17.02.2011 · Der Londoner Sarrazin-Eklat in der deutschen Presse: Das Wort „Arschloch“ ist ein Argument - wenn Henryk M. Broder es verwendet. Er hatte noch andere Verbalinjurien parat und hat sie inzwischen auch approbiert.
Von Maria Exner und Max NeufeindMan muss kurz rekapitulieren, was genau passiert ist. Die deutsche Studentenvereinigung der London School of Economics (LSE), einer der weltweit führenden wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Universitäten, veranstaltet in dieser Woche ein Symposion mit deutscher Prominenz aus Wirtschaft und Gesellschaft.
Zum Auftakt am Montag wollte die German Society eine Integrationsdebatte unter dem Titel „Die Zukunft Europas - Untergang des Abendlandes?“ abhalten. Sie lud Thilo Sarrazin, den Publizisten Henryk M. Broder, den Literaturkritiker Hellmuth Karasek und Ali Kizilkaya, den Vorsitzenden des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, ein.
Kurz nach Veröffentlichung dieser Rednerliste vor gut einer Woche regte sich unter deutschen Studierenden an der LSE und anderen britischen Hochschulen Unmut über die Zusammensetzung der Runde. Bis zum Abend der Veranstaltung unterzeichneten mehr als zweihundert deutsche Wissenschaftler und Studierende einen offenen Brief, der deutlich machen wollte, dass mit Sarrazin und Broder zwei Sprechern eine internationale Plattform geboten wird, die - so der Brief - „maßgeblich zur Verunsachlichung der Integrationsdebatte in Deutschland beigetragen haben“.
Der Brief und seine Unterzeichner, zu denen auch die Autoren dieses Artikels gehören, forderten kein Redeverbot, sondern baten die Veranstalter um ein ausgeglichenes Podium, das dem Ruf der Weltoffenheit, Liberalität und akademischen Exzellenz der LSE gerecht wird, anstatt einem Altmänner-Debattierclub die Chance zu geben, Ängste zu schüren.
Scharfe Kommentare in britischen Presse
Gleich nach Veröffentlichung der Petition gab Henryk M. Broder den Einsatz für die weitere Berichterstattung. In seinem Blog „Die Achse des Guten“ höhnte er, „progressive Elemente“ wollten den Auftritt Sarrazins verhindern. Seine Weiterverbreitung des offenen Briefs erläuterte er gegenüber der „Märkischen Allgemeinen“ mit dem Satz, er wolle Journalisten-Kollegen an einem „seltenen Karzinom“ teilhaben lassen. Gemeint war damit der Appell einer Gruppe aus Masterstudenten, jungen Dozenten in London und Oxford und gestandenen Professoren für Politik und Recht.
In der Zwischenzeit war die Veranstaltung auch in der Universitätsleitung diskutiert worden. Sie entschied sich, getreu dem britischen Recht auf Redefreiheit, zunächst keinen Einspruch zu erheben. Erst als sich am Montag auch die Londoner Presse dem Auftritt Sarrazins mit scharfen Kommentaren widmete und Proteste britischer Civil-Rights-Organisationen angekündigt wurden, sah die LSE sich aus organisatorischen Gründen nicht in der Lage, die Veranstaltung wie geplant durchzuführen.
Die „Integrationsdebatte“, schließlich von der German Society in den Ballsaal des Hotels Waldorf Hilton verlegt, bot genau die Klischees, dessen anberaumte Zelebrierung auf dem Campus der LSE wir deutsche Studierende in Großbritannien kritisch kommentiert hatten. Broder machte ratzfatz aus der Integrations- eine Islamdebatte und forderte die Abkehr vom „Appeasement“-Kurs des Westens.
Die richtigen und die falschen Türken
Er warnte, Gaddafi werde Europa mit der Drohung, die „Schleusen“ von Migranten aus Afrika nach Europa „zu öffnen“, in Geiselhaft nehmen. Thilo Sarrazin unterschied zwischen „richtigen“ und „falschen Türken“ in Deutschland und warf muslimischen Bürgern vor, sich „mental nicht integrieren zu wollen“. Hellmuth Karasek verwies auf eine Ungleichzeitigkeit der Religionen, und Ali Kizilkaya antwortete auf all das mit stoischer Ruhe und der Bitte, den anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen.
Die deutsche Presse hat diesem Inhalt der Debatte wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die berichtenden Journalisten schossen sich stattdessen auf die friedlich Protestierenden vor Ort ein. Diese wurden als „pöbelnde Studenten“ („Bild“), „junge Deutsche, die eine dicke Lippe riskieren“ („Tagesspiegel“) oder „maulende Demonstranten“ („Die Welt“) tituliert und in die Nähe antifaschistischer Gruppen gerückt. Eine solche hatte sich zuvor im „Independent“ geäußert. Mit unserer Kritik an der Zusammensetzung des Podiums hatte deren Statement nichts zu tun.
