Der in Utah lehrende Germanist Alan Keele hat die Akten des amerikanischen Geheimdienstes studiert. Seine Forschungen werfen neues Licht auf die Nachkriegsjahre des Schriftstellers.
Herr Professor Keele, Sie kannten Walter Kempowski viele Jahre lang. Sie haben seinen Roman „Hundstage“ übersetzt, und Ihnen widmete Kempowski auch den ersten Teil des „Echolots“. Nun haben Sie die Akten studiert, die das amerikanische CIC, die Vorgängerorganisation des CIA, über Kempowskis politische Tätigkeit von 1947 bis 1948 angelegt hat. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Es gibt Unterschiede zwischen den Akten, die ich mir aus dem amerikanischen Geheimdienstarchiv in Maryland hatte zuschicken lassen, und dem, was Kempowski selbst in seiner „Deutschen Chronik“, insbesondere in den Romanen „Uns geht's ja noch gold“ und „Ein Kapitel für sich“, geschrieben hat.
Inwiefern?
In den Romanen ist von Frachtbriefen die Rede, die Walter Kempowski dem CIC übergeben hat und die er von seinem Bruder Robert erhalten hatte. In diesen Briefen standen Einzelheiten der sowjetischen Pläne in Rostock und anderswo, an denen die Amerikaner natürlich dringend interessiert waren. Aus den CIC-Akten geht hervor, dass der wirkliche Walter Kempowski über diese Briefe nie verfügt hat.
Das würde bedeuten, dass es die Spionagetätigkeit, derentwegen die Romanfigur und der wirkliche Kempowski im März 1948 von den Russen verhaftet wurde und dann acht Jahre in Bautzen einsaß, gar nicht gab.
Einerseits. Andererseits geht aus den Akten hervor, dass Kempowski sich damals viel öfter mit CIC-Leuten getroffen hat, als er in den Romanen behauptet. Dort ist nur von einem Treffen die Rede.
Erfüllt das den Tatbestand der Spionage?
Ich würde sagen: ja. Kempowski hat den CIC damals in Wiesbaden von sich aus öfters aufgesucht und seine Dienste angeboten.
In den Romanen ist ja auch davon die Rede, Walter, der nach seiner Entlassung aus Bautzen 1956 in den Westen ging, sei an seiner Verhaftung und Haft „irgendwie auch selber schuld gewesen“. In diesem Zusammenhang spielt ein gewisser Fritz Lejeune eine wichtige Rolle - dahinter steckt Kempowskis damaliger Freund Hans Siegfried.
Laut Akten war es Hans Siegfried, der im Besitz von zweiundneunzig Frachtbriefen mit sowjetischen Geheimnissen war, die er dann an das CIC übergeben hat - übrigens nachdem Kempowski schon verhaftet war. In den Romanen heißt es dagegen, dass Walter Kempowski diese Frachtbriefe von seinem Bruder Robert bekommen hat.
Hat Robert denn spioniert?
Das geht aus den CIC-Akten nicht hervor.
Warum hat Walter Kempowski, der so detailversessen war, denn eine andere, romanhafte Version der Ereignisse geliefert?
Aus Rücksicht auf seine Familie, vor allem auf Robert.
Welche Rücksichten gab es da zu nehmen?
Robert hat nach seiner Entlassung 1956 von der Bundesrepublik eine Entschädigung bekommen, und Walter hatte Angst, dass Robert nachträglich Ärger bekommen würde, wenn sich herausstellte, dass Roberts Rolle doch etwas anders und er im Grunde gar kein politischer Gefangener war. Aber diese Dinge sind wohl sowieso schon längst verjährt.
Aber für eine Spionagetätigkeit von Robert gibt es doch auch keine Beweise.
Walter war da meiner Ansicht nach übervorsichtig, er war ja schon traumatisiert, auch von seiner eigenen Verhaftung.
Wieso wurde er überhaupt vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet, wenn er gar keine Frachtbriefe bei sich hatte - wurde er verraten, vielleicht von Hans Siegfried, von dem das CIC vermutete, er sei ein Doppelagent gewesen?
Das ist gut möglich. Aber man wird es wohl nicht mehr erfahren.
