12.09.2011 · Einst sagte Heiner Geißler, der Pazifismus habe Auschwitz erst möglich gemacht. Jetzt reicht Götz Aly in seinem neuen Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ den Schwarzen Peter an die SPD weiter.
Von Patrick BahnersDie Deutschen, die die Entrechtung, Beraubung und Ermordung der Juden geschehen ließen, pflegten hinterher zu sagen, 1933 habe sich niemand vorstellen können, was die Regierung Hitler dann in die Tat umgesetzt habe. Heute ist die Redewendung gängig, das Geschehene übersteige auch das Vorstellungsvermögen rückblickender Betrachter. Merkwürdigerweise wurde die Formel von der Unerklärbarkeit des Judenmordes zur Abwehr apologetischer Tendenzen in die wissenschaftliche Welt gesetzt. Aber das Zerreißen der Kausalketten zerstört den politischen Handlungszusammenhang. Von Schuld und Verantwortung kann dann nur noch in einem metaphysischen Sinne die Rede sein. Die Arbeit des Historikers Götz Aly beginnt mit der Kritik solcher Mystifikationen.
Aly sucht Erklärungen dafür, dass der deutsche Staat sich dem Zweck der Ausrottung des jüdischen Volkes verschrieb. Und er findet sie. Es sind prosaische, unerfreulich handfeste Erklärungen. Aly bringt die Sprache auf die Interessen. Wer hatte etwas davon, dass jüdische Fabrikbesitzer enteignet und jüdische Professoren von ihren Lehrstühlen vertrieben wurden? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Man kann sich eben nur zu gut vorstellen, dass hinter jedem verdrängten Juden ein Konkurrent bereitstand, um den freien Platz einzunehmen. Sofern der unverdiente Vorteil das Gewissen des Profiteurs beschäftigte, mochte der eine sich beruhigen, indem er den unglücklichen Vorbesitzer oder Vorgänger mit übermäßiger Freundlichkeit behandelte - und ein anderer mochte sich einreden, der Jude habe ungerechterweise auf der Stelle oder dem Geld gesessen. In seinem neuen Buch untersucht Aly die psychischen Dispositionen einer Täterschaft der Mitnahmeeffekte und der Mitleidsverkümmerung. Was befähigte die Deutschen, skrupellos zuzugreifen und ungerührt zuzusehen?
Die Publizistik hatte sich den antisemitischen Staat bereits ausgemalt
Nebenbei führt Aly den Beweis, dass die Umsetzung des antijüdischen Programms der NSDAP vor dem Horizont der Zeitgenossen keineswegs unvorstellbar war. Denn schon Jahre vor 1933 hatte eine Publizistik, die man prophetische Geschichtsschreibung nennen möchte, den antisemitischen Staat, den Hitler errichtete, in fast allen Einzelheiten ausgemalt. 1922 erschien in Wien der Roman „Die Stadt ohne Juden“ von Hugo Bettauer. Hier lässt der in der Wirtschaftskrise ins Kanzleramt getragene „geistvolle Führer“ und „Befreier Österreichs“ namens Dr. Karl Schwertfeger ein „Gesetz zur Ausweisung aller Nichtarier aus Österreich“ verabschieden.
Das Modehaus Zwieback in der Kärntner Straße geht ins Eigentum des vormaligen ersten Verkäufers in der Damenabteilung über, dem die „Mittelbank deutscher Sparkassen“ den erforderlichen Kredit gewährt. Die Bühnen müssen auf die unwitzigen Stücke nichtjüdischer Autoren zurückgreifen, die „jahrelang in den Schubladen geschlummert“ haben. Auch in der „sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft“ ist wegen der plötzlichen Behebung der Wohnungsnot „die Befriedigung über den Fortzug der Juden groß“. Gleichwohl ordnet der Kanzler an, dass die „Abfahrt der Züge tunlichst nur zur Nachtzeit“ zu erfolgen habe, und zwar von „den außerhalb gelegenen Rangierbahnhöfen“. Und so geschah es, als Hitler Österreich mit Deutschland vereinigte. Aly resümiert: „Um das Gewissen der Wiener zu schonen, fuhren die Deportationszüge nächtens von der Postrampe des abseits gelegenen Aspangbahnhofs ab. Insgesamt mussten auf diesem Weg 48 593 Menschen Wien verlassen. Von ihnen überlebten 2098.“
Eine moralische Empirie der Eindrücke und Gefühle
