30.01.2011 · Je kritischer auf Helmut Kohl als Politiker gesehen wurde, desto mehr bemühte er sich im Privaten um biedere Bilder der Normalität. Doch die Realität sah anders aus, wie sein Sohn Walter Kohl in einem Erinnerungsbuch erzählt.
Von Nils MinkmarEiner der schönsten Sätze von Helmut Kohl sollte die Nachbarn beruhigen und eine Brücke schlagen von der blutigen deutschen Vergangenheit in die Biederkeit bundesdeutscher Neubausiedlungen: „Die Deutschen sind heute ein Volk, das sein Glück im Privaten sucht.“ Mit dem Buch von Walter Kohl, dem 1963 geborenen ältesten Sohn des früheren Bundeskanzlers, erhält dieser Satz einen ganz neuen Resonanzraum. Es ist kein Buch für Leser mit schwachen Nerven: Es finden sich darin Schilderungen perfekter Kinderalbträume, die umso heftiger bei jenen nachwirken, die damals selbst Kinder waren.
Da ist der erste Schultag mit der ersten Pause, die allein verbracht werden muss, weil der Sohn des Politikers schlicht keine Nachbarskinder kennt. Die aber kennen ihn oder seinen Vater. Eine Gruppe stellt sich gegen den Einzelgänger, verhöhnt ihn und seinen Vater. Das Kind fühlt sich provoziert und beherzigt zugleich den väterlichen Rat, nicht als Feigling vom Platz zu gehen: „Du musst stehen!“ Doch der Versuch, einen der Gegner zu packen, misslingt: Walter rutscht auf dem Schulhof der Länge nach aus, landet unter dem Gejohle der Schüler in einer Pfütze.
Die Folge ist, dass er die restlichen Schulstunden nass, verdreckt und isoliert im Klassenzimmer sitzt. Solche Demütigungen werden zuhause nicht aufgefangen, nicht einmal besprochen - schon gar nicht mit dem Mann, der für all die Aufmerksamkeit erst gesorgt hat. Der wollte vor allem Ruhe und Normalität ausstrahlen und von solchen Störungen des Betriebsablaufs nichts wissen.
Längst ist vergessen, welches Level von Gewalt noch in den siebziger Jahren auf Schulhöfen normal war; vergessen ist aber auch, wie durch und durch bösartig die Wahrnehmung der Familie Kohl war. So entstand eine fatale symbolische Spirale: Je kritischer auf Kohl gesehen wurde, desto mehr bemühte der sich, mit biederen Bildern eine Normalität auszuweisen, die längst nicht mehr möglich war und nur noch surreal wirkte. Und diese Biederkeit wurde dann erneut verspottet. Was für einen Aufschrei hätte es gegeben, wenn die Kinder Kohls die Privilegien einer Privatschule genossen hätten - dabei machte dieses Beharren auf einer unmöglichen Normalität sie zu Opfern.
Horror der Siebziger
Direkt bedroht wurde die Familie durch den Linksterror der siebziger Jahre, was sich für Walter Kohl in einer Reihe traumatischer Erlebnisse äußert. Einmal gibt es einen Termin von hohen deutschen Sicherheitsbeamten mit dem Jungen und seiner Mutter, der dazu dienen soll, Walter auf seine mögliche Entführung durch die RAF vorzubereiten. Dabei wird ihm mitgeteilt, er könne beruhigt sein, die zuständigen Stellen hätten sich darauf verständigt, ihn notfalls freizukaufen. Es stünde dafür eine Summe bereit, sie betrage fünf Millionen Mark. Darüber hinaus sollte die Forderung allerdings nicht gehen. Der Junge folgt den Ausführungen mit hellem Entsetzen. Seine Mutter ist selbst vor Sorge so ergriffen, dass sie ihn nicht zu beruhigen vermag, der Vater redet über diese Dinge nicht mit ihm. Walter Kohl findet dann in einer zufälligen Begegnung Trost: Einmal trifft er im Vorzimmer seines Vaters in Bonn auf den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Der spricht zum ersten Mal mit Walter über die Bedrohung durch die RAF, was dazu führt, dass der Junge befreit zu weinen beginnt. Schleyer tröstet ihn, die Wahrscheinlichkeit einer Entführung sei sehr gering. Und dann wird ausgerechnet dieser Mann zum Opfer der RAF.
Doch das Buch ist nicht nur eine Aufarbeitung solcher Momente, in denen die bundesdeutsche Geschichte in all ihrem Horror in eine kindliche Lebenswelt fährt. Es ist genau genommen ein Hilfsbuch, ein Ratgeber für Menschen, die unverschuldet in schwierige Situationen geraten sind und immer weiter die eigene Ausweglosigkeit perfektionieren. Es ist ein Überlebensbuch im doppelten Sinne: eine Anleitung zur Umkehr aus tiefster Verzweiflung - und selbst Zeugnis einer Umkehr. Walter Kohl stand als erwachsener Mann kurz davor, sich das Leben zu nehmen.