Nicht nur „Spiegel Online“ machte aus einem deutschen Studenten, der den Moderator vor Beginn der Debatte darum bat, eine Stellungnahme verlesen zu dürfen, und sich dafür vom ungefragten Henryk M. Broder beschimpfen lassen musste, einen „Studierenden, der während der Veranstaltung auf die Bühne gestürzt“ sei und „sich ein Wortgefecht mit Sarrazin geliefert“ habe. Andere Blätter wollen einen „bärtigen Studenten“ gesehen haben, der Sarrazin als Faschisten beschimpfte. Tatsächlich rief der Student „Faschisten“ in den Raum - als Teile des Publikums Broders Schimpftirade gegen ihn beklatschten.
Die Aggressionen Broders gegenüber diesem jungen Mann wurden in der Online-Ausgabe des „Tagesspiegels“ am Montagabend als die erfrischenden Beiträge eines Journalisten verkauft, der das Wort „Arschloch“ „argumentativ eingesetzt“ habe. In der gedruckten Version des Berichts in der Ausgabe vom 16. Februar heißt es dann nur noch, dass Broder das Wort „eingesetzt“ habe. Immerhin veröffentlichte der Online-„Tagesspiegel“ nach Protesten Londoner Leser gegen die Nobilitierung des Unflats zum Argument einen weiteren Artikel mit einem auf den Angaben von Teilnehmern beruhenden Protokoll des Wortwechsels, das Broder als „einigermaßen richtig, aber unvollständig“ approbiert hat.
Demnach bezeichnete Broder den Studenten als „blöden Lümmel“, „linken Penner“, „ungebildetes Riesenarschloch“ sowie auf Nachfrage vier- bis fünfmal als „ungemäßigtes doppeltes Riesenarschloch“. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ erklärte Broder, er stehe zu dieser „Einlassung“.
Nichts außer Wort- und Zahlenspielen
Jede Integrationsdebatte in Deutschland muss sich der Frage stellen, wie wir Deutschland - als Gemeinschaft und als Nation - verstehen und gestalten wollen. Die Schule der Nation ist die Schule, schrieb einst Willy Brandt. Das gilt umso mehr für Universitäten. Dass das ernsthafte gesellschaftliche Engagement von Studenten für ein friedliches Miteinander gleichberechtigter Bürger in Deutschland so verunglimpft und Thilo Sarrazin zum Märtyrer der Redefreiheit gemacht wird, lässt uns an den Absichten jener „Öffentlichkeit“ zweifeln, die sich doch angeblich so um die Zukunft Deutschlands sorgt.
Dieselben Medien, die uns vorwerfen, die Aussprache unbequemer Wahrheiten und das Recht auf freie Meinungsäußerung verhindern zu wollen, drücken sich vor der für den journalistischen Aufregungsbetrieb so unbequemen Wahrheit, dass Broder und Sarrazin außer Wort- und Zahlenspielen eigentlich gar nichts zum Thema Integration beigetragen haben und - wie es Jürgen Habermas ausdrückte - einer wachsenden Feindseligkeit gegenüber Immigranten, ob gewollt oder nicht, das Wort reden.
Die „Welt“ verstieg sich zu der Aussage, Broder bringe „Witz in die Debatte“, und kürte ihn gar zum „Shakespear'schen Narr“. In Shakespeares Welt sind die Narren jedoch weise. Für eine weise Debatte haben sich Studenten und Wissenschaftler aller Fachrichtungen in der vergangenen Woche ausgesprochen. Denn die Herausforderungen eines Deutschlands verschiedener Religionen, Generationen und Lebensstile sind hochkomplex. Ja, man darf diese Herausforderungen benennen und, ja, man darf unterschiedlicher Meinung über Lösungen sein. Doch eins sollte uns Deutschen, egal welchen Hintergrunds, klar sein: Erfolgreich wird dieses Unterfangen nur, wenn wir uns zu einem ehrlichen und respektvollen Diskurs bekennen. Das gilt auch für die Medien.
Verblendete Gruppen
Ulrich Wahr (wahrheit29)
- 17.02.2011, 17:20 Uhr
danke
Annette Pölking (AnnetteP)
- 17.02.2011, 17:22 Uhr
Seltsames Verständnis von Meinungsfreiheit
lars winkler (lasse04)
- 17.02.2011, 17:25 Uhr
Aufklärung 1
Ulrich Mayer (Bayer01)
- 17.02.2011, 17:32 Uhr
Hier geistern viele Halb-Informationen herum
Christian Oppenländer (Contraton)
- 17.02.2011, 17:36 Uhr