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Herta Müller Die Akte Cristina

24.10.2009 ·  Die Nobelpreisträgerin Herta Müller bewahrt ihre Securitate-Akte nicht in ihrer eigenen Wohnung auf. Sie liegt bei dem Schriftsteller Richard Wagner, ihrem ehemaligen Mann, mit dem zusammen sie 1987 Ceauescus Terrorherrschaft entkam.

Von Hubert Spiegel
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Zwei Pappschuber stehen auf dem Schreibtisch in Richard Wagners Arbeitszimmer in Berlin. In jedem steckt ein halbes Dutzend Aktendeckel mit losen Blättern. Es sind Hunderte von Seiten mit unzähligen Details aus zwei Leben, die nie so gelebt wurden, wie sie hier beschrieben werden. Die Dossiers, die der rumänische Geheimdienst jahrzehntelang über Richard Wagner und Herta Müller geführt hat, mögen sie noch so akribisch und detailgenau sein, sprechen kein einziges wahres Wort. Selbst dort, wo die äußeren Fakten mit der Realität übereinzustimmen scheinen, wo Daten, Namen, Ortsangaben scheinbar korrekt sind, ist jedes Wort verzerrt, entstellt im trüben Licht falscher Anschuldigungen. Denn der Staat, der sich selbst zum Feind seiner Bürger gemacht hatte, erklärte seine Opfer zu Tätern. So konnte er jede seiner Anmaßungen und Ungeheuerlichkeiten, jeden Akt der Unterdrückung, der Willkür und der Aggression in grenzenlosem Sarkasmus als Maßnahme zur Selbstverteidigung ausgeben.

Viele Jahre lang haben die rumänischen Behörden Herta Müller die Einsicht in ihre Akte verweigert. Die 1999 gegründete CNSAS, das rumänische Pendant zur Birthler-Behörde, erklärte das Dossier für unauffindbar. Erst als der Schriftsteller Richard Wagner im vorigen Jahr anhand seiner eigenen Akte den Decknamen seiner ehemaligen Frau herausgefunden hatte, tauchte das Konvolut plötzlich auf. Anders als die Stasi hat der rumänische Geheimdienst nicht nur seine Spitzel und Mitarbeiter, sondern auch seine Opfer mit Decknamen belegt. Für die Securitate trug die Schriftstellerin seit dem Jahr 1983 den Namen „Cristina“. Nicht nur Herta Müller ist davon überzeugt, dass die Nachfolgeorganisation SRI, der heutige rumänische Geheimdienst, die Akte Cristina noch immer nicht geschlossen hat.

Papierene Gäste aus Temeswar

Aber die Vorzeichen dieses operativen Vorgangs haben sich gründlich verändert: Vor einem Vierteljahrhundert wurde eine junge Frau verfolgt, die in einer Maschinenfabrik in Temeswar als Übersetzerin arbeitete und in ihrer Freizeit Gedichte und Erzählungen über das Leben der Banater Schwaben schrieb. Später beobachtete der SRI eine bekannte Schriftstellerin, die aus Deutschland zu Besuch kam. Seit zwei Wochen hat der Geheimdienst es mit einer Nobelpreisträgerin zu tun.

„Ich habe alles chronologisch geordnet“, sagt Richard Wagner. „Das hier ist das Deckblatt von Hertas Akte. Hier sehen Sie den operativen Vorgang mit der Registriernummer und dem Decknamen, ,Cristina‘. Hier steht das Datum, wann die Akte eröffnet wurde: am 8. März 1983. Und das hier ist besonders interessant: Dieser Stempel besagt, dass Hertas Akte am 16. August 1993 auf Mikrofilm übertragen wurde. Da gab es die Securitate aber längst nicht mehr.“

