24.06.2010 · Mit 38 Jahren bringt Karl-Theodor zu Guttenberg es bereits auf die erste Biographie. Autorin ist eine Freundin: Anna von Bayern. So unverhohlen hat der Adel seine angebliche Überlegenheit schon lange nicht mehr propagiert.
Von Julia EnckeIm Berliner Nachtleben, schreibt Anna von Bayern, Redakteurin bei der „Bild am Sonntag“ und Freundin von „KT“, also dem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, ist zwei Uhr früh noch eine „zahme Zeit“. Nur eine „kleine Traube“ von Menschen steht an einem kalten Januarabend vor einem unscheinbaren Hauseingang, hinter dem ein „angesagter Techno-Schuppen“ liegen soll. Sie - das sind zwei Ehepaare, alte Freunde, Anna von Bayern, ihr Mann, Karl-Theodor und Stephanie zu Guttenberg - waren noch nie hier.
Sie sind „zu früh, also uncool, und in schwarzen Kleidern, Jeans und korrekt gebügelten Hemden auch noch falsch angezogen“. Ohnehin versteht von ihnen nur einer was von Techno: KT. Der ist gerade Generalsekretär der CSU geworden, in Party-Laune und stellt, mit Blick auf Lippenpiercings und kahlrasierte Schädel, fest: „Kein typisches CSU-Publikum.“ Sie treten zum „Casting“ an der harten Tür an, schieben sich an einer Gruppe verschwitzter Mädels vorbei, bestellen Bier und tanzen - tanzen lange, so als wüssten sie, „dass dies das letzte Mal ist, dass das so möglich ist“.
Distanzlose Hingabe an einen alten Freund
Anna von Bayern hat ihre private Berliner Clubnacht als Nacht der Zäsur zum Ausgangspunkt genommen, um in ihrem jetzt erschienenen Buch „Karl-Theodor zu Guttenberg - Aristokrat, Politstar, Minister“ den unaufhaltsamen Aufstieg ihres Freundes zu beschreiben. Das Buch, sagt sie, sei keine Abrechnung - was einen nicht wirklich wundert. Es sei, obwohl es doch so aufgemacht ist, „selbstredend auch keine politische Biographie, die über einen Mann von 38 Jahren zu schreiben im wahrsten Sinne des Wortes vermessen wäre“. Und es sei kein Auftragswerk: „Das Buchprojekt stieß beim Minister selbst auf wenig Begeisterung.“ Die Autorin hat den Politiker bei seinen Terminen begleitet, war zu Gast bei der Familie, aber ein Interview, betont sie, habe sie für dieses Buch nicht mit ihm geführt. Was genau ist dieses Buch dann?
Es ist eine Heldensage und eine kleine Hagiographie, wenn Anna von Bayern beschreibt, wie Menschen in entfesselter „Kate Mania“den Minister auf Wahlveranstaltungen anfassen wollen, um dann zu beschließen, sich die Hände nicht mehr zu waschen; wenn der „Hoffnungsträger zum Heilsbringer“ wird, als eine Mutter ihm ihr Baby entgegenstreckt, ganz so, als würde sie ihn bitten, es zu segnen. Es ist eine Hommage an den, laut Umfragen, beliebtesten Politiker des Landes. Und, darauf jedenfalls läuft es auf der letzten Seite hinaus, ein Plädoyer für Karl-Theodor zu Guttenberg als nächsten Kanzlerkandidaten, wovon, da sichert sich die Autorin ab, der Minister selbst nichts wissen wolle. Aber sie: „Nur so viel sei gesagt“, verrät sie halb-geheimnisvoll im letzten Satz: „Er hat eine Wette laufen, wer die nächsten Kanzlerkandidaten sein werden, und sein Name ist nicht darunter. Aber wir erinnern uns, dass er in seiner Jugend zunächst auch nicht in die CSU eintreten wollte.“ Die Frage ist nur, ob Anna von Bayern bei so viel distanzloser Hingabe ihrem alten Freund KT mit diesem Buch wirklich einen Gefallen getan hat.
