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Montag, 13. Februar 2012
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Die Autorin Katja Lange-Müller bezieht Position Gauck beantwortet die Vertrauensfrage

08.06.2010 ·  Welcher Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten hätte je authentischer vor uns gestanden? Seine Worte beweisen es: Joachim Gauck ist der, den wir benötigen.

Von Katja Lange-Müller
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Das Dilemma, in dem sie steckt, ist über den vorläufigen Folgen des abrupten Rücktritts Horst Köhlers vom angeblich höchsten Posten unseres Staates offensichtlicher geworden. Derart offensichtlich, dass viele Bürger dieses Staates bei all der Lammsgeduld, ja, Trägheit, der leisen Gleichgültigkeit und dem Hang zur Resignation, die ihnen nachgesagt werden, Angela Merkel nun allmählich und immer hörbarer jene Frage stellen, der sie sich bis heute nicht stellt, die Vertrauensfrage nämlich.

Denn wieder einmal hat unsere angeschlagene, zunehmend auch in der Regierungskoalition isolierte, womöglich sogar vom inneren Zirkel ihrer Getreuen und anscheinend selbst von Teilen der eigenen Person abgespaltene Kanzlerin einen Kater aus dem Sack gelassen; leider nicht den, der, gemäß seinen Worten, „weder rot noch grün, sondern Joachim Gauck“ ist, nicht den Mitchristen und Weggefährten aus grauen DDR-Bürgerrechtskampftagen, dem sie zu dessen diesjährigem Siebzigsten ein Geburtstagsständchen sang.

Nein, jener Kater, der aus dem mehr und mehr eher der Büchse der Pandora ähnelnden Merkel-Westerwelle-Sack herausspazierte, hatte sich zuvor bereitwillig in ihn hineinbegeben; er ist, trotz landesbekannter Farblosigkeit, CDU-schwarz, ein „mit allen Wassern gewaschener“, mit anderen Substanzen aber kaum je in Berührung gekommener, gewiss nicht unsympathischer, westsozialisierter Berufspolitiker und heißt Christian Wulff, was nicht zu meiner Katermetapher, aber ganz prima zu dessen Parteibuch passt.

Ein schöner Weg

Ja, da stand er nun während seiner denkwürdigen ersten Bundespressekonferenz, flankiert von der feixenden Führung zweier Oppositionsparteien, vor den Mikrofonen und Kameras, der Überraschungs-, ach was, Überrumpelungskandidat der SPD und der Grünen, der Gegenkandidat des Gegenkandidaten Wulff, den CDU und FDP, nachdem sie in Windeseile so manchen Kater, manche Katze eingesackt, aber nicht ersäuft, sondern wieder laufengelassen haben, miteinander aushandeln konnten, Joachim Gauck, breit in den Schultern, fröhlichen, offensichtlich kerngesunden, wenngleich bebrillten Auges, putzmunter und völlig klar im Kopf, gab sich kaum Mühe, das verwunderte, etwas spöttische Lächeln, das seine Lippen auch da noch umspielte, zu unterdrücken. Doch die Mühe, knapp und präzise deutlich zu machen, wofür er eintreten und wie er, der einstige Rostocker Pfarrer und Dissident, dieses Amt wahrnehmen würde, die gab er sich sehr wohl.

„Ich wundere mich, dass ich hier angekommen bin“, sagte er, und sein Gesicht bestätigte, was er damit meinte: dass einer wie er schon mit der Ehre, für dieses Amt nominiert zu sein, einen weiteren Sieg errungen hat im Kampf seines Lebens, dem um Freiheit und Demokratie, der in der DDR begann und von dem er weder wünscht noch glaubt, er sei bereits gewonnen. „Ich bin Realist und kann auch zählen“, antwortete er auf die Frage, ob er denn gewinnen wolle, der „linke, liberale Konservative“, also einer, der damit leicht ironisch zum Ausdruck brachte, was ihm das Wichtigste ist: Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie, nicht zuletzt sein Selbstverständnis als Christ. Er fügte hinzu: „Es wird ein schöner Weg. Ich werde dastehen und mich freuen.“ Dann formulierte Gauck ein paar Gedanken, die seine Feinde, die er, viel Feind, viel Ehr, als ehemaliger Leiter einer Behörde, die zeitweilig seinen Namen trug, ja auch hat, Worte, die sich diese - naturgemäß nicht mehr allzu zahlreichen - alten Feinde, die Heimat genommen haben in einer Partei, welche sich nun „Die Linke“ nennt, gewiss merken und ihm nachtragen werden bis in die nächste Stein- oder Eiszeit, falls es sie dann noch geben sollte.

Der, den wir benötigen

Geboren 1940, in einer „finsteren braunen Diktatur“, wuchs Joachim Gauck auf in einer anderen „auch finsteren Diktatur“. Er sprach vom „nicht schönen, aber einfachen Leben“, einem Leben in Ohnmacht, dem in der DDR eben. Die eigene Bedeutung beim Erwachen aus dieser Ohnmacht und während der Wendemonate hob er nicht hervor, nur „das Glück, Teilnehmer einer Freiheitsrevolution“ gewesen zu sein. Die Freiheit sei ihm überhaupt das Wichtigste; sie gelte es zu nutzen. „Vor der Einheit kam die Freiheit“, betonte er; er habe „nicht das Gefühl, damit in Bayern nicht anzukommen“.

Seine ganze Haltung, mehr noch das, was er im ersten Staunen schon zu sagen wusste, zeigten deutlich: Joachim Gauck ist der, der uns fehlt, richtiger der, den wir benötigen, nicht nur, aber wenigstens in diesem Amt, das beschädigt wurde, nicht nur, aber auch von einem Dünnhäutigen, der schlicht die Nerven verlor und der dem Land, dem zu dienen er zweimal geschworen hatte, nun doch einen letzten „Dienst“ erwies, indirekt, indem er einen Kandidaten wie Gauck ermöglichte.