Seit etwa sechs Monaten bewahrt Richard Wagner die Akte seiner geschiedenen Frau in seiner Wohnung auf. Das Arbeitszimmer wirkt spartanisch: Bücherregale, ein kleiner Schreibtisch, ein Computer, ein schrill schellendes Telefon, ein Sofa, Dutzende von Aktenordnern. Richard Wagner hat eine Vollmacht und kann entscheiden, wer Einsicht in das Dossier der Nobelpreisträgerin erhält und welche Passagen veröffentlicht werden dürfen. Man kann verstehen, dass Herta Müller die Dokumente nicht in ihrer Wohnung wissen möchte. Sie hat lange darum gekämpft, dass ihr die Akte ausgehändigt wird. Aber als die Kopien aus den Archiven der CNSAS in Berlin ankamen, muss sich das angefühlt haben, als stünden die Spitzel selbst plötzlich vor der Tür, um sich bei ihrem Opfer einzuquartieren. Richard Wagner hat die papierenen Gäste aus der Vergangenheit bei sich aufgenommen, und auch das kann man gut verstehen. Denn jetzt stehen sie zusammen mit zahllosen anderen Dokumenten griffbereit in seinem Arbeitszimmer. Sie sind der Kern des Archivs des Widerstands, das Richard Wagner aufgebaut hat und das er verkörpert.

„Aktionsgruppe Banat“

„Wenn Sie alles nur vom Ende her, von 1989 aus, betrachten, können Sie nicht begreifen, was damals passiert ist.“ Damals, das waren die späten sechziger Jahre in Rumänien. Ceauescu war der jüngste Parteiführer im ganzen Ostblock, ein Reformer, der sich geweigert hatte, rumänische Truppen nach Prag zu schicken. „Danach hat sich die ganze Jugend Rumäniens mit ihm identifiziert.“ Alles sei damals in Bewegung geraten: „Wir waren jung und unglaublich arrogant. Wir wollten Öffentlichkeit herstellen, die Grenzen des Systems erweitern und den Leuten die Möglichkeit geben, zu diskutieren. In einer Diktatur lernt niemand, wie man diskutiert, weil es keinen öffentlichen Raum für Diskussionen gibt.“ Aber die Zeit für Diskussionen war vorüber, bevor sie richtig begonnen hatte.

Als erstes Land des Ostblocks hatte Rumänien 1967 diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik aufgenommen und damit die DDR düpiert, wenig später stellte sich Ceauescu sogar gegen die Sowjetunion. Nixon reiste nach Bukarest, Ceauescu nach Washington. Dann kommt das Jahr 1971. Ceauescu ist auf dem Gipfel seiner Popularität in Ost und West, er erhält den höchsten Orden der Bundesrepublik, das Großkreuz, und er reist nach China und Nordkorea. Mit diesen Reisen beginnt sein Weg vom Reformer zum blutigen Diktator und „Conducator“.

All das liegt noch kein Jahr zurück, als Richard Wagner und seine Freunde in Temeswar die „Aktionsgruppe Banat“ gründen. Schnell gerät der literarische Zirkel ins Visier des Geheimdienstes, wird bespitzelt, denunziert, unterwandert. Aber seine Aktionen und Happenings müssen die Securitate vor Rätsel gestellt haben: „Sie konnten nicht verstehen, was wir eigentlich wollten.“ Die Literaten bezeichneten sich als Marxisten, bei der Securitate werden sie als „deutsche Faschisten und Nationalisten“ geführt. Zuständig ist die Abteilung Ia, die ein Jahrzehnt später auch für Herta Müller eine Akte führt.

Das windschiefe Schriftbild der alten Schreibmaschine

Als bei einer Hausdurchsuchung im Jahr 1975 bei einem Mitglied tatsächlich ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“ gefunden wird, zerschlägt die Securitate die Gruppe und steckt ihre Mitglieder in Untersuchungshaft. Einer von ihnen bleibt acht Monate lang im Gefängnis, die anderen werden zum Militärdienst eingezogen und übers Land verstreut. In Bukarest residieren mittlerweile Ceauescus Hofdichter und verherrlichen den Diktator als „glorreiche Eiche“ und „Titan der Titanen“. Ein Jahr später, Richard Wagner ist gerade zurück vom Militär, schließt Herta Müller ihr Studium in Temeswar mit einer Arbeit über den rumäniendeutschen Naturlyriker Wolf von Aichelburg ab.

