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Im Gespräch: Schriftsteller Richard Wagner „Seine Freundschaft war von der Securitate verordnet“

21.02.2010 ·  Der Schriftsteller Peter Grosz hat zugegeben, Autorenkollegen für den rumänischen Geheimdienst bespitzelt zu haben. Seine Aufmerksamkeit galt der von Richard Wagner mitbegründeten „Aktionsgruppe Banat“, der auch Herta Müller nahestand.

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Der Schriftsteller Peter Grosz, geboren 1947 im Banat, hat zugegeben, in den siebziger Jahren unter dem Decknamen „Gruia“ Autorenkollegen für den rumänischen Geheimdienst bespitzelt zu haben.

Ähnlich wie im Fall des Lyrikers Werner Söllner galt seine Aufmerksamkeit der von Richard Wagner mitbegründeten „Aktionsgruppe Banat“, der auch Herta Müller nahestand.

Herr Wagner, seit wann wissen Sie von der Spitzeltätigkeit von Peter Grosz, und wie haben Sie davon erfahren?

Seit ungefähr einem Jahr. In meiner Securitate-Akte, dem operativen Vorgang „Ziaristul“ (Journalist), befindet sich der IM-Bericht eines „Gruia“ über eine Lesung von Herta Müller im Februar 1976. Ich hatte mich an der Diskussion beteiligt. Der Bericht darüber wurde in der Handschrift von Grosz verfasst.

Wie lange war Grosz IM, und welche Art von Information hat er an die Securitate gegeben?

Wie lange Grosz IM war, ist noch offen. Laut den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen war er dies bereits im Juli 1974 und 1977 immer noch. Das ist durch einen IM-Bericht über meinen Kollegen William Totok, den Grosz noch am Vortag seiner Ausreise nach Deutschland ablieferte, belegt.

Haben Sie seit Ihrer Kenntnis der Akten mit ihm darüber gesprochen?

Ich habe Grosz im August 2009 in Berlin zu einem Gespräch getroffen. Er hat seine IM-Tätigkeit zugegeben, um sie gleichzeitig zu verharmlosen. Damals kannte ich seine Berichte aus den Akten meiner Kollegen Gerhard Ortinau und Wiliam Totok noch nicht, und so war mir das wahre Ausmaß seiner Geheimdienstumtriebe noch unklar, was er zum Märchenerzählen nutzte.

Grosz hat unter dem Decknamen Gruia vor allem Mitglieder des Literaturkreises Aktionsgruppe Banat ausgeforscht, den Sie mitbegründet haben. Wie gut kannten Sie Grosz in jener Zeit?

Die Aktionsgruppe hatte zahlreiche Anhänger, aber auch Gegner genug. Manche handelten aus Neid und Konkurrenz, andere im Auftrag der Securitate, wie wir heute wissen. Grosz hat sogar einen Gegenkreis gegründet, den Arbeitskreis 74. Dieser kam zwar über seine Gründungssitzung praktisch nicht hinaus, er versuchte aber, unser politisches Engagement ins Lächerliche zu ziehen. Der von Grosz stammende Wahlspruch dieses Vereins lautete: „Unser Programm ist kein Programm.“

Hat Grosz Sie alle gleichermaßen ausspioniert, oder war er auf einige Mitglieder des Kreises speziell angesetzt?

Grosz gehörte zum harten Kern der Securitate-Helfer. Diese wurden gezielt eingesetzt, und zwar nicht nur zur Informationsbeschaffung, sondern auch zur Manipulation des jeweiligen Opfers. Sie drangen systematisch in dessen Privatleben ein. Grosz hatte den Auftrag, sich mit den Aktionsgruppen-Mitgliedern Ortinau und Totok anzufreunden.

Grosz wanderte bereits 1977 nach Deutschland aus, zehn Jahre früher als Sie und Ihre damalige Frau Herta Müller. Hatten Sie auch in Deutschland noch Kontakt?

Grosz hat uns in den achtziger Jahren sogar in Temeswar noch einmal besucht. Er sagt heute, dieser Besuch habe nichts mit der Securitate zu tun gehabt. Er habe nach seiner Ausreise nie wieder einen Geheimdienstler zu Gesicht bekommen. In Deutschland traf ich ihn, gleich nach meiner Ankunft im Frühjahr 1987, beim Leonce-und-Lena-Lyrik-Wettbewerb in Darmstadt. Er verwaltete damals die Angelegenheiten Totoks.

Es heißt, Grosz sei 1974 in Rumänien neunzehn Monate lang inhaftiert gewesen. Wissen Sie etwas über die Hintergründe?