Keiner dieser pflegeleichten Projektionspappkameraden

Dieser Kandidat, so demonstrierte unser Held (oder zumindest meiner) auf seiner ersten Bundespressekonferenz, ist gut zu haben und gut zu gebrauchen, aber nicht zu benutzen, gar zu missbrauchen, als Beleuchter oder, noch schöner, bloß als Lampe für die politische Bühne sowie die bestenfalls öde, schlimmstenfalls unerträgliche Regierungstragödie, die dort seit Monaten nicht mehr „gespielt“ und trotzdem weiter aufgeführt wird. Mit Gauck bekämen die wirklich Mächtigen nicht einen ihrer pflegeleichten Projektionspappkameraden und dekorativen Grüßonkel, denen sie das Amt des Bundespräsidenten so gern überlassen, um sie dann, im Unterschied zu manchen Medien, nur klammheimlich zu verhöhnen.

Dieser Mann, jene wirklich Mächtigen - und deren Darsteller und Claqueure - werden es womöglich bald erleben, ist kein „Zählkandidat“, der sich, wie es der fabelhafte Journalist Stephan Detjen im Deutschlandfunk so wehmütig-bitter formulierte, „einreiht“ in die lange Schlange „ostdeutscher Bürgerrechtler, die in der Bundesversammlung als oppositionelles Kanonenfutter verwertet werden“. Der hat Eigensinn und Bürgersinn, ist aber trotzdem eine Person, eine, bei der Schein und Sein keinen Millimeter weit auseinanderklaffen. Er entspricht tatsächlich dem Modewort; welcher Bundespräsidentenkandidat hätte je authentischer vor uns gestanden als Joachim Gauck?!

Fürchtet euch nicht

Nun will ich hier nicht nur den so oft und „mit allen Wassern gewaschenen“ Pelz der echt Mächtigen und ihrer Verbündeten nochmals waschen, sondern auch uns Bürger, speziell mich, „nass machen“. Der Reiz, der - im multiplen Sinne des Wortes - von Joachim Gauck ausgeht, besteht ja gerade in dem Mut, der nicht ihn, aber beispielsweise mich schon beinahe verlassen hatte; wie gründlich, das spürte ich jedes Mal, wenn er die Angst erwähnte. „Angst“, sagte er, mache „kleine Augen“, sei „etwas Normales, im privaten wie im öffentlichen Leben“, doch unser „Kompass“ dürfe sie nicht sein. Demzufolge wolle er Mut machen: „Ich bin ein Ermutiger.“ Dass er sich so nannte und das Wort Angst derart dezidiert gebrauchte, allein schon dies beweist: Bei all der Heiterkeit, die ihm eignet, nimmt er unsere, auch meine, Ängste sehr ernst, Ängste, für die wir uns, wie uns von oben herab eingeredet wird, ein wenig schämen sollten, die jedoch, wir wissen es, so unbegründet nicht sind - oder nicht mehr.

Viel wurde bereits geschrieben und gesprochen zu den „tollen Voraussetzungen“ und „vielen Vorzügen“, die Gauck mitbringt; seine Individualität fand Erwähnung, seine Unabhängigkeit, sein Charme, sein Redetalent, seine Liebe zur Wahrheit. Die Deutschen, auch solche, die der CDU oder der FDP angehören oder diese Parteien gewählt haben, womöglich selbst einige Mitglieder und Wähler der Linken, diskutieren erregt bis begeistert seine Kandidatur.

Und wenn er es nicht wird?

Auch ich kann mich nicht erinnern, dass mich dieses Amt und die Frage, wer es bekleiden wird, je so interessiert hätte. Das liegt daran, dass ich Gauck für den derzeit denkbar besten Bundespräsidenten halte, und noch mehr daran, dass mich sein Appell wider die Angst und für die stetige Erneuerung der Freiheit, unserer Freiheit sowie der eines jeden Einzelnen, erreicht, genauer, geweckt hat. Gauck ist einer, dem ich, und nicht nur ich, zuhören will, ja, auf den ich sogar höre, weil er jene Worte hat und nicht erst suchen muss, die ich verstehe, auch von ganzem, wenngleich bangem Herzen verstehe; solche Worte, freie, ehrliche, ermutigende Worte sind nötig, vielleicht notwendig - am guten Ende, das immerhin vorstellbar ist und über die Maßen wünschenswert.

Wenn Joachim Gauck es nicht wird, wenn die Bundesversammlung verhindert, dass er ins Schloss Bellevue einzieht - und diese Angst kann vorläufig nicht einmal er mir nehmen -, werde ich dann mein Amt als Bürgerin dieses Staates niederlegen? Ich würde dazu nicht übel Lust haben. Ich werde es aber nicht tun, nicht einmal im Fall der Fälle, werde „nun gerade!“ zu mir sagen und endlich anfangen, Gauck-gemäß zu handeln. Demokratie garantiert uns ja nicht bloß einfach eine Art Nutzungsrecht, sie verlangt vielmehr, dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen, dass wir sie entwickeln, weiterentwickeln, auch und besonders in Krisen. Dies immerhin habe ich mittlerweile gelernt, nicht zuletzt von einem wie Gauck, dessen Nominierung, ebenso wie die Zustimmung, die sie allenthalben findet, nichts anderes darstellt als einen kleinen Sieg der Demokratie; hoffentlich gelingt ihr bald der nächst größere, hoffentlich wird Joachim Gauck unser Bundespräsident.

Katja Lange-Müller, geboren 1951 in Berlin, veröffentlichte zuletzt den Roman „Böse Schafe“.

Quelle: F.A.Z.
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