29.08.2009 · Sie ist die berühmteste literarische Agentin der Welt und Vertreterin des Werks von vier Nobelpreisträgern. Jetzt hat Carmen Balcells, Jahrgang 1930, eines ihrer seltenen Interviews gegeben. Um von ihrer Leidenschaft für das elektronische Buch zu erzählen.
Von Paul Ingendaay, MadridWenn ihr Name fällt, dann mit großem Respekt, vielleicht auch mit dem verwunderten Hinweis, sie habe sich doch schon vor längerer Zeit aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen. Doch Carmen Balcells, Jahrgang 1930, die berühmteste literarische Agentin der Welt und Vertreterin des Werks von vier Nobelpreisträgern - Pablo Neruda, Vicente Aleixandre, Gabriel García Márquez und Camilo José Cela -, mischt im Hintergrund des Buchgeschäfts noch kräftig mit. Sie steht nur nicht mehr so früh auf.
Jetzt hat die Agentin der Zeitung „El País“ in Barcelona eines ihrer seltenen Interviews gegeben, um von ihrer Leidenschaft für das elektronische Buch zu erzählen. Fern von den Klagerufen der Verlagsbranche vertritt Carmen Balcells die Meinung, das traditionelle Buch werde niemals sterben - und das E-Book werde sich daneben einen festen Platz erkämpfen. Das neue Medium sei „äußerst praktisch“, es sei billig und könne besonders zwei Käuferschichten interessieren: Studenten seien in der Lage, mit einem Chip ihre Pflichtlektüren auf den Bildschirm zu holen; und Gelehrte könnten bequem mit großen Textmassen umgehen.
Als sie im vergangenen Jahr die Kooperation mit Leer E begann, einem Hersteller von digitalen Lesegeräten in Pamplona, regnete es Kritik seitens spanischer Verlage. Doch die Frau, auf deren Liste auch Mario Vargas Llosa, Juan Goytisolo und Isabel Allende stehen, war nur ihrer Nase gefolgt. „Die Bücher, die ich ausgewählt hatte, befanden sich doch sowieso im Netz. Es will sie nur keiner ausdrucken, weil das Papier dafür viel teurer ist als das Buch selbst.“ Sie wolle nicht warten, bis der Markt mächtig sei, sondern von Anfang an dabei sein, sagt die Agentin. Das neue Format werde seinen Weg gehen. Wie alles, was im Internet entstehe. Es gebe auch keinen Grund zur Nervosität. Der eine verkaufe Lesegeräte - die Modelle von Leer E bewegen sich zwischen 250 und 700 Euro -, „und ich verkaufe den Inhalt“.
Einst lebte sie von Stangenbrot
Carmen Balcells war ihrer Zeit schon oft voraus. Zunächst kroch sie in dem kleinen Büro eines rumänischen Exilschriftstellers unter, der sich in Barcelona um Autorenrechte kümmerte. Als das zu Ende ging, machte sie sich in ihrer Privatwohnung selbständig und begann, ohne eigenes Kapital Verbindungen zur literarischen Welt und besonders zur nicht offiziell genehmigten Schriftstellerszene zu knüpfen. In dieser Zeit, so heißt es, lebte sie vor allem von Stangenbrot. Dann schlug ihre Stunde. Als Erste erkannte Carmen Balcells das Potential der jungen lateinamerikanischen Literatur, deren wichtigste Vertreter auf dem spanischen Markt Fuß zu fassen versuchten. Daraus entstand der „Boom“ der iberoamerikanischen Literatur. Ein Wort, das sie nicht so gerne hört. Carmen Balcells spricht lieber von Büchern und Autoren, nicht von Moden.
Gabriel García Márquez hat davon berichtet, dass er das Typoskript von „Hundert Jahre Einsamkeit“ nur zur Hälfte nach Barcelona schicken konnte, weil ihm das Geld für das Porto fehlte. Die literarische Vitalität der sechziger Jahre, die zahlreiche Autoren eines ganzen Kontinents bekannt machen sollte, hatte in Carmen Balcells die erste Buchhalterin. Am Anfang stand schlicht die Bewunderung für das literarische Werk; danach folgte das Management eines literarischen Phänomens, das seine Leute ja auch ernähren musste.
„Carmen, liebst du mich?“, fragte García Márquez
Deshalb nennt sie ihre literarischen Stars nicht „Freunde“, sondern „Klienten“. Einmal soll García Márquez sie gegen Ende eines Telefongesprächs gefragt haben: „Carmen, liebst du mich?“ Darauf die Agentin: „Hör mal, das kann ich dir wirklich nicht beantworten. Du spielst 36,2 Prozent meines Umsatzes ein.“ Sie ist stolz darauf, für ihre Autoren echte Vorteile erkämpft zu haben, darunter die zeitliche und geographische Begrenzung von Werkverträgen. Seinerzeit wurde sie dafür von vielen beschimpft - heute ist das Verfahren üblich. Zurzeit arbeitet Carmen Balcells mit rund zweihundert Schriftstellern zusammen. „Entdeckt“ haben will sie niemanden: Die Schriftsteller hätten sie entdeckt, nicht umgekehrt.
Neben dem E-Book betreibt sie, außerhalb der Agentur, ein anderes Projekt: die Firma „Barcelona Latinitatis Patria“. Carmen Balcells möchte in der Hauptstadt des lateinamerikanischen Literaturphänomens ein großes Gebäude errichten, in dem Manuskripte, Archive und persönliche Bibliotheken wichtiger Schriftsteller und Verleger untergebracht werden sollen, zugleich Museum und Bibliothek. Es wäre das digitalisierte Gedächtnis jener glanzvollen Zeit, die die Agentin an zentraler Stelle mitgestaltet hat.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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