03.08.2011 · Auf dem Balkan ist Josef Schulz der „gute Deutsche“: hingerichtet, weil er nicht schießen wollte. Aber stimmt das? Und wie kam es zu der Geschichte? Michael Martens begibt sich in seinem Buch „Heldensuche“ auf die Spuren dieser Legende.
Sommer für Sommer wird in Serbien eines in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs einmaligen Vorfalls gedacht. Im Mittelpunkt des Gedenkens steht eine fotografisch dokumentierte Szene aus der serbischen Kleinstadt Smederewska Palanka vom 20. Juli 1941: Sechzehn von der Wehrmacht gefangene jugoslawische Partisanen stehen gefesselt vor einem Heuschober, sie sollen erschossen werden. Schon haben die Deutschen angelegt, da wirft ein Soldat sein Gewehr fort und sagt: „Ich schieße nicht! Diese Männer sind unschuldig.“ Der Offizier traut seinen Ohren nicht. Wagt es da einer, den Befehl zu verweigern, will er gar eine Meuterei anzetteln? Er entscheidet sofort: Der Soldat muss sich zu den Partisanen stellen und wird mit ihnen erschossen.
So schildern es nach dem Krieg die Zeugen, so steht es in den Zeitungen. Dann taucht auch noch die geheimnisvolle Fotoserie auf, von der bis heute niemand weiß, wer sie gemacht hat. Darauf ist ein Mann in deutscher Uniform zu sehen, ohne Helm und Gewehr, der in Begleitung von zwei bewaffneten Wehrmachtssoldaten auf die Todeskandidaten zugeht. Als die Fotos in Jugoslawien veröffentlicht werden, melden sich Augenzeugen und bestätigen, dass die Bilder Josef Schulz zeigen - in dem Moment, da er nach seiner Befehlsverweigerung auf die Gefangenen zuschreite, um mit ihnen in den Tod zu gehen.
In Jugoslawien wird der deutsche Befehlsverweigerer ein Volksheld. Man errichtet ihm Denkmäler, widmet ihm Filme und Gedichte, seine Tat wird Schulstoff. Am Ort der Erschießung wird eine Straße nach ihm benannt. Josef Schulz ist „der gute Deutsche“, der Feind mit menschlichem Antlitz. Auch in Deutschland wird man auf den Fall aufmerksam. Zahlreiche Illustrierte und Zeitungen berichten über den mutigen Gefreiten. Der Tenor ähnelt meist der Überschrift einer Reportage aus der „Quick“ vom August 1966: „Ein Held wird gesucht“. Wer war der deutsche Soldat, der starb, um nicht töten zu müssen?
Diese Frage interessiert auch die Staatsanwälte der „Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ in Ludwigsburg. Auf ihr Geheiß werden über Monate hinweg Augenzeugen der Erschießung von 1941 vernommen. Die Geschichte aus Serbien kam den Ludwigsburgern äußerst ungelegen. Mehrfach hatten sich Angeklagte nämlich auf den sogenannten Befehlsnotstand berufen, also behauptet, dass sie die ihnen zur Last gelegten Verbrechen - zum Beispiel die Erschießung von Juden - begehen mussten, um ihr eigenes Leben zu retten. Wer sich geweigert hätte, einen Mordbefehl auszuführen, wäre am nächsten Baum aufgeknüpft worden, lautete ihr Argument. Zwar hatten die Anwälte der Angeklagten nie belegen können, dass solche Fälle tatsächlich vorgekommen waren, doch die Berufung auf den Befehlsnotstand blieb in vielen Prozessen ein zuverlässig vorgebrachter Bestandteil der Verteidigung. Der Fall aus Smederewska Palanka kam wie gerufen für mutmaßliche NS-Verbrecher.