Ja, das verbreitet er in seiner Vita im Netz. 1974 aber kann er schlecht im Gefängnis gewesen sein, denn es gibt aus der fraglichen Zeit IM-Berichte von ihm. Zumindest einer davon verweist auf seine Bedeutung für die Securitate. In dem Bericht wird eine Darstellung der Ziele und der Zusammensetzung der Aktionsgruppe vorgenommen, und zwar in einem Dreiergespräch zwischen Grosz, seinem Führungsoffizier Padurariu und dem Verbindungsoffizier der Direktion I aus Bukarest, Hauptmann Chisu. Eine höchst ungewöhnliche Konstellation, die das Vertrauen deutlich macht, das man in ihn hatte.

Grosz, der seine Spitzeltätigkeit jetzt in einer zehnseitigen Erklärung öffentlich zugegeben hat, sagt, er sei von der Securitate zur Mitarbeit gezwungen worden. Auch habe er seither versucht, Wiedergutmachung zu leisten. Können Sie das bestätigen?

Grosz sagt heute, der Grund seiner Anwerbung sei ein von ihm gefälschter Arbeitsnachweis gewesen, den er zur Aufnahme eines Abendstudiums eingesetzt habe. Wenn alle, die in Rumänien einen solchen Nachweis gefälscht haben, angeworben worden wären, hätte es im Balkanland Rumänien nur noch Informanten gegeben. Grosz hat keinem von uns gegenüber jemals auch nur eine Andeutung über seine Tätigkeit gemacht, geschweige denn etwas bedauert. Ich weiß nicht, wie er den Betrug und den Verrat an Ortinau und Totok, denen er immerhin eine Freundschaft vorgetäuscht hatte, wiedergutgemacht haben will. Durch seine Förderung der literarischen Jugend im VS-Distrikt Mainz, wie er mir bei unserer Begegnung in Berlin im vergangenen Jahr weismachen wollte, kann es ja wohl nicht geschehen sein.

Nach dem Lyriker Werner Söllner, der sich im Dezember öffentlich zu seiner Securitate-Mitarbeit bekannt hat, ist dies binnen kurzer Zeit der zweite Fall eines als Spitzel enttarnten Schriftstellers. In einem weiteren Fall streitet der als IM Voicu enttarnte Journalist Franz Thomas Schleich seine Securitate-Tätigkeit noch ab. In allen drei Fällen waren Sie selbst als Opfer betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Maß. Welcher trifft Sie persönlich am stärksten?

Besonders trifft mich natürlich der Fall Söllner. Werner Söllner war mir seinerzeit in Rumänien ein wichtiger literarischer Gesprächspartner. Seine Gedichte gehören zum Besten der rumäniendeutschen Literatur. Was mich bei Grosz empört, ist vor allem die kriminelle Energie, die er bei seiner IM-Tätigkeit entfaltete. Er hat sogar die Details eines psychischen Zusammenbruchs meines Kollegen Gerhard Ortinau an den Geheimdienst weitergegeben, und der Gipfel ist, dass er jetzt sagt, er habe bewusst Privates in die Berichte geschrieben, um so wenig politischen Schaden wie möglich anzurichten.

Sind die Fälle Söllner und Grosz erst der Anfang? Von einer systematischen Aufarbeitung des Ceausescu-Regimes wie bei uns durch die Birthler-Behörde kann ja in Rumänien bisher nicht die Rede sein. Kann die Aufarbeitung der Securitate-Verbrechen nur durch die Einzelnen in Gang kommen?

Das rumänische Pendant zur Birthler-Behörde gibt es zwar, aber das Tempo, in dem man dort arbeitet, scheint einen berühmten Vers aus der „Siebenbürgischen Elegie“ bestätigen zu wollen: „Anders rinnt hier die Zeit“. Bedauerlich ist das geringe Interesse vieler rumänischen Kollegen an der Aufarbeitung, aber auch der Kirchen, nicht zuletzt der evangelischen Kirche Siebenbürgens. Wir jedenfalls, die Autoren der „Aktionsgruppe Banat“ und des ehemaligen „Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreises“ in Temeswar, haben uns vorgenommen, der Problematik auf den Grund zu gehen. Wir wollen damit auch zeigen, dass man mit schmerzlichen Erfahrungen der Erinnerung umgehen lernen muss, will man der Geschichte die Wahrheit abverlangen. Es geht nicht darum, Helden zu finden, aber von den Schurken müssen die Opfer schon getrennt werden dürfen.

Die Fragen stellte Felicitas von Lovenberg.

Quelle: F.A.Z.
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