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IM-Affäre Oskar Pastior : Spitzel und Bespitzelter

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Wie tief verstrickte er sich in den rumänischen Überwachungsapparat: Oskar Pastior Bild: dpa

Das ist Dichtung und nicht die Wahrheit: Dieter Schlesaks Enthüllungen über die Spitzeltätigkeit des Schriftsteller Oskar Pastiors vertrauen Gerüchten und nicht Belegen. Eine Stellungnahme des Schriftstellers Ernest Wichner.

          Liest man Dieter Schlesaks Artikel „Pastiors Spitzelberichte: Die Schule der Schizophrenie“, so ist man erst einmal schockiert über die dort mitgeteilten Befunde zu Oskar Pastiors Spitzeltätigkeit, die er unter dem Decknamen „Stein Otto“ zwischen 1961 und 1968 für den rumänischen Geheimdienst Securitate geleistet haben soll. Schlesak teilt zwar beiläufig mit, dass er selbst ebenfalls von der Securitate als Spitzel geführt wurde, seine Akte sei jedoch inklusive der eigenen Unterschrift (doch wohl unter der Verpflichtungserklärung?) von den sie führenden Offizieren gefälscht worden, während die von Oskar Pastior als echt anzusehen ist. „Ehrlich“ lautet der konspirative Name, unter der Schlesaks Täterakte geführt wurde. Und IM „Ehrlich“ sei – dies zeige die Absurdität des Vorgangs – sogar auf Schlesak selbst angesetzt gewesen. Das klingt eher nach einer maghrebinischen Geschichte denn nach ehrlicher Mitteilung dessen, was Dieter Schlesak in den letzten Wochen in seinen Securitate-Akten hat lesen können.

          Jedenfalls wird er sich schwertun zu beweisen, dass Oskar Pastior respektive der Informant „Stein Otto“ durch seine Spitzelberichte zum Freitod Georg Hoprichs beigetragen hat, wie Schlesak Oskar Pastior im weiteren Verlauf seines Textes unterstellt. Denn der 1938 geborene Georg Hoprich, schon als Student in Bukarest Ende der fünfziger Jahre ein in den dortigen Literatenkreisen bekannter junger Dichter und so auch Oskar Pastior bekannt, ja mit diesem sogar befreundet, war verhaftet und abgeurteilt, als Oskar Pastior am 8. Juni 1961 seine Verpflichtungserklärung bei der Securitate unterschrieb und den Decknamen „Stein Otto“ erhielt. Für die Verhaftung und den Prozess gegen Hoprich kann man also Oskar Pastior oder „Stein Otto“ gewiss nicht verantwortlich machen. Und für die behauptete Bespitzelung nach Hoprichs Entlassung aus der Haft kann Schlesak lediglich ein Gespräch mit Hans Bergel als Quelle angeben, eine vom Hörensagen je nach Bedarf so oder anders zu interpretierende Biertischsaga.

          Gerüchte statt Belege

          Hans Bergel, ein aus Siebenbürgen stammender Schriftsteller, der 1959 verhaftet und zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, 1964 aufgrund einer Amnestie entlassen, emigrierte 1968 in die Bundesrepublik Deutschland und war fortan in verschiedenen Ämtern in der Vertretung der siebenbürgischen Emigration tätig. Nicht bekannt ist, dass er etwa in der Bukarester Securitate-Aktenbehörde (CNSAS) einschlägige Studien über Georg Hoprich oder Oskar Pastior betrieben hätte – im Falle von Georg Hoprich wäre dies auch schwer möglich gewesen, denn jenseits der Prozessakten von Hoprich sind bislang sämtliche Anfragen nach dessen Securitate-Akten unbeantwortet geblieben. Hans Bergel hat Dieter Schlesak also, wie Schlesak selbst einräumt, einen „Roman“ erzählt, in dem neben Georg Hoprich auch Oskar Pastior, die Ehefrau von Georg Hoprich und ein in sie verliebter Securitate-Offizier die Hauptrollen spielen: Der verliebte Offizier hat der Ehefrau von Hoprich einen Bericht von Oskar Pastior über Georg Hoprich zugespielt, um ihr zu zeigen, wer der Hauptfeind ihres Mannes ist.

          Wäre solches tatsächlich geschehen, so müsste jeder einigermaßen mit den Gepflogenheiten des rumänischen Geheimdienstes Vertraute darin sofort eine Zersetzungsmaßnahme der Securitate vermuten: Man zeigt ein angeblich authentisches Dokument vor oder streut ein Gerücht, um jemanden zu belasten, der mit der Sache nicht das Geringste zu tun hat, aber der Verdacht zerstört eine vielleicht lebenswichtige Beziehung. Dieter Schlesak folgt jedoch dieser platten Narration und präsentiert sie uns als Kapitalverbrechen von Oskar Pastior. Dieser sei nach der Haftentlassung von Hoprich immer wieder nach Hermannstadt gefahren, um ihn auszuhorchen und seinem Führungsoffizier über den Dichterkollegen zu berichten. Schließlich habe der von Securitate-Spitzeln umstellte und damit immer wieder auf sein Gefängnistrauma zurückgeworfene Georg Hoprich sich 1969 erhängt.

          Diesen „Roman“ kennt Dieter Schlesak nicht aufgrund eigenen Aktenstudiums, sondern als Nacherzählung. Und von der Fallhöhe dieser dramatischen Geschichte wird sein Schicksal als Bespitzelter mitgeprägt. Wäre diese Geschichte wahr, das heißt, mit einem Bericht des IM „Stein Otto“ zu belegen, so wäre im Fall Oskar Pastior alles gesagt. Er wäre nicht nur ein unter der Androhung von Gefängnis zu Spitzeldiensten erpresster Dichter gewesen, sondern hätte auch investigative, ja kriminelle Energie an den Tag gelegt und als Teil des Repressionsapparates den Tod eines Freundes mitverschuldet. Um aber solches auch nur in den Bereich des Vorstellbaren zu rücken, sollte man Beweise haben und nicht mit Gerüchten hantieren, die niemand auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann.

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