„Teza de Licena“ steht in goldenen Buchstaben auf dunklem Leinen, daneben der Name der Verfasserin: „Herta Karl Müller“. Richard Wagner schlägt den Einband auf, prüft das vergilbte Papier mit den Fingern, betrachtet lächelnd das ein wenig windschiefe Schriftbild der alten Schreibmaschine und fischt ein Dokument aus den Stapeln: Es belegt, dass Herta Müller 1977 rechtmäßige Besitzerin einer ordentlich registrierten Adler Tippa S aus dem Westen war. Zufrieden betrachtet Wagner das Literaturverzeichnis: „Killy und Braun, das waren damals im Westen doch die maßgeblichen Größen.“

Zu Beginn ihrer Arbeit zitiert die Examenskandidatin den westdeutschen Lyriker Karl Krolow: Er habe wohl recht, „wenn er sagt, die Schrecknisse, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat, sind die Ursache der Entwicklung der modernen Lyrik“. Herta Karl, geborene Müller, Tochter einer zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppten Banater Schwäbin und eines Angehörigen der Waffen-SS, Enkelin eines Kaufmanns und Bauern, ist damals 23 Jahre alt.

„Die Ersten waren schon 1975 ausgereist.“ Ernest Wichner zum Beispiel, der heute das Berliner Literaturhaus leitet. Auch Richard Wagner hätte ausreisen können, aber er blieb. Gemeinsam mit Herta Müller, die er 1971 beim Deutschwettbewerb in Hermannstadt kennengelernt hatte, gehört er jetzt zum Literaturkreis Adam Müller-Guttenbrunn.

Der erste Literaturpreis

Die achtziger Jahre haben begonnen, das Jahrzehnt des Niedergangs: „Wir wurden alle immer verzweifelter, weil die Situation immer aussichtsloser wurde.“ Vom Balkon ihrer Wohnung in Temeswar aus kann das Ehepaar sehen, wie die Menschen in den Hinterhof strömen, wenn unten im Laden Ware eingetroffen ist. Verkauft wird durch ein Fenster zum Hof, denn vorn, auf der Straße, darf keine Schlange zu sehen sein. Grundnahrungsmittel sind rationiert, „aber von Rationierung durften wir nicht sprechen. Offiziell hieß das Mini-Bestellung – als hätte man irgendetwas bestellen können.“

Wenn Ceauescu einflog, um sich im benachbarten Stadion feiern zu lassen, durften die Anwohner weder ihre Balkone noch die Dächer ihrer Häuser betreten. Aus der Fabrik wurden die Arbeiter zum Jubeln abkommandiert. „Drei Winter hintereinander haben Herta und ich in unserer Wohnung ohne Heizung verbracht. Die wurde einfach abgeschaltet. Wenn wir es in unseren Pullovern und Jacken nicht mehr aushielten, gingen wir in die Küche und machten den Gasofen an, um wenigsten unsere Hände zu wärmen.“

Richard Wagner spricht an diesem Nachmittag nicht ein einziges Mal von seinen eigenen Büchern. Er klagt nicht darüber, dass die deutsche Öffentlichkeit kaum noch Notiz von den einstmals gefeierten Autoren aus dem Banat nimmt und sich noch weniger für das Schicksal ehemaliger Opfer der Securitate interessiert. Stattdessen zieht er zwei vergilbte Exemplare der „Neuen Banater Zeitung“ aus den Stapeln. Die Ausgabe vom 30. April 1971 berichtet vom Deutschwettbewerb in Hermannstadt, wo die Schülerin Herta Müller einen Anerkennungspreis erhalten hat. Das Foto zeigt eine junge Frau mit dichtem dunklen Haar und fröhlichem, offenen Gesicht. Der Kommentar der späteren Nobelpreisträgerin zu ihrem ersten Literaturpreis: „Ich dachte, ich träume.“