Wieso hat Walter Kempowski dem CIC denn seine Dienste abgeboten?
Dafür gab es praktische Gründe, die ich auch gar nicht verurteile. Mein Gott, er war ein achtzehnjähriger Junge! Er wollte ein angenehmes Leben in Wiesbaden, das er von den Amerikanern dann als Gegenleistung bekam. Außerdem plante die Restfamilie die Übersiedlung aus Rostock. Ich glaube, dass die Kempowskis mehr in Spionageangelegenheiten involviert waren, als man bisher dachte; die haben das quasi als eine Art Reisepass betrachtet, die erhofften sich davon die Möglichkeit, leichter in den Westen zu kommen. Kempowski war damals aber noch kein Kommunistenfresser. Dass er nachher einer wurde, ist angesichts seiner Bautzener Haftzeit mehr als verständlich.
Wie sind Sie überhaupt auf die Sache gekommen?
Ich lernte Walter Kempowski Anfang der achtziger Jahre kennen und holte ihn für eine Gastprofessur nach Utah, und wir wurden Freunde. In meinem Büro sah er, ich glaube, zum ersten Mal, einen Computer, und er sagte: „Jetzt kann ich das ,Echolot' machen.“ Irgendwann, als ich sein Werk schon kannte, habe ich dann die Akten eingesehen, und darüber habe ich damals einen Aufsatz in englischer Sprache verfassen wollen. Kempowski hat mich aber, weil er seinen Bruder vor Unannehmlichkeiten schützen wollte, gebeten, mit der Sache nicht vor seinem Tod an die Öffentlichkeit zu gehen. Nun hatte ich die Einladung zu dieser Tagung, und nun ist es heraus.
In dem späten Kempowski-Roman „Letzte Grüße“, der von einer Amerika-Lesereise des Schriftstellers Alexander Sowtschick handelt, gibt es auch eine Episode, die in Utah spielt, woher Sie stammen und heute am College Germanistik lehren - wurden Sie etwa von Kempowski literarisch verewigt?
Aber ja! Ich bin der Professor Flower, der Sowtschick in einem alten gelben Cadillac vom Flughafen abholen soll und, sehr zum Ärger Sowtschicks, zu spät kommt. In Bezug auf das Spionagethema kann man vielleicht sagen, dass der Wahrheitsfanatiker Kempowski die historische Wahrheit, die ja offenbar auch nicht ganz eindeutig ist, in schillerndem Gewand erscheinen lässt. Er war jedenfalls davon überzeugt, dass Hans Siegfried ihn nicht verraten hatte, das hat er mir in einem Brief geschrieben. Andererseits hat er angedeutet, Siegfried habe im März 1948, als er, Kempowski, von Wiesbaden nach Rostock fuhr und dort verhaftet wurde, auch dorthin fahren sollen und habe in letzter Minute davon Abstand genommen.
Dann wäre es doch Verrat gewesen.
Möglich. Das CIC meinte: ja.
In den Lebensbeschreibungen von und über Kempowski ist immer die Rede davon, er sei wegen angeblicher Spionage inhaftiert worden - müssen wir dieses „angeblich“ jetzt streichen?
Ja, unbedingt, das hätte man schon vor Jahren streichen müssen. Das geht ja aus den Romanen selbst hervor.
Wie erklären Sie sich dann, dass sich das Bild vom unschuldig Verfolgten, das Kempowski zumindest auch selbst in die Welt gesetzt hat, so lange hielt?
Als Literaturkritiker bin ich der Auffassung, dass diese Spionagetätigkeit eher beiläufig war - Gelegenheit macht Spione, das war damals so. Das hätte jedem passieren können. Kempowski wollte ja kein Spion im Trenchcoat oder ein James Bond werden, sondern sich einen Job im „Schlaraffenland“ des amerikanischen Supermarkts erspionieren.
Fakt bleibt aber auch: Ohne Spionage keine Verhaftung, und ohne Haft hätten wir das gewaltige Kempowski-Werk nicht.
Absolut. Das ist die Achse, um die sich alles in seinen Büchern dreht.
Hinterhältiges Nachtreten
Markus Zehme (Binkowski)
- 05.05.2009, 02:14 Uhr