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Eklat beim China-Symposium Es ging hier doch um Literatur, oder?

 ·  Ich war eingeladen, auf einem Symposium der Buchmesse über die Rolle des Schriftstellers in China zu sprechen. Dann wurde ich ausgeladen. Am Ende wurde mir ein Platz im Publikum reserviert. Was ich in Frankfurt gelernt habe.

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Das war das sowohl absurdeste als auch unvergesslichste Symposion, an dem ich je teilgenommen habe. Willkommen zurück im Kalten Krieg – ähnlich bizarr und unberechenbar ging es hier zu. Bis zuletzt, als ich in letzter Minute mein Flugzeug nach Frankfurt bestieg, hatte ich keine genaue Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Ich war auf alles gefasst, auf Demütigungen, selbst darauf, möglicherweise gar nicht eingelassen zu werden. Ich konnte auch nicht damit rechnen, dass mich am Flughafen irgendjemand abholen würde, schon gar nicht ein offizieller Vertreter der Frankfurter Buchmesse.

Doch als ich aus den Medien erfahren hatte, dass die ebenfalls zunächst ausgeladene Dai Qing unter allen Umständen auf ihrer Teilnahme als „Zuhörerin“ bestehen und anreisen würde, gab es auch für mich kein Zurück mehr. Ich würde auf dem Symposion anwesend sein und gemeinsam mit ihr die Gelegenheit nutzen, mich aus dem Auditorium heraus zu Wort zu melden und meine Meinung zu sagen, meine unabhängige Stimme hören zu lassen.

Es ging hier doch um Literatur, oder?

Während der gesamten zwei Tage der Konferenz herrschte zwischen mir und der aus China angereisten Delegation aus Wissenschaftlern und Schriftstellern eine subtile Spannung, eine Kälte, die sich anfühlte, als seien oppositionelle Kräfte hier zum Kampf angetreten. Das lag nicht in meiner Absicht. Ich hatte mir erhofft, in einen offenen, gleichberechtigten Dialog mit allen Teilnehmern aus China treten zu können. Ob das nun ein naives oder vermessenes Unterfangen war – bei dieser Art von Konferenz war dergleichen unmöglich. Abgesehen von dem dreiminütigen Statement, das Dai Qing und mir zur Eröffnung des Symposions eingeräumt wurde, waren wir von Anfang bis Ende nicht mehr als Zuhörer, die, höflich in die erste Reihe plaziert, gegebenenfalls die Hand heben konnten, um vom Moderator das Wort erteilt zu bekommen. Gleich als der ehemalige chinesische Botschafter in seinem Vortrag die an uns gerichtete Aussage machte: „Diese Dame und dieser Herr können sich nicht anmaßen für 1,3 Milliarden Chinesen zu sprechen!“, sagte mir sein überhebliches, bereits wutverzerrtes Gesicht, wohin die Reise ging.

Dabei hatte ich der Teilnahme an dieser Konferenz ursprünglich zugestimmt, um einem großen Schriftsteller, Paul Celan, meine Reverenz zu erweisen, dessen Werk ich in chinesischer Sprache verlege. Ja, ich wollte über Exilschriftsteller sprechen, denn es ging hier doch um Literatur, oder?

Beim letzten Panel des Symposions, als endlich die Rolle der Literatur auf der Tagesordnung stand, versuchte ich also als Verleger, auf Paul Celan zu sprechen zu kommen. Ich habe in meinem Verlag „Tendenzen“ eine chinesische Biographie mit ausgewählten Werken von Paul Celan herausgebracht, ein Band, der für mich persönlich zum wichtigsten Werk während der Zeit meines schriftstellerischen Exils in den vergangenen Jahren geworden ist. Was ich auf der Konferenz nur kurz ansprechen konnte und den Gästen aus meinem eigenen Heimatland klarmachen wollte, war, dass Celan sein Leben lang, als Dichter in einer schwierigen Zeit, keinen Moment lang aufgehört hat, das auch nach dem Krieg noch in seinem Vaterland – Deutschland – fortbestehende faschistische Denken bloßzustellen und zu kritisieren. Zu jeder Lesung, die er bei seinen Besuchen in Deutschland hielt, brachte er sein ganz persönliches Leid mit und spürte das kleinste Detail auf, mit dem dieses Land seine eigene finstere Geschichte zu kaschieren versuchte.

Nein sagen gehört zur chinesischen Literatur

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Aus dem Chinesischen übersetzt von Karin Betz.

Quelle: F.A.Z.
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