Er war schon vorher wer
Es gibt ein Wort, auf das im KT-Karrierereport alles hinausläuft: Haltung. Gemeint ist damit nicht jene Rhetorik der Haltung, mit der Karl-Theodor zu Guttenberg als Wirtschaftsminister berühmt wurde, als er im Mai 2009 in der Opel-Gipfel-Nacht zum ersten Mal mit seinem Rücktritt drohte, und die er als Verteidigungsminister im Dezember 2009 auf die Spitze trieb, als er mit der Kundus-Affäre in Bedrängnis geriet. Da saß er eine Woche lang jeden Abend in Talkshows und sagte Sätze wie: „Dem Sturm, der über mich hinüberfegt, halte ich stand“; oder: „Man kneift nicht, man kneift generell nicht“ - während seine Frau ihm in der „Bunten“ attestierte, er sei „wie eine Wettertanne, die haben ja bekanntlich die Eigenschaft, Stürme zu überstehen“. Die Guttenbergs reizten die Metaphern der Haltung so lange aus, bis an die Standhaftigkeit des Ministers irgendwann sehr viele zu glauben schienen. Eigentlich ein geschickter Trick, vielleicht auch ein Akt der Selbstüberredung. Aber Anna von Bayern interessiert sich für solche Strategien des politischen Sprechens nicht. Sie sagt immerzu: Der ist so. Die aufsehenerregenden Fotos von KT mit ausgebreiteten Armen am Times Square in New York, beim AC/DC-Konzert, im dunklen Anzug in der Transall-Maschine? Keine von den Medien dankbar aufgegriffene Inszenierung, kein „künstliches Image“, meint sie, sondern „tatsächliche Schnappschüsse aus seinem Leben“! So arbeitet Anna von Bayern an der Authentifizierung des Karl-Theodor zu Guttenberg, mit dem hartnäckigen Bemühen, den Politiker und den Freund zur Deckung zu bringen. Es wirkt vor allem: naiv.
Dass er dabei kein Normalsterblicher, sondern als Baron adelig und extrem vermögend ist, gefällt ihr besonders gut. Seine Haltung („Manieren“, „geschliffener, formvollendeter Umgangston“, „Standesethos“, „Demut“) wurde ihm in die Wiege gelegt und dient als Begründungszusammenhang: „Feste Wurzeln sind einer grundlegenden Unabhängigkeit zuträglich. Guttenberg bedarf nicht der politischen Bühne, um wahrgenommen zu werden und zu wirken. Er war schon vorher wer und wird es auch nachher wieder sein. Vielleicht schützt das ein wenig vor der Sucht nach Macht und der damit einhergehenden Panik, sie zu verlieren, wie sie bei manchem Politiker zu beobachten ist.“ Dann kommt sie mit der ARD-Elefantenrunde von 2005 und Gerhard Schröder, der bekanntlich aus sehr kleinen Verhältnissen stammt.
Viel unüberprüfbares Insiderwissen
Eine neue, postideologische Stimmung gegenüber dem Adel hat Guttenberg seit seinem Antritt als Minister begleitet. Bemerkenswerterweise war es gerade auch das bürgerliche Milieu, das diese neue „Macht des Adels“ bewundernd bestaunte. Wenn Anna von Bayern, die sich in ihrem Buch bei ihren Eltern, Prinzessin Yvonne und Prinz Ludwig-Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein, sowie ihren Schwiegereltern, Prinzessin Ursula und Prinz Leopold von Bayern, für die „geradezu maßlose Unterstützung“ bedankt, ihr Standesbewusstsein so enthemmt auslebt, dass sie Guttenberg als „Aufsteiger von oben“ zum neuen Politikertypus erklärt, auf den wir in einer aus uncharismatischen Büroleitertypen bestehenden politischen Klasse setzen sollen, muss man dann aber doch sehr lachen. So unverhohlen hat der Adel seine angebliche Überlegenheit schon lange nicht mehr propagiert.
KT, könnte man nun sagen, kann dafür nichts. Er war vom Buchprojekt ja nicht begeistert. Er kann, glaubt man Anna von Bayern, nicht einmal etwas dafür, dass er Wirtschaftsminister wurde. Das nämlich, so rekonstruiert es die „Bild am Sonntag“-Journalistin mit viel unüberprüfbarem Insiderwissen, hat er der „Bild am Sonntag“ zu verdanken, die ihn nach einem privaten Abendessen als Kandidaten ins Spiel brachte.
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