Michael Martens, von 2002 bis 2009 Korrespondent dieser Zeitung in Belgrad, hat die Protokolle eingesehen und stieß bei weiteren Recherchen darauf, dass einige Beteiligte von damals noch am Leben sind. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Geschichte anders verlaufen sein musste, als sie erzählt wurde. Dass sie trotzdem in der Welt ist, erzählt vor allem etwas über die Wege und Irrwege der Erinnerung und der kollektiven Verdrängung.
Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Auszug aus seinem dieser Tage erscheinenden Buch „Heldensuche - Die Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte“:
Als wir uns trafen, lag der Vorfall schon fast sieben Jahrzehnte zurück, aber Walter Schulz fragte sich auch nach all den Jahren noch, warum sein Bruder damals erschossen werden wollte. Das Land, in dem Josef Schulz einen vermeidbaren Tod fand, gibt es längst nicht mehr, aber die Denkmäler für ihn stehen immer noch, und sogar eine Straße trägt seinen Namen. Der Bruder ist berühmt dort, man hat ihn nicht vergessen. Herr Schulz verstand trotzdem nicht, warum sein Bruder damals lieber sterben wollte, als selbst zu töten. Warum hat er nicht in die Luft geschossen? Niemand hätte das bemerkt. Dann hätte er diesen Tag überlebt, und mit etwas Glück wäre er zurückgekommen aus dem Krieg.
Wir haben uns in einem Restaurant in der Ortsmitte von Neustadt verabredet. Walter Schulz, mit Stock und Hut, geht mit kleinen, sehr vorsichtigen Schritten durch eine Welt, in der schon seit Jahrzehnten kaum noch jemand solche Hüte trägt wie er. Beim Essen behält er den Hut auf und erzählt von seiner Familie. Der Vater fiel im April 1915 in der Zweiten Ypernschlacht. Walter, das jüngste von drei Kindern der Familie Schulz aus Dortmund, war kaum vier Wochen alt, als die Todesnachricht aus Flandern kam. Die Mutter heiratete nicht wieder und brachte die Kinder alleine durch. Leichter wurde es erst, als Josef, der ältere ihrer beiden Söhne, eine Anstellung als Schaufensterdekorateur fand und Geld nach Hause brachte. Aber es dauerte nicht lange, bis der Krieg auch nach den Söhnen von Berta Schulz griff.
Kriegsgeschichte im Fotoalbum
Walter Schulz hat die Erinnerung an diese Zeit in zwei Fotoalben aufbewahrt. Eines trägt den Titel »Arbeitsgau IV Pommern-Ost«. Es ist ein vorgedrucktes Album nach Art der Hefte, in die Sammelbilder von Fußballstars eingeklebt werden. Das Album Pommern-Ost enthält zwar auch Fotos von jungen Männern mit Athletenkörpern, doch statt Fußball zu spielen heben sie Gräben aus, graben Felder um, treiben Frühsport, marschieren mit schwerem Gepäck, fassen Suppe, exerzieren, salutieren, stehen stramm, präsentieren die Spaten, erstatten Meldung. Es sind Fotos aus dem Jahr 1936, als Schulz zum Reichsarbeitsdienst eingezogen war. Auf der ersten Seite zeigt ein Bild etwa zweihundert Männer vor der Wand einer großen Halle. Auf der Wand prangt die Aufschrift »Arbeit adelt«.
Was danach kam, hat der Arbeitsadelige Schulz in einem anderen Album festgehalten. Es hat einen Einband aus dunkelbraunem Kunstleder mit einem silbernen Adler darauf, der mit seiner rechten Kralle ein Hakenkreuz gepackt hat und nun die Flügel schwingt, um mit der ungewöhnlichen Beute fortzufliegen. Unter dem Adler, der seinen Nachwuchs offenbar mit silbernen Hakenkreuzen füttert, stehen die Worte Meine Dienstzeit. Das Adleralbum erzählt die Geschichte des Gefreiten Walter Schulz, der zum Bodenpersonal der Luftwaffe eingezogen wurde und zunächst auf dem Flugplatz Bonn-Hangelar stationiert war. Als Hitler einmal nach Hangelar kam, gelang es Schulz, eine Nahaufnahme von ihm zu machen. Darauf trägt Hitler einen hellen Mantel und sieht aus wie immer.
Der Krieg erreichte den Gefreiten Schulz, als er bei seiner Mutter in Wuppertal zu Besuch war. Er kam als Telegramm: »Sofort zur Staffel zurückkommen, 1. Staffel.« Das Telegramm wurde aufgegeben am 24. August 1939 um 14.45 Uhr, eine Woche vor dem Überfall auf Polen. Es war das einzige Telegramm, das Walter Schulz in seinem Leben erhielt, und er klebte es in das Album mit dem silbernen Adler ein. Darin sind statt der halbnackten Männer aus Pommern-Ost viele angezogene Männer mit Gewehren zu sehen. In Frankreich fotografierte Schulz außerdem zerstörte Brücken und Städte, ausgebrannte britische oder französische Panzer sowie ein Schloss bei Rouen und einen gefangenen französischen Soldaten. Der Gefangene war nicht der erste Franzose, aber der erste Schwarze, den er in seinem Leben sah. Der Schwarze lacht in die Kamera, für ihn ist der Krieg überstanden, denkt er vielleicht. Dann Fotos von der Atlantikküste und aus der Etappe. Sauber gedeckte Tafeln mit Blumenschmuck und weißen Tischdecken. Noch war es ein hübscher Krieg mit gutem Wein und Kuchen zum Dessert.
Einige Seiten weiter ist Schulz plötzlich in Bulgarien. Seine Einheit sollte von Sofia aus an die griechische Grenze und von dort nach Afrika verlegt werden. Aus irgendeinem Grund kam sie aber nur bis in die bulgarische Provinzstadt Razgrad, die weiter von Afrika entfernt liegt als Sofia. Auf dem Weg nach Razgrad traf die Einheit eine Zigeunerin, die den Soldaten ihre Brüste zeigte. Schulz hat auch davon ein Foto gemacht. Um die Zigeunerin, die ihre Bluse anhebt und ihren ausgemergelten Körper präsentiert, stehen zwei Dutzend Landser und lachen. Manche schauen auch nur interessiert. Einer hat sich weggedreht.
Nach diesem Abenteuer landete der Gefreite Schulz allerdings nicht in Afrika, sondern in Russland, auf einem Flugplatz bei Smolensk. Dort hatte er keine Zeit mehr zum Fotografieren. Irgendwann Ende 1941 erhielt er in Smolensk die Nachricht vom Tod seines Bruders. Die näheren Umstände, sagt er, habe man seiner Mutter und ihm damals verschwiegen: „Es hieß nur, Josef sei als Held im Kampf für Deutschland gefallen. Was wirklich geschehen war, habe ich erst drei Jahrzehnte später erfahren. Da war Mutter schon lange tot.“ Seither sei kaum ein Tag vergangen, an dem er nicht an den Tod seines Bruders gedacht habe.
„Ich weiß nicht, warum der Josef sich damals so verhalten hat. Es ist mir ein Rätsel.“
Gab es denn keine Andeutungen?
„Nein. Josef war ein ruhiger Mensch, aber nicht trübsinnig. Er konnte sogar sehr lustig sein, wenn wir gefeiert haben. Er spielte gut Klavier, das hatte er sich selbst beigebracht auf der Gewerbeschule in Wuppertal. Außerdem malte er gern. Er hat die alten Holländer reproduziert, das konnte er sehr gut.“
Hat er nie etwas gesagt, was auf seine spätere Haltung schließen ließ?
„Nie. Es ist auch nicht so, dass ich sagen könnte, er sei früher schon ein Held gewesen. Das war er nicht. Er war auch nicht aufbrausend oder unbesonnen. Er ist nie ein Schläger gewesen, im Gegenteil. Er war sanft.“
Haben Sie eine Vermutung, warum Ihr Bruder so gehandelt hat?
„Er konnte anderen nichts antun. Vielleicht lag es daran. Aber eigentlich weiß ich es bis heute nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was ihn dazu trieb.“
In manchen Zeitungsartikeln stand, er sei ein Gegner Hitlers gewesen.
„Nein, das war er nicht, absolut nicht. Er war ein normaler Bürger.“
Gibt es noch Briefe von ihm?
„Nein. Seine Briefe waren bei Mutter in der Germanenstraße. Die Wohnung erhielt einen Bombentreffer und ist vollkommen ausgebrannt. Auch unser Schallplattenschrank. Da waren mehr als 200 Schallplatten drin, Richard Tauber und alles.“
Ein Schleier über den wahren Umständen
Nach dem Essen, in seiner Wohnung, saß Walter Schulz am Wohnzimmertisch hinter einem Stapel mit Dokumenten zum Fall seines Bruders, die er über Jahrzehnte gesammelt hatte. Außer Zeitungsartikeln bewahrte er auch Briefe eines Bundestagsabgeordneten auf, der in den siebziger Jahren versucht hatte, die Wahrheit ans Licht zu bringen. „Dieser Abgeordnete hat viele Schreiben an alle möglichen Stellen aufgesetzt, aber dann wurde die Sache plötzlich eingestellt. Ich habe nie verstanden, warum man nicht die Leute befragt hat, die an dem Exekutionskommando teilgenommen haben. Die lebten ja damals noch“, sagte Schulz. Er nahm ein altes Stück Papier vom Stapel, faltete es vorsichtig auseinander und sagte: „Damit hat es angefangen.“ Es war eine auf den 9. August 1941 datierte Todesmeldung, aufgegeben von der Dienststelle der Feldpost-Nr. 42386 C. Darin wird Berta Schulz mitgeteilt, dass ihr Sohn bei einem Feuergefecht mit Kommunisten gefallen sei:
„Ein schlichtes Kreuz ziert sein Grab! Er starb als Held! Bei einem Feuergefecht erhielt er nach heftigem Feuerkampf einen Querschläger in die rechte Lunge. Durch inzwischen eingetroffene Verstärkung wurde die Kommunistenbande in die Flucht geschlagen und Ihr Sohn verbunden. Jede menschliche Hilfe war jedoch vergeblich. Der Tod trat nach wenigen Minuten ein.
1 Geldbörse mit Inhalt: 12.- RM 2 Schlüssel u. 1 Trauring
1 „ leer Diverse Briefe
1 Nähkasten mit Inhalt Diverse Bilder
1 Stück Waschseife Essbesteck 4teilig
1 Stück Rasierseife 4 Taschentücher
1 Drehbleistift (versilbert) 1 Notizbuch
1 Brille Briefe aus der Heimat
1 Mundharmonika Brief zur Heimat
1 Schere 1 Brief zur Heimat
1 Armbanduhr Marke Exita
1 Taschenspiegel u. Kamm
In allen Fürsorge- und Versorgungsfragen wird Ihnen das zuständige Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsamt, dessen Standort bei jeder militärischen Dienststelle zu erfahren ist, bereitwilligst Auskunft erteilen.
Wir trauern mit Ihnen um den Verlust Ihres Sohnes, denn er war uns allen ein liebwerter und treuer Kamerad. Er wird uns unvergessen bleiben.
Unterschrift: Gollub
Oberleutnant und Kompaniechef“
Der Brief sei natürlich eine Lüge gewesen, um die wahren Todesumstände seines Bruders zu verschleiern, sagte Walter Schulz. Er erzählte dann noch ziemlich viel, aber wenn ich jetzt die Aufnahme wieder abhöre, sind es vor allem drei Sätze, die mir wichtig erscheinen: „Ich weiß nicht, wie ich mich an Josefs Stelle entschieden hätte. Ich glaube, ich hätte es nicht getan. Ich hätte die Courage nicht gehabt.“