Lesesaal hängt ein Foto des Bauernpolitikers Ticu Dumitrescu, der unter den Kommunisten zwanzig Jahre lang inhaftiert war. Seiner Hartnäckigkeit sind das Gesetz zur Nutzung der Akten und damit das Archiv überhaupt zu verdanken. Doch als er 2008 starb, hatte er seine Hauptziele nicht durchsetzen können: Verbot eines öffentlichen Amtes bei Beweis einer Spitzel- oder Mitarbeitertätigkeit; gerichtliche Prozesse wegen der Verbrechen, die bei der Securitate bis zum Mord reichten. Nichts von alldem hätte im Parlament eine Mehrheit gefunden.

Vor allem fehlt bis heute der Kern des Archivs: die Decknamenkartei und die Zentralregistratur, mit denen sich jeder Informant sofort identifizieren ließe. So müssen Historiker und Literaturwissenschaftler wie Bernic oder Wichner ein Puzzlespiel legen, Informantennamen verschiedener Berichte gegeneinander abgleichen und über die Namensnennungen und Überschneidungen die Identität erschließen. Bis auf fünfzehn, zwanzig Neugierige, die jeden Tag zum Aktenstudium in die Strada Matei Basarab kommen, erscheint diese Sisyphusarbeit den meisten Rumänen als vergebliche Mühe.

Keine Abrechnung

Später, bei einem Spaziergang durchs mild-winterliche Bukarest, erzählt Wichner von seiner ungebrochenen Bewunderung für Pastior. Er kann und will nicht an schlimme Denunziationen seines Freundes glauben. Und wenn sich doch etwas fände? Mit Söllner hat er keinen Kontakt und ihn nur per Brief gefragt, warum er seine Spitzeltätigkeit nicht wenigstens mit einem Satz erwähnt hat. Und Schlesaks Beteuerung, seine Täterakten seien erfunden, nimmt Wichner nicht ernst.

Doch abrechnen oder moralisch richten will er über niemanden: „Ich bin mit 23 rausgekommen, ich habe keine direkte Verfolgung oder gar Haft erlitten, auch meine Familie nicht.“ Und so ist er, der die Menschen in den Akten fast alle gekannt hat, zugleich Zeitzeuge und einer der ersten Historiker in diesem balkanischen Kapitel der deutschen Literaturgeschichte.

Keine Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern

Bleibt die Frage, warum jahrzehntelang keiner der Informanten im sicheren Westen von der Securitate erzählt hat. War es Scham? Oder die verlockende Aussicht auf eine Dichterlaufbahn mit dem Heiligenschein des Dissidenten? Wer wollte heute - mit einer behaglichen Westbiographie im Rücken - über ein Leben unter, gegen, mit der Securitate den Stab brechen? Für deutsche Leser wird der Streit zur Lektion in farblosem Totalitarismus: Neben Schwarz und Weiß, Gut und Böse gab es da vor allem Abstufungen von Grau.

Am zentralen Mahnmal der Revolution - einer hohen Säule mit einem undurchdringlichen Stahlknäuel - liegen noch die verblichenen Kränze von den Gedenkfeiern im Dezember. Den Helden - immerhin über zehntausend Ermordeten - ewige Ehre. Was bleibt den anderen? In Rumänien ist die große Debatte um das Leben dieser anderen in den Anfängen steckengeblieben. Hier gibt es keine saubere Unterscheidung von Tätern und Opfern. Vor den Portalen der zahlreichen kleinen orthodoxen Kirchen im Zentrum Bukarests finden sich getrennte Kerzenständer. Einen für „vii“, die Lebenden. Und einen für „morti“, die Toten. Andere Gewissheiten gibt es nicht.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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