1926 veröffentlichte Siegfried Lichtenstaedter, Oberregierungsrat in der bayerischen Finanzverwaltung, einen Band „Antisemitica - Heiteres und Ernstes, Wahres und Erdichtetes“, in dem sich die Satire „Der jüdische Gerichtsvollzieher“ findet. Von den 200 000 Einwohnern der Stadt Anthropopolis sind 2000 Juden. Die Besetzung der Stelle des einzigen Gerichtsvollziehers mit einem Juden löst eine Lawine der antisemitischen Agitation aus: „Mit Fug und Recht“ wird in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen, dass das Gerichtsvollzieherwesen nun zu hundert Prozent in jüdischen Händen liegt. Aus seinem Skatklub wird der Beamte ausgestoßen, nachdem der Verein einen Arierparagraphen eingeführt hat. Ein Zeitungsreporter deckt einen sechzig Jahre alten Fall von Wucherei auf, den er mit der Familie des Gerichtsvollziehers in Verbindung bringt. Er proklamiert das „Ende der Langmut“ und sagt den Juden voraus, bei einem neuen Exodus würden sich die Fluten nicht wieder vor ihnen öffnen. „Es gibt noch andere Meere als das Schilfmeer; es gibt außerdem Flüsse, auch in unserem anthropopolitanischen Lande, mit genügendem Wasser, um das ganze Volk Israel unschädlich zu machen.“
Wie erklärt man die Hellsicht von Autoren wie Bettauer und Lichtenstaedter? Sie erkannten, dass der schrillen Propaganda der antisemitischen Zirkel eine Empfänglichkeit in breiten Bevölkerungskreisen entgegenkam und werden das aufgrund eigener Alltagserfahrungen erspürt haben. In solchen Zeugnissen legt Aly eine moralische Empirie der Eindrücke und Gefühle frei. Diese sozialpsychologische Neugier wird durch den Vorwurf des „Vulgärmaterialismus“ (Hans-Ulrich Wehler) nicht mehr getroffen. Dass die meisten Deutschen das offenkundige Unrecht von Hitlers Judenpolitik nicht sehen wollten, ist durch Vorteilskalküle allein nicht zu erklären. Bewusst oder unbewusst meinten sie offenbar, irgendwie geschehe es den Juden schon recht.
Hitlers Nationalsozialismus ist für Aly keine bloße Parole
Bettauers Kanzler rechtfertigt die antijüdischen Maßnahmen mit dem Schutz seiner christlichen Landsleute, die der jüdischen Konkurrenz „nicht gewachsen“ seien. Dieser sittliche Protektionismus, der Neid der eingestandenermaßen Zurückgebliebenen, ist für Aly der Schlüssel zur Erfolgsgeschichte des Judenhasses. Frappant sind die Belege dafür, dass die frühen Programmatiker des Antisemitismus wie der preußische Hofprediger Adolf Stoecker die jüdische Überlegenheit in Bildungsdingen ausdrücklich anerkannten. Hitlers Nationalsozialismus ist für Aly keine bloße Parole. Dem radikalen Revisionismus in der Außenpolitik korrespondierte eine sozialpolitische Verheißung. Hitler sprach die Deutschen als doppelt Zukurzgekommene an, machte ihnen weis, sie würden von den Juden in gleicher Weise gebeutelt wie von den Siegermächten.
„Warum die Deutschen?“ Alys Buchtitel formuliert ein unheimliches Rätsel. Für die Juden Osteuropas war der preußische Rechtsstaat vor 1914 so etwas wie das gelobte Land, die Dreyfus-Affäre fand in Frankreich statt. Aly erinnert an die vergessene Tatsache, dass das Deutsche Reich in die Beratungen der Pariser Friedenskonferenz 1919 die Forderung nach „Gleichberechtigung und Gleichstellung der Juden und des Judentums in allen Ländern der Welt“ einbrachte. Auf den ersten Blick spricht alles dafür, dass die Antwort auf die Frage etwas mit der Zäsur von 1919 zu tun hat. Und tatsächlich akzentuiert Aly die demoralisierenden Konsequenzen des Versailler Friedens.
Die englische Forschung wird ignoriert
Die Breitenwirksamkeit der antijüdischen Propaganda ist bei Aly eine ungewollte Konsequenz der demokratischen Bildungspolitik der Republik. Massenhaft wurden Aufsteiger mobilisiert, die sich durch die Weltwirtschaftskrise plötzlich ihrer Chancen beraubt sahen. Aly liefert für das Problem, dass gerade in Deutschland der Neid auf die Juden diese verheerende Macht entfaltete, eine klassische historische Erklärung, die das Kontingente betont, das kurzfristige Ineinandergreifen verschiedenartiger Ursachen. Aber er geht über diese Erklärung hinaus, ja, er verwirft sie, indem er postuliert, nach 1918 sei ein Antisemitismus „mit Urgewalt“ hervorgebrochen, der im Kaiserreich „weithin unter der Oberfläche gehalten“ worden sei. Demnach waren die Integration der Juden, das kulturelle Prestige des jüdischen Großbürgertums, die Erfolglosigkeit der Antisemitenparteien nur Oberflächenphänomene, bloßer Schein, der Judenhass dagegen die Wahrheit über die Deutschen? Verblüfft sehen wir Götz Aly, den Mann der belastbaren Erklärungen, zu einem zweiten Daniel Goldhagen mutieren!
