11.08.2010 · Nicht wenige Wissenschaftler neigen dazu, unser Gehirn zum eigentlichen Akteur und Strippenzieher zu machen. Aber lässt sich das überhaupt sinnvoll sagen? Bericht über einen Meinungskampf.
Von Helmut MayerDas Gehirn hat, immer noch, Konjunktur. Man erkennt das unter anderem daran, dass mittlerweile noch die bescheidensten Einsichten in menschliche Verhaltensweisen selten ohne den Hinweis angebracht werden, dass die Hirnforschung irgendwie auch dafür spreche. Oder zumindest Aussicht bestehe, dass sie dafür sprechen werde, wenn sie nur noch ein bisschen genauer über die neuronalen Mechanismen Bescheid wissen wird. Vorsichtige Formulierungen sind dabei eher die Ausnahme, es überwiegen die Versicherungen, man habe mehr oder minder aussagekräftige hirnforscherliche Befunde doch eigentlich schon auf seiner Seite.
Und das gilt erst recht dann, wenn es um gar nicht mehr so bescheidene Thesen über menschliches Verhalten geht. Wenn etwa neurowissenschaftliche Befunde aufgeboten werden, um kulturkritischen Diagnosen ein wissenschaftliches Gepräge zu geben. Dann ist zum Beispiel das Für und Wider der digital abrufbaren Informationsflut im Handumdrehen in Aussagen über Arbeitsweise und Verarbeitungskapazitäten unseres Gehirns konvertiert. Oder die ewige Frage nach dem Unterschied der Geschlechter erhält ihre bündige Antwort durch schnittige Aussagen über das männliche und das weibliche Gehirn.
Mit konsolidierten neurowissenschaftlichen Befunden mag das zwar allenfalls nur am Rande zu tun haben, aber die Versuchung scheint einfach zu groß, alles über das Gehirn als unhintergehbare naturale Basis unserer Selbst- und Weltbewältigung laufen zu lassen. Wozu dann auch gehört, dass unser Gehirn sich selbständig macht. Bei nicht wenigen Neurowissenschaftlern rückt es nämlich zum eigentlichen Akteur auf. Was wir uns bis dahin gutgläubig selbst zuschrieben, nun soll es Sache des Gehirns sein, das hinter unserem Rücken ja auch dafür sorge, dass wir überhaupt die lebenspraktische Illusion eines Selbst hegen.
Ein alter schiefer Dualismus bekommt eine neue Gestalt
Entsprechend kann das Gehirn dann eine ganz Menge. Es ist ein Gehirn, das wahrnimmt, denkt, konstruiert, vergleicht, erkennt, rechnet, sich erinnert, Hypothesen formuliert, glaubt, fühlt, Schlüsse zieht, entscheidet und mit allerlei symbolischen Repräsentationen der Welt hantiert. Nach den entsprechenden Passagen in den Darstellungen renommierter Neurowissenschaftler muss nicht lange gesucht werden. Man kann auch beispielhaft ein gerade auf Deutsch erschienenes Buch von Semir Zeki heranziehen. Zeki ist Professor am Londoner University College, befasst sich als Neurowissenschaftler vor allem mit den neuronalen Verarbeitungsmechanismen der visuellen Wahrnehmung und möchte davon ausgehend - das zugehörige Stichwort lautet "Neuroästhetik" - unsere Urteile über Kunstwerke in Befunden der Hirnforschung verankern.
Das heißt, eigentlich möchte er sogar noch etwas anderes, und gerade davon handelt sein Buch über "Glanz und Elend des Gehirns - Neurobiologie im Spiegel von Kunst, Musik und Biologie" (Ernst Reinhardt Verlag). Denn der Hinweis auf den Spiegel meint, dass nicht bloß die neuronale Basis der Wahrnehmung zur Erläuterung unseres Kunstempfindens anvisiert ist. Es soll eher umgekehrt darum gehen, aus berühmten Werken der Kunst Rückschlüsse auf ästhetische Neigungen zu ziehen - nicht auf unsere freilich, sonderen auf jene unseres Gehirns.
Nun liegt es auf der Hand, dass sich mit neurowissenschaftlichen Befunden nichts Triftiges über unsere Einschätzungen von Kunstwerken sagen lässt. Was Zeki auch einräumt, wenn er meint, sein Fach sei noch nicht weit genug fortgeschritten, um die Ursachen der Wandelbarkeit solcher Vorlieben zu ergründen. Also versucht er es umgekehrt: Er nimmt Kunstwerke, die es in den Kanon geschafft haben, und sagt sich, dass sie Ausdruck von Empfindungen und Denkweisen sehr vieler Menschen sein müssen. Was dann gleich übersetzt wird in die Aussage, dass deren Gehirn "auf einer gewissen grundlegenden Ebene" ähnlich organisiert sei - und schon lässt sich an der Kunst, wie Zeki sie versteht, zum Beispiel ablesen, dass das Gehirn einen Begriff der "Liebeseinheit" hat.
Wiederum: Nicht etwa wir, was schon kurios genug wäre, sondern unser Gehirn. Denn die Inthronisierung des Gehirns als Subjekt ist hier von Anfang an eine ausgemachte Sache. Nicht der Mensch, sondern sein Gehirn "strebt nach Erkenntnis", "bildet abstrakte Begriffe", "stellt Vergleiche an", hat eine "visuelle Sprache", "entwickelt Vorstellungen von Liebesobjekten" und so weiter.
Muss man denn dem heiligen Ludwig unbedingt folgen?
Zekis Ausritt in die Kunst ist ein Beispiel für die Überhöhung neurowissenschaftlicher Möglichkeiten, wie sie vor allem in populär gehaltenen Darstellungen gern gepflegt wird. Die selbstverständliche Promovierung des Gehirns zum eigentlichen Akteur zieht aber noch viel weitere Kreise. Der Neurowissenschaftler Max Bennett und der Oxforder Philosoph Peter Hacker nahmen diese Neigung deshalb in einem gemeinsam verfassten und gerade auf Deutsch erschienenen Buch über die "Philosophischen Grundlagen der Neurowissenschaften" (F.A.Z. vom 31. Mai) genauer in den Blick.
Ihre Diagnose fiel eindeutig aus: Das Gehirn als Akteur sei lediglich der Restbestand eines unglücklichen alten Körper-Geist-Dualismus, der durch die moderne Ersetzung des Geistes durch das Gehirn zustande gekommen sei. Und die entsprechenden Redeweisen von einem Gehirn, das vermutet, vergleicht, glaubt, konstruiert, schließt, empfindet, Bewusstsein hat, sich erinnert und so fort, seien nicht etwa falsch, sondern schlicht Unsinn: Ausdruck eines Übergangs vom ganzen Menschen zu einem Teil von ihm, eben dem Gehirn, der gegen die Sinnkriterien unserer üblichen alltäglichen Sprechweisen von mentalen Fähigkeiten und psychologischen Dispositionen verstößt. Was dabei herauskommt, sind Missverständnisse über das, was sich neurowissenschaftlich sinnvoll erforschen lässt: eine Mythologie des Gehirns, die sich vor die ausweisbaren Einsichten und Aussichten der Hirnforschung schiebt.
Die Kritik von Bennett und Hacker sorgte für Aufsehen, nicht zuletzt in der philosophischen Zunft. Denn die beiden Autoren hatten bei ihrer Attacke durchaus auch Philosophen ins Visier genommen. Zwei prominente "Neurophilosophen", John Searle und Daniel Dennett, waren sogar in einem eigenen Anhang zum Buch unbarmherzig gezaust worden: eine reizvolle Zusammenstellung überdies, weil der nüchterne Naturalist Dennett und der auf abgrundtiefe Probleme des Bewusstseins fixierte Searle selbst seit langen Jahren miteinander im Clinch liegen.
Die Gegenwehr der beiden kann man nun in dem Band "Neurowissenschaft und Philosophie" (Suhrkamp Verlag) nachlesen. Dennett ist der interessantere Fall, denn er geht direkt zum Gegenangriff über. Wie könnten denn Bennett und Hacker einfach dekretieren, was der übliche Gebrauch der psychologischen Ausdrücke sei, der dann zur unhintergehbaren Norm erhoben wird. Diesen Gebrauch festzustellen sei - im Gegensatz zu der vom "heiligen Ludwig" (Wittgenstein) inspirierten Auffassung von einer in unsere Sprach-und Lebensformen unverrückbar eingelassenen Grammatik dieser Ausdrücke - doch vielmehr eine empirische Angelegenheit.
Harte Bandagen
Dann würde man sehen, dass es auch Verwendungen des psychologischen Vokabulars außerhalb der dekretierten Norm gebe - wie etwa die von Hacker und Bennett pedantisch beanstandeten Gebrauchsweisen bei Hirnforschern, Kognitionswissenschaftlern und manchen Philosophen. Und die seien auch ganz legitim, denn einerseits eröffneten sie neue Perspektiven auf dem Forschungsfeld, und andererseits sei ohnehin allen Beteiligten klar, dass man sich der psychologischen Ausdrücke in einem analogen oder metaphorischen, jedenfalls irgendwie abgeschwächten Sinn bediene, wenn man sie dem Gehirn oder dessen Teilen beilege.
Dennetts emphatische Gegenattacke zielt tief, das macht sie interessant. Bennett und Hacker sezieren sie allerdings in ihrer Replik unbeeindruckt und gnadenlos: Was "irgendwie glauben, denken, vermuten ..." im abgeschwächten Sinn sein soll, sei vollkommen unklar, weil die Kriterien für die Zuschreibung dieser Haltungen nun einmal menschliche Verhaltensweisen sind. Und dass man unbedingt solche Kategorienfehler produzieren müsse, um neurowissenschaftliche Forschung weiterzubringen, sollte man ebenso wenig unterschreiben. So wie ja auch Dennetts eigene philosophische Anregungen und Lockerungsübungen keineswegs eine wohl fundierte empirische Theorie auf den Weg gebracht hätten.
Harte Bandagen, auf beiden Seiten geschliffen formuliert, aus denen viel zu lernen ist. Schließlich geht es dabei um nicht weniger als die Frage, wie weit Hirnforschung tiefliegende Züge unseres Selbstverständnisses tatsächlich umkrempeln kann; und was in diesem Zusammenhang die Rolle philosophischer Überlegungen sein könnte. Dennett bemerkt an einer Stelle, dass die Philosophie in kognitionswissenschaftlichen Kreisen ein Glaubwürdigkeitsproblem bekomme, wenn sie sich bloß als rigide Kritik im Stil von Hacker und Bennett gebe. Das ist, so könnte man sagen, die Verteidigung des Geschäftsmodells "Neurophilosophie". Die nicht von der Hand zu weisende Antwort seiner Kritiker lautet: Ohne solche philosophische Begleitmusik und verwegene Ausritte über die Grenzen des Sinns und des Territoriums der Neurowissenschaften hinaus muss es schon auch gehen. Womit man sich dann auch ersparte, das Gehirn zum Herrn im eigenen Haus zu machen.