Als Nestbeschmutzerin beschimpft

Zehn Jahre später berichtet das Blatt wieder von einer Auszeichnung für Herta Müller und druckt auf einer Doppelseite ein Foto der Preisträgerin, ihre Dankesrede und die Laudatio Richard Wagners. Das Preisgeld hatten die Mitglieder des Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn selbst gestiftet: „Jeder gab vielleicht hundert Lei. Am Ende war etwa ein Monatsgehalt beisammen. Aber das Geld spielte keine Rolle, man konnte ja nichts dafür kaufen.“

Die Veröffentlichungen führten dazu, dass die Securitate nun auch auf Herta Müller aufmerksam wurde. Als drei Texte aus dem noch unveröffentlichten Band „Niederungen“ erschienen, darunter „Das schwäbische Bad“, berichtete ein Spitzel von den zum Teil empörten Reaktionen Banater Schwaben. In der Akte heißt er nur „Sursa“, die Quelle.

„Damals“, sagt Richard Wagner, „haben auch die Probleme mit den Landsleuten begonnen.“ Herta Müller wurde als Nestbeschmutzerin beschimpft, und es wurde eifrig zurückgeschrieben – Leserbriefe, Drohbriefe, Denunziationen. Auch aus Deutschland meldeten sich die Landsmannschaften: „Die waren oft besonders schlimm.“ Dass auch hier, im Westen, Mitarbeiter der Securitate saßen, habe man erst später erfahren. Herta Müller wird verleumdet, verhört, bedroht, gedemütigt und geschlagen. Kaum etwas davon hat sie in ihrer Akte wiederfinden können. Das Dossier wurde gründlich gesäubert, „entkernt“, wie sie selbst gesagt hat. Vermutlich wird man nie erfahren, wie die Akte „Cristina“ wirklich ausgesehen hat.

Was der Nobelpreis bewirkt

Auch Richard Wagners Dossier ist alles andere als vollständig. Angeblich wurde es erst 1980 eröffnet, aber es gibt zahlreiche Dokumente darin, die deutlich älter sind: „Das früheste Stück stammt aus dem Jahr 1972, ein Bericht, den eine Kommilitonin über mich verfasst hat.“ Es war das Jahr, in dem Richard Wagner mit Freunden die „Aktionsgruppe Banat“ gründete. Hatten sie denn Ceauescus Kurswechsel noch nicht bemerkt, war ihnen nicht klar, dass die Zeit der Öffnung und der Reformen in Rumänien vorüber war? „Doch, das war schnell zu spüren. Aber wir waren erst zwanzig Jahre alt. Da wollten wir doch nicht wahrhaben, dass schon alles verloren war.“

Beinahe vierzig Jahre sind seitdem vergangen. Herta Müller und Richard Wagner haben Rumänien 1987 verlassen. Wenig später, nach der Erschießung Ceauescus und dem Zusammenbruch seines Terrorregimes, ging auch mancher Mitarbeiter der Securitate in den Westen. Nicht nur „Sursa“, die Quelle, lebt heute in Deutschland, sondern auch der Oberstleutnant, der für Richard Wagner zuständig war: „Es hat eine Zeit gegeben, da wusste dieser Mann mehr über mein Leben als ich selbst.“ Heute weiß Richard Wagner mehr über die Securitate, als die Öffentlichkeit in Rumänien oder in Deutschland darüber hören möchte. Dass der Nobelpreis für Herta Müller daran viel ändern wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. Aber er bewirkt etwas anderes. Er ist nicht zuletzt der endgültige Beweis dafür, dass Richard Wagner und all die anderen damals recht hatten, als sie die scheinbare Wahrheit nicht wahrhaben wollten: Es war eben doch noch nicht alles verloren.

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