Die Antwort auf die Frage „Warum die Deutschen?“ kann nicht in den Erfahrungen der Deutschen nach 1918 liegen, Aly sucht sie im Volkscharakter. Eingangs fertigt er die Sonderwegshistorie ab, um dann doch eine neue, in der Sache allerdings uralte Theorie vom Sonderweg zu präsentieren. „Warum die Deutschen?“ Soll heißen: Warum nicht die Engländer? Warum nicht die Franzosen? Die Antwort findet Aly in der politischen Kultur. Hier wirkt sich nun eine Eigenart von Alys Forschungen als entscheidende Schwäche aus. Auch das neue Buch ist wieder ausschließlich aus den Quellen gearbeitet, ohne Bezug auf die Arbeit anderer Autoren. Es gibt zum englischen Antisemitismus eine überaus lebhafte Forschung, die in Korrektur des schmeichelhaften Selbstbildes vom toleranten Musterland die wiederkehrenden Erfahrungen alltäglicher Diskriminierung herausgearbeitet hat - absolut einschlägig für Alys Fragestellung, aber komplett von ihm ignoriert.
Durchweg unhistorische Gegensätze
Die „Kernfrage“ ist für Aly die deutsche „Gleichheitssucht und Freiheitsangst“, ein „bis heute wirksamer deutscher Antiliberalismus“. Kopfschüttelnd liest man, die „égalité“ der Französischen Revolution sei erst von deutschen Freiheitsfeinden sozialstaatlich ausgelegt worden. Das Dogmatische von Alys Lehre, im Juden hätten die Deutschen den individuellen Abweichler vom Kollektiv der Gleichen verfolgt, nötigt ihn, den Quellenbefund zurechtzubiegen. Er erklärt nicht, wie Goebbels 1929, wie von ihm zitiert, die jungen Arbeiter auffordern konnte, „die Gleichheit der Demokratie“ zu zertrümmern: „Wehrt euch dagegen, mit jedem Trottel auf eine Stufe gestellt zu werden!“ Ein besonders wirkmächtiges antisemitisches Stereotyp, die Solidarität der Juden untereinander, wird von Aly gar nicht erwähnt, da Antisemitismus ja Antiindividualismus sein soll.
Obwohl die Judenfeinde den Widerruf der staatsbürgerlichen Gleichheit wollten und der Marxismus zur jüdischen Weltanschauung gestempelt wurde, hält Aly den Sozialdemokraten vor, sie hätten das „Gift des Neides“ ausgestreut und dadurch „der Gewalt ungewollt Vorschub geleistet“. Dieser kausale Nexus ist nun umgedrehter Ernst Nolte: Hitler als Speerspitze der ewigen Linken! „Mit den kollektivistischen Begriffen Klasse, Klassenkampf, Klassenhass und Klassenfeind gewöhnten Sozialisten ihre Anhänger an ein politisches Denken und Handeln, das die Eindeutigkeit der Freund-Feind-Optik bevorzugte.“ Mit keinem Wort erwähnt Aly die Wurzeln der sozialdarwinistischen Doktrin vom Kampf ums Dasein in der liberalen politischen Ökonomie.
Auf dem Klappentext verspricht Gustav Seibt, man lerne bei Götz Aly „eine Humanität kennen, die völlig frei von Rhetorik ist; ihre höchste Tugend ist Genauigkeit“. Alys neues Buch macht beachtliche empirische Befunde einer Rhetorik gefügig, die nur Eindruck machen kann, weil sie durchgängig mit unhistorischen Gegensätzen operiert. Mit Geschichtswissenschaft haben diese Tiraden gegen den „Terror des Egalitarismus“ nichts zu tun. Ihr richtiger Ort wäre ein Pamphlet der Friedrich-Naumann-Stiftung - nur dass die Parteistiftung der FDP, wenn es nach Aly ginge, nicht mehr nach Naumann, dem Autor des „National-sozialen Katechismus“ von 1897, heißen dürfte.