In bedrückenden Passagen beschreibt er ganz freimütig, dabei ohne Scham und ohne Exhibitionismus, wie er seinen Freitod plante. Monate nach dem Tod seiner Mutter steckte er privat wie beruflich fest, kam über den Verlust nicht hinweg. Auch seine Wahrnehmung der Welt und seines Lebens hatten ihn zunehmend in eine Ecke manövriert, aus welcher der einzige Ausweg nach unten zu führen schien, buchstäblich: Walter Kohl ist Vater eines Sohnes und ein pragmatischer Mann. Er überlegte also, wie sein Tod aussehen müsste, damit die Lebensversicherung ausgezahlt werden könnte. Er kam auf die Idee, einen Tauchunfall zu simulieren. Die Vorbereitungen waren offenbar schon weit gediehen. Es war sein kleiner Sohn, der ihn davon abhielt und zu einer langen und arbeitsreichen Rückreise ins Leben animierte. Dabei half ihm eine Menge von Einsichten, die im Buch angenehm direkt und ohne Jargon aufgeschrieben werden. Ein Hindernis auf dem Weg zur Emanzipation war interessanterweise eine eigentlich positive Eigenschaft: sein Gerechtigkeitsempfinden. Von Kindheit an hat Walter Kohl feststellen können, dass ihm Unrecht geschah, weil er nahezu täglich für Handlungen verantwortlich gemacht wurde, für die er nichts konnte. Das bleibt auch im Erwachsenenalter so und wird sogar, mit der CDU-Spendenaffäre, immer schlimmer. Doch gerade der Wunsch nach Anerkennung dieser Ungerechtigkeit durch den Vater macht ihn zum Gefangenen eines dysfunktionalen Familiensystems. Walter Kohl spricht vom „Opferland,“ welches er dauerhaft bewohnte. Jahrelang hoffte er auf ein klärendes Gespräch mit seinem Vater. „Heute weiß ich, dass wir dieses Gespräch nicht führen werden.“ Mit dem berühmten Kennedy-Satz, dass das Leben nun einmal nicht fair sei, beginnt seine Befreiung, die er Versöhnung nennt.
Schrecken des Kriegs
So erhält dieses Buch eine Bedeutung, die weit über die darin enthaltenen Einblicke in das Kohlsche Familiensystem herausragt. Es ist eine Wegbeschreibung zurück für all jene, die in der Mitte des Lebens den Faden verloren haben. Dass die geschilderten Beispiele für Traumata und Demütigungen einer bekannten Familie entstammen, ist hilfreich, aber das Buch ist auch dann lesenswert, wenn man sich nicht für Politik interessiert. Es ist keine Abrechnung eines Sohnes mit dem berühmten Vater, eher ein Essay über gelingendes Leben und eine Phänomenologie der Macht. In alldem gelingt Walter Kohl ein sehr differenziertes und berührendes Porträt seiner Eltern, insbesondere von Hannelore Kohl. Es ist bemerkenswert, wie gut sich Kinder dazu eignen, über ihre Eltern zu schreiben und dabei präzise und liebevoll zugleich bleiben. Walter Kohls Buch braucht den Vergleich mit Lars Brandts „Andenken“, mit Bettina Röhls „So macht Kommunismus Spaß“ oder Mazarine Pingeots „Bouche cousue“ nicht zu scheuen.
Hannelore Kohl wird als eine vom Krieg schwer traumatisierte Frau beschrieben, die es gleichwohl verstand, den Alltag zu meistern und die Karriere ihres Mannes zu befördern und zu prägen. Dabei wurde allseits übersehen, dass sie Zuspruch und selbstverständlich auch Therapien nötig gehabt hätte oder noch viel Banaleres, wie es ihr Sohn, der heute in der Autozuliefererbranche tätig ist, in einem zu Herzen gehenden Satz resümiert: „Wenn Freude ein Treibstoff der Seele ist, dann wurde ihr Tank zu selten aufgefüllt.“
Helmut und Hannelore Kohl bewohnten das festungsartig ausgebaute Haus in Oggersheim, ihre Seelen wanderten aber über die Todeslandschaften der letzten Tage des Dritten Reichs. Oft gab der Vater im Familienkreis damit an, wie er sich als Flakhelfer nach Kriegsende vom Obersalzberg nach Ludwigshafen durchgeschlagen habe, nur von einer Bande Gleichaltriger begleitet. Doch auf die Fragen seines Sohnes, was er denn genau erlebt habe auf dieser verzweifelten Reise, was er da gefühlt habe, versagte Helmut Kohl die Stimme. Später begreift Walter Kohl auch, dass das Drängen der Mutter, ihre Söhne mögen Fremdsprachen lernen, mit deren Furcht vor einem neuen Krieg zusammenhing: Ein Flüchtling, der Fremdsprachen beherrscht, kommt besser durch. Jeden Augenblick könne es vorbei sein mit Frieden, Wohlstand und Sicherheit, das war das Mantra der Mutter und der labile Kern ihrer Seele. Die Bedrohung durch die Terroristen reichte nicht einmal in die Nähe der im Krieg erlebten Schrecken, versicherte sie immer wieder ihren Söhnen, die das wenig beruhigte, wenn etwa die Fenster des Kinderzimmers schusssicher gemacht werden mussten.
„Leben oder gelebt werden“ ist ein von Titel, Stil und Struktur her ungewöhnliches Buch, das man ganz zu Ende liest und welches einen lange begleitet. Es bezieht seine besondere Energie schon aus der Entstehungsgeschichte: Dieses Buch kommt aus der Tiefe, es ist Literatur als Lebensmittel, als Gegenteil des Selbstmords.
Nachdenklich
Closed via SSO (Morrissey)
- 30.01.2011, 15:44 Uhr
Gute Rezension
Marie-Luise Bender (mlbfd1)
- 30.01.2011, 16:38 Uhr