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Elternratgeber Gute Nacht, verdammt!

 ·  Eigentlich war der Buchtitel nur als Witz auf Facebook gedacht. Doch der in ihm enthaltene Fluch sorgte dafür, dass ein kleiner Bildband für Eltern schlafunwilliger Kinder zum Überraschungserfolg der amerikanischen Buchsaison avancierte.

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Heutzutage ist es wahrscheinlich leichter, zuzugeben, dass man sich zum Tee ab und zu ein Heroinkekschen genehmigt, als öffentlich zu sagen, dass Kinder nicht immer nur Freude bereiten, zumal die eigenen. Es ist eins der letzten Tabus unserer Zeit. Und in Amerika avanciert gerade ein kleines Büchlein zum absoluten Überraschungserfolg der Saison, das genau in diese Kerbe zielt. „Go the Fuck to Sleep“, so sein Titel, der selbst abgebrühte New Yorker Buchhändler in Erregung versetzt. „What a great title“, sagt einer anerkennend, und sein Kollege ruft entzückt: „God, we love that book!“ Es ist allerdings nicht leicht zu bekommen. Denn auch wenn es auf Amazon.com bereits seit Wochen auf Platz 1 steht, Übersetzungen in zwanzig Sprachen auf dem Weg und die Filmrechte verkauft sind, ist es offiziell noch gar nicht erschienen. Bislang wurde es nur an einige wenige Buchhandlungen in großen Städten ausgeliefert und war auch dort binnen Stunden ausverkauft. Es ist ein kleines Buch, etwa DIN-A5-Format, mit 14 hübsch illustrierten Doppelseiten, auf denen meistens kleine Kinder zu sehen sind. Einige liegen oder sitzen in ihren Betten, andere turnen im Freien herum, mal ist auch nur der Mond zu sehen oder schlafende Tiere. Sieht aus wie ein harmloses Kinderbuch, doch der begleitende Text, pro Doppelseite ein gereimter Vierzeiler, macht es zur Parodie eines solchen: Die Verse beginnen stets harmlos wie ein unschuldiger Einschlafreim - und enden in einer ausgestoßenen Verwünschung, im bitterkomischen Verzweiflungsschrei eines frustrierten Elternteils, dessen Kind auch nach der soundsovielten Gutenachtgeschichte nicht einschlafen will:

„The tiger reclines in the simmering jungle. / The sparrow has silenced her cheep. / Fuck your stuffed bear, I'm not getting you shit. / Close your eyes. Cut the crap. Sleep.“

Der Autor, Adam Mansbach, 34, ist von seinem Erfolg selbst vollkommen überrascht. Bisher hat er Romane geschrieben, sein letzter, „The End of the Jews“ (2009), bekam sehr gute Kritiken und gewann den California Book Award. Er war zuletzt Gastprofessor für Fiction an der Rutgers University und lebt mit Frau und Tochter in Philadelphia. „Eigentlich hatte ich den Titel dieses Buchs nur als Witz auf meiner Facebook-Seite gepostet, nachdem ich mal wieder eine harte Zeit hatte, meine Tochter ins Bett zu bringen“, sagt er am Telefon aus Martha's Vineyard, „aber dann waren die Reaktionen, die ich darauf bekam, so positiv, dass ich immer wieder daran gedacht habe. Und irgendwann habe ich mich hingesetzt und es geschrieben.“

Er scheint mit seinem väterlichen Lamento unendlich vielen Eltern aus dem Herzen zu sprechen, die Vorbestellungen für sein Buch gehen in die Zehntausende. Die Leserreaktionen auf der amerikanischen Amazon-Seite reichen von „eine kathartische Erfahrung“ bis „ich hatte buchstäblich Tränen in den Augen vor Lachen“. Ob das Buch in Deutschland, wo es noch im Juni unter dem Titel „Verdammte Scheiße, schlaf ein“ erscheint, ebenso gut funktionieren wird, wird sich zeigen. Der DuMont-Verleger selbst, Jo Lendle, hat es übersetzt, und obwohl es auch im Deutschen funktioniert, ist der Kontrast zwischen unschuldiger Form und gefluchtem Inhalt nicht so krass wie im Englischen. Es gibt eben keine deutsche Entsprechung für das Wort, das im amerikanischen Fernsehen schamvoll mit einem Bleep überdeckt wird. Dennoch können es einige Verse, wie etwa die Übersetzung des eingangs zitierten, durchaus mit dem Original aufnehmen:

„Der Tiger dämmert im Dschungel. / Der Spatz lässt das Zwitschern sein. / Scheiß auf den Teddy, ich hol überhaupt nichts. / Augen zu. Keine Zicken. Schlaf ein.“

Als Ausgangspunkt des Hypes macht Mansbach eine Lesung aus, die er Ende April während des Philadelphia Art Salon gegeben hat. „Ich hatte das Buch fertig, es sollte ursprünglich erst im Oktober erscheinen, aber ich wollte schon mal die Reaktionen darauf testen. Es waren vielleicht zweihundert Leute im Publikum, ich habe die Bilder gezeigt und die Verse gelesen, und, ja, ich hatte das Gefühl, es kommt ziemlich gut an. Die Leute haben sehr viel gelacht.“ Am nächsten Morgen sah er zu seinem Erstaunen im Internet, dass sein Buch über Nacht auf Platz 125 der Amazon-Liste geklettert war. Ein halbes Jahr vor dem Erscheinungstermin! Da habe er zum ersten Mal gedacht, dass hier etwas Seltsames geschehe, sagt er. Eine Woche später war es in den Top Ten. Und am Ende jener Woche stand sein Buch plötzlich auf Platz 1. Seither sei alles ganz schnell gegangen, sein Verlag, ein kleiner Independent-Verlag mit Sitz in Brooklyn, zog den Erscheinungstermin nach vorne und gab 15 Mal mehr Exemplare in Druck als ursprünglich vorgesehen. Ab Dienstag wird es in Amerika in den Läden stehen, und zwar nicht in der Abteilung für Kinderbücher, sondern für Humor: „Sie sollten das Buch wahrscheinlich nicht Ihren Kinder vorlesen“, steht hinten sicherheitshalber noch mal drauf.

Wie erklärt der Autor selbst sich den riesigen Erfolg? „Ich glaube, es hat mit Ehrlichkeit zu tun“, sagt er. „Ich habe sehr ehrlich Gefühle artikuliert, die wohl alle empfinden, wenn ihre Kinder nicht einschlafen wollen. Wenn man wirklich alles, aber auch alles lieber täte, als neben ihrem Bett zu sitzen und noch eine Geschichte zu lesen und noch eine und noch eine. Und wie niederschmetternd es ist, wenn sie endlich schlafen und man wagt, ganz leise aus ihrem Zimmer zu schleichen, und du plötzlich ihr Stimmchen hörst: ,Wohin gehst du?' Und du bist wieder bei null.“

Außerdem sei Kindererziehung Moden unterworfen, und momentan sei es eben Mode, dass man Kinder nachts nicht weinen lasse. Das sei ein oder zwei Generationen früher vielleicht noch ganz anders gewesen, da habe es eine Gutenachtgeschichte gegeben und dann Licht aus, und das war's. „Heute erleben wir, was das Elternsein angeht, eine Kultur der Perfektion. Es wird unglaublich viel über Kinder gesprochen, über Erziehung, Werte, Familie, alles Mögliche, aber es ist keine ehrliche Diskussion.“ Es gäbe keinen Platz dafür, zuzugeben, dass nicht immer alles reibungslos laufe, dass nicht alle Gefühle, die man für seine Kinder hege, auch wenn man sie noch so sehr liebe, immer ausschließlich positiv seien, und Platz für Humor vermisst er auch. „Das Gefühl tief empfundener Verzweiflung beim Zubettbringen des Kindes ist eine der universellsten Frustrationen, die das Elternsein mit sich bringt“, sagt Mansbach, „andererseits ist es aber auch nichts Großes. Lachen hilft. Wenn man darüber lachen kann, steht man es auch durch.“

Mansbach hat sein Buch seiner Tochter gewidmet: „Für Vivien, ohne die all dies nicht möglich wäre“. Aller Voraussicht nach haben ihre Einschlafschwierigkeiten ihren Vater zum Millionär gemacht. „Heute schläft sie sehr gut ein“, sagt Mansbach. „Das Buch hat unsere Schlafprobleme gelöst.“

Adam Mansbach: „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“. Aus dem Englischen von Jo Lendle. Erscheint am 21. Juni im DuMont-Verlag, 32 Seiten mit 18 farbigen Illustrationen von Ricardo Cortés, 9,99 Euro.

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Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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