06.09.2009 · Wendeschleife über dem Wannsee: Die französische Literatursaison beginnt, und es erscheinen auffällig viele lesenswerte Deutschland-Romane, die die üblichen Klischees vermeiden.
Von Joseph Hanimann, ParisAlain Finkielkraut feiert in seinem gerade erschienenen Buch „Un coeur intelligent“ am Beispiel von neun Autoren wie Joseph Conrad, Albert Camus, Sebastian Haffner, Milan Kundera den Roman als ein Genre, das viel treffender die Verworrenheit und allegorische Unausschöpfbarkeit der Welt beschreibt als alle intellektuelle Theorie. Machen wir dazu eine Probe aufs Exempel in Sachen Deutschland-Roman.
Wie vielfältig und tiefschürfend ist das Deutschland-Bild, das überraschend häufig gerade aus den gut vierhundert neuen Romanen der französischen Herbstsaison hervorgeht? Mindestens ein halbes Dutzend Titel - meist von Frauen geschrieben - haben ausdrücklich Deutschland zum Thema. Lassen wir hier einmal jene Romane beiseite, die Deutschland nur als historisches Thema benützen, wie „U-Boot“ von Robert Alexis (Verlag José Corti) über den letzten nationalsozialistischen U-Boot-Einsatz oder in denen Deutschland nur als Handlungskulisse vorkommt wie in „Honecker 21“ von Jean-Yves Cendrey (Actes Sud), dem Gatten der Schriftstellerin Marie NDiaye, der gegenwärtig in Berlin lebt.
Kein einziger der neuen Deutschland-Romane entpuppt sich als schnelles Machwerk zum Gedenkjahr von Kriegsausbruch und Mauerfall. Auffallend ist vielmehr das Interesse für eine tiefliegende Kontinuität über historische Katastrophen hinweg - etwa im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit und der unmittelbaren Gegenwart, im Bayern der zwanziger Jahre und heute, im westdeutschen Durchschnittshaushalt an der Ostsee hart an der Grenze, als es noch ein „drüben“ gab. In allen Romanen taucht die Erinnerung an Hitler auf, doch ohne jedes klischeehaft hingepfuschte Schuld- oder Zerknirschungspathos. Die Autorinnen beweisen eine komplizierte persönliche Beziehung zu Deutschland aus Reiz und Gereiztheit, mit dem Sinn für eine gewundene, störrische Kontinuität der Geschichte, der Kultur, der Moral. Eine Kontinuität, die in Deutschland selbst, von einem deutschen Autor behandelt, wohl fast zwangsläufig in Einzelsequenzen aufgesplittert würde.
Kriegsverbrecher als Lebensretter
Anne Wiazemsky, die Enkelin von François Mauriac, taucht in ihrem neuen Roman „Mon enfant de Berlin“ (Gallimard) den Begegnungsrausch ihrer Mutter Claire Mauriac mit deren künftigem Mann Yvan Wiazemsky in die euphorische Tristesse des Keller- und Trümmer-Berlins von 1945, durch das die ersten Jazz-Klänge dringen. Claire ist Krankenschwester des französischen Roten Kreuzes, Yvan ist französischer Armeeoffizier. Der Name der besiegten Stadt klingt für die beiden „wie eine Verheißung“. Sie gehen in einem ehemaligen Park zwischen Baumstümpfen und nackten Wurzelstöcken spazieren, „doch die Kriegslandschaft bestärkt ihre Lebenslust und ihren Willen, zusammen etwas Neues zu beginnen“.
Ihr Blick ist dabei nicht der abgehobene Siegerblick auf die ins Elend geratenen Täter. Claire, die mit der festen Überzeugung nach Berlin kam, den Deutschen nichts zu verzeihen, lernt deren Existenz unter den Bomben und danach kennen und zieht manchmal inkognito in der Nacht aus, um minderjährige Mütter in ihren Kellern vor dem grausam humanitären Zugriff des Roten Kreuzes zu warnen, das ihnen ihr Kind entziehen will. Wenn es für Claire selbst dann so weit ist mit der Niederkunft, wird die Sache noch komplizierter durch eine komplizierte Geburt.
Das Kind - die Romanautorin selbst - verdankt sein Leben nur dem deutschen Geburtsarzt, einem Mann, der ein paar Wochen später als Kriegsverbrecher gehängt wurde. Erwachsen ging die Autorin nun auf die Suche nach jenem Erinnerungs-Berlin. „Die Berliner Jahre waren die schönsten ihres Lebens, die intensivsten“, erklärt ihr eine Frau, die damals dabei war. Die Probe zu Finkielkrauts These geht hier restlos auf.
In „Le secret Gretl“ (Fayard) von Marie-Odile Beauvais, dem vierten Roman einer Autorin mit etwas chaotischer Laufbahn, ist das historisch noch komplexer. Die Erzählerin macht sich dort auf die Suche nach der 1915 in Regensburg geborenen außerehelichen Tochter ihres französischen Großvaters, die dieser infolge des Ersten Weltkriegs gar nicht kannte. 1940 kam die mit einem offenbar liebevollen nationalsozialistischen Stiefvater herangewachsene Gretl dann in deutscher Uniform nach Paris, wo sie ihrem wirklichen Vater kurz begegnete, bevor ihre Spur nach der Rückkehr nach Deutschland sich verliert, wahrscheinlich unter den Bomben. Die Nachforschungen der Erzählerin nach diesem fremden Alter Ego führen von Paris bis Nürnberg, München, Regensburg und reiben das „gute“ Gegenwarts-Deutschland in zahlreichen kleinen Alltagsdetails am „bösen“, führergläubigen, kriegstreibenden von damals - manchmal zum Vorteil dieses letzteren.
Dieses Nebeneinander wird pointiert geschildert. Die deutsche Historikerin reagiert ungehalten auf die hartnäckige Frage der jungen Französin, ob die Formel „mit deutschem Gruß“ in den Briefen von 1936 schon auf Nationalsozialismus hinweise, und die sture Serviererin im Hotel am Bodensee wirft die Brötchen vom Nebentisch, wenn die Frühstückszeit vorbei ist, lieber in die Mülltonne, als sie dem verspäteten Gast zu servieren.
Blick auf deutsche Befindlichkeiten
Die 1960 in Algerien geborene Brigitte Giraud blickt dagegen in ihrem fünften Roman, „Une année étrangère“ (Éditions Stock), hinter die Fassaden bundesrepublikanischen Alltagslebens. Ein französisches Au-pair-Mädchen kommt an einem kalten deutschen Wintermorgen zur Familie Bergen in die Gegend von Lübeck. Literarisch ist dieses Buch wenig aufregend, doch gibt es aufschlussreiche Einblicke einer Französin in den Befindlichkeitshorizont eines westdeutschen Haushalts, als das Land noch geteilt war. Frau Bergen stammt ursprünglich von „drüben“, hat sich aber offenbar schnell in die scheinbar locker komfortable Ungezwungenheit des bundesrepublikanischen Familienalltags eingelebt, der sich in allen Punkten vom stets leicht neurotisch gestressten Leben unterscheidet, das die junge Französin Laura aus ihrer eigenen Familie kennt.
Die deutschen Eltern, Freiberufler, schlafen morgens länger als die Kinder, gemeinsame Essenszeit gibt es kaum, jeder scheint überhaupt froh zu sein, wenn die anderen möglichst allein zurechtkommen in einer Mischung aus Anstand, Zuneigung, Distanz, Eigensinn, Phlegma und manchmal doch plötzlich aufbrechender Krise. Selbst wenn Laura beim Räumen der Wohnung des Großvaters Bergen auf Hitlers „Mein Kampf“ stößt, das sie parallel zu Thomas Manns „Zauberberg“ liest, ist das kein Drama - so sind die Dinge halt gelaufen. Vieles ist in diesem Buch angetippt, wenig ausgeführt: Die Finkielkrautsche Probe fällt hier negativ aus.
Ganz anders bei Noémi Lefebvre, einer Politologin und Musikwissenschaftlerin, die mit „L'autoportrait bleu“ im Verlag Verticales ihren Erstlingsroman vorlegt. Im Niemandsraum und in der Niemandszeit eines Rückflugs aus Berlin gleitet die Erzählerin in einem fast absatzlosen inneren Monolog durch die Erinnerung an einen kurzen Aufenthalt in dieser Stadt und an die Begegnung mit einem Pianisten, der auf Schloss Neuhardenberg die Ausstellung „Das Dritte Reich und die Musik“ kommentierte. Im Mittelpunkt dieses brillant geschriebenen Assoziationsflusses steht Arnold Schönbergs Einsamkeit verstreuendes „Blaues Selbstporträt“, dessen „kalte Negativität des Blau“ die ganze Widerstandsfähigkeit des Komponisten gegen das „musikalische Gemeinschaftsglück“ der Nazis ausdrückt. Je nach Gleitbewegung des Flugzeugs wechselt die Gleitrichtung der Gedanken im Erinnerungsstrom.
Wenn etwa bei der Startschleife im Fenster unten der Wannsee auftaucht, legt sich über das Bild von den nackten Kraulschwimmern beim Familien-Picknick mit Berliner Camembert und Cola, das der historisch unbedarften Erzählerin im Gedächtnis hängt, die Erklärung des Pianisten über die folgenreiche Konferenz, die dort am 20. Januar 1942 stattfand. Mit sarkastisch melancholischer Prägnanz torpediert dieses subtile Buch unablässig deutsche Gegenwart mit Vergangenheit und umgekehrt, in einer Unvoreingenommenheit, wie sie nur in der Fremdsprache möglich ist.
Dieses Deutschland hat ein Eigenleben, das die Klischees von der Rückseite her abbröckeln lässt - so erzählen die französischen Romanautoren es gerade ihren Lesern. Das ist Aufklärungshilfe von unerwarteter Seite, die erfreulich über den anlaufenden Publikationswust zum Thema Kriegsausbruch, Drittes Reich, Eiserner Vorhang, Mauerfall